Plastic Planet, Szenenbild

Plastic Planet


27.1.2010
Werner Boote hat unseren "Plastik-Planeten" bereist und jede Menge Beispiele für die Bedrohung durch Kunststoffe gefunden.

Das Filmplakat zu "Plastic Planet"Das Filmplakat zu "Plastic Planet" (© Farbfilm Verleih)

Plastik bleibt



In seinem Buch Die Welt ohne uns (2007) stellt sich der US-Wissenschaftsjournalist Alan Weisman die Frage, was aus der Erde würde, wenn die Menschheit ausstürbe und die Natur wieder sich selbst überlassen wäre. Eine Antwort lautet, dass uns das Plastikzeitalter sehr lange überdauern wird, denn Polymere halten ewig. Schon heute, so Weisman, sind die Weltmeere voll mit mikroskopisch kleinen Kunststoffteilen, die über den Nahrungskreislauf auch in den menschlichen Organismus gelangen. Genau hier setzt Werner Bootes Dokumentarfilm Plastic Planet ein, wobei der österreichische Filmemacher gleich noch einen Grund für das mögliche Aussterben der Menschheit mitliefert: Die Kunststofffamilie der Phthalate, besser als "Weichmacher" bekannt, wird verdächtigt, unfruchtbar zu machen.

Filmische Appelle



In den letzten Jahren hat sich die Apokalyptik als eigenes Untergenre des Dokumentarfilms etabliert. Erwin Wagenhofers We Feed the World – Essen global (Österreich 2005) oder Yann Arthus-Bertrands Home (Frankreich 2009) sind warnende Zeichen auf der Leinwand, mit denen Werner Bootes Film den Appellcharakter teilt, während er sich sowohl in thematischer wie in inszenatorischer Hinsicht deutlich von ihnen abhebt. Denn im Gegensatz zur industriellen Lebensmittelproduktion und der globalen Umweltzerstörung lässt sich die schleichende Gefahr des Plastiks nicht in aufrüttelnde Bildern fassen. Ganz im Gegenteil: Die zahllosen Kunststoffe wirken "sauber" und haben uns das Leben seit Jahrzehnten in vielerlei Hinsicht erleichtert.

Plastic Planet - SzenebildPlastic Planet - Szenebild (© thomaskirschner.com/Farbfilm Verleih)

Unterhaltung mit schlechten Nachrichten



Sollte dieses Material tatsächlich eine tickende Zeitbombe sein? Werner Boote greift auf den alten Kunstgriff der Fabel zurück und verzuckert seine alarmierende Botschaft mit ästhetischen Mitteln. Dazu gehören der Einsatz bunter, geradezu lehrfilmhafter Animationen, der Einsatz alter Werbefilme oder privater Super8-Filme und eingängiger Musik, aber vor allem Bootes Selbstinszenierung als nostalgisches Kind des Plastikzeitalters – worin er dem US-Filmemacher Michael Moore gleicht, der in seinen Filmen gerne einen persönlichen Zugang wählt, wie zuletzt in Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte (USA 2009). Gleich zu Beginn erzählt uns der stets im Bild präsente Dokumentarist Boote, dass er früher in Kunststoffspielzeug regelrecht verliebt war, und schnuppert ein ums andere Mal genießerisch an Plastikteilen. Im Gespräch mit einem Wissenschaftler erfährt er dann, dass ein "duftender" Kunststoff ein mangelhaft hergestellter Kunststoff und damit eine akute Gefahrenquelle ist. So demonstriert Boote am eigenen Beispiel, wie das Plastik seine Unschuld verloren hat.

Globale Bedrohung



Obwohl Boote in einem manchmal etwas verwirrenden Zickzackkurs um die halbe Welt reist, schälen sich seine erzählerischen Strategien klar heraus: Er erklärt die chemischen Grundlagen der unter dem Namen Plastik zusammengefassten Kunststoffe, die sämtliche Moleküle und Additive in einer festen Masse binden und so unschädlich machen sollen. Er bringt Menschen aus allen Erdteilen dazu, die in ihrem Haushalt benutzten Kunststoffgegenstände im Vorgarten zu Gebirgen aufzutürmen, und führt uns so deren Allgegenwart vor Augen. In Interviews mit Wissenschaftlern/innen, Naturschützern/innen und Politikern/innen arbeitet er die Gefahren des Plastiks dann detailliert heraus. Und schließlich setzt der Filmemacher die "Verdrängungsleistung" der Kunststoffindustrie suggestiv ins Bild, indem er deren obersten europäischen Lobbyisten in bester Michael-Moore-Manier auf einer Handelsmesse erfolglos mit kritischen Nachfragen verfolgt.

Plastic Planet - SzenebildPlastic Planet - Szenebild (© thomaskirschner.com/Farbfilm Verleih)

Ein investigativer Film?



So interessant und beunruhigend Werner Bootes Recherchen sind – der Einschätzung seines Verleihs, Plastic Planet sei ein investigativer Film, kann man sich nur schwer anschließen. Boote sammelt – wie auch der kanadische Filmemacher Ian Connacher in Plastik über alles (Addicted to Plastic, Kanada 2008) – die derzeit zugänglichen Informationen, bereitet sie verständlich auf und bringt die Öffentlichkeitsarbeiterin eines kleinen chinesischen Herstellers während einer Werksführung in Verlegenheit, als sie allmählich begreift, dass sie es bei Boote nicht mit einem Geschäftsmann zu tun hat. Bei seiner gravierenden Behauptung, niemand würde heute wirklich wissen, welche Grundstoffe in der Plastikherstellung verarbeitet werden, bleibt er hingegen enttäuschend vage. Auch dass sich im Film kein/e Vertreter/in beispielsweise von BASF oder Bayer findet, der/die sich seriös mit den geäußerten Sicherheitsbedenken auseinandersetzt, wirkt dem dramatischen Effekt geschuldet.

Das Filmplakat zu "Plastic Planet"Das Filmplakat zu "Plastic Planet" (© Farbfilm Verleih)

Die Macht der Verbraucher/innen



Wohl auch sein sentimentales Verhältnis zum Plastik – sein Großvater war ein Pionier der Kunststoffindustrie – schützt Werner Boote davor, den gesamten Industriezweig kurzerhand der skrupellosen Geschäftemacherei zu beschuldigen. Ein Schwarzseher will Boote ebenfalls nicht sein und appelliert an die Konsumenten/innen auf Plastik zu verzichten, und wo dies nicht möglich ist, im Handel entsprechende Lösungen nachzufragen. Tatsächlich ist es kein Problem, ohne Plastiktüten oder PET-Flaschen auszukommen. Doch was ist beispielsweise mit der Tastatur, auf der dieser Artikel geschrieben wurde?

Ziel: Bewusstseinswandel



Zum Schluss führt Werner Boote industrielle Alternativen vor, die derzeit allerdings – ähnlich wie die erneuerbaren Energien – nur einen Bruchteil des Bedarfs abdecken können. Bei einem Hersteller von umweltverträglicheren Plastikersatzstoffen bekommt er sein Wasser trotzdem in einem herkömmlichen Kunststoffbecher serviert. Das Schwierigste ist offenbar, mit alten Gewohnheiten zu brechen: Wie können wir etwas, das uns so lange als unverzichtbare Erleichterung erschienen ist, gleichzeitig als mögliche Gefahrenquelle wahrnehmen? Mit Plastic Planet arbeitet Boote auf ebenso listige wie fundierte Weise an diesem Bewusstseinswandel.

Dieser Artikel erschien erstmals am 27.01.2010 auf kinofenster.de, dem Onlineportal für Filmbildung der Bundeszentrale für politische Bildung und Vision Kino.


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