Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

18.6.2014 | Von:
Jens Kleinert

Zwischen Sieg und Niederlage

Zur psychischen Gesundheit im Profifußball

Doping und Schmerzmittelkonsum im Fußball

Anti-Doping-Kampf: Kontrolleure des DFBAnti-Doping-Kampf: Kontrolleure des DFB bei der Arbeit. (© picture alliance/HOCH ZWEI )


Doping und Schmerzmittelkonsum sind nicht allein ein Aspekt der körperlichen Leistungsfähigkeit und Gefährdung (durch Nebenwirkungen), sondern auch der psychischen Verfassung und Gesundheit. So hängen beispielsweise psychische Belastungen wie Leistungsdruck, Karriereangst, fehlender Erfolg oder Misserfolgsorientierung mit der Motivation zur Substanzeinnahme zusammen[95]. Zugleich ist nicht auszuschließen, dass die Einnahme von Dopingsubstanzen und Schmerzmitteln langfristig die psychische Gesundheit ebenso schädigt wie die körperliche Gesundheit. Daher ist es – auch vor dem Hintergrund der psychischen Gesundheit – wichtig, einschätzen zu können, wie stark Doping und Schmerzmittelkonsum im Fußball ausgeprägt sind.

Doping im Fußball

Die Berichterstattung über Doping im Fußball in den Medien, insbesondere im Internet, übersteigt bei Weitem die wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema. Sowohl Fußballverbände (DFB, DFL, Fifa), Vertreter der nationalen (NADA) und internationalen Dopingagenturen (WADA) und Aktive oder ehemals Aktive beteiligen sich umfangreich in der Öffentlichkeit an den Fragen, wie viel im Fußball gedopt wird, was eigentlich Doping ist und wie man es eindämmen könnte. Einzelne Onlineportale versuchen, Übersichten zu diesen öffentlichen Meinungen oder Berichten bereitzustellen[96]. So vielfältig und vielschichtig wie die Meinungsgeberinnen und -geber sind auch die dargestellten Auffassungen und Einstellungen. Insgesamt zeigt sich ein Trend, dass Fußball nicht als typische Dopingsportart zu bezeichnen ist, dass zugleich aber das Dopingproblem im Fußball nicht verharmlost werden darf und unter Umständen unterschätzt wird.

Belastbares Zahlenmaterial bieten letztlich nur die offiziellen Zahlen der World Anti Doping Agency (World Anti Doping Agency 2012). Weltweit werden hiernach im Fußball zwar die meisten Dopingkontrollen durchgeführt, allerdings finden sich in weniger als 1 Prozent der Kontrollen positive Proben. Dies sind nach Geyer[97] deutlich weniger als in Sportarten mit hohem Dopingaufkommen wie Softball (5,2 Prozent), Boxen (2,2 Prozent), Gewichtheben (2,1 Prozent) oder Basketball (1,6 Prozent).

Diesen objektiven Befunden stehen Untersuchungen gegenüber, die Leistungssportler (anonymisiert) um Selbstauskünfte zu ihrem Dopingverhalten auffordern. In einer eigenen bislang unveröffentlichten Studie waren sich 8,1 Prozent der befragten 75 Fußballer unsicher, ob die leistungssteigernden Mittel, die sie einnehmen, illegal sind. Nur einer der befragten Fußballer (1,4 Prozent) war sich sicher, illegale Mittel zu nehmen[98].

Die Angaben im Fußball unterschieden sich in dieser Studie nicht signifikant zu anderen Sportarten. Andere Befragungen im Leistungssport geben höhere Zahlen an. Breuer und Hallmann befragten 1.154 Athleten unterschiedlicher Sportarten. Von diesen gaben 5,9 Prozent an, zu dopen. Allerdings gehen die Autorin und der Autor aufgrund ihrer Befragungstechnik (Randomized-response-Technik) davon aus, dass bei 40,7 Prozent an der Verlässlichkeit der Antworten gezweifelt werden muss. Auch Pitsch und Emrich (2007) verwenden diese Technik bei Mannschaftssportlern (allerdings ohne Fußball): 11,8 Prozent gaben ehrlich an, zu dopen, bei weiteren 17,4 Prozent muss an der Verlässlichkeit der Antwort gezweifelt werden.

Objektive Daten aus Dopingkontrollen und Fragebogenumfragen sind nicht vergleichbar. Grund hierfür sind insbesondere unterschiedliche Erfassungszeiträume und unterschiedliche Definitionen von Doping. Während die WADA-akkreditierten Dopinglabore genau definieren können, welche Substanzen als Doping bezeichnet werden und welche nicht[99] und wie lange die Nachweisbarkeit des Wirkstoffes anhält, ist in Befragungen schwer zu spezifizieren, was die Befragten als "Doping" oder als "illegal" verstehen und auf welchen genauen Zeitraum sie sich beziehen. Es erscheint auf der Basis der Befragungen zwar somit plausibel, dass der Konsum illegaler Substanzen im Fußball häufiger ist, als es die Dopingkontrollen aufzeigen; Befragungen sind jedoch eher Indizien und spiegeln die Einstellungen und Selbstwahrnehmungen besser wider als tatsächliches Verhalten.

Schmerzmittelkonsum im Fußball

Der Umgang mit Schmerzmitteln ist innerhalb und außerhalb des Sports ähnlich leichtfertig und verantwortungslos. Wenn Fußballer Schmerzmittel nehmen, um spielfähig zu sein, beinhaltet dieses Verhalten dasselbe Motiv wie beim Arbeitnehmer, der Schmerzmittel nimmt, um arbeitsfähig zu sein. Der Schmerz wird bei beiden – bei Sportler und Arbeitnehmer – als störend und behindernd wahrgenommen, wenn es darum geht, Leistung und Funktionsfähigkeit zu zeigen. Schmerzmitteleinnahme ist daher in vielen Fällen – auch im Sport – medizinisch nicht begründbar[100]. Die gefährlichen Folgen: "Schmerzbanalisierung, Überhören von Körpersignalen, Auslassen von Regenerationsphasen, Trainieren oberhalb der Schmerzgrenze"[101]. Hierbei wird eine wichtige Funktion von Schmerz ausgeschaltet, nämlich die Regulation von Belastungen und von Verhalten insgesamt.

Wie häufig Schmerzmittel genommen werden, hängt neben der Sportart insbesondere von der Vorgehensweise bei der Erfassung der Daten ab. Es führt zu großen Unterschieden, wenn Sportler selbst gefragt werden, wenn betreuende Ärzte Auskunft geben oder wenn Schmerzmittel in Urinproben erfasst werden.
Schmerzmittel im Fußball? Voltaren-WerbebandeSchmerzmittel im Fußball? Voltaren-Werbebande (© imago/Plusphoto)
Des Weiteren ist entscheidend, auf welchen Zeitraum sich die Erfassung bezieht. Die höchsten Quoten zeigen sich bei Untersuchungen kurz vor dem Wettkampf. Aufgrund dieser Uneinheitlichkeit können die Studienergebnisse kaum miteinander verglichen werden.

Bei der Analyse von 3.069 Urinproben (zu 93 Prozent Fußballer) konnten in 18 Prozent der Fälle Stoffe gefunden werden, die auf die Einnahme von Schmerzmitteln schließen lassen[102]. Fast die Hälfte dieser Athleten (8 Prozent) gaben bei der vorherigen Befragung an, keine Schmerzmittel zu nehmen. Zugleich gaben jedoch 24 Prozent der Athleten, bei denen im Urin kein Hinweis gefunden wurde, an, Schmerzmittel genommen zu haben. Diese Ergebnisse zeigen die Problematik von Vergleichen zwischen objektiven Analysen und subjektiven Aussagen.

Studien zum Fußball liegen vor allem von Tscholl und Kollegen vor. Die Autoren berichten über Untersuchungen der FIFA-World-Cups 2002, 2006 und 2010. Die Angaben der Ärzte zur Schmerzmitteleinnahme der Spieler lag zwischen 29,0 Prozent (2006) und 34,6 Prozent (2010)[103]. Andere Daten aus dem Fußball berichten von einer Einnahmehäufigkeit von 19 Prozent[104] bis hin zu einer Ein-Jahr-Prävalenz von 93 Prozent[105]. Fußball ist hiermit durchaus vergleichbar mit anderen Sportspielen wie Handball, Basketball, Hockey oder Volleyball[106]. Zugleich scheint das Einnahmeverhalten in den Mannschaftssportarten höher zu sein als in den Einzelsportarten (in einer eigenen Studie 17,4 Prozent zu 8,4 Prozent; Kleinert 2012).

Der Einfluss des Geschlechts auf die Schmerzmitteleinnahme im Sport bleibt unklar. Während es einerseits Hinweise darauf gibt, dass insbesondere Frauenfußballerinnen Schmerzmittel nehmen[107], konnten wir mit eigenen Daten dies nicht bestätigen[108].

Fußnoten

95.
Kleinert/Jüngling 2007
96.
Drepper/Maki [alias] 2012
97.
Geyer 2010
98.
Zitiert nach Kleinert 2012
99.
Geyer 2010
100.
Graf-Baumann 2006; Tscholl u. a. 2009
101.
Moegling 2006, S. 8
102.
Kleinert u. a. 2010
103.
Tscholl/Dvorak 2012
104.
van Thuyne/Delbeke 2008
105.
Taioli 2007
106.
Kleinert u. a. 2010; van Thuyne/Delbeke 2008
107.
Tscholl u. a. 2008; Tscholl u. a. 2009
108.
Kleinert u. a. 2010
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Autor: Jens Kleinert für bpb.de
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