30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

18.6.2014 | Von:
Frank Willmann

"Die Mauer muss weg!"

Fußball-Land DDR

In jeder Imbissbude ein Spion – Fußballfans und die Stasi

"Wir sind lässig" - Fans von BSG Chemie Leipzig"Wir sind lässig" - Fans von BSG Chemie Leipzig. (© imago/Camera 4)


Fußball spendet aller Orten Zerstreuung im Alltag. Auf und neben dem Sportplatz ist Fußball zugleich Ausdruck von Gewalt und Repression. Das war auch in der kleinen DDR so. Die Zuspitzung des männliches Volksvergnügens zum Übungsfeld staatsfeindlicher Gewaltrituale begründet der Soziologe Wolfgang Engler folgendermaßen: "Der Hooligan hätte es aus englischen oder westdeutschen Fußballarenen nie bis in die Stadien der DDR geschafft, wenn die jungen Ostdeutschen, die ihm Eintritt verschafften, ihr Verhältnis zur DDR nicht vorher gekündigt hätten. An der Wende von den 70er zu den 80er Jahren dankte die Führung in geistiger Hinsicht ab; die Affären um Biermann (1976) und Bahro (1977) markierten die finale Abschottung des Systems gegenüber inneren Veränderungen."

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Wolle (Anhänger der SG Dynamo Dresden)

Probleme hatte ich nicht, die Stasi hat eben Buch über mich geführt. Für die war ich eine Distel auf dem sozialistischen Blumenbeet.

Anfang der 1980er Jahre begann die großflächige "Bearbeitung" der Fanszene. Wo politischer Protest geäußert wurde, war die Schmiere (=Staatssicherheit) nicht weit. Schnell machte sie drei Gruppen von Fans aus. Die normalen Anhänger, die dekadenten Anhänger (lange Haare oder zu kurze, freche Gesänge, Alkohol) und die feindlich-negativen Anhänger (nahezu Staatsfeinde, gewaltbereit, schrecken nicht vor Angriffen gegen die Volkspolizei zurück). Den "feindlich-negativen Anhang" begriffen die Funktionäre als furchterregende Randgruppe innerhalb der Fußballanhängerschaft. Diese inhomogene Bande unangepasster Fans stellte neben den in den 1980er Jahren erstarkenden Punks eine Subkultur und damit ein gefährliches politisches Potential dar. Beide Strömungen waren bis zur Mitte des Jahrzehnts eng verzahnt. Punk war in der DDR die Mutter der Skinheadkultur, beide begriffen sich als Avantgardebewegungen. Gewalt bedeutete Ausbruch aus dem emotionalen Zustand der Langeweile, einem gesellschaftlichen Zustand. Gewalt war Inszenierung von Bewegung, Veränderung, Negation und dabei Wahrnehmung seiner selbst, Körpergefühl, Machterleben, Respekt.

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Birgit (BFC-Fan)

War wat anderes jewesen, man konnte seinem Frust mal freien Lauf lassen, die Wörter in den Mund nehmen, die man sonst immer schlucken musste.

Mit wachsender Besorgnis registrierten die Behörden die Massenschlägereien, Plünderungen von Geschäften und sogenannte Zusammenrottungen Jugendlicher. Der Hooliganismus hielt in die Stadien der DDR Einzug. Es wurden nicht nur rechte Parolen skandiert, sondern auch "Staatsorgane" (Polizisten, Ordner, Zivile) angegriffen. Und das in einem Land, in dem der Antifaschismus Staatsdoktrin war. Gerade in Ost-Berlin stellten solche unangenehmen Erscheinungen ein großes Problem dar. Die Staatsgrenze und die westlichen Medien waren nah. So verzichtete man (laut Stasi-Protokollen) auf den Einsatz von Hunden und chemischen Kampfstoffen, die in anderen sozialistischen Ländern gern gegen Fans eingesetzt wurden.

Von der anderen Seite "schwappte" westliches Gedankengut über die Mauer, zusammen mit Flugblättern, Fußballbildern, Schals, Aufnähern und Sportnachrichten. Das Outfit des Ostberliner orientierte sich natürlich gen West. Funk und Fernsehen übertrugen die Oberligaspiele, bzw. berichteten über deren Verlauf und Ergebnisse. Es passte nicht in das Bild von der fröhlich aufbauenden DDR-Jugend, dass vor oder nach solchen Ereignissen randaliert oder geprügelt wurde. Staat, Partei und Bildungseinrichtungen verlangten ein klares Bekenntnis zur Deutschen Demokratischen Republik. Aber die Jugendlichen selbst erlebten Familienstrukturen, die infolge der geschichtlichen Abläufe oft zerrissen waren, Väter und Mütter passten sich dem DDR-System an, Großmütter und Großväter priesen die jüngste deutsche Vergangenheit. Unter der Oberfläche ausgedehnter Langeweile knisterte und brodelte es.

Radikalisierung – der Staat schlägt zurück

Aktenmaterial und ein Fan-Koffer eines bespitzelten Fußballfans mit Fotos, Briefen und DokumentenMartin Böttger, Chef der Chemnitzer Außenstelle der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, zeigt Aktenmaterial und einen Fan-Koffer eines bespitzelten Fußballfans mit Fotos, Briefen und Dokumenten. (© picture-alliance/ZB )


Zu einem ersten Ausbruch kam es Ende 1977, als während einer Feier zum Republik-Geburtstag am 7. Oktober auf dem Alexanderplatz eine Massenpanik entstand, an der Anhänger des 1. FC Union maßgeblich beteiligt waren. An diesem Abend erlebten über tausend Besucher ein Rockkonzert, als ein Dutzend Jugendlicher ein Abdeckgitter eines Belüftungsschachtes erkletterten, das unter dem Druck der Körper einbrach. Zehn Jugendliche stürzten einige Meter tief in den Schacht. Die Menge brüllte. Zahlreich anwesende Union-Fans machten sich spontan mit einem neuen Schlachtruf bemerkbar: "United!" Dieser Ruf meinte Manchester United, aber etliche Anhänger des 1. FC Union empfanden sich in ihrer Freundschaft zum Westberliner Verein Hertha BSC als "Freunde hinter Stacheldraht" und konnten den Wunsch nach der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten hier ebenso herausbrüllen, wie es um das Brüllen selbst ging, als provozierender Fußballschlachtruf.

Die Sicherheitskräfte reagierten prompt und hart, die ganze Nacht über wurden mindestens 50 Personen im Tunnel unter dem Alexanderplatz festgehalten. Auch wenn es offensichtlich keine Toten gab, das Ereignis erweckte die Sicherheitsorgane des Landes aus ihrem Dornröschenschlaf. Von nun an überwachten die Stasi und Kripo genauestens Volksfeste, Weihnachtsmärkte und öffentliche Konzerte. Für den Fußball ergaben sich unmittelbare Konsequenzen. Ab 1978 ergingen Befehle des Präsidenten der Volkspolizei zu künftigen "Maßnahmen zur Gewährleistung einer hohen Ordnung und Sicherheit anläßlich…" der Derbys. Zur besseren Beobachtung und Zersetzung des "rowdyhaften" Fangeschehens beim 1. FC Union wurde eine zweiköpfige Arbeitsgruppe des MfS gebildet, beim BFC sollte wenige Jahre später nachgezogen werden. Im ganzen Land verhaftete zunächst die Kripo nach Hinweisen durch die Stasi unliebsame Fans, die sie für Rädelsführer hielten. Straftaten waren schnell gefunden, jeder konnte wegen "Öffentlicher Herabwürdigung" (§ 220) verhaftet werden.

Zitat

Andi (1. FC-Union Fan)

Unter Unionern wurde häufig "United, United" gerufen, ist aus England rübergeschwappt, von Manchester. Das heißt sinngemäß übersetzt sowatt ähnliches wie Union, Vereinigung. Das haben wir dann in unser Repertoire aufgenommen, bei irgendeinem Auswärtsspiel zum ersten Mal, dann wurde es regelmäßig gebrüllt. Einige Unioner sind sogar nach Lodz gefahren, als ManU mal dort spielte, um mit den Engländern "United, United!"um die Wette zu schreien.

Für eine Herabwürdigung war bereits das äußere Erscheinungsbild ausschlaggebend, öffentliches Urinieren oder gar Verweigerung der Ausweiskontrolle summierten die Strafe. Dafür drohten Bewährung, eine Geldstrafe oder bis zu zwei Jahren Haft! Durch die große Staats- und Justizreform von 1968 hatten zahlreiche neue Paragraphen Eingang in die Vollzugshandhabe der DDR-Organe gefunden. Mögliche Staatsfeinde konnten somit wegen Rowdytum, Spionage, staatsfeindlichen Verbindungen, Zusammenrottung usw. bestraft werden, mit Haftstrafen von bis zu fünf Jahren. Die Jugendlichen hatten nach Verbüßung der Haftzeit harte Auflagen zu erfüllen, durften die Spiele ihres Vereins nicht besuchen oder mussten für einige Jahre in anderen Städten der DDR leben. Trotzdem nahmen die gewalttätigen Auseinandersetzungen rund um den Fußball zu.

Auswärts unter Stasi-Begleitschutz

Von der Vopo bewacht: Magdeburger Fans beim Jubeln.Magdeburger Fans tanzen für die Volkspolizei. (© imago/Camera 4)


In vielen ostdeutschen Bezirksverwaltungen des MfS wurden eigens Gruppen eingerichtet, die sich nur mit dem negativen Fußball-Anhang beschäftigen. Sie begleiteten die Fans fortan nicht nur bei den Heimspielen, beobachteten und dokumentierten die An- und Abmarschwege, sondern fuhren auch zu allen Auswärtsspielen mit. Die jeweiligen Bezirksverwaltungen der Staatssicherheit und die Kriminal- und Transportpolizei in den Großstädten der DDR wurden vorab darüber informiert, in welcher Stärke der Anhang anzureisen gedachte. Man arbeitete mit den Ordnern und Fanbeauftragten zusammen. Protokolliert wurden auffällige Verhaltensweisen.

Von jugendlichem Unfug, der tolerierbar blieb, reichten die Vergehen bis zu schwerer Körperverletzung oder Angriffen auf das Ansehen der staatlichen Autorität. War ein Fan erst auffällig geworden, unterlagen die meisten seiner Freizeitaktivitäten regelmäßiger Aufsicht. Wann, wo, mit wem traf sich die Person, wer waren Freunde oder Freundin, welche Kontakte gab es nach Westberlin oder in andere Städte der DDR? Was wurde für die nächsten Spieltage verabredet, wo waren die Treffpunkte der Fans, welche Partys wurden wann mit wem gefeiert? Unter ständiger Beobachtung zu stehen, hieß aber auch, sich der Aufmerksamkeit der Bewacher sicher sein zu können. Es war immer ein Publikum anwesend. Das regte an, und der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt.

Zitat

Ein BFC-Fan gab gegenüber der Staatssicherheit zu Protokoll:

Unser Ziel ist es, immer etwas zu machen, womit keiner rechnet! Während eines Spiels baden zu gehen oder nach entsprechender Musik durch die Stadt zu tanzen. Oder, wie in Aue, ein Feuerwerk am hellerlichten Tag zu veranstalten…

Die Namen mancher illegal gegründeten Fanclubs zeugen in gewissem Maße von dieser "tierischen" Lebensfreude, so hießen einige Berliner Fanclubs "Ratten, Spatzen, Black Eagle, Eisbären, die Teufel, die Wölfe", und – besonders in Berlin Mitte aktiv – "die grunzenden Schweine". Der Einzug zum Dienst in die Nationale Volksarmee oder die Ausweisung aus der DDR waren gängige Mittel, die zahlreichen Fanclubs im Lande auszudünnen. Gerade unter Fußballfans stellte es sich nach Aussage ehemaliger hauptamtlicher Mitarbeiter schwierig dar, IM = Inoffizielle Mitarbeiter, also Spitzel, zu gewinnen. Viele Fans hatten einfach keine Angst. Beim Aktenstudium wird klar, auch wenn sie als IM Aussagen getroffen haben, sind diese differenziert zu sehen. Ein IM gab zum Beispiel ständig an, die relevanten Spiele verpennt zu haben, oder er randalierte vor einem Auswärtsspiel im Zug und wurde einige Stationen vor dem Ziel herausgefischt und zurückgeschickt. Andere IM waren schlichtweg zu betrunken, um Sinnvolles berichten zu können.


Dokumentation

Dokumentation: "Und freitags in die Grüne Hölle"

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Frank Willmann

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