kulturelle Bildung
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Kulturelle und historisch-politische Bildung in Gedenkstätten

Interview mit Constanze Eckert


11.9.2012
Die Künstlerin und Kunstvermittlerin Constanze Eckert hat das Projekt kunst – raum – erinnerung mitentwickelt. Mit der bpb-Referentin Sabine Dengel spricht sie über ihre Erfahrungen und die Chancen, aber auch Probleme und Grenzen einer Verbindung von künstlerischer und historisch-politischer Bildung im Bereich der Gedenkstättenarbeit.

Das Kunstprojekt "Gedenkwerkstatt" im Rahmen von kunst – raum – erinnerung in  Oswiecim/Auschwitz bietet einen Raum für eigene Gedanken.Das Kunstprojekt "Gedenkwerkstatt" im Rahmen von kunst – raum – erinnerung in Oswiecim/Auschwitz bietet einen Raum für eigene Gedanken. (© Gedenkwerkstatt/Anna Zosik)

Frau Eckert, ich möchte gern mit Ihnen über das Projekt kunst – raum – erinnerung bzw. Ihren Anteil daran sprechen.

Initiator und zugleich Träger des Projektes war der Bildungsverbund IJBS Sachsenhausen e.V. in Kooperation mit der LKJ Brandenburg e.V. Ich habe das Projekt, das damals noch den Arbeitstitel "Geschichte spüren" trug, mitentwickelt und einige der Künstler/innen ins Boot geholt. Zusammen mit Mirko Wetzel, Katinka Steen und Christian Geißler-Jagodzinski habe ich das Konzept geschrieben. Wir haben alle verschiedene Hintergründe; die anderen kommen aus der historisch-politischen Bildung und hatten schon einige Erfahrungen mit Gedenkstättenpädagogik. Mich selbst bezeichne ich als Künstlerin, bzw. Kunstarbeiterin. Ich arbeite mit und an Kunst in verschiedenen Rollen und Funktionen und immer an den Rändern von unterschiedlichen Feldern, was ich besonders interessant finde. Mich interessieren die Schnittstellen von Kunst und Bildung und auch Kunst und Wissenschaft. Ganz allgemein gesagt die Felder, die sich mit Gesellschaft auseinandersetzen. Kontextkunst, Partizipationskunst, Vermittlungskunst – die Art von Kunst, die nicht schon fertig ist sondern Kunst, die sich öffnet und an deren Werdungsprozess andere teilhaben können. Kunst, bei der es nicht nur um die Vermittlung von Kunst als ein künstlerisches Können oder Wissen geht, sondern die sich als offener Prozess versteht, in dem man voneinander lernen kann und wo dann etwas neues entsteht. Der Künstler bringt dazu seine Expertise ein und nimmt damit eine Rahmung vor, aber es gibt immer etwas Offenes, etwas Mitzugestaltendes.

Das Modellprojekt kunst – raum – erinnerung



Was war das Ziel des Projekts?

Das Ziel des Modellprojektes war die Erschließung und Beschreibung eines bislang wenig beachteten Arbeitsfeldes der Gedenkstättenpädagogik. Und zwar das zwischen historischem Lernen, kultur-pädagogischer Praxis und zeitgenössisch-künstlerischen Strategien. Die Frage war: Wie können diese drei Bereiche miteinander verknüpft werden? Dieses Feld sollte als Erweiterung des bestehenden Feldes der pädagogischen Arbeit in KZ-Gedenkstätten theoretisch begründet und praktisch umgesetzt werden. Ausgangspunkt war die Begebenheit, dass Gespräche mit Zeitzeugen, die lange Zeit zentraler Bezugspunkt der pädagogischen Arbeit an Gedenkstätten waren, und die den Jugendlichen einen persönlichen Zugang zu Geschichte ermöglichten, immer seltener möglich werden. Dazu wollten wir in kunst – raum – erinnerung Formate entwickeln, die in größerem Maße als bisher Handlungsräume öffnen, welche den Jugendlichen ermöglichen sollten, ihren Gedanken und Emotionen Ausdruck zu verleihen. Es ging um das Einbringen ihrer persönlichen Erfahrungen und Gewohnheiten in die Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart der Gedenkorte und diese nur schwer fassbaren Eindrücke aktiv zu bearbeiten und zu reflektieren.

Die Geschichte sollte hier als Ausgangspunkt für einen persönlichen Auseinandersetzungsprozess genutzt werden. Dabei wurde vor allem von solchen künstlerischen Ansätzen ausgegangen, die auf Beteiligung angelegt sind, Kunst und Kultur als Handlungsform und als besondere Form der Kommunikation begreifen, und die vor allem auch im Prozess und nicht allein im Resultat sichtbar und bewusst werden.

Aus meiner Erfahrung mit Kunstprojekten kann ich sagen, dass ich mich für Kunst mit gesellschaftspolitischer Relevanz interessiere. Als ich etwas über Ihr Projekt gelesen habe, hatte ich den Eindruck, dass es Ihnen mit der Kunst auch genau darum geht, da sich die historischen Themen nur unwesentlich von den politischen Themen unterscheiden, die die politische Bildung zum Gegenstand hat.

Genauso würde ich das auch beschreiben. Die Grundmotivation weiter Kunst zu machen besteht für mich in der gesellschaftlichen Wirkung, bzw. mich damit zu befassen, was Gesellschaft ausmacht. Kunst und kulturelle Bildung nicht nur auf die emotionale und ästhetische Ebene zu schieben, sondern die reflexive Ebene zu betonen und das eigene Gestalten in den Vordergrund zu stellen.

Entstanden ist bei kunst – raum – erinnerung ein Konzept, das drei Elemente verknüpft: die historisch-politische Bildung oder Gedenkstättenpädagogik, die Kulturpädagogik und die zeitgenössische Kunst. Für uns war eine wichtige Frage: Was ist die gesellschaftlich angemessene Form des Gedenkens? Jugendliche heute kommen damit nicht unbedingt klar, wenn sie in Bezug auf weit zurück liegende Ereignisse nur mit Zahlen und Fakten konfrontiert werden. Pure Wissensvermittlung kann es eben nicht alleine sein. Es muss vielmehr gefragt werden, wie man einen Bezug zur eigenen Lebensrealität in der Gegenwart herstellen kann, denn die Themen der NS-Geschichte sind natürlich aktuell. Einerseits kann ich das natürlich verbal erarbeiten, aber der Besuch einer Gedenkstätte ist für Jugendliche mitunter eine ziemlich heftige Erfahrung. Wenn man in Auschwitz mit diesen unglaublichen Totenzahlen und mit diesen Realitäten konfrontiert ist, braucht man irgendeine Form der Verarbeitung. Die hat man sicher nicht nur in Gesprächsrunden; man braucht eine persönliche individuelle Form, um die eigenen Emotionen und Gedanken auszudrücken und zu verarbeiten.

Bezug zum eigenen Leben als Qualitätsmerkmal von Bildung



Aus Ihren Ausführungen ergibt sich die generelle Frage, wie gute Bildungsprozesse heute aussehen können. Meine eigene These ist, dass man nach Wegen suchen muss, wie man die Leute heute auf eine ernsthafte Art erreicht. Dass mal ein Kommunikationsprozess zustande kommt, der beide Seiten gleichermaßen interessiert, bei dem alle Beteiligten bereit sind mitzuarbeiten. Kulturelle Bildung lebt ja auch einfach davon, dass Leute tatsächlich aus sich heraus arbeiten. Ich stelle mir das gerade in dem Bereich Historisches Lernen sehr schwer vor, weil ich nicht sicher bin, ob z. B. Jugendliche selbst ein Bedürfnis nach historischem Lernen haben.

Das ist sicher sehr unterschiedlich. Eine wichtige Rolle spielt der Bezug zum eigenen Lebensweg. Wenn das Ereignis weit zurück liegt, ist es schwierig einen Zugang zu schaffen. Damit historisches Lernen eine wirklich sinnhafte Wirkung entfalten kann, ist es wichtig, einen Bezug zur Gegenwart herzustellen. Der Anfang von jedem Lernen, nicht nur historischem Lernen, bildet eine Frage, eine Neugier, oder eine Relevanz für den Lernenden. Diese Relevanz ist nichts automatisches, sie will hergestellt werden. Die Frage ist eben, wie sie hergestellt wird. Was Ihre Anmerkung angeht, dass die kulturelle Bildung davon lebt, dass Leute aus sich heraus arbeiten, dazu würde ich an dieser Stelle sagen, dass, wenn die o.g. Relevanz stattfindet, Leute generell bereit sind, in allen möglichen Bereichen "aus sich heraus zu arbeiten". Die Besonderheit der kulturellen Bildung liegt meines Erachtens eher an individualisierten Ergebnissen von Lernprozessen. Hier wird nicht erwartet, dass alle gemeinsam zu gleichen Schlussfolgerungen kommen, sondern es wird viel mehr Wert auf singuläre Auseinandersetzungsprozesse gelegt. Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen werden sichtbar gemacht und stehen so weiterhin zur Diskussion. Das bildet selbstverständlich auch eine Reibungsfläche zwischen historischem Lernen und kultureller Bildung. Wir haben jedoch bei dem Projekt die Erfahrung gemacht, dass diese Form des Umgangs mit historischen Inhalten für Jugendliche von großer Bedeutung ist, dass sie so wesentlich mehr bereit sind, sich mit den historischen (und gegenwärtigen) Themen zu befassen. Durch die Mitarbeiter der Gedenkstätte wurde das Modellprojekt übrigens auch sehr positiv bewertet als eine wichtige Ergänzung ihrer bisherigen Gedenkstättenarbeit.

Nach meiner Erfahrung kann ich dem zustimmen, denn Jugendliche fangen in Projekten meist dann Feuer, wenn eine persönliche Betroffenheit vorliegt. Das stelle ich mir aber bei vielen historischen Themen, wie z.B. dem Ersten Weltkrieg, sehr schwer vor. Gab es bei dem Projekt kunst – raum – erinnerung diese Schnittstelle?

Einfach war es im Rahmen dieses Projektes auch nicht. Ein anderes Beispiel, an dem man den Zusammenhang gut erkennen kann, ist der jährlich stattfindende Tag des offenen Denkmals. In Berlin wurde darauf bezogen ein Projekt durchgeführt, bei dem eine Schulklasse mit einem Restaurator ein Denkmal restauriert hat. Über die praktische, zum Teil sehr anspruchsvolle und kleinteilige Arbeit wurden die Jugendlichen für das Denkmal und seine Bedeutung sensibilisiert. Die Arbeit der beteiligten Künstler bestand darin, den Kontext herzustellen, zu erläutern, was überhaupt ein Denkmal ist, warum es so und nicht anders aussieht und wie Denkmäler heute aussehen. Es fand sozusagen ein Heranarbeiten an das Denkmal und das damit verbundene Thema, das natürlich auch der Erste Weltkrieg sein kann, statt. Über die konkrete Auseinandersetzung mit einem Aspekt dieses Themas, und ausgehend vom Denkmal ist es möglich, eine Brücke zur Geschichte des Ersten Weltkriegs zu schlagen. Es geht dabei nicht um ein historisches Lernen, das allen Details und Fakten gerecht wird, aber es ist ein Zugang. Ich glaube, es ist auch ein ganz wichtiger Punkt, dass man bei Kulturprojekten zum historischen Lernen nicht nur an Wissensvermittlung denkt, ein Projekt durchführt und dann abschließt, sondern das Projekt vielmehr als Einstieg zum lebenslangen Lernen betrachtet. Es geht darum zu sagen: ich habe da mal einen Anfang gemacht, und dort geht's weiter. Es sollte nicht um den Anspruch gehen, das Wissen als bestimmte Inhaltseinheit immer wieder gleich zu reproduzieren, sondern das Wissen zu kontextualisieren. Z.B. im Kontext des Ersten Weltkrieges geht es darum, sich nicht nur Wissen über den Ersten Weltkrieg anzueignen, sondern darum, dass die Jugendlichen mitbekommen, da gab es einen Ersten Weltkrieg, woran hat das gelegen, wer war da alles beteiligt, welche Interessen standen damals im Hintergrund usw. und sich dann auch die Frage stellen: Was geht mich das alles an? Wie positioniere ich mich beispielsweise heute gegenüber nationalen Hegemonialansprüchen?



 
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