kulturelle Bildung

MODE-BEWUSST-SEIN: Mode als Gegenstand kultureller Bildung in der Schule

Interview mit Eva Gronbach


24.2.2016
Ihre Arbeit mit Schulklassen begann Eva Gronbach im Kontext von RUHR.2010 mit dem Wunsch, etwas zu schaffen, das die Kinder der Region positiv inspiriert. In ihren Projekten spürt Eva Gronbach Identitätsfragen nach. Sie ermöglicht Kindern und Jugendlichen eine künstlerisch-kreative Auseinandersetzung mit den Fragen "Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Zu wem gehöre ich?".
Vorbereitungen einer Modenschau mit Eva GronbachVorbereitungen einer Modenschau mit Eva Gronbach (© Jennifer Fey)

Frau Gronbach, in Ihrem Projekt MODE-BEWUSST-SEIN arbeiten Sie seit einigen Jahren mit Schüler/innen. Wie kam es zu der Idee, Schulprojekte zum Thema Mode durchzuführen?

Seit 15 Jahren führe ich im Ruhrgebiet mein Projekt "german jeans" durch, in dem ich aus getragener Bergmannskleidung, die ich von den stillgelegten Zechen erhalte, Jeans herstelle. Im Gespräch mit Institutionen, kulturellen Einrichtungen und natürlich Menschen im Ruhrgebiet kam immer wieder die Frage auf, wie der Wandel des Ruhrgebiets von einer Industrie- zu einer Kulturgesellschaft gelingen kann. Es stellten sich Fragen nach Identität und Identitätswandel. Unter diesen Fragestellungen stand auch das Kulturhauptstadtjahr "Ruhr.2010". Mir fiel auf, dass es zwar sehr viele tolle kulturelle Angebote gab – wie Auftritte der Philharmoniker aus New York, Tänzer aus Moskau usw. – die Künstler/innen und die Kunst aber nur als Gastspiele ins Ruhrgebiet geholt wurden. Daraus ergab sich die Frage: Wie werden die Kinder, die Schüler/innen im Ruhrgebiet an "Ruhr.2010" beteiligt? Wie kriegen wir dieses "Ruhr.2010"-Phänomen der kulturellen Transformation hinein in die Schulklassen? Wir wollten ein Projekt dazu durchführen und da ich Mode mache haben wir hier angeknüpft und 2009, in Zusammenarbeit mit einer Lehrerin, angefangen, Modedesignprojekte an Schulen im Ruhrgebiet anzubieten. So wurde die Idee geboren.

Was war das konkrete Ziel?

Wir wollten kulturelle Angebote für Schulklassen schaffen und den Fragen nach Identität, kultureller Transformation und deren Bedeutung für die im Ruhrgebiet lebenden Schüler/innen nachgehen. Als wir mit unserem Projekt in die ersten Klassen gingen, wurde uns schnell bewusst, dass wir die vielen verschiedenen Migrationshintergründe vieler der Schüler/innen mitdenken und im Projekt als Identität thematisieren müssen. So kamen wir also dazu, mit dem Thema "Mode" in die Schulen zu gehen und das funktionierte super. Mode ist für Schüler/innen ein Thema, das sie beschäftigt, sie anspricht, mit dem sie sich täglich auseinandersetzten. Hinzu kommt, dass die Arbeit mit Mode so spürbar ist, Mode ist Oberfläche, kann aber auch total tief gehen, Mode ist zukunftsorientiert und es geht hier immer um die Jugendlichen selber.

Wie sieht die Finanzierung der Projekte aus und an wen richten sie sich? Wieviel Zeit muss eine Schule mitbringen?

Durchführen konnten wir die Projekte dank öffentlicher Mittel von EU, Bund, Ländern, Kommunen und weiterer verschiedener kultureller Einrichtungen. Hinzu kamen Sponsoren, die Stoffe und Kleidungsstücke wie T-Shirts zur Verfügung stellten. Eine gewisse Freiheit von finanziellen Zwängen ist wichtig, um kreativ und frei arbeiten zu können und eine gerechte Verteilung zwischen den Teilnehmer/innen zu gewährleisten.

Das Projekt "MODE-BEWUSST-SEIN" ist unabhängig von der Schulform für alle Schüler/innen geeignet. Ich bin häufig an Gesamtschulen und Gymnasien in den Stufen 8 bis 13. Aber auch in sogenannten "Willkommensklassen", die jetzt für Flüchtlingskinder und -jugendliche entstehen. Hier zeigt sich, dass über Mode auch über sprachliche Barrieren hinweg kommuniziert werden kann, dass Mode von allen verstanden wird. Zeitlich kann das Projekt im Rahmen einer Projektwoche – das finde ich am sinnvollsten – oder auch über mehrere Wochen einmal wöchentlich stattfinden. Meine Erfahrung zeigt, dass es auf jeden Fall vormittags stattfinden sollte. Nachmittags sind die Schüler/innen müde und können nicht mehr kreativ sein.

Das Modeprojekt "MODE-BEWUSST-SEIN"



Wie sieht Ihr Projekt "MODE-BEWUSST-SEIN" konkret aus?

Zu Beginn sprechen wir über diese drei Wörter: Ich frage nach dem "Sein" (Wer bist du?), dem "Bewusst" (Wie bist du dir dessen bewusst, wer du bist? Wie bist du, wie wirst du gesehen, wie fühlst du dich?) und dann diskutieren wir das Modische, also: Wer bist du? Welches Modebewusstsein hast du? Eine Modenschau, die die Fragen "Wo kommst du her?" und "Wo willst du hin?" beantwortet, sollte im optimalen Fall am Ende des Projekts stehen. Ein Fotoshooting oder ein Video ist auch ein spannendes Ergebnis.
Letzte Korrekturen vor dem LaufstegLetzte Korrekturen vor dem Laufsteg (© Jennifer Fey)

Ich bitte die Schüler/innen also zunächst, ein Kleidungsstück von zu Hause mitzubringen, welches sie – bestenfalls angezogen – der Klasse vorstellen. Dafür nutze ich einen ähnlichen Rahmen wie im Hiphop: Die Klasse stellt sich in einem Kreis auf und jede/r tritt mit seinem mitgebrachten Kleidungsstück in die Mitte und stellt es vor, erzählt vielleicht eine kleine Geschichte dazu. Dabei entsteht eine ganz besondere Dynamik, die Schüler/innen begegnen sich mit großem Respekt und toll ist auch, dass jede/r gerne in der Mitte steht, das ist eine Art Adrenalinkick für die Jugendlichen. Da ich häufig mit Klassen arbeite, deren Schüler/innen unterschiedliche Migrationshintergründe haben, werden oft besondere Kleidungsstücke aus den Herkunftsländern ihrer Familien mitgebracht, wie z.B. ein Spiegelkleid aus Afghanistan, afrikanische Kleider mit farbigem Druck, Saris aber auch Dirndl. Interessanterweise bringen die Jugendlichen meist Festkleidung mit, irgendetwas mit familiärer Bedeutung. Die mitgebrachten Kleidungsstücke belassen wir, wie sie sind. Sie nutzen wir um zu zeigen "Wo kommst du her?".

Als nächstes stellen wir uns die Frage: "Wo willst du hin?" und bearbeiten diese unter modischen Aspekten. Wichtig für die konkrete Vorgehensweise ist, wie das Projekt ausgestattet ist, d.h. welche Materialien zur Verfügung stehen. Für ein Projekt hatten wir einen T-Shirt-Sponsor, so dass jede/r Schüler/in zwei T-Shirts zur Gestaltung zur Verfügung standen. Manche Schulen haben ein Textildepot, das genutzt werden kann, oder ein Stoffsponsor unterstützt das Projekt. Wenn ein kleines Budget vorhanden ist, kann man auch in Secondhandläden gehen und dort Kleidungsstücke zur Bearbeitung kaufen.

Die Schüler/innen beginnen damit, dass sie zeichnen. Über zwei Tage entwickeln sie eigene Entwürfe für ein Modestück. Wichtig ist gutes Zeichenmaterial wie Farben, Stifte und Papier (mind. A3). Die Schüler/innen brauchen kaum Anleitung, zeichnen können sie alle! Ich ermutige sie lediglich, die Frage "Wer bin ich?" ganz individuell zu beantworten, nicht die Entwürfe anderer zu kopieren. Da werden schnell besondere Interessen deutlich: die eine spielt Gitarre, der andere findet einen besonderen Fußballclub spannend, insgesamt wird viel mit Flaggen gearbeitet, vor allem von den Jungs. Viele gestalten auch über Labels, dabei ermuntere ich die Jugendlichen aber immer, ihr eigenes Label zu gestalten und nicht einfach eines einer großen Marke zu kopieren.

Die fertigen Entwürfe hängen wir in der Klasse an die Tafel und schauen sie uns gemeinsam an. Das ist ein toller Moment, weil sehr viel Zuspruch untereinander geteilt, Respekt für die Ideen gezollt und gemeinsam überlegt wird, wie die Umsetzung aussehen kann.

Als nächstes beginnen die Jugendlichen mit dem Nähen. Hierfür ist es wichtig, dass jemand da ist, der sie dabei anleiten und Hilfestellung geben kann. Bestenfalls ist Budget für eine eine/n Schneider/in vorhanden, die den Schüler/innen erklärt, wie der Stoff zu behandeln ist, wie man richtig bügelt, wie Nadel und Faden genutzt werden oder, wenn vorhanden, auch Nähmaschinen. Ich würde aber eher erst einmal mit der Hand nähen lassen, da die Benutzung von Nähmaschinen schwierig ist und jemand da sein muss, der damit umgehen kann. Wenn da kein Fachwissen vorhanden ist, dann sollte lieber mit der Hand genäht werden, das ist auch unmittelbarer, ein Stich nach dem anderen, ganz nah am Stoff. Die Schüler/innen arbeiten ganz konzentriert, das ist fast kontemplativ. Für das Nähen plane ich immer drei bis vier Tage ein.

Die Entwürfe bringen wir immer direkt auf die Stoffe. Wir arbeiten nicht mit Papierschnitten. Alle Stücke sind Unikate. Die Kleidungsstücke werden anprobiert und genäht, es gibt das direkte Erfolgserlebnis, das ist wichtig. Am Projektende steht die Modenschau. Jede/r Schüler/in stellt dort zwei Outfits vor: eines, das die Frage nach der Herkunft aufnimmt und ein zweites, das die Frage nach der Zukunft darstellt. Die Schüler/innen zeigen also: "Wo komme ich her und wo will ich hin?".

Was ist das Spannende an dem Thema Mode? Warum sollten Lehrer/innen es, obwohl es nicht im Lehrplan steht, im Unterricht aufgreifen? Was macht das Thema für die Schüler/innen attraktiv?

Mode ist ein Thema, das alle Schüler/innen anspricht. Mode ist spielerisch, leicht, sexy. Über Mode kann Abgrenzung, Zugehörigkeit, Identität deutlich gemacht werden. Mode kann man anfassen, sie ist real und nicht digital.

Mode ist aber auch eine ganz persönliche Sache. Wenn jemand kein Kleidungsstück entwerfen möchte, das nah am Körper getragen wird, kann er/sie auch ein Accessoire entwerfen, eine Tasche, einen Helm o.ä. Andere entwerfen einen Mantel, eine Hose, ein Kleid oder auch ein ganzes Outfit. Wichtig ist, dass die Schüler/innen sich am ersten Tag entscheiden, welches Kleidungsstück sie gestalten möchten.

Mir gefällt an Mode besonders die Energie des Schaffens, des Schöpfens. Ich liebe den Begriff des Modeschöpfers, das trifft es für mich genau, es wird etwas Neues geschaffen. Für die Jugendlichen ist es wichtig, dass die Produkte am Ende einem Publikum gezeigt werden, das motiviert sie, sie werden kritischer und geben sich mehr Mühe.

Welche Methoden nutzen Sie bei der Arbeit mit Schulklassen?

Die aktive, praktische Arbeit mit den Schüler/innen ist besonders wichtig. Sie sollen erleben, wie sie etwas gestalten und das Ergebnis präsentieren können. Der Prozess ist dabei immer ganz individuell.

Wichtig ist für mich, dass keine Bewertung der Arbeit stattfindet. Auch untereinander bewerten die Schüler/innen wenig. Sie staunen viel übereinander, über das Können der Einzelnen. Dabei entsteht sehr viel Respekt. Es ist wichtig, die Schüler/innen als Künstler/innen zu sehen. Jede/r hat ihre/seine Stärke, wobei diese in nur einem der Projektschritte liegen kann: nicht jede/r hat den schönsten Entwurf, manche nähen besonders gut, anderen haben eine besonders gelungene Zeichnung, das Endprodukt ist letztendlich gar nicht so wichtig.

Meist arbeiten wir mit dem reinen Zeichnen und Nähen, manchmal nutzen wir aber auch Drucke, um Kleidung zu gestalten, z.B. Kartoffel- oder Farbdruck mit Pappschablonen. Insgesamt muss ich sagen, dass die Schüler/innen immer hoch motiviert sind. Sie fangen richtig Feuer für das Projekt und würden am liebsten durcharbeiten. Manchmal nähen sie bis vier Uhr in der Nacht und stehen trotzdem um halb acht Uhr wieder vor der Schule und wollen weiterarbeiten.

Ich habe auch schon mal ein Gedankenexperiment gemacht: Mit zwei Mädchen aus einem unserer Projekte habe ich eine geistige Wanderung gemacht. Zunächst sprachen wir über Produktionsbedingungen, also wo wird Kleidung (vor allem billige) hergestellt: wie arbeiten die Leute da, wer arbeitet da usw. Mit diesem Wissen sind die Mädchen dann in Gedanken einkaufen gegangen. Ich stellte die Fragen: Wie geht ihr einkaufen? Wenn ihr etwas gekauft habt und das Teil dann verändert - z.B. eine neue Naht, vielleicht etwas Stoff hinzufügt, ein individuelles Produkt daraus macht -, wie fühlt ihr euch dann? Wie fühlt ihr euch, wenn ihr vor dem Spiegel steht und euch anschaut? Wir gehen den Tagesablauf durch: ihr zieht das Kleidungsstück an, geht aus dem Haus, geht zur Bushaltestelle, trefft eure Freundin, kommt in die Schule, in die Klasse - wie reagieren die Leute auf das, was ihr anhabt? Wir sind den Weg mehrfach gegangen: mit einem neu gekauften Teil, mit einem veränderten Teil, mit einem ganz selbstgemachten Teil. Wir haben das nur im Kopf durchgespielt und es war spannend zu sehen, wie die Mädchen plötzlich bei sich ankamen, glücklicher wurden, sich freuten, wenn das Teil nicht mehr aus "Bangladesch" war, wenn sie etwas selbst gemacht hatten.

Beziehen Sie Lehrer und Eltern ein? Wie sieht das aus? Was passiert mit ihnen?

In meinen Projekten sind die Lehrer/innen immer mit einbezogen. Sie nehmen sich im Projektverlauf zurück, sind aber Teil der Arbeit, d.h. sie arbeiten mit. Manche Lehrer/innen können gut nähen und unterstützen die Schüler/innen dabei. Im Projekt passiert die Zusammenarbeit auf Augenhöhe, das ist toll, dadurch wird das Lehrer/innen-Schüler/innen-Verhältnis enger. Vor allem die Lehrer/innen werden von ihren Schüler/innen überrascht: sie „verlieben“ sich neu in ihre Schüler/innen. Sie bereichern das Projekt mit ihrem Wissen. Oft arbeite ich mit Kunstlehrer/innen zusammen. Sie bringen ihre Erfahrung in ästhetischen Fragen mit und haben oft auch Equipment, das wir im Projekt nutzen können.

Die Eltern sind insofern eingebunden, als dass durch das Projekt meist eine innerfamiliäre Dynamik entsteht. Allein die Auswahl eines Kleidungsstücks in der Phase, in der wir uns mit der Frage "Wo komme ich her?" beschäftigen, bedeutet, dass in der Familie eine Kommunikation entsteht. Es wird gemeinsam geschaut, welches Kleidungsstück mitgebracht werden sollte, welche Geschichte daran geknüpft ist. Oft verbinden sich mit dem Kleidungsstück familiäre Anekdoten. Über das Projekt entsteht eine Interaktion, die häufig auch zu einer handarbeitlichen Unterstützung durch die Eltern führt. Oft helfen die Mütter, Großmütter, aber auch Väter, beim Nähen, erklären, wie genau das funktioniert, sie stellen die Nähmaschine ein und ihr Wissen bereit.

Welche Erwartungen haben die Lehrer/innen an Sie?

Die Lehrer/innen fragen mich an, um einfach mal etwas anderes zu machen. Sie sind froh über einen anderen Verlauf im Schulalltag, dass etwas anderes passiert, sie keine Noten geben müssen, sie frei auf ihre Schüler/innen zugehen können und dem Druck des Lehrplans für eine Weile entkommen. Über das Projekt entstehen wahnsinnige Erfolgserlebnisse, da findet meist eine Präsentation vor Eltern, Lehrerschaft, Rektor statt. Das bedeutet Anerkennung. Den Erfolg haben nicht nur die Schüler/innen, sondern auch die Lehrer/innen.

Ein Entwurf aus Eva Gronbachs "Liebeserklärung an Deutschland"Ein Entwurf aus Eva Gronbachs "Liebeserklärung an Deutschland" (© Jennifer Fey)

Mode als identitätsstiftendes Moment



Wie wichtig ist Mode für die eigene aber auch die gesellschaftliche Identität? Hat Mode für Jugendliche als Gegenstand einen besonderen Reiz/Wert?

Mode spielt für die Identität eine ganz große Rolle. Gerade bei Jugendlichen wird vieles über Mode ausgedrückt. Sie ordnen sich über Mode einer Gruppe zu. Interessant ist, dass die Gruppen vor allem von außen als einheitlich empfunden werden, sich der Einzelne aber als individuell empfindet. Da spielen Details eine Rolle, die für das Erleben als Individuum ganz wichtig sind.

Das Modebewusstsein einer Region, einer kulturellen Gemeinschaft ist immer auch historisch bedingt, historisch gewachsen. Das steht in Abhängigkeit zu ganz unterschiedlichen Parametern, zum Beispiel zu dem religiösen Hintergrund einer Gegend, aber auch zu wirtschaftlichen Bedingungen.

Welche (unterrichtsrelevanten) Fragen lassen sich anhand von Modebeispielen besonders gut mit Kindern und Jugendlichen thematisieren?

Anhand von Modebeispielen lassen sich sehr viele Fragen und Themen behandeln: Identität, Inszenierung, (Kultur-)Geschichte, Geographie, Gesundheit, ökologische Themen. Man kann beispielsweise fragen: Wie wird Kleidung produziert? Unter welchen Bedingungen? Wo und von wem? Dann aber auch die gesundheitliche Seite: welche Pestizide und Gifte stecken in der Kleidung und in der Produktion? Wie wirken die sich auf meine Gesundheit aus? Und auch eine historische Betrachtung der Mode ist möglich: welche Veränderungen gab es in der Modeindustrie, im Modebewusstsein der einzelnen Länder und Regionen und wie hingen die Veränderungen mit der gesellschaftlichen Lage zusammen?

Solche Fragen behandele ich aber nur mit älteren Schüler/Innen. Insgesamt ist unser Projekt aber fokussiert auf das kreative Arbeiten, den kreativen Impuls. Da geht es um Gruppendynamiken, um familiäre Backgrounds und Respekt. Die Schüler/innen sollen Erfolgserlebnisse erfahren, dafür soll die Projektwoche bzw. die Projektzeit genutzt werden.

Wie müssen Ihrer Meinung nach heute Bildungsprozesse aussehen? Was wünschen Sie sich in diesem Bereich für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass der Respekt voreinander größer wird. Die Lehrer/innen müssen in ihrer Arbeit unterstützt und emotional akzeptiert werden. Sie arbeiten gern mit Kindern zusammen, deswegen sollten sie so gestärkt werden, dass sie sich für ihre Arbeit begeistern können. Projektarbeit eignet sich dafür gut, da sich neue Sichtweisen aufeinander ergeben, so dass ein liebevolles Verhältnis zwischen Schüler/innen und Lehrer/innen entstehen kann.

Mode und politische Bildung



Verstehen Sie Ihre Arbeit auch als politische Bildung?

Ich sehe insbesondere die inhaltliche und soziale Seite meiner Arbeit als Beitrag zur politischen Bildung. Mit meinem Projekt ermögliche ich integrative, respektvolle und tolerante Momente in Schulklassen. Akzeptanz ist immer ein Thema: Wie begegne ich mir? Wie begegne ich anderen? Wir sprechen darüber, wie Abgrenzung und Zugehörigkeit über Mode ausgedrückt werden kann. Ich glaube, das ist das politisch Bildende an meiner Arbeit. Auch die Identitätsfrage, die wir in dem Projekt stellen, ist politisch: Wer bin ich, wo komme ich her, wohin will ich? Das sind politische Fragen, genau wie die nach den Codes, nach dem, was ich trage, welcher Gruppe ich zugehörig bin, wie ich erkenne, wer welche Codes nutzt.

In Ihrer eigenen Arbeit als Künstlerin und Modeschöpferin wenden sie sich von Anfang an politischen Themen zu. Sie setzen sich mit Hoheitssymbolen wie dem Bundesadler oder mit Flaggen auseinander. Sie habe auch schon einmal eine neue deutsche Polizeiuniform entworfen. Was interessiert Sie am Politischen? Wie beschreiben Sie die politische Dimension Ihrer Arbeit?

Ich habe eine Vision unserer Gesellschaft als globale Gesellschaft, die geprägt ist von Fluktuationsprozessen. Ich nehme also die "Insignien" unseres Landes - Adler und Fahne - und spiele damit. Ich besetze diese Insignien neu, beispielsweise indem ich sie von Models, die zum Teil einen Migrationshintergrund haben, präsentieren lasse. Damit zeige ich, wie ich mir ein Zusammenleben vorstelle: friedlich, ästhetisch, würdevoll. Diese Begriffe sind für mich bei der Arbeit mit Menschen und Mode essenziell.

Wenn man mit Mode arbeitet, hat das immer auch eine politische Dimension. Mode ist Teil der Kultur, der Gesellschaft. Mode ist ein Produkt, über das bestimmte Botschaften transportiert werden können. In meiner Projektarbeit versuche ich, die Schüler/innen zu selbstständigem Arbeiten anzuhalten und so emanzipatorische Prozesse in Gang zu setzen. Die Schüler/innen sollen ihre ganz persönlichen Ideen und Wünsche erarbeiten und so ein individuelles Stück Kleidung schaffen. Das geht natürlich nur im Austausch mit der Umwelt und unter Einbezug des individuellen Kontexts wie Familie, Interessen u.a. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität hat auf jeden Fall politischen Charakter.

Eine weitere politische Dimension ist das Thema Nachhaltigkeit. Wenn ich mit Schülern arbeite, aber auch in meinen eigenen Produkten, ist mir das Re-cycling und Up-cycling wichtig. Auf diese Weise kann die Bedeutung der intensiven Arbeitsprozesse in Bezug auf Kleidung erfahrbar gemacht und schätzen gelernt werden.



 

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„La Sarraz“ – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus „Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984 (Szene, Ablaufplan, Regie: L. Dammbeck; Tanz: Fine; Filme: Teile von „Hommage à La Sarraz“, eine Collage alter deutscher Heimfilme, 16mm Fassung der Videoaufzeichnung der Herakles-Proben; Kamera: Thomas Plenert; Regie/Schnitt: L. Dammbeck; Diamaterial: L. Dammbeck; Musik: Life Jazz Lothar Fiedler, Hansi Noack, Gottfried Rößler, Thomas Hertel; Aufbau/Kaschur/Malaktion: Olaf Wegewitz, Hans Hendrik Grimmling, L. Dammbeck; Projektion: Dietrich Oltmanns, Norbert Wagenbrett), Foto: Karin Plessing
1982 hatte Lutz Dammbeck mit der Arbeit am Herkakles-Konzept als Szenarium für einen Experimentalfilm begonnen; nach der Ablehnung durch die DEFA entwarf er es als Rauminszenierung und Mediencollage neu. Mit seinen auf der Grundlage dieses Konzeptes entwickelten multimedialen Inszenierungen „La Sarraz“, „Herakles“ und „Realfilm“ näherte sich Dammbeck der deutschen Vergangenheit und der politischen und sozialen Realität in der DDR. Er wandte sich „dem Thema Faschismus“ zu, weil er für seine Generation die Möglichkeit sah, „unbelastet und scheinbar naiv nach beunruhigenden Phänomenen zu fragen. Fragen zum Beispiel nach Ursachen für die Fazination des Nazismus, nach der Wirkung der von ihm geweckten Bilder und Emotionen, bis in die Gegenwart hinein“. (L. D.)Dossier

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