Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Volkstheater und Familiengeschichten

Schauspielerin Heidi Kabel und ihr Mann Hans Mahler, Leiter des Hamburger Ohnsorg-TheatersSchauspielerin Heidi Kabel und ihr Mann Hans Mahler, Leiter des Hamburger Ohnsorg-Theaters (© picture-alliance/dpa, Fotoreport)


Volkstheater als Fernsehunterhaltung


Zu den Formen der Fernsehunterhaltung wird in aller Regel das volkstümliche Theater gezählt, das in Theateraufzeichnungen, später in spezifischen Fernsehinszenierungen präsentiert wurde. Hier handelt es sich um eines der vielen, die Sendeformen überschreitenden Phänomene der Programmentwicklung im Fernsehen, denn die Theaterinszenierungen vom Ohnsorg- und Millowitsch-Theater im Westen und der Moritzburg im Osten gehören zum Programm der fiktionalen Darstellung, also zum Fernsehspiel und Fernsehfilm.

Aber weil es sich hier um Formen handelt, die sehr stark auf das Interagieren mit einem Saalpublikum und auf eine mediale Präsentation ausgerichtet sind, die der der Unterhaltungsshows ähnelt, und weil sie letztlich auf populäre Formen und Inhalte setzen, gelten sie ebenfalls als Teil der Fernsehunterhaltung.

Beginn mit Klassikern in den 50er Jahren

Als in der Bundesrepublik das Fernsehen in den frühen 1950er Jahren mit seinem Programm begann, wählte man mit Goethes "Vorspiel auf dem Theater" einen Bühnenklassiker als Vorlage für das erste Nachkriegs-Fernsehspiel, bei dem man sich noch mit einer acht Quadratmeter großen Bühne begnügen musste. Ähnliche Probleme plagten die Mitarbeiter des Ost-Fernsehens. Erst nachdem am 1. Mai 1953 ein größeres Studio bezogen worden war, konnte man dort ein längeres – d. h. 20-minütiges – Spiel realisieren. Die Wahl fiel auf "Der hessische Landbote" von Horst Heydeck [1].

Volkstheater im Westfernsehen

Von den Theater-Mitschnitten und Fernseh-Inszenierungen der zum literarischen Kanon gehörenden Dramen hoben sich die Aufführungen der sogenannten Volkstheater ab, die zumeist in Dialektform Schwänke, Lustspiele und leichte Komödien boten. Die erste Direktübertragung im Fernsehen der Bundesrepublik verdankte sich allerdings einem Missgeschick: Als am 27. Oktober 1953 das Eishockeyspiel Deutschland – UdSSR kurzfristig abgesagt wurde, füllte der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) die Programmlücke mit dem Kölner Millowitsch-Theater und seiner Inszenierung des 1936 entstandenen Militärschwanks "Der Etappenhase" [2]. Volksstücke dieser Art waren fortan häufig zu sehen. Mundart-Theatern wie dem Hamburger Ohnsorg-Theater oder dem eigens für das Fernsehen geschaffenen bayerischen "Komödienstadel" wurden gute Sendeplätze zugeteilt, weil sie auf ein großes Publikum stießen.

Bühnenschauspieler wie Heidi Kabel und Henry Vahl (vom Ohnsorg-Theater) wurden in ganz Deutschland bekannt und zu beliebten Stars. Der kommerzielle Anbieter RTL hatte mit "Peter Steiners Theaterstadl" bis 1992 ebenfalls Volkstheater im Programm, beendete die Reihe aber trotz anhaltenden Erfolgs, weil sie das angestrebte junge Publikum nicht erreichte. Heute finden sich derartige Angebote vorrangig in den ARD-Regionalprogrammen.

Nicht in jedem Fall waren die Fernsehtechniker in den Schauspielhäusern willkommen. 1953 kam es im Hamburger Operettenhaus zu regelrechten Tumulten im Publikum. Ein Mitarbeiter meldete dem Intendanten Werner Pleister: "Die Lage wurde dann so bedrohlich, dass wir von der Übertragung Abstand nehmen und den Dolly, der die Sicht am stärksten behinderte, zurückziehen mussten" [3]. Derartigen Vorfällen suchte man später durch die Ausgabe von Freikarten entgegenzuwirken.

Neue Darstellungskonventionen

In dem Maße, wie sich die fiktionalen Produktionen des Fernsehspiels, des Fernsehfilms und der Fernsehserien in den 1970er und 1980er Jahren durch den Einsatz des Films von den eher statisch wirkenden Bühnen- und Studioinszenierungen lösten, folgten sie filmischen Darstellungskonventionen, so dass Koproduktionen mit dem Kino bald keine Besonderheit mehr darstellten. Zeitgleich nahm das Interesse an den Theaterinszenierungen im Fernsehen ab.

Trotz des abnehmenden Interesses gab es noch bis in die 1980er Jahre hinein Volkstheateraufführungen im Fernsehen, ebenso Boulevardtheater (ohne Mundartaufführungen), unter anderem als Aufzeichnungen aus den Boulevard-Theatern großer Städte, wie z. B. dem Theater am Kurfürstendamm in Berlin, in dem damals bekannte Fernsehstars wie Günter Pfitzmann, Georg Thomalla und Karin Eickelbaum auftraten.

Die öffentlich-rechtlichen Sender überließen die Ausstrahlung oder Übertragung zeitgenössischer Inszenierungen mit der Zeit den als Kulturkanälen konzipierten Programmen 3sat und arte. Von 1999 bis 2011 unterhielt das ZDF den digitalen Theaterkanal (Slogan: "Die ganze Welt ist Theater"). Dieser wurde 2011 in ZDFkultur umgewandelt und im Herbst 2016 eingestellt.

"Heitere Dramatik" im DDR-Fernsehen


Der Deutsche Fernsehfunk bemühte sich von Anfang an um die "heitere Dramatik", wie die Lustspiel-, Schwank- und Komödienproduktion in der DDR genannt wurde. Diese Bezeichnung hängt damit zusammen, dass der Begriff des Fernsehspiels im DDR-Fernsehen durch den der 'Fernsehdramatik' ersetzt wurde, weil man die fiktionalen szenischen Darstellungsformen als Teil einer übergreifenden Gattung der Dramatik ansah. Im Deutschen Fernsehfunk gab es deshalb eine eigenständige Redaktion "Heitere Dramatik", die viele als volkstümlich geltende Stücke bei DDR-Autoren in Auftrag gab.

Dabei war von vornherein klar, dass man auf die Stücke, die vor 1945 von den Lustspiel- und Schwankautoren verfasst worden waren, nicht zurückgriff, weil diese – vielfach zu Recht – als ideologisch belastet galten. Es sollten Stücke sein, die eine auf die DDR-Alltagsrealität hin orientierte Thematik entwickelten. Beispielhaft war die dreiteilige Fernsehkomödie von Hermann Rodigast und Klaus Gendries "Aber Vati!" von 1974 (mit einer Fortsetzung im Jahr 1979) um den allein erziehenden Erwin Mai (Erik S. Klein) der ca. 10-jährigen Zwillinge Kalle und Kulle, welcher nach etlichen Ereignissen und Turbulöenzen um die beiden Söhne die ebenfalls alleinerziehende Monika Büttner (Helga Labudda) heiratet.

Fernsehtheater aus der Moritzburg

Im Hallenser Fernsehtheater Moritzburg wird die Spielzeit 1981 eröffnet.Im Hallenser Fernsehtheater Moritzburg wird die Spielzeit 1981 eröffnet. (© Bundesarchiv, Bild 183-Z0206-022 / Fotograf: Thomas Lehmann)

Anfang der 1960er Jahre war der Parteifunktionär und spätere Volkskammerpräsident Horst Sindermann auf die "ehrgeizige Idee" [4] gekommen, in Halle ein Fernsehstudio zu gründen, das sich der Produktion heiterer und volkstümlicher Stücke verschrieb. Sindermann hatte selbst Fernsehstücke inszeniert [5]. Als Spielort für das neue Fernsehtheater – ganz in der Tradition des bayerischen "Komödienstadel" oder der Millowitsch-Bühne – wurden Räume in der mittelalterlichen Moritzburg bei Halle ausgewählt, obwohl sie sich als Produktionsräume für das Fernsehen letztlich als nicht optimal erwiesen. Die erste aus der Moritzburg im DFF gesendete Produktion war 1965 die Inszenierung "Das Himmelbett" von Hanns Anselm Perten. Vor allem die Stücke von Hermann Rodigast ("Opa und das blaue Wunder", 1968) wurden hier inszeniert. Es waren heitere Stücke, die zugleich immer etwas bieder wirkten [6] und sich zahlreicher Klischees wie der der "pfiffigen Berlinerin", des "eingebildeten Kranken", der "taten- und trinkfreudigen Traktoristin", der "aufgeweckten Jungpioniere" und des "ruppigen Bürgermeisters" bedienten, wie eine interne Kritik des Fernsehens der DDR 1975 kritisch anmerkte [7].

Kritik an der Volkstümlichkeit

In der Benutzung solcher Stereotypen unterschied sich die heitere Dramatik nicht von den Volksstücken des bundesrepublikanischen Fernsehens, bei denen der WDR-Redakteur Martin Wiebel und Theatermacher Melchior Schedler etwa zur gleichen Zeit die Frage stellten, was denn ihre "Volkstümlichkeit" ausmache und ob "das Volk so tümlich" sei, womit sie auf eine gewisse geistige Beschränktheit der Figuren und ihrer Handlungen verwiesen [8]. Das Fernsehtheater Moritzburg produzierte bis zum Ende des DDR-Fernsehens zahlreiche Inszenierungen, die im Fernsehen übertragen wurden [9].

Fußnoten

1.
Vgl. Müncheberg 2000, S.37.
2.
Vgl. Hickethier 2008, S.368f.
3.
Schreiben Karl Peters an Intendant Pleister vom 5.4.1953, vgl. Wagner 2006, S.266f.; ferner HÖRZU 1979.
4.
Ebd., S.196f.
5.
Steinmetz/Viehoff 2008. S.197ff.
6.
Steinmetz/Viehoff 2008, S.306f.
7.
Ebd.
8.
Vgl. Schedler 1973.
9.
Vgl. Kuseb u. a. 2007.

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