Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.

15.11.2005 | Von:
Dr. Elmar Elling

Bild und Schrift

Ideografische Zeichen

Ideogrammatische Zeichen der Ägypter und AztekenIdeogrammatische Zeichen der Ägypter und Azteken
Neben Piktogrammen gibt es so genannte Ideogramme, Bilder, die per Assoziation mit dem verbunden sind, was sie bedeuten: Ein sitzender Mann etwa bedeutet nicht 'sitzender Mann', ein tränendes Auge nicht 'weinen' oder 'Tränen', ein Skarabäus nicht 'Skarabäus' usw. Die Bedeutung der entsprechenden Hieroglyphen ist jedenfalls 'edel' für den sitzenden Mann, 'Witwe' für das weinende Auge und 'Leben' für den Scarabäus. Diese Zeichen spiegeln Erfahrungen wider: Witwen weinen und edle Männer dürfen selbst bei solchen Gelegenheiten sitzen, bei denen andere zu stehen haben. Dabei verweisen Zeichen und Erfahrungen nicht eindeutig aufeinander: Weder wird der Tod eines Mannes ausschließlich von seiner Frau beweint, noch weinen einzig die Frauen, wenn der Mann stirbt. Wie kulturspezifisch die Assoziationen sein können, macht das Beispiel des Skarabäus oder Mistkäfers deutlich: Zum einen lautet sein ägyptischer Name 'cheprer', was dem Wort für 'werden', 'cheper', herausfordernd ähnlich ist. Zum andern glaubten die Ägypter, Mistkäfer würden ohne Fortpflanzung geboren, direkt aus der Erde, und sahen darin ein starkes Symbol für das Leben und Werden. Und schließlich wies auch die Dungkugel, die diese Käfer vor sich herzuschieben pflegen, in den Augen der Ägypter in Richtung derselben Bedeutung: Sie galt ihnen als Symbol der Sonne und folglich auch des Sonnengottes Re, von dem alles Leben kam.

Es gibt auch Ideogramme, die nicht einmal eine assoziative Beziehung zur gemeinten Sache aufweisen, sondern dieser völlig willkürlich zugeordnet sind oder zu sein scheinen. Während sich Piktogramme ohne Kenntnis einer bestimmten Sprache verstehen lassen, setzen Ideogramme eben diese Kenntnisse voraus, da sie für Wörter stehen. Mit Blick auf das Verhältnis von Bild zu Schrift lässt sich feststellen: Ideogramme stehen der Sprache näher und sind damit ein weiterer Schritt auf dem Weg zur phonografischen Schrift.

Moderne Piktogramme

So umständlich und archaisch wie sie nun erscheinen mögen, sind Bildzeichen nicht prinzipiell. Es wäre jedenfalls ein Irrtum, sie als Erscheinungen überlebter Kulturen anzusehen. Gerade unsere Gegenwart liefert eine Fülle von Beispielen sehr effizienter Verwendung von Bildzeichen, von denen hier einige wenige aufgegriffen werden. Allerdings sind sie ebenso wie die meisten anderen kein integrierter Bestandteil einer Schrift.

Einige EmoticonsEinige Emoticons
So genannte Emoticons kamen beim Chatten auf, wurden von Simsern, ursprünglich wegen der Limitierung von Zeichen in SMS-Nachrichten, übernommen und haben sich von dort aus verbreitet; dank technischer Weiterentwicklung gibt es mittlerweile auch grafische Varianten. Wie die Bildzeichen früherer Schriften sind viele ihrem Objekt ähnlich. Eine 3 für die Hörner einer Kuh mag als eher unähnliche Wiedergabe angesehen werden, ist aber bei der gegebenen Auswahl optimal. Und dass der Kuhkopf als solcher nur erkannt werden kann, wenn man ihn um 90 Grad nach rechts dreht, liegt am Schreibprogramm und seinem Zwang zur Linearität. Aber schon früher nahmen Material und Schreibgerät Einfluss auf die Gestaltung einer Schrift.

Bildzeichen werden vor allem an Orten internationaler Begegnung benutzt, wo Informationen auf sprachlicher Basis zeitraubend und aufwändig wären. Jeder kennt die Zeichen für Abfall, Trinkwasser, Post und andere Servicestellen und Angebote von Flughäfen, Bahnhöfen und aus großen Sportarenen.

Das Problem des Eigennamens

Die Verwendung von Bildzeichen brachte die Möglichkeit des Schreibens früh an eine Grenze. Eines der Probleme, die sich bald auftaten, lag in der Bilderschrift selbst begründet.

Jede Sprache verfügt über eine Vielzahl von Zeichen, die eine Bedeutung haben: 'Haus', 'Wahrheit', 'Enkelkind' usw. Wird nun etwas z.B. 'Haus' genannt, so ist jedem, der Deutsch versteht, klar, dass es um ein Objekt mit bestimmten Merkmalen der Gestalt, Funktion, Größe usw. geht. Und in der Regel gilt diese Bezeichnung als korrekt verwendet, wenn das betreffende Objekt zumindest einige der wesentlichen Eigenschaften aufweist. Es gibt allerdings auch Zeichen, die im hier gemeinten Sinne keine Bedeutung haben, wie z.B. Flektionspartikel und Eigennamen. Die sprachliche Funktion von Eigennamen besteht einzig darin, jemanden (oder etwas) identifizieren zu können. Damit ist nicht bestritten, dass Namen eine Geschichte haben, die Beziehung zwischen einem Namen und seinem Träger beruht allerdings nicht auf bestimmten Merkmalen des Trägers. Kein neu geborener Junge muss, von seinem Geschlecht abgesehen, bestimmte Eigenschaften aufweisen, um z. B. Jan genannt werden zu können.

Auch in den alten Sprachen wurden Eigennamen zur Identifizierung gebraucht. Einer Bilderschrift bereitet ihre Verschriftlichung jedoch Probleme, weil Bildzeichen auf der Ähnlichkeit zu ihrem Objekt beruhen. Dieses Grundprinzip verlangt nun, Eigenschaften zu finden, die z.B. ausschließlich allen Jans, ausschließlich allen Lauras etc. anhaften, denn andernfalls lässt sich kein Namenszeichen entwickeln. Damit steht das Grundprinzip der Bilderschrift im Widerspruch zur Funktion von Eigennamen, ein Problem, das sich nur lösen ließ, indem man das Prinzip der bedeutungstragenden Bildzeichen aufgab. Dieser Schritt wurde mit Hilfe des Rebus vollzogen.

Das Prinzip Rebus

Der Rebus ist ein Spiel mit visuellen und akustischen Zeichen, ein Rätsel, das gesprochene Sprache sichtbar macht, indem es sie durch Bilder ersetzt. Ausgangspunkt ist meistens ein Wort, das man in solche Elemente aufteilt, die sich bebildern lassen.

Beim Lesen eines Rebus werden die Bilder in Wörter zurückübersetzt. Dabei ist aber die Bedeutung der Bilder nur wichtig, um das gemeinte Wort finden zu können. Aus der Kombination aller richtigen Teillösungen entsteht schließlich das tatsächlich gesuchte Wort. Nach diesem Verfahren kann man eine Hand und einen Schuh kombinieren, um den Leser auf das gemeinte Wort zu stoßen – ein einfacher Fall.

Im folgenden Beispiel ist die gemeinte Lösung schon schwieriger zu finden. Von den Bedeutungen der Bilder ausgehend, ergäbe sich vielleicht 'reicher Mann' [Abb. 7, Mangold], tatsächlich ist jedoch die Kombination aus Mann und Gold gemeint, also die Bezeichnung für die Gemüsesorte 'Mangold'. Der Rechtschreibfehler, der sich dabei einstellt, ist ohne Belang, weil es beim Rebus nur um Lautgestalten geht – und der Laut für 'Mann' und 'man' ist derselbe. Freilich könnte man auch zu der Lösung 'Porträtbarren' kommen, was aber nur ein denkbares und kein wirkliches Wort der deutschen Sprache ist.

Streng genommen sind Rebusse keine Piktogramme, eher Ideogramme, da sie sprachgebunden sind: Das französische Wort für 'Mangold' ist 'bette', wohin keine noch so kreative Interpretation der Bilder von Mann und Gold geführt hätte.

Aus heutiger Sicht ist erstaunlich, dass etwas so Unbedeutendes wie der Rebus, der doch nur ein Spiel ist, und nicht einmal ein sonderlich beachtetes, vor Zeiten ein wichtiges Scharnier in der Kulturgeschichte der Menschheit darstellte, indem er die Entwicklung der Schrift von der piktografischen zur phonografischen Orientierung verschob.


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