Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Zeit der Comedy-Formate

picture-alliance/ dpaDer Schauspieler, Kabarettist, Schriftsteller, Komponist und Filmproduzent im Oktober 1970 in der TV-Sendung "Zwischenmahlzeit". Heinz Erhardt bestach mit seiner unverwechselbaren hintersinnigen Komik und seinen humorigen Wortspielen und Wortverdrehungen. (© picture-alliance/dpa)


Frühe Comedy-Formate


Frühe Beispiele einer Comedy-Unterhaltung, die sich vom Kabarett absetzte, gab es bereits in den 1960er und 1970er Jahren in den öffentlich-rechtlichen Programmen. Sie verbinden sich mit den Namen Jürgen von Manger und Gisela Schlüter, Insterburg & Co., Karl Dall und Didi Hallervorden, Mike Krüger, Otto Waalkes und Sendetiteln wie "Zwischenmahlzeit" (ARD, 1963–1982), "Nonstop Nonsens" (ARD, 1975–1980), "Plattenküche" (WDR, ab 1976; ARD, ab 1977–1980) und "Bananas" (ARD, 1981–1984), wo Klamauk mit der Präsentation von Musikvideos verbunden wurde.

Loriot

An dieser Stelle ist auf eine andere Tradition hinzuweisen, die zur Comedy im deutschen Fernsehen der 1990er Jahre führt: Loriot. Vicco von Bülow hatte als Cartoonist seit 1967 die Magazinsendung "Cartoon" in der ARD moderiert und sie zunehmend mit eigenen Filmen und humoristischen Ansagen versehen. 1971 entwarf er für die ZDF-Sendung "Drei mal Neun" den Hund Wum. 1976 entstand für Radio Bremen die Reihe "Loriot" mit gezeichneten und gespielten Sketchen (zusammen mit Evelyn Hamann). Immer wieder ging es in den seitdem mehrfach im Fernsehen wiederholten Sketchen darum, die Absurditäten des Alltags aufzuzeigen.

"Das Fernsehen mit seinen Programmen wurde zum Fundort für realsatirische Beispiele und zum Gegenstand permanenter ironischer Zuspitzungen. Das Schrille, Freche, teilweise Obszöne traten in den Vordergrund und wurden – rückwirkend auf das Kabarett angewandt – zu Mitteln der satirischen Provokation und der 'unerhörten' Anspielungen" [1].

Kabarettisten und Comedians in den 90er Jahren


Der Kabarettist Urban Priol aus der Sendung "Neues aus der Anstalt"Der Kabarettist Urban Priol aus der Sendung "Neues aus der Anstalt" (© ddp/AP)

Die öffentlich-rechtlichen Anstalten pflegten das klassische politische Kabarett als kulturell wertvolle Kleinkunst und gewährten dieser weitgehende Freiheiten. Die vermeintlich unpolitischere Comedy hat zwar bei den öffentlich-rechtlichen Sendern eine gewisse Tradition. Comedy wird jedoch eher den kommerziellen Sendern zugeschrieben, die Comedy als Programmsparte ausgebaut und schließlich ganze Themenabende dazu gesendet haben. Parodien, Sketch- und Nonsens-Formen gelten im Hinblick auf eine kritische Thematisierung von Politik und Gesellschaft oftmals als anspruchslos, obgleich Comedians wie Ingo Appelt oder Michael Mittermaier durchaus politische Anliegen verfolgten und damit im Unterschied zur Garde der etablierten Kabarettisten ein sehr junges Publikum erreichten.

In den 1990er Jahren folgten Sendungen wie "Total normal" von und mit Hape Kerkeling (ARD, 1989–1991) mit seiner legendären Imitation der niederländischen Königin, "Schmidteinander" mit Harald Schmidt und Herbert Feuerstein (ARD/WDR, 1990–1994), "Wat is?" mit Jürgen von der Lippe (ARD, 1995–2000) sowie Harald Schmidts Reihe "MAZ ab" (zuerst 1988–1989 auf WDR und NDR, dann 1989–1991, ARD), in denen systematisch das Fernsehen thematisiert und von seiner teilweise lächerlichen Seiten gezeigt wurde.

"RTL Samstag Nacht"

Erste Besetzung von "RTL Samstag Nacht"Erste Besetzung von "RTL Samstag Nacht" (© RTL)

So wie Loriot in zahlreichen Parodien, nahm die RTL-Show "RTL Samstag Nacht" das Fernsehen selbst aufs Korn. Von 1993 bis 1998 ausgestrahlt, war "RTL Samstag Nacht" die erste große Comedy-Serienshow im deutschen Fernsehen (nach dem amerikanischen Vorbild "Saturday Night Live") und wurde zum Vorbild zahlreicher anderer deutscher Comedy-Sendungen. Wigald Boning, Olli Dittrich, Esther Schweins, Mirco Nontschew und andere wurden durch diese Sendung zu Stars ihres Genres.

Die Serie hatte eine Reihe fester Formen, wie z. B. der Fast-Food-Sketch "Kentucky schreit ficken" (als Buchstabendreher des Namens der amerikanischen Fast-Food-Kette "Kentucky Fried Chicken"), "Zwei Stühle – eine Meinung" mit Wigald Boning und Olli Dittrich, in der Interview-Situationen persifliert wurden, oder die Nummer "Karl Ranseier ist tot", eine fiktive Todesmeldung, die zum running gag der Reihe wurde.

"Kalkofes Mattscheibe" und die "Sat.1 Wochenshow"

Ähnlich arbeiteten Oliver Kalkofe in "Kalkofes Mattscheibe" (1994–1998 unverschlüsselt auf Premiere, ab 2003–2008 ProSieben) und nicht zuletzt die "Sat.1 Wochenshow" (1996–2002, wurde bis 2008 wiederholt). Sie ging parodistisch auf das aktuelle Tagesgeschehen ein, glossierte Fehlverhalten von Prominenten und brachte Parodien auf zahlreiche Fernsehsendungen, insbesondere auf Werbung. Sie operierte mit zahlreichen feststehenden Figuren, z. B. Bastian Pastewka als Sex-TV-Moderator Brisko Schneider, Ingolf Lück als utopischer Rentner, Anke Engelke als Ricky auf dem Popsofa. Die Serie erlangte rasch Kult-Status und viele der Sprüche, die hier fielen wie z. B. "Komme ich jetzt im Fernsehen?", "Zurück zu Lück" oder "Danke, Anke" gingen in die Jugendsprache ein. Für einige der Comedians – wie z. B. Anke Engelke – wurde die Sendereihe zum Startplatz ihrer Fernsehkarriere.

Fußnoten

1.
Hickethier 2008a, S.198.

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