Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

15.2.2016 | Von:
Jörn Quitzau

Das Spiel als Premium-Produkt

Die Ökonomie der Bundesliga

Die "Ware" Spieler und das Bosman-Urteil

Klare Ansage der Hoffenheim-Fans an die Spieler: "Kämpft Ihr Söldner".Klare Ansage der Hoffenheim-Fans an die Spieler: "Kämpft Ihr Söldner". (© imago/Avanti)


Fußball ist tendenziell ein strukturkonservativer Sport. Dies liegt vor allem daran, dass die maßgeblichen Funktionäre in den nationalen und internationalen Verbänden den Charakter des Spiels sehr bewusst nicht verändern wollen. Der Fußball soll einfach bleiben und seinen gesellschaftlichen Erfolg mit allen seinen Vor-, aber auch mit etwaigen Nachteilen fortsetzen. Die jahrelang intensiv und kontrovers geführte Diskussion über die Einführung eines Videobeweises zeigt, wie groß die Widerstände gegen substanzielle Veränderungen sind. Umso einschneidender war ein Ereignis in den 1990er-Jahren: Das sogenannte Bosman-Urteil im Jahr 1995 war für den europäischen Vereinsfußball eine Revolution.

Der belgische Fußballprofi Jean-Marc Bosman hatte gegen eine von ihm als zu hoch empfundene Ablösesumme geklagt, weil er dadurch seine Arbeitnehmerfreizügigkeit eingeschränkt sah. Neben den auch nach Vertragsende geltenden Ablösesummen waren die Ausländerklauseln für die Spieler eine Barriere, ihren Arbeitsplatz frei zu wählen. Wenn – wie bis in die 1990er-Jahre üblich – nur zwei Ausländer zeitgleich pro Spiel eingesetzt werden dürfen, haben die Vereine nur geringe Anreize, ihren Spielerkader mit einer größeren Zahl ausländischer Spieler zu besetzen.

Tatsächlich bekam Bosman Recht. Der Europäische Gerichtshof erklärte mit seinem Urteil die bis dahin geltenden Transferregeln und Ausländerbeschränkungen für ungültig. Daraus ergaben sich für den Profifußball zwei markante Veränderungen:
  1. Für Spieler, die nach der Vertragslaufzeit einen Vereinswechsel anstreben, wird keine Ablösesumme mehr fällig.

  2. Die Nationalität eines Spielers würde fortan nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Wegen der entfallenden Ausländerbegrenzung konnte viel stärker als früher auf ausländische Spieler gesetzt werden.
  • Ad 1: Zunächst wurde vermutet, die nun entfallenden Ablösesummen würden die Spielergehälter entsprechend erhöhen. Dies ist zwar mikroökonomisch, nicht aber makroökonomisch plausibel. Tatsächlich entfallen ja nicht nur die Transferausgaben für den Verein, der einen neuen Spieler verpflichten möchte, sondern es entfallen auch die Transfereinnahmen bei dem Verein, der den Spieler abgibt. Im Ergebnis steht in einer Welt ohne Transferentschädigungen also insgesamt nicht mehr Geld für Spielergehälter zur Verfügung als in einer Welt mit Transferentschädigungen [14]. Eine pauschale Umverteilung von den Vereinen zu den Spielern hat es durch das Bosman-Urteil direkt jedenfalls nicht gegeben. Dazu steht die Beobachtung steigender Spielergehälter seit dem Bosman-Urteil nicht im Widerspruch, denn höhere Gehaltszahlungen sind insbesondere deshalb möglich, weil die Umsätze in der Bundesliga seit Ende der 1980er-Jahre – wie bereits skizziert – deutlich gestiegen sind. Der "zu verteilende Kuchen" ist also unabhängig vom Bosman-Urteil größer geworden.

    In der Praxis sind Ablösesummen entgegen erster Erwartungen nicht verschwunden. Zwar können Spieler nach der Vertragslaufzeit tatsächlich ablösefrei wechseln – und oft geschieht dies auch, jedoch ist es ebenso üblich, sie vor Ablauf der Vertragslaufzeit (oft ein Jahr vorher) abzugeben, um doch noch eine Ablösesumme aushandeln zu können.

  • Ad 2: Während der Wegfall der Ablösesummen hauptsächlich die Spieler und Vereine betraf, ist die Aufhebung der Ausländerbeschränkungen auch für den Fußballfan und das Fußballpublikum ein einschneidendes Erlebnis. Der Ausländeranteil in den Mannschaften erhöhte sich drastisch (vgl. Grafik): Vor dem Bosman-Urteil lag der Ausländeranteil bei den Lizenzspielern zwischen 15 und 20 Prozent. Nach dem Urteil stieg dieser Anteil sprunghaft an und liegt heute bei 48 Prozent. Im Eishockey war die Entwicklung mit einem Anstieg von gut 10 Prozent auf knapp 70 Prozent noch gravierender. Doch der Blick auf den Ausländeranteil unter den Lizenzspielern zeigt nur die halbe Wahrheit, denn damit ist noch nichts über die Ausländerquote unter den elf eingesetzten Akteuren ausgesagt: Tatsächlich ist es nicht unüblich, dass Bundesligisten ganz ohne oder lediglich mit einem deutschen Spieler auflaufen.

    BL-Lizenzspieler AusländeranteilAusländeranteil in der Bundesliga 1992/93 - 2007/08 (noch keine aktuelleren Daten vorhanden) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
    Vgl. hierzu die interaktive Infografik: Wie hat sich der Ausländeranteil in der Bundesliga seit 1963 entwickelt? Neben dem höheren Ausländeranteil hat auch die Spielerfluktuation zugenommen. Vereinstreue ist bei den Spielern zur absoluten Ausnahme geworden. Diese Entwicklung ist gewiss nicht nur auf das Bosman-Urteil zurückzuführen, aber das Urteil hat es den Spielern wesentlich erleichtert, sich als "Unternehmer in eigener Sache" zu verstehen. So ist Fußball zwar – naturgemäß – auch heute noch ein Mannschaftssport, zuweilen drängt sich jedoch der Eindruck auf, dass es sich bei Fußballern um Einzelsportler handelt, die sich notgedrungen in Mannschaften integrieren, um ihre Wettkämpfe überhaupt austragen zu können. Zu dieser Entwicklung dürften auch die Spielerberater beziehungsweise Spielervermittler beigetragen haben. Durch sie hat die Verhandlungsmacht der Spieler gegenüber den Vereinen deutlich zugenommen.
Als ein potenzielles Problem des Bosman-Urteils wurde schnell erkannt, dass ein hoher Ausländeranteil und die hohe Fluktuation im Spielerkader zu einem Problem für die Fans werden könnten, weil für sie die Identifikationsmöglichkeiten schwinden. Im Gegensatz zu normalen Konsumgütern entscheidet für einen Fußballfan nicht primär die Produktqualität. Fans halten im Regelfall auch dann zu ihrem Verein, wenn die sportlichen Leistungen schwach sind. Ökonomisch formuliert, bestehen für Fans zwischen den Vereinen faktisch keine Substitutionsmöglichkeiten. Der Grund dafür ist die hohe emotionale Bindung vieler Fans zu ihrem Lieblingsverein und den Spielern. Wenn sich die Spieler allerdings wie die oft zitierten "Söldner" verhalten und selbst nur eine emotionale Bindung zum Geld, nicht aber zu den sie bezahlenden Vereinen aufbauen, so besteht die Gefahr, dass sich auch die Fans vom Fußball distanzieren. Bis heute ist dies ein Problem für den harten Kern der Fans. Allerdings zeigt sich, dass sich diese Fans im Regelfall – mangels Alternative – nicht vom Fußball abwenden, sondern dass sie die veränderte Situation zähneknirschend akzeptieren. Die seit dem Bosman-Urteil insgesamt gestiegene Popularität zeigt, dass Kundengruppen hinzugekommen sind, die sich für den Fußball eher wegen des Eventcharakters und weniger wegen der traditionellen Fußball- und Vereinswerte interessieren.

Als zweites Problem wurde erkannt, dass ein höherer Ausländeranteil in der Bundesliga zwangsläufig zu weniger Spielpraxis der deutschen Spieler führt, was mittel- und langfristig negative Auswirkungen auf die Leistung der Nationalmannschaft haben könnte. Dies ist nicht nur ein theoretisches, sondern auch ein praktisches Problem geworden. Die Leistungsdichte der Nationalmannschaften in Europa (aber auch weltweit) ist nun höher, weil viele Nationalspieler aus sportlich schwächeren Ländern nun Spielpraxis und Erfahrung in den europäischen Top-Ligen sammeln konnten. Die ehemals schwächeren Länder haben also aufgeholt. "Kleine Gegner gibt es nicht mehr" ist im internationalen Fußball seit Jahren ein geflügeltes Wort. Vor allem in England zeigten sich die Folgen: Während die mit ausländischen Stars gespickten Mannschaften auf Klubebene international größte Erfolge feierten, verpasste die englische Nationalmannschaft die Qualifikation zur Europameisterschaft 2008.

Sowohl der Weltverband FIFA als auch der europäische Verband UEFA haben sich der skizzierten Probleme angenommen und mehrfach versucht, die Zahl der einheimischen Spieler zu erhöhen. So hatte die FIFA im Mai 2008 die sogenannte 6+5-Regel beschlossen, wonach in einer Mannschaft mindestens sechs Spieler zu stehen hätten, die für das jeweilige Land spielberechtigt sind. In einem Bundesligaspiel hätten also nur noch fünf Ausländer pro Mannschaft eingesetzt werden dürfen. Inzwischen ist die UEFA von der 6+5-Regel jedoch wieder abgerückt. Nachdem die Ausländerbegrenzung für die Bundesliga zur Saison 2006/07 aufgehoben wurde, hat die Bundesliga die von der UEFA praktizierte Local-Player-Regelung übernommen. So mussten in der Saison 2006/07 mindestens vier, in der Saison 2007/08 mindestens sechs und in der Saison 2008/09 mindestens acht lokal ausgebildete Spieler bei den Bundesligisten als Lizenzspieler/-in unter Vertrag stehen [15].

Spielergewerkschaft VDV

!!!!!!!!!!!!!!!! Unterschrift fehlt !!!!!!!!!!!!!!!!!!"Fußballprofis leben mit einem hohen Berufsrisiko." Im Bild: Der Pfostenbruch vom Bökelberg, 1971 (© imago/Sven Simon)


Das Bosman-Urteil und der zunehmende Einsatz von Spielerberatern hat die Verhandlungsmacht der Spieler erhöht. Darüberhinaus werden die Interessen der Spieler heute aber auch durch die Spielergewerkschaft VDV (Vereinigung der Vertragsfußballspieler e. V.) professioneller vertreten. Die VDV wurde 1987 von drei Bundesligaprofis (u. a. Benno Möhlmann) gegründet.

Mit Blick auf die Tradition von Arbeitergewerkschaften, deren Hauptziele bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne sind, ist eine Gewerkschaft für eine Sportlerelite mit Spitzengehältern erklärungsbedürftig. In der Tat wirken die Arbeitsbedingungen und die Gehälter eines Bundesligaprofis auf den ersten Blick nicht so, als müssten die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen durch eine machtvolle Interessenvereinigung noch weiter verbessert werden. Ein genauerer Blick zeigt jedoch zweierlei:
  • Erstens ist der sportliche und wirtschaftliche Erfolg von Bundesligaprofis nur eine Momentaufnahme. Fußballprofis verdienen außerordentlich viel Geld in sehr kurzer Zeit. Nur wenige Spieler bringen es auf 15 Berufsjahre. Aus mehreren Gründen reicht das in dieser Zeit verdiente Geld im Regelfall jedoch nicht für den Rest des Lebens. Nur ein geringer Prozentsatz ist nach dem Ende der Fußballkarriere finanziell unabhängig. Ein weit größerer Prozentsatz war in der Vergangenheit hingegen zu einem späteren Zeitpunkt auf staatliche Sozialleistungen angewiesen [16].

  • Zweitens ist Arbeitslosigkeit auch im Profifußball ein relevantes Thema. Die Öffentlichkeit nimmt im Regelfall nur die unter Vertrag stehenden Profis wahr. Für Spieler, die zum Beispiel wegen Verletzungsanfälligkeit oder Formschwäche keinen Arbeitgeber finden, steht sehr schnell die Existenz auf dem Spiel. Im Gegensatz zu "regulären" Arbeitnehmern ist der Arbeitsmarkt für Fußballer sehr eng. Da Fußballern aufgrund ihres jungen Alters oft eine Berufsausbildung fehlt, ist auch der Weg in den regulären Arbeitsmarkt kurzfristig versperrt oder zumindest sehr steinig.
Fußballprofis verdienen also außerordentlich gut, aber sie leben mit einem hohen Berufsrisiko, und die berufliche Zukunft nach der Profikarriere ist oft ungewiss. An diesen Punkten setzt die Spielergewerkschaft an. Nach eigenen Angaben sieht sie ihre Aufgaben in der "… Wahrung und Förderung der wirtschaftlichen, sozialen, beruflichen und kulturellen Interessen ihrer Mitglieder sowie des Fußballsports im Allgemeinen".[17]

Pressekonferenz des Trainingscamps der Spielergewerkschaft VDVPressekonferenz VDV 2013: (v.l.n.r.) Lars Kindgen, Christoph Metzelder, Ulf Baranowsky , Dirk Lottner und Dietmar Hirsch. (© picture alliance/augenklick)
Die VDV ist vom DFB und von der DFL offiziell anerkannt und vertritt seine über 1.300 Mitglieder unter anderem in den Bereichen Vorsorge, Recht und Bildung. Die Mitgliedschaft ist nicht an eine bestimmte Liga gebunden. So beschäftigt die VDV im Bereich Weiterbildung einen eigenen "Laufbahncoach", mit dessen Hilfe sich die Spieler gezielt auf die Zeit nach dem Profifußball vorbereiten können. Außerdem unterstützt die Spielergewerkschaft ihre Mitglieder in den Bereichen Steuerberatung und Risikovorsorge (Krankheit, Invalidität, Altersvorsorge). Über das DFB-VDV-Versorgungswerk können die Profis eine steuerbegünstigte Altersvorsorge (nachgelagerte Besteuerung) abschließen, die mit Vollendung des 60. Lebensjahrs als lebenslange Rente oder in Form einer Einmalzahlung ausgezahlt wird.

Darüberhinaus kümmert sich die VDV um die Wiedereingliederung vertragsloser Fußballer. Die VDV bietet im Zeitraum von Juli bis September Trainingscamps für arbeitslose Profis, die seit mindestens drei Monaten VDV-Mitglieder sind, an. Auf diese Weise können sich die betroffenen Fußballer fit halten – mit professionellem Training und auch mit Testspielen gegen hochklassige Gegner. Rund 80 Prozent der Trainingscamp-Teilnehmer finden im Anschluss wieder einen neuen Arbeitgeber im Profifußball.


Fußnoten

14.
vgl. Dilger 2004
15.
vgl. Bundesliga 2012
16.
vgl. Daudert/Daudert 2003
17.
Vereinigung der Vertragsfußballspieler e. V. 2012
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Autor: Jörn Quitzau für bpb.de
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