Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Themen und Formen ab 1970 (DDR)

Pittiplatsch (li.) und SchnatterinchenPittiplatsch (li.) und Schnatterinchen (© picture-alliance, ZB)


70er Jahre: Zielgruppenforschung



Wie in den Jahrzehnten zuvor gab es auch in den 1970er Jahren von Partei und Staat formulierte ideologische Zielvorstellungen sowie eine direkte und indirekte Einflussnahme der SED auf das Kinderfernsehen. Die Programm-Macher reagierten darauf sehr unterschiedlich. Die Suche nach Gestaltungsräumen für versteckte Botschaften spielte bei den Fernsehmachern ebenso eine Rolle wie der Wunsch nach einer (fernseh-)ästhetischen Erziehung der Kinder. Der Ehrgeiz, einfach gute Sendungen zu machen, war ebenso vertreten wie die Auffassung, in einer besseren Gesellschaft zu leben, und dies den Kindern vermitteln zu wollen.

Stärkere Systematisierung des Kinderfernsehens

Das DDR-Kinderfernsehen sollte in den 1970er Jahren stärker systematisiert, d. h. differenziert auf die Zielgruppen ausgerichtet werden, und dort jeweils ein informatives und unterhaltendes Element enthalten [1]. Maßnahmenpläne wurden erarbeitet: Ein Beirat wurde einberufen, der mit Vertretern gesellschaftlich relevanter Gruppen besetzt war, die Akademie der Pädagogischen Wissenschaften wurde um Rat gefragt, und man ließ die Nutzungsgewohnheiten der kindlichen Zuschauer vom Institut für Meinungsforschung, das beim ZK der SED angesiedelt war, erkunden.

Zielgruppenforschung in der DDR

Zudem wurde das Zentralinstitut für Jugendforschung konsultiert und andere Kindermedien (z. B. der FDJ-Verlag "Junge Welt") einbezogen. Man stimmte die Pläne mit den für das Bildungs- bzw. Schulfernsehen zuständigen Redaktionen und mit dem Ministerium für Volksbildung ab. Weiterhin suchte man Unterstützung seitens der osteuropäischen Fernsehorganisation Intervision (vergleichbar der westeuropäischen Organisation der Eurovision) über den Austausch passender Sendungen [2]. Daraus resultierte die "Längerfristige Konzeption bis 1980", welche die Abteilung für Fernsehdramatik für Kinder 1974 verfasste.

Perspektive der Kinder im Mittelpunkt

Auffällig war die Ernsthaftigkeit, mit der nun die Sichtweise der Kinder einbezogen wurde. Die Fernsehmacher stellten sich auf die Seite des Kindes, versuchten dessen Perspektive einzunehmen und mit der Darstellung von Realität zu verbinden. Die jungen Zuschauer sollten sich mit den Kindern auf dem Bildschirm identifizieren können, sie sollten in den Geschichten etwas von ihrem Alltag wiederfinden. Die auf dem Bildschirm agierenden Kinder sollten einem "Ideal von Kindsein entsprechen oder sich zu einem solchen entwickeln"[3]. Diese Kinder waren selbstbewusst, engagierten sich für andere und hatten Ansprüche an sich und andere.

"Märchenland" in der Krise?


Wie schon in den 1960er Jahren blieben beliebte Reihen wie der "Abendgruß des Kinderfernsehens" ("Das Sandmännchen"), die Sendereihe "Zu Besuch im Märchenland" und die "Flimmerstunde" (die Nachfolgesendung von "Zu Gast bei Professor Flimmrich") weiter bestehen. Der "Abendgruß" erfreute sich auch zu diesem Zeitpunkt großer Beliebtheit – trotz mancher Kritik von Pädagogen und Fernsehredakteuren an seinem 'unzeitgemäßen' Erscheinungsbild. Es war immerhin ein Programm, das noch für Devisen verkauft werden konnte, die das DDR-Fernsehen dringend brauchte. Die Sendung genoss gerade wegen ihrer Kontinuität ein hohes Ansehen bei den DDR-Zuschauern, die sie schon als Kinder gesehen hatten.

Nach dem Tod von "Meister Nadelöhr"

Anders war die Situation bei "Zu Besuch im Märchenland" (1954–1991). Nicht gelungen war in den 1970er Jahren die Neukonzipierung der Sendung nach dem Tod von Eckehard Friedrichson (1976), der den "Meister Nadelöhr" verkörpert hatte. Das "Märchenland" der früheren Jahre gab es nicht mehr. Was immer noch durchschnittlich 25 % der Kinder an den Bildschirm lockte, das waren der freche Pittiplatsch, die mädchenhaft kluge, manchmal etwas zänkische und zickige Ente Schnatterinchen und die Hoffnung, einen Film zu sehen, den man noch nicht kannte, oder einen, der so gut war, dass man ihn sich gerne noch einmal ansah.

Ständige Wiederholungen in der "Flimmerstunde"

Wenig diskutiert wurde über die "Flimmerstunde". Ihr Problem bestand darin, dass es kaum Filme gab, die hier gezeigt werden konnten. Während in den 1950er und 1960er Jahren, in denen Spielfilme noch nicht das Programm dominierten, Wiederholungen noch nicht zum Problem geworden waren, waren nun neue und Erfolg versprechende Produktionen kaum verfügbar oder nicht zu bezahlen. Hollywood mit seinen Spielfilmen und Serien war auf den Bildschirmen des bundesdeutschen Fernsehens präsent und bildete eine attraktive Alternative zum eigenen Programm. Die Verantwortlichen im DDR-Fernsehen verfügten kaum über Devisen, um hier mithalten zu können.

Die wöchentliche "Flimmerstunde" am Samstagnachmittag stand also häufig vor der Entscheidung, entweder beliebte Filme zum dritten oder vierten Mal zu senden oder weniger attraktive Filme ins Programm zu nehmen. Das führte dazu, dass die wenigen vorhandenen Filme in immer kürzeren Abständen wiederholt wurden. Das bemerkten natürlich auch die Zuschauer, wie heute noch in manchen Weblogs zu lesen ist, die sich nostalgisch mit alten Fernsehsendungen beschäftigen.

Fiktionales Familienprogramm

"Die Regentrude" gehört zu den großen Märchen-Verfilmungen des DDR-Fernsehens in den 70er Jahren. Sie basiert auf einem Kunstmärchen von Theodor Storm, das im Drehbuch von Ursula Schmenger in verschiedenen Details für die Verfilmung verändert wurde. (Ausschnitt aus der Sendung vom 25.12.1976) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1976)

Bemerkenswert waren vor allem fiktionale Produktionen, also Fernsehspiele für Kinder, die zum integrierten Bestandteil des Samstagnachmittags sowie des Sonntagvormittags und damit zum Teil eines Familienprogramms gemacht wurden. Die Redaktion betonte, dass "wir keine spezielle Kinderwelt anstreben, sondern uns der objektiven gesellschaftlichen Einheit zwischen Heranwachsenden und Erwachsenen verpflichtet fühlen"[4]. Fernsehspiele wie "Karlemanns Brücke" (1975), bei dem NVA-Soldaten den Kindern eines Dorfes helfen, bei einem Brückenneubau ihre Hütte zu erhalten, nahmen noch die Perspektive der Kinder ein.

Fernsehspiele als Familienprogramm

Fernsehspiele, die Kinder in den Mittelpunkt des Geschehens stellten, wurden zunehmend so konzipiert, dass sie auch für erwachsene Zuschauer ansprechend waren: "Geschwister" (1975) z. B. erzählte von zwei Teilfamilien. Der Mann mit einem kleinen Jungen und die Frau mit zwei relativ selbstständigen Kindern wollten in diesem Film nur dann zusammenziehen, wenn sich die Kinder verstünden, was schließlich nach einigen Verwicklungen auch geschah. "Jozia, die Tochter der Delegierten", eine Koproduktion des DDR-Fernsehens und des Polnischen Fernsehens (1977), schilderte den antifaschistischen Kampf aus der Sicht eines polnischen Mädchens in den 1920er Jahren.

Märchenverfilmungen der 1970er Jahre

Die neunteilige Gruselserie "Spuk unterm Riesenrad" von C. Ulrich Wiesner und Günter Meyer, die im gleichen Jahr auch im West-Fernsehen gezeigt wurde, erzählt die Spukgeschichten, welche die drei Kinder Keks, Umbo und Tammi erleben. Diese verbringen die Sommerferien bei ihren Großeltern, die in Berlin eine Geisterbahn betreiben. (Ausschnitt aus Folge 1 "Die Ausreißer" 1.1.1979) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1979)

International beachtete Märchenverfilmungen waren z. B. 1975 "Die schwarze Mühle" von Celino Bleiweiß (eine Verfilmung der berühmten "Krabat"-Erzählung des sorbischen Autors Jurij Brežan, die sich in märchenhafter Form mit dem Widerstand gegen die Unterdrückung auf dem Lande befasst), 1977 "Der Hasenhüter" und "Die zertanzten Schuhe", beide von Ursula Schmenger, 1978 "Der Meisterdieb" von Wolfgang Hübner sowie 1979 "Die Regentrude" von Ursula Schmenger. Die Spukgeschichten "Spuk unterm Riesenrad" (1979) erzählten davon, wie sich drei Märchenfiguren aus einer Geisterbahn selbstständig machten, die Großstadt Berlin und andere Bereiche erkundeten und dabei auf zahlreiche Dinge stießen, die sich nicht mit ihren märchengebundenen Vorstellungen vertrugen.

Fußnoten

1.
Steinmetz/Viehoff 2008, S. 336.
2.
Ebd.
3.
Ebd., S.337.
4.
Steinmetz/Viehoff 2008, S.342.

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