Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Wissenschaftsmagazine

Wissenschaft für die Allgemeinheit


Hoimar von Ditfurth, "Dolmetscher der Wissenschaft", moderierte "Querschnitt" im ZDF.Hoimar von Ditfurth, "Dolmetscher der Wissenschaft", moderierte "Querschnitt" im ZDF. (© picture-alliance/dpa)
Um Informationsvermittlung geht es auch in den zahlreichen Wissenschaftsmagazinen, in denen Fragen aus Naturwissenschaft und Technik, Geschichte und Gesellschaft auf populär(wissenschaftlich)e Art und Weise nachgegangen wird. Das in den einzelnen Wissenschaften erlangte Wissen über die Welt ist hoch spezialisiert und in seiner Struktur komplex. Zu seinem Verständnis sind differenzierte Kenntnisse seiner Voraussetzungen und Methoden seiner Gewinnung erforderlich. Die Aufgabe der Massenmedien – hier besonders des Fernsehens – ist es, dieses Wissen vereinfacht zu vermitteln und einer Allgemeinheit verständlich und damit zugänglich zu machen. Im Hörfunk gab es bereits die Tradition naturwissenschaftlicher Vorträge, die dann auch ins Fernsehen übernommen wurde. Im Kino wurden Kulturfilme gezeigt, die naturwissenschaftliche Themen filmisch aufbereiteten.

Erste Wissenschaftsmagazine im West- und Ost-Fernsehen

Das bundesrepublikanische Fernsehen begann im März 1952 mit sogenannten "Mikroprojektionen", Sendungen am Mikroskop, in denen über das Leben der Wasserflöhe ("Daphnien") oder über Süßwasserkrebse berichtet wurde. Sendungen über andere Wissenschaftsthemen kamen bald hinzu. Tiersendungen waren besonders beliebt und wurden deshalb auch in den 1950er Jahren im Westen zuerst in einer eigenen Sendereihe gebündelt: "Der Fernseh-Zoo" (ab 1953) berichtete über die Tierwelt. Fragen der Technik wurden in anderen Sendungen beantwortet.

"Warum löscht das Löschpapier?" war die erste Frage, der in einem Wissenschaftsmagazin des Deutschen Fernsehfunks (DFF) der DDR nachgegangen wurde. Naturwissenschaftler Friedel beantwortet sie 1953. Sechs Jahre später richtete der Deutsche Fernsehfunk für den Bereich Naturwissenschaft und Technik eine eigenständige Fernsehreihe mit dem Titel "Fernsehstudio Naturwissenschaften" ein.

Staunen über den Fortschritt

In Ost und West waren Wissensmagazine und Wissenschaftssendungen in den 1950er und frühen 1960er Jahren eng mit den zeitgenössischen Entwicklungen in Wissenschaft und Technik verbunden. Themen wie die friedliche Nutzung der Kernenergie, Erkenntnisse der Astronomie und die aufkommende Raumfahrt wurden aufgegriffen. Der Zugang war geprägt durch das Staunen über den wissenschaftlich-technischen Fortschritt und den Glauben an dessen Segnungen. In beiden deutschen Staaten bestand eine Vorstellung vom Leben in einem "wissenschaftlichen Zeitalter", der man durch die Wissenschaftssendungen Rechnung tragen wollte.

Moderatoren als "Dolmetscher der Wissenschaft"

In der Bundesrepublik wurden sie vorgestellt von "Dolmetschern der Wissenschaft" wie Ernst von Khuon ("Schritte ins Weltall", ab 1954) oder Rudolf Kühn ("Macht euch die Erde untertan… Der Mensch und die Naturwissenschaften", BR, 1959/58), Heinz Haber und Hoimar von Ditfurth, die damit zu frühen Fernsehstars wurden. Vor allem Naturwissenschaften und Technik standen im Vordergrund, im ZDF etwa die zahlreichen populärwissenschaftlichen Fernsehreihen des "Fernseh-Professors" Heinz Haber wie "Unser blauer Planet", "Das Mathematische Kabinett", "Was sucht der Mensch im Weltall" oder Hoimar von Ditfurths "Querschnitt" (ZDF, 1971–1989). Auch mit historischen und kunstgeschichtlichen Themen beschäftigte man sich im Fernsehen, konnte doch die audiovisuelle Vermittlung fremder Länder und Kulturen sowie die fiktional-nachstellende Imagination historischer Epochen vom Fernsehen besonders gut geleistet werden. Die vierteilige Serie "Die Römer sind unter uns" oder "Die Rettung der Tempel vom Nil" wurden zu Vorläufern von "Terra X" und "ZDF Expedition" (alle ZDF). Die bundesdeutsche Wissenschaftspräsentation im Fernsehen ist vor allem durch Vielseitigkeit und Themendifferenziertheit gekennzeichnet.

Die Fernsehreihe "Fernsehstudio Naturwissenschaften" (DDR)

In der DDR entstand aufgrund intensiver Bemühungen des Naturwissenschaftlers Manfred von Ardenne das "Fernsehstudio Naturwissenschaften" (1959–1966). In 111 Folgen wurden in Fernsehvorträgen, Filmen und Diskussionsrunden Ergebnisse aus Physik, Biologie, Chemie, der medizinischen Grundlagenforschung sowie bei der Anwendung der Naturwissenschaften in Technik und Technologie präsentiert. DDR-Wissenschaftssendungen hatten auch den gesellschaftspolitischen Entwicklungen zu genügen, weshalb besonders die Wissenschaftsprobleme und Techniken im Vordergrund standen, die von den Zuschauern auch auf Erfolge der eigenen Wissenschaftsentwicklung bezogen werden konnten.

Für die Wissenschaftseuphorie der 1950er bis 1970er Jahre in der DDR war vor allem die Auffassung bestimmend, dass Wissenschaft und Technik im Sozialismus nicht dem Kapital dienen würden, sondern dem Menschen. Als in den 1960er Jahren der wissenschaftliche und technische Abstand zwischen beiden Systemen immer größer wurde, interpretierten Wissenschaftssendungen des Deutschen Fernseh-Funks wie die "Fernseh-Urania" (1966–1970) die technischen und naturwissenschaftlichen Ergebnisse gesellschaftswissenschaftlich, indem sie über den Nutzen und den Gebrauch von Entdeckungen und Erfindungen sprachen und welche Bedeutung bestimmten Techniken im politischen Kontext der Auseinandersetzung zwischen Ost und West zukam.

Tiersendungen in West und Ost

Bernhard Grzimek mit kleinem Orang-Utan (l.) und Gorilla-BabyBernhard Grzimek mit kleinem Orang-Utan (l.) und Gorilla-Baby (© picture-alliance/dpa)

Tiersendungen waren in beiden deutschen Staaten besonders beliebt. Im Westen zeigte Heinz Sielmann 1955 einen ersten Tierfilm im Fernsehen; ab 1962 wurde er mit der Reihe "Expeditionen ins Tierreich" (ZDF) bekannt und blieb fast dreißig Jahre auf dem Bildschirm zu sehen. Während der Direktor des Frankfurter Zoos Bernhard Grzimek den HR drei Jahrzehnte regelmäßig in "Ein Platz für Tiere" (ab 1957) verwandelte, von seinen Reisen nach Afrika oder Australien berichtete und für den Naturschutz plädierte (am bekanntesten wurde sein mit dem Oscar ausgezeichneter Kinofilm "Serengeti darf nicht sterben" von 1959), lud Heinrich Dathe, Direktor des Tierparks in Berlin (Ost), zusammen mit der Moderatorin Annemarie Brodhagen die Zuschauer von 1959 bis 1990 zum "Tierparkteletreff" und zum Rundgang durch den Berliner Tierpark ein. Wolfgang Ullrich (Direktor des Dresdener Zoos) erzählte in "Der gefilmte Brehm" von seinen zoologischen Reisen nach Afrika und Asien. Er machte wie Grzimek frühzeitig auf die Bedrohung der Tierwelt durch den Menschen aufmerksam.

"Sterns Stunde" – Kritik an der Zerstörung der Natur

Im bundesdeutschen Fernsehen nahm in den 1970er Jahren die Kritik an der selbstverschuldeten Zerstörung der Natur zu. Horst Stern wandte sich ab 1970 in zunehmend schärferem Ton der einheimischen Tierwelt zu. Für seine Sendereihe "Sterns Stunde" (SDR, ab 1970) filmte er in heimischen Wiesen und Wäldern, ging in Viehställen und im Zirkus den Lebensbedingungen der Tiere nach, zeigte das miserable Leben von Hund, Pferd und Schwein, Hirsch, Igel und Biene und befragte Menschen nach ihrem Umgang mit Tieren. Am Ende der 1970er Jahre resignierte er jedoch und gab seine Fernsehberichterstattung ganz auf.

Auch wenn Tiervideos und vor allem "Cat Content" im Internet überall päsent sind – Tiersendungen im Fernsehen bilden weiterhin eine große Attraktion, weil sie Zusammenhänge zeigen und Erklärungen geben. ARD und die Dritten Programme produzieren und zeigen mit Erfolg verschiedene Zoo- bzw. Tierpark-Doku-Soaps wie "tierisch gut!" (Das Erste, seit 2011), "Eisbär, Affe & Co." (SWR, seit 2006), "Elefant, Tiger & Co." (MDR, seit 2002) oder "Giraffe, Erdmännchen & Co." (HR, seit 2006). Das ZDF steuert seit 2006 diverse "Schnauzen"-Sendungen bei (z. B. "Berliner Schnauzen", "Dresdener Schnauzen", "Ostsee-Schnauzen"). Beim Privatsender Vox laufen "hundkatzemaus – Das Haustiermagazin" (seit 2001) und "Hautnah: Die Tierklinik" (seit 2016).

Wissens- und Wissenschaftsvermittlung

Das Moderatoren-Duo des ProSieben-Wissensmagazins GalileoDas Moderatoren-Duo des ProSieben-Wissensmagazins Galileo (© AP)

In den späten 1990er Jahren entdeckten auch die kommerziellen Programmanbieter diese Programmgattung als neuen Quotenbringer und heute ist die Welt der Wissens- und Wissenschaftsmagazine vielfältiger denn je: "Leschs Kosmos" (zuvor "Aus Wissenschaft und Forschung" und "Abenteuer Forschung"),"Terra X" (bis 2011 "Abenteuer Wissen", beide ZDF), "Quarks & Co" (WDR), "W wie Wissen" (Das Erste) und "nano" (3sat) der öffentlich-rechtlichen sowie "Clever! – Die Show, die Wissen schafft" (Sat.1, 2004–2009); aktuelle Sendereihen sind "Welt der Wunder" (seit 1996, zunächst ProSieben, dann bei RTL II und N24) und "Galileo" (auch: "Galileo Spezial" u. a., seit 1998, ProSieben mit über 5.000 Folgen) präsentieren Wissenschaft differenziert und anschaulich in einer Verbindung von Unterhaltung, Serviceangeboten und Wissensvermittlung.

Neben langen Showformaten (Ranga Yogeshwar moderiert zusammen mit Frank Elstner "Die große Show der Naturwunder", Das Erste, seit 2006) gibt es auch die in kurzen Folgen ausgestrahlte die Wissenschaftsreihe "Wissen vor acht" (Das Erste, seit 2008; seit 2011 ausgestrahlt in den Sparten "Mensch", "Natur", "Werkstatt" und "Zukunft"), jeweils mit ca. zweieinhalb Minuten Dauer vor der "Tagesschau". Versucht wird, auf unterhaltende Weise Probleme und ihre Lösungen wissenschaftlich zu vermitteln.


"Galileo" (ProSieben) und seine verschiedenen Ableger gilt als eines der erfolgreichsten (Infotainment-)Magazine der kommerziellen Rundfunkanbieter, die mit "Welt der Wunder" das erste Wissensmagazin starteten (zunächst ab 1996 bei ProSieben, dann 2005-2014 bei RTL II, inzwischen ein eigener Fernsehsender). Ebenso wie die technischen und wissenschaftlichen Entwicklungen selbst sind auch die Möglichkeiten ihrer Vermittlung vorangeschritten. Komplexe Vorgänge werden mit Hilfe von Computeranimationen und aufwändigen Studioinstallationen erklärt und veranschaulicht. Dabei gelingt es auch, abstrakte Vorgänge oder Prozesse im nicht sichtbaren Bereich der Physik darstellbar zu machen. Daneben können sich aber auch klassisch angelegte Wissensmagazine wie "LexiTV" (MDR, seit 2002) behaupten.

Showformate

Eine unterhaltsame Art der Wissensvermittlung fand sich in Showformaten wie der "Knoff-Hoff-Show" (ZDF, 1986–1999; 2002–2004) oder "Clever! – Die Show, die Wissen schafft" (Sat.1, 2001–2009). Hier hatte die "Entertainisierung" des gesamten Fernsehprogramms den Programmbereich der Wissensvermittlung erfasst, der der Unterhaltung grundsätzlich eher fern steht. Ob es damit gelang, komplexe wissenschaftliche Vorgänge transparenter zu machen, bleibt umstritten, zumindest aber konnte damit ein breiteres Interesse für Wissenschaft und Technik erzeugt werden, was mit unterhaltsamen Kurzformaten wie "Wissen vor acht" (Das Erste, seit 2008) fortgeführt wird.

"Quarks & Co" wird seit 1993 vom WDR ausgestrahlt – zunächst vierzehntägig und ab 2007 wöchentlich. Initiator und Moderator der Sendung ist Ranga Yogeshwar, der zuvor in der "Hobbythek" Co-Moderator von Jean Pütz war. Sein Markenzeichen ist es, sich für Experimente und Versuche selbst zur Verfügung zu stellen. "Quarks & Co" behandelt nicht nur naturwissenschaftliche sondern auch viele Alltags-Themen (z.B. aus Bildung, Ernährung oder Gesundheit). (Ausschnitt aus der Sendung vom 26.1.2010) (© WDR, 2010)

Zur Wissenschaftsvermittlung im Fernsehen gehören natürlich auch andere Wissenschaftsbereiche, wie z. B. die der Geisteswissenschaft, der Pädagogik oder auch der Philosophie und der Geschichte. Sie werden im Themenbereich "Kultur und Bildung" vorgestellt.


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