Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.

15.11.2005 | Von:
Dr. Elmar Elling

Bild und Schrift

Die Narmerpalette

Vorderseite der Narmerpalette, gefunden im Horustempel von Hierakonpolis (um 3000 v. Chr.)Vorderseite der Narmerpalette, gefunden im Horustempel von Hierakonpolis (um 3000 v. Chr.)
Die Narmerpalette, benannt nach König Narmer, wurde 1897/98 vom britischen Archäologen Quibell entdeckt, und zwar im Horustempel in Hierakonpolis, der Hauptstadt des vordynastischen südlichen Ägyptens. Heute befindet sie sich im Ägyptischen Museum in Kairo. Sie ist aus Schiefer, 65 cm hoch, etwa 5.200 Jahre alt und, was hier weitaus interessanter ist: Sie stammt aus einer Zeit, als die Hieroglyphenschrift im Entstehen begriffen war. Auf Paletten dieser Art stellte man Schminken für rituelle Zwecke her. Darüber hinaus waren sie als Votivgaben sehr beliebt. Die Narmerpalette soll anlässlich der Vereinigung von Ober- und Unterägypten gestiftet worden sein.

Auf Vorder- und Rückseite der Palette befinden sich sowohl links als auch rechts menschengesichtige Rinderköpfe, Zeichen für Hathor, Göttin der Freude, Liebe und Fruchtbarkeit. Dazwischen ein so genanntes Serech, ein Königszeichen, dessen obligatorischer Teil schon bei dieser frühen Form in einer stilisierten Palastfassade bestand. Sie zeigt an, dass es auf der Palette um einen König geht, nicht jedoch, um welchen. Die namentliche Individualisierung erfolgt durch den quer liegenden Wels und den darunter stehenden Meißel. Zusammen repräsentieren sie nach Rebusart den Namen Narmer und sind eine der frühesten phonetischen Repräsentationen überhaupt. Narmer ist in seine beiden Silben aufgeteilt, von denen 'nar' sowohl Fisch als auch Wels bedeutet, und 'mr' oder 'mer' soviel wie Meißel oder, in einer anderen Bedeutung, schlimm.

Rückseite der Narmerpalette, gefunden im Horustempel von Hierakonpolis (um 3000 v. Chr.)Rückseite der Narmerpalette, gefunden im Horustempel von Hierakonpolis (um 3000 v. Chr.)
Auf der Rückseite der Palette hockt ein Falke auf einer Lotusblüte. Er symbolisiert Horus, den Gott Oberägyptens; jede der sechs Lotusblüten steht für die Zahl 1.000. Die Blüten wachsen aus einem Viereck hervor, dem Zeichen für Land. Hier ist das Land personifiziert durch den Kopf, den Horus an einem Strick hält. Das Wort für Strick ist gleichlautend mit dem für nehmen, so dass man das Gesamtbild folgendermaßen lesen kann: "Der König von Oberägypten nimmt 6.000 Gefangene des Landes Unterägypten".

Unterhalb des Bildes sind eine Harpune und ein Viereck mit Wellen zu erkennen. Dies kann als Bestätigung für die Bedeutung der soeben beschriebenen Bildergruppe gelesen werden: Harpune (wa) ist gleichlautend mit dem altägyptischen Wort für Unterägypten; das zweite Zeichen, lesbar als 'Land am See', würde dann nur sicherstellen, dass mit der Harpune wirklich Unterägypten gemeint ist und nicht das, was man sieht: eine Harpune. Die ganze Zuordnung ist aber keineswegs gewiss, vielleicht müsste man die Zeichen ganz anders lesen.

Auf der Frontseite der Palette sind weitere Schriftzeichen zu erkennen. Vor Narmer, der in der obersten Zeile, geschmückt mit der Krone Unterägyptens, in einer Prozession schreitet, finden sich erneut Wels und Meißel. Hinter ihm schreitet ein Mann mit Topf und Sandalen – 'Sandalenträger des Königs' war ein offizieller Titel. Vor ihm schreitet die Königin, möglicherweise auch der Wesir, davor einige Standartenträger. Weiter rechts sind zehn Gefangene zu erkennen, die Arme gefesselt, die Köpfe abgeschlagen und zwischen die Beine gelegt. Über ihnen erkennt man ein Tor mit einer Schwalbe, Das Wort für Schwalbe, 'wr', ist gleichlautend mit dem für 'groß', so dass diese Hieroglyphe 'großes Tor' bedeutet. Daneben sieht man eine Harpune und einen Falken über einem Schiff. Die Gesamtbedeutung ist: Großes Tor des Horus, des Harpunierers.

Hier konnten nur wenige der Schriftzeichen auf dieser Palette beschrieben werden. Die meisten haben mit dem König zu tun, nennen seinen Namen oder machen zusätzliche Angaben. Das wesentliche Ereignis, die Eroberung Unterägyptens, die Gefangennahme seiner Soldaten, deren Enthauptung u.a.m. wird in Bildern mitgeteilt.

Die Zähigkeit des Piktografischen

chinesische und sumerische PiktogrammeChinesische und sumerische Piktogramme
Die Entdeckung des phonetischen Prinzips führte im Laufe der Zeit zum Wandel der betreffenden Schriften; am Ende der gesamten Entwicklung standen Silbenschriften und Alphabete. Es änderte sich nicht nur die Funktion der Schriftzeichen, indem sie für Laute und nicht länger für Inhalte standen, sondern auch ihre Gestalt. Zeichen nämlich, die Bedeutungen nicht piktografisch übermitteln, müssen, ja können auch keine Ähnlichkeit mit den Sachverhalten besitzen, für die sie stehen. Für diese Entwicklung zu einfacheren, willkürlichen Schriftzeichen gibt es etliche Beispiele

So bemerkenswert wie der Rückgang des Piktografischen ist auch das Festhalten daran. Manchmal geschah dies sogar gegen die Widerstände eines Schreibgeräts. Die Schreibkeile der Sumerer waren völlig ungeeignet, um runde Linien zu formen, dennoch hat es lange Zeit gedauert, bis sich die Schriftzeichen der Schreibtechnik anpassten und sich das Piktografische verlor. Eine Schrift aber blieb über die ca. dreitausend Jahre ihres Gebrauchs praktisch unverändert: Die Hieroglyphen der Ägypter. Zum Teil sind diese Hieroglyphen Piktogramme, zum Teil phonetische Zeichen, und manch eine Hieroglyphe kann beide Funktionen einnehmen. Um der darin angelegten Verwirrung zu entgehen, wurden spezielle Zeichen eingeführt – im einfachsten Fall handelte es sich um einen kurzen senkrechten Strich – die klarmachten, ob die Sache gemeint war oder der Laut. – Der erste Blick suggeriert stets, es seien Bilder, Zeichen für Inhalte. Und bei der Entschlüsselung der Hieroglyphen dauerte es recht lange, bis man sich von dieser Annahme gelöst hatte.


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