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Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Jugendprogramme nach 2000

DSDS-Gewinner Daniel Schuhmacher jubelt nach dem Finale der RTL Castingshow "Deutschland sucht den Superstar"DSDS-Gewinner Daniel Schuhmacher jubelt nach dem Finale der RTL Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" (© ddp/AP)


Zur Jahrtausendwende hatten die Musikclips bereits ihre Bedeutung als Werbeträger und ihre popkulturelle Aussagekraft verloren. Das interessierte Publikum bezog seine Musik mittlerweile aus dem Internet, auch waren und sind dort Clips fast nach Belieben verfügbar. Die für ihre Eigentümer ohnehin wenig profitablen Clip-Kanäle waren überflüssig geworden. Eine Folge dieser Entwicklung war u. a., dass MTV 2011 in einen Pay-TV-Sender umgewandelt wurde. Im Musikbereich wurden Castingshows der neue Renner, darüber hinaus sehen sich Jugendliche insbesondere Scripted Reality-Formate an.

Neue und neu aufgelegte Musiksendungen

1996 erlebte der WDR-"Rockpalast" nach einer mehrjährigen Pause eine Wiedergeburt. Er wurde der veränderten Nachfrage angepasst und entsprach der Einführung diverser Unterlabels. Es gab unter anderem die "Classic Nacht", "Rockpalast Bootleg" und "Intro Intim".

Regelmäßig war das "Rockpalast"-Team bei den großen Festivals präsent. Spätestens mit der Renaissance des Live-Konzerts Anfang des neuen Jahrtausends, war die Sendung wieder auf der Höhe der Zeit. Außer im WDR sind "Rockpalast"-Produktionen auch auf 3sat und im ARD-Digitalkanal Einsfestival (seit 2016 "ONE") zu sehen. 3sat veranstaltet zusätzlich an besonderen Tagen den Thementag "Pop around the clock". 24 Stunden lang werden Live-Auftritte unterschiedlichster Künstler aneinander gereiht.

Ebenso verfahren Sat.1 mit dem "Sat.1 Music Special" (seit 2002) und ProSieben mit "WE LOVE in Concert". In beiden Reihen sind gelegentlich zu nächtlicher Stunde Konzertausschnitte oder Musikdokumentationen von auch bei Jugendlichen beliebten Künstlern zu sehen.

Live-Musik-Formate

3sat unterhielt überdies einen regelmäßigen Sendeplatz für Live-Musik im freitäglichen Nachtprogramm, in der Hauptsache ein Jazztermin, auf dem aber auch verwandte Sparten wie Funk und Rockjazz zur Ausstrahlung gelangten. Auch Freunde US-amerikanischer Country-Musik wurden von 2001 bis 2014 bei 3sat fündig: Die Sendereihe "Country Roads" stellte neueste Clips aus den USA vor, gelegentlich ergänzt um Sondertermine wie die US-Galaveranstaltung Country Music Association Awards. Eigene Live-Produktionen zeigte der SWR in der Reihe "SWR 3 Late Night Extra" bis 2013. Das Spektrum umfasste Künstler wie Herbert Grönemeyer, Scissor Sisters und 2raumwohnung.

In unregelmäßigen Abständen präsentiert der Kultursender arte ebenfalls Live-Mitschnitte sowie ausgiebige Festivalberichte, zum Beispiel über das Open-Air-Konzert in Wacken. Kompetenten und hintergründigen Musikjournalismus leistet darüber hinaus das wöchentliche arte-Kulturmagazin "Tracks" (seit 1997).

Popmusik mit Show-Elementen

Die Verbindung von Popmusik mit Show-Elementen finden sich in Sendereihen wie "Die ultimative Chart Show" (RTL, seit 2003) oder "Die Hit-Giganten" (Sat.1, 2003-2010). Sie findet sich ebenfalls in diversen Musik-Castingshows, die der Suche nach Nachwuchsinterpreten oder der Zusammenstellung einer neuen Band dienen. Die verschiedenen Musik-Castingshows haben direkte Vorbilder in den Produktionen "Star Search" (USA, 1983–1995 und 2003–2004), "Popstars" (Australien/Neuseeland, seit 1999) und "Making the Band" (USA, seit 2000, MTV).

Musik-Doku-Soaps und Castingshows

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Die am 14. November 2000 im RTL II-Abendprogramm gestartete Star-Schmiede "Popstars", zwischendurch bei ProSieben beheimatet, hat demgegenüber einen hohen Doku-Soap-Anteil und traf auf ein fasziniertes Publikum. RTL erwarb die deutschen Rechte an der britischen Show-Reihe "Pop Idol". In Deutschland heißt das in alle Welt verkaufte Format "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) und ist seit Herbst 2002 mit 13 Staffeln (Stand: 2016) erfolgreich. Durch den Erfolg von DSDS wurde in Deutschland ein regelrechter Casting-Boom ausgelöst mit Castingshows im Bereich Musik (z. B. "Popstars"; "The Voice of Germany", ProSieben/Sat.1, seit 2011) und zu diversen Themen (z. B. Mode, Kochen; ausführlicher im Themenbereich "Unterhaltung").

Scripted Reality

Im Trend gerade bei Jugendlichen liegen die ca. seit 2008 verstärkt produzierten Scripted Reality-Soaps mit Laiendarstellern, wie "Berlin – Tag und Nacht" (RTL II, seit 2011) und der Ableger (spin-off) "Köln 50667" (RTL II, seit 2013). Sie sind zugleich billig und wirken authentisch. Fragwürdig ist, dass es jüngeren Zuschauern oft schwer fällt, diese Sendungen als Inszeniert bzw. "gescripted" (= nach Drehbuch gespielt) wahrzunehmen. Daher wurde eine Kennzeichnungspflicht der Sendungen eingeführt. Als problematisch kann auch der nicht selten vulgäre Sprachgebrauch gewertet [1] (ausführlicher im Themenbereich "RealityTV").

Fernsehen und Videos im Internet

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Medienumgang Jugendlicher: Internet – Fernsehen im Vergleich

Der beliebteste Weg zu Medieninhalten ist bei Jugendlichen das Internet:
  • Über 90 % besitzen ein Smartphone
  • fast 90 % einen eigenen Internetzugang
  • ca. 75 % einen Computer/Laptop.
  • Einen eigenen Fernseher mit Internetzugang haben ca. 14 % (einen Fernseher ohne Internet ca. 57 %).
Entsprechend gestaltet sich die mediale Freizeitgestaltung. Täglich oder mehrmals in der Woche nutzen:
  • das Handy/Smartphone 94 %
  • das Internet 92 %
  • das Fernsehen 80 %.
Die subjektive Einschätzung der Wichtigkeit der Medien: "sehr wichtig/wichtig" ist
  • 90 % das Internet zu nutzen
  • 86 % das Handy zu nutzen
  • 46 % Fern zu sehen.
Quelle: JIM-Studie 2015

Die Fernsehnutzung bei Jugendlichen nimmt zwar ab – 2015: 113 Min. 2010: ca. 120 Min., 2006 ca. 135 Min.[2] – aber nicht so drastisch, dass das "klassische" Fernsehen für sie schon in absehbarer Zeit keine Rolle mehr spielen wird.

Zugleich wird "Fernsehen" bzw. werden "Fernsehsendungen" gerade von Jugendlichen zunehmend nicht mehr als an das klassische Fernsehgerät gebunden gesehen. Es kann auch sein, dass viele von ihnen gar nicht wirklich wahrnehmen, woher ein Video stammt, wenn sie es im Internet z. B. bei Facebook oder YouTube anschauen. 94 % der Kinder bzw. Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren zählen z. B. zu den Nutzern von YouTube [3]. Laut dieser Studie sagen allerdings 24 % der Befragten, dass sie "Fernsehinhalte" anschauen; am liebsten gesehen werden von 78 % aller jugendlichen YouTube-Nutzer/innen "Musikvideos".

Insgesamt bedeutet dies: Vielleicht nicht "das Fernsehen", wohl aber viele Fernsehprogramme bzw. Fernsehsendungen können die jungen Zuschauer/innen weiterhin erreichen, als "Web TV".
Viele Sender sind inzwischen im Internet mit Mediatheken präsent, darüber hinaus gibt es eigene Kanäle bei Video-Plattformen (z. B. youtube.com), Trailer bzw. Werbung für Fernsehsendungen bei anderen Anbietern (z. B. clipfish.de) oder exklusive Vorab-Ausstrahlungen (z. B. netflix.com)

Ansonsten sei an die Definition von Jugendfernsehen zu Beginn dieses Themenbereichs erinnert: "Jugendfernsehen ist das, was Jugendliche tatsächlich sehen und wofür sie eine besondere Vorliebe entwickeln." Die "Lieblingssendungen" im Jahr 2015 stammen aus den Bereichen "Sitcoms/Comedy (37 %), "Comics/Zeichentrick" (21 %), "Krimis/Mystery" (17 %) und "Scripted Reality" (15 %); die am häufigsten genannten Sendungstitel sind "The Big Bang Theory" (23 %), "How I met your mother" (22 %) und "Die Simpsons" (13 %) – alles keine Sendungen, die speziell für Jugendliche entwickelt werden [4]. Hierzu gehört auch die preisgekrönte Fiction-Serie "Club der roten Bänder" (Vox, seit 2015).

Diskussion um öffentlich-rechtliches Jugendprogramm

Auch wenn sich die öffentlich-rechtlichen Sender nicht wie die privatrechtliche Konkurrenz mit großen Teilen ihres Programms direkt an jüngere Zuschauer unter 49 Jahre wandten, weitete die ARD ihre jugendorientierten Angebote zunächst durch eine Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Programmredaktionen, insbesondere mit der Fernsehfilm-Abteilung, aus. "Kooperationen mit anderen Abteilungen der Rundfunkanstalten – besonders mit den Fernsehspielredaktionen – würden dem Jugendprogramm die Möglichkeit geben, 'Jugendthemen' von Zeit zu Zeit auch in der Form eines Spielfilms zu behandeln". Außerdem "können auf diese Weise speziell für die Zielgruppe 'Jugendlicher' produzierte Sendungen auch auf günstigere Sendeplätze – etwa des Abendprogramms – gelangen" [5].

Dies hat sich – erst recht im Internet-Zeitalter – allerdings als vergebliche Bemühung herausgestellt. Bei Jugendlichen ist der Fernsehkonsum rückläufig, gerade bezüglich der öffentlich-rechtlichen Sender, wie man selbstkritisch feststellt: Im neuen Internet-Angebot "funk.net" von ARD und ZDF wird auf die Frage "Warum gibt es euch?" sehr realistisch festgestellt: "Menschen unter 30 schauen immer weniger fern – erst recht nicht öffentlich-rechtlich". Daher hat man sich nach jahrelangem Findungsprozess nicht auf einen neuen Fernsehkanal, sondern auf ein neues "Netzwerk" geeinigt, dass seit Anfang Oktober 2016 online ist. Es werden eigene "Formate" produziert (z. B. "Kliemannsland" und "Y-Kollektiv"), die sowohl unter "funk.net" als auch über YouTube, Facebook, Snapchat und Instagram aufgerufen werden können. Ausdrücklich wird auf den "Bildungsauftrag" von ARD und ZDF hingewiesen.

Fußnoten

1.
Vgl. Gölz et al 2016.
2.
Vgl. JIM-Studien.
3.
Vgl. JIM-Studie 2015.
4.
Vgl. JIM-Studie 2015.
5.
Brandt 1979, S.25.

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