Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

18.6.2014 | Von:
Frank Willmann

"Die Mauer muss weg!"

Fußball-Land DDR

Im Zeichen des Clubs

Dresdner Fans im Sonderzug nach Berlin.Dresdner Fans im Sonderzug nach Berlin. (© imago/Camera 4)


Der DDR-Bürger liebte seine regionalen Kicker. Jedes Wochenende pilgerten Väter mit ihren Söhnen in die Stadien. Anfangs zu improvisierten Bolzplätzen zwischen Ruinen. In den 1950er Jahren brachten Fans noch Leitern, Tische und Stühle mit zu den Spielen, um in den hinteren Reihen etwas sehen zu können. Bei Bockwurst, Bier und roter Brause wurden sie eins mit ihren Teams. Und verschafften sich ab und an Luft. In den 1970er Jahren kamen Schals und Fahnen auf, die Haare wurden länger. Bei Spielern und Fans. 68 schwappte über die Mauer. Neben den Freiräumen innerhalb der evangelischen Kirche bot nur die Anonymität in den Stadien die Möglichkeit, politischen Protest öffentlich zu äußern. "Mielke in die Produktion", "Stasi raus!" oder "die Mauer muss weg!" (Verballhornung der Mauer beim Freistoß) wurde nicht erst während der politischen Wende skandiert. Diese Rufe erklangen an jedem Wochenende aus tausenden, manchmal zehntausenden Kehlen in den Fußballstadien der DDR.

Zitat

Ralf Schreiber (Fan 1. FC Magdeburg)

Die Verbundenheit zum Club war riesig. Mich hat es nicht interessiert, ob der Gegner Banik Ostrava, Bayern München, Gladbach oder Mailand hieß. Nur für den 1. FC Magdeburg haben wir gelebt. Und der sollte gewinnen. Egal gegen wen.

Die Sendung "Sportarena" befragt Fans von Dynamo Dresden. (Ausschnitt vom 13.6.1971 © Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1971) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1971)
Die großen Stadtderbys spielten sich in Leipzig und Berlin ab. Lok und Chemie Leipzig beharkten sich ordentlich, nicht nur auf dem Spielfeld. Beim BFC Dynamo und Union sah das nicht anders aus. Es galt die einfache Regel: Der minder privilegierte Klub zog das Volk an, dort traten auch gehäuft vermeintliche "Staatsfeinde" auf, um in der Masse ihr Mütchen zu kühlen. Jena und Erfurt lieferten sich heftige Schlachten, Halle und Magdeburg beulten sich die Köppe ein. In Aue, Zwickau und Karl-Marx-Stadt gab’s Haue.

Dresden hasste Lok und umgekehrt. Jedes Dorf hatte seinen Hauptfeind, meist den engsten regionalen Nachbarstamm. Nur den BFC Dynamo hassten alle. Als Dauermeister der 1980er Jahre mit Oberfan Stasi-Erich an der Spitze war auswärts keine Sympathie zu erwarten. Die BFC-Fans kehrten das folkloristische Element heraus, besangen "ihren Führer" Erich Mielke und bewarfen die Sachsen hin und wieder mit begehrten und allein in Ostberlin erhältlichen Südfrüchten. Das Fan-Volk brüllte sich die Kehle aus dem Leib und vermutete überall den privilegierten Hauptstädter. Gern erklang ein "Juden Berlin" in den Stadien der DDR, bei den beliebten Flutlichtspielen erklangen mitunter Liedzeilen aus dem Repertoire des Nationalsozialismus. Der alltägliche Rassismus, gemischt mit einem fetten Schuss Schwulenfeindlichkeit, fand in allen Stadien statt.

Schiebemeister BFC Dynamo

BFC Dynamo Fans feiern mit Torwart Rohde den Titelgewinn 1987.BFC Dynamo Fans feiern mit Torwart Rohde den Titelgewinn 1987. (© imago/Camera 4)


Staatssicherheitschef Erich Mielke war seit der Gründung der SV Dynamo deren 1. Vorsitzender, und er war ein glühender Anhänger der Eishockeyspieler wie der Fußballer von Dynamo. Als solcher saß er natürlich auch regelmäßig im Stadion. Anlässlich der zweiten BFC-Meisterschaft 1980 verkündete er gegenüber den Konkurrenten aus Dresden, man müsse das doch verstehen, "die Hauptstadt braucht einfach einen Meister".

Eine umstrittene Schiedsrichterentscheidung von Bernd Stumpf im März 1986 für den BFC Dynamo führte zur lebenslangen Sperrung des Schiedsrichters, ein im Jahr 2000 aufgetauchtes Video beweist jedoch die Korrektheit des damaligen Strafstoßpfiffes und die unberechtigte Sanktion Stumpfs. Man kann jedoch Stumpf mangelndes Fingerspitzengefühl vorwerfen, da er sehr lang nachspielen ließ, obgleich das ganze Stadion pfiff und Schiebung brüllte, als sehr spät der Elfmeter "stattfand". [1]

Zitat

Horst Friedmann (Sportredakteur Deutsches Sportecho)

Es gibt Beispiele, an denen sich nachweisen lässt, dass einige Schiedsrichter sich dem Club sehr nahe gefühlt haben, um es mal vorsichtig auszudrücken. Das war vorauseilender Gehorsam einerseits, es steckte aber auch dahinter, dass man es sich möglichst nicht mit der Staatssicherheit verdirbt, wenn man auf die internationale FIFA-Liste wollte. Und es spielte auch eine Rolle, dass einige der Leute direkt bei der Polizei angestellt waren…

Zitat

Sigfried Kirschen (Oberliga-Schiedsrichter)

Was man gewissen Schiedsrichtern angelastet hat, waren Entscheidungen, die, ja, BFC-freundlich waren. Die ein oder andere Entscheidung kann man sicher von allen Seiten gesehen auseinandernehmen… Tatsächlich waren wir, wie 99,9% aller Schiedsrichter auch, als sehr charakterfest angesehen.

Flucht von Oberliga-Spielern

Lutz EigendorfDer 22-jährige DDR-Fußballstar Lutz Eigendorf als Zuschauer des Spiels des 1. FC Kaiserslautern gegen Fortuna Düsseldorf am 24. März 1979 in Kaiserslautern. Drei Tage zuvor hatte sich Eigendorf nach einem Freundschaftsspiel des Ost-Berliner Fußballclubs Dynamo gegen den 1. FC Kaiserslautern in die Bundesrepublik abgesetzt. (© picture-alliance/dpa)
Einige Spieler nutzten die Gelegenheit, sich nach Spielen gegen Mannschaften der BRD in den Westen abzusetzen, sie tauchten zur Abreise ihrer Mannschaft nicht wieder auf. Besonders peinlich war dies den Staatsoberen, wenn mal wieder ein Spieler des verhassten BFC Dynamo in den Westen geflüchtet war. Bei den folgenden Spielen der Oberliga wurde von den Fans genüsslich deklamiert: "Wo bleibt denn der Eigendorf?" oder "Wo bleibt denn der Falko Götz?" Lutz Eigendorf galt als "Beckenbauer der DDR", bevor der sechsmalige Nationalspieler vom BFC Dynamo 1979 nach einem Spiel gegen Kaiserslautern in der BRD um Asyl bat. Sein Name verschwand aus den Annalen und Statistiken des DDR-Fußballs, seine Frau, Tochter und Eltern hatten erhebliche Repressalien zu erleiden. Knapp vier Jahre nach seiner Flucht verunglückte der auch im Westen unter Beobachtung der Stasi stehende Spieler von Eintracht Braunschweig unter ungeklärten Umständen tödlich mit seinem Alfa Romeo. Auch Frank Lippmann vom Dynamo Dresden, der 1986 nach einem Spiel gegen Bayer 05 Uerdingen in der BRD blieb, wurde jahrelang von der Stasi beschattet und in der DDR-Presse verhöhnt.

Nahezu alle geflüchteten DDR-Spieler und Trainer wurden in der BRD bespitzelt, ihre Überredung zur Rückkehr erwogen bzw. versucht und bei Nichterfolg schreckte die Stasi nicht vor Anschlägen auf das Leben prominenter Flüchtlinge zurück. So erging es Jörg Berger. Der Trainer der Nachwuchs-Auswahlmannschaft der DDR nutzte 1979 ein Spiel in Jugoslawien, um in den Westen zu flüchten. Dort übernahm er als erste Cheftrainerstelle die Mannschaft von SV Darmstadt 98 (2. Bundesliga). Seine Familie erlitt in der DDR Repressalien und Berger wurde von der Stasi im Westen intensiv beschattet, erhielt Morddrohungen und möglicherweise wurde ein Gift-Anschlag auf sein Leben verübt. [2]

Zitat

Horst Friedmann (Sportredakteur Deutsches Sportecho)

Für meine Begriffe sind es insgesamt erstaunlich wenig Oberliga-Spieler, die abgehauen sind, nachdem sich das Sportsystem hier in den 50ern etabliert hatte. Beim BFC waren das Eigendorf, Poklitar, Starost, Götz, Schlegel.

Die 1980er Jahre bedeuteten fußballerisch einen Rückschritt. Der vom Fan-Volk als Schiebermeister verschriene BFC Dynamo holte einen Meistertitel nach dem anderen, die Nationalelf verlor gegen Nationen wie Griechenland und Finnland, in der Oberliga tauchten plötzlich Teams wie Fortschritt Bischofswerda und Chemie Buna Schkopau auf. Mittelmaß allerorten, bis auf die Endspielteilnahmen des FC Carl Zeiss (1981) und des 1. FC Lok Leipzig (1987) im Europacup der Pokalsieger, die allerdings vergeigt wurden. Der Fußball dämmerte vor sich hin, ein exaktes Spiegelbild der Gesellschaft. Frisch gesichtete Frauenfußballerinnen wurden von Funktionären kritisch beäugt, von Fans kaum wahrgenommen. Ihre Meisterschaften fungierten unter "Besten-Ermittlungen", als Leistungssport wurde Frauenfußball nicht gefördert. Das erste Länderspiel der DDR fand am 9. Mai 1990 in Babelsberg statt. Es endete 0:3 gegen die CSFR und war gleichzeitig das letzte Länderspiel einer DDR-Frauennationalmannschaft.

Fußnoten

1.
www.wikipedia.org/wiki/Schand-Elfmeter von Leipzig, www.tagesspiegel.de/sport/foul-von-hoechster-stelle/695462.html, www.zeit.de/2000/33/Der_Schand-Elfmeter_von_Leipzig
2.
www.rp-online.de/sport/fussball/berger-und-der-mysterioese-stasi-giftanschlag., www.welt.de/welt_print/article3333844/Der-Trainer-und-die-Stasi.html

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