Lokaljournalismus

18.8.2012 | Von:
Michael Haller

Lokaljournalismus in den neuen Bundesländern

Einblick: Freie Presse nach ‘89 – Die Wende im Lokalen?

Die Zeitungslandschaft im Osten sollte sich nach der Wende ändern: Die Leitungspositionen wurden ausgetauscht, neue freie Zeitungen gegründet, aber auch Zeitungen an Westverlage verkauft. Wie tief war der Einschnitt im Lokalen? Standpunkt und Bestandsaufnahme vom Medienwissenschaftler Michael Haller.

Der Blick nach OstenLokalzeitungen in den neuen und den alten Bundesländern stehen heute vor der selben Aufgabe. Um die Zeit der Wende 1989 jedoch standen die Zeitungsmacher im Osten vor einer großen Herausforderung: Eine neue, freie Presse zu gestalten. (© mem-film.de/photocase.de)

Als in Ostdeutschland in der zweiten Hälfte der 90er Jahre die Stimmenanteile für die CDU und die SPD plötzlich zurückgingen und die PDS an Zuspruch gewann, vertraten mehrere westdeutsche Medienforscher die These, dass dieser Meinungsumschwung das Werk der ostdeutschen Medien sei. Denn dort würden die zu DDR-Zeiten ausgebildeten Journalisten weiterhin als Meinungsmacher wirken und insgeheim "gegen" die bürgerlichen Werte und so auch gegen die (westdeutschen) Volksparteien schreiben. Auch die berühmte Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann vertrat noch zehn Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Ansicht, dass bei den Ostdeutschen das Leitbild "soziale Gerechtigkeit" (wieder) mehr Geltung habe als das der "Freiheit", während es in Westdeutschland zum Glück genau umgekehrt sei. Offenbar hätten sich die Ostdeutschen "aus der Indoktrination der vierzig Jahre DDR-Zeit" (noch) nicht lösen können. Als Grund nannte Noelle-Neumann dies: "In Ostdeutschland hatte der totalitäre, nach 1945 errichtete Staat vierzig Jahre lang Zeit, ein gesinnungsfestes Mediensystem aufzubauen, und dieses blieb dann nach der Wiedervereinigung zu einem großen Teil erhalten." (FAZ vom 27. 9. 2000).

Wie zum Beweis publizierte das private Medieninstitut Medien Tenor im selben Jahr die Ergebnisse einer Inhaltsanalyse. Unter dem Titel "CDU und PDS Kopf an Kopf in Sachsen" wurde die These verbreitet, die Journalisten der Leipziger Volkszeitung und die der Sächsischen Zeitung würden der PDS mehr Aufmerksamkeit schenken, damit sie als Alternative zur Mehrheitspartei CDU regierungsfähig würde. Funktionierten demnach die ostdeutschen Journalisten auch ein Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der DDR als ewig-gestrige Sozialisten und Destabilisierer der bürgerlichen Ordnung?

Jene Thesen sind auch im historischen Rückblick aufschlussreich, weil sie viel über die in Westdeutschland verbreiteten Vorurteile und nur wenig über die Menschen in den neuen Bundesländern aussagen. Nicht nur, dass die Daten falsch waren (dem inzwischen umbenannten und ins Ausland abgewanderten Institut Medien Tenor wurde per Kölner Gerichtsurteil Datenmanipulation nachgewiesen; offen blieb, ob dies aus Gefälligkeit für Auftraggeber aus dem konservativen Lager geschehen war). Auffällig ist darüber hinaus, dass die Thesen der CDU-nahen Medienforscher der Überzeugung entstammten, die Westdeutschen (insb. Helmut Kohls Regierung) hätten doch alles getan, damit die Leute "drüben" die neu erworbene Freiheit genießen könnten. Und wie zum Dank würden die Ost-Journalisten, kaum hätten sie die Pressefreiheit, der alten sozialistischen Gleichmacherei das Wort reden. Dass die neuen Bundesländer – und mit ihnen die Journalisten als Beobachter der Verhältnisse – seit Mitte der 90er Jahre mit rasant steigenden Arbeitslosenquoten und einer neu einsetzenden Fluchtwelle vor allem der jungen, besser ausgebildeten Leute zu kämpfen hatten; dass die versprochenen blühenden Landschaften weiter auf sich warten ließen; dass vor allem westliche Unternehmen, insbesondere Baukonzerne am "Soli" verdienten, indem sie die ostdeutsche Infrastruktur reparierten; dass viele ostdeutsche Produktionsstätten von West-Firmen aufgekauft und Monate später stillgelegt wurden: Solche und andere Erfahrungen lösten bei vielen Ostdeutschen eine schwere Erwartungsenttäuschung aus, von der man rückblickend sagen muss: Überraschend war nicht das Anwachsen der PDS; erstaunlich ist vielmehr, dass es trotz dieser Depression in den neuen Bundesländern seit 1995 weitgehend ruhig geblieben ist (dass sich seit damals rechtsradikale Gruppen im ostdeutschen Untergrund formierten, erkannten viele Lokaljournalisten durchaus, sie unterschätzten aber deren kriminelle Energien oder fanden nicht die erforderliche publizistische Unterstützung).


"Offiziell hielt man die Klappe"

Tatsächlich hat sich der ostdeutsche Journalismus mit und seit der Wende deutlich anders entwickelt, als es einige westdeutsche Beobachter aus ihrer allzu großen Distanz haben sehen wollen. Denn die Wende setzte in mehreren ostdeutschen Zeitungsredaktionen bereits im Laufe des Spätsommers 1989 ein – nicht als Protestrevolte, sondern durch den wachsenden Widerstand gegen die Parteidoktrin. Und dieser kam im Feld des Lokaljournalismus zu Wort, indem er sich den Sorgen und Nöten – und Fragen – der Bevölkerung zuwandte.

Werfen wir einen Blick zurück in das Jahr 1989, als in der Sowjetunion ein neuer Partei- und Staatschef namens Gorbatschow mit "Glasnost" und "Perestroika" den Staatssozialismus zu reformieren versuchte, ein Unterfangen, dass vom SED-Zentralkomitee schroff abgelehnt wurde und das zu der grotesken Situation führte, dass die DDR das sowjetische Jugendmagazin "Sputnik" verbot. Im Herbst 1989 erschienen in der DDR 38 Tageszeitungen. Von diesen gab die Staatspartei 17 heraus, darunter 14 Bezirkszeitungen mit 218 unterschiedlichen Lokalteilen für die 218 Verwaltungskreise – eine flächendeckende, auf die politische Organisationsstruktur haarklein zugeschnittene Versorgung mit Ideologie. Diese Bezirkszeitungen hatten sehr hohe Auflagen, die Freie Presse in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) etwa wurde mit 680.000 Exemplaren täglich verbreitet. Die übrigen 18 Tageszeitungen gehörten den Blockparteien (wie zum Beispiel die Neue Zeit der Ost-CDU); sie erhielten aber so wenig Papier zugeteilt, dass alle zusammen unterhalb der Millionengrenze blieben. Im SED-eigenen Berliner Verlag erschien zudem noch die Stadtzeitung Berliner Zeitung und die BZ am Abend: das einzige Boulevardblatt der DDR.

Die während Jahrzehnten fest eingespielte, auf Anpassung getrimmte Überwachung der Bezirkszeitungen durch parteilinientreue Redaktionsleiter, die von linientreuen SED-Bezirkssekretären kontrolliert wurden, denen wiederum Mitarbeiter der Staatssicherheit zur Seite standen: Dieses rigide Indoktrinationssystem wurde nicht in der Zentrale in Berlin, sondern an den Rändern aufgeweicht. Zum Beispiel in Erfurt, wo die SED-Bezirkszeitung Das Volk erschien. "Glasnost und Perestroika hatten die Welt elektrisiert. Die alte Chefredaktion war verunsichert, aber blieb überzeugt, dass es zur Parteizeitung keine Alternative gäbe", erinnert sich Sergej Lochthofen, der mit anderen jungen Redakteuren im Sommer 1989 damit begann, Themen in die Zeitung zu bringen, die von den Alltagsproblemen der Leute handelten. "Wie auf den Straßen in Leipzig, so kam auch in der Zeitung die Bewegung von unten nach oben in Gang." Nachdem im Dezember 1989 die Führungsrolle der SED aus der Verfassung getilgt worden war, sagte sich die Redaktion im Januar 1990 von der SED los, wählte einen siebenköpfigen Redaktionsrat, machte den damals erst 37-jährigen Lochthofen zum Redaktionsleiter und nannte das Blatt fortan Thüringer Allgemeine. Während zwei Jahrzehnten blieb Lochthofen ihr Chefredakteur; er kümmerte sich anfangs auch um das Verlagsgeschäft und fädelte den Verkauf an den WAZ-Konzern in Essen ("Westdeutsche Allgemeine") ein, stets mit dem Ziel, politisch unabhängig bleiben zu wollen. In einem längeren Interview im Frühjahr 2010 erinnerte sich Lochthofen an jene Wendezeit: "Das Leben war damals anders, als es die Propaganda den Menschen weiß machen wollte. Auch in den Redaktionen. Es gab nur wenige, die vorbehaltslos den ganzen Unsinn glaubten. Aus Angst hielt man dennoch offiziell die Klappe. So war es nur logisch, dass wir dann die erste Enthüllungsgeschichte, die in einer Ostzeitung stand, brachten. Es ging um den Ersten Bezirkssekretär und sein Jagdhäuschen, das er auf dubiose Weise an sich gebracht hatte. Ein klarer Fall von Amtsmissbrauch. (…) Uns war ganz schön mulmig. Dann griff das Fernsehen die Sache auf. Weitere Enthüllungen über Honecker & Co. folgten. So kam auch hier der erste Anstoß aus der Provinz." (alle Zitate aus: Sergej Lochthofen: "Wir haben uns tastend vorwärts bewegt". Ein Gespräch. In: Message, Internationale Zeitschrift für Journalismus, Nr. 2/2010, S. 26-35).

Westdeutsche Zeitungen tasten sich vor

ADN-ZB Hirndorf 14.1.90 Erfurt: Umbenennung- "Das Volk", ehemals Zeitung der SED-Bezirksleitung heißt ab 15.1.1990 "Thüringer Allgemeine" und ist die erste parteiunabhängige Zeitung Thüringens.Aus dem Protest der Redakteure der SED-Bezirkszeitung "Das Volk" in Erfurt entsteht 1990 schließlich mit der "Thüringer Allgemeine" die erste parteiunabhängige Zeitung Thüringens. (© Bundesarchiv Bild 183-1990-0114-017 Foto: Hirndorf, Heinz / 14. Januar 1990)
Andere Bezirkszeitungen blieben bis zu den ersten Wahlen im Frühjahr 1990 unter der Knute der SED-Bezirkssekretäre; und in mancher Bezirkszeitung hielt sich auch die SED-Ideologie als Wahrheitsglaube noch bis in den Frühsommer 1990 – doch länger nicht. In jenen Monaten gingen auch die Eigentumsrechte praktisch aller Bezirkszeitungen für vergleichsweise wenig Geld an westdeutsche Zeitungsverleger über. Manche dieser Zeitungen wurden über die Treuhand ausgeschrieben, manche aber auch nicht (so wurde die Freie Presse in Chemnitz für umgerechnet 100 Millionen Euro an die Medien-Union GmbH mit Sitz in Ludwigshafen übereignet, die wiederum einem Freund des Bundeskanzlers Kohl, Dieter Schaub, gehörte) (http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1991-11.html)[1].

Die Übernahme der Zeitungen durch westdeutsche Verlage erlaubte die dringend erforderliche technische Erneuerung in den Redaktionen wie im Druckbereich und im Vertrieb; sie verhinderte indessen die strukturellen Reformen, ohne die eine Pressevielfalt nicht herzustellen war. Denn auch nach der Verwaltungsreform 1991-1994 (Kreisgebiete) blieben die riesigen Verbreitungsgebiete der früheren Bezirkszeitungen bestehen, die den Blättern eine wirtschaftlich uneinnehmbare Monopolstellung in ihren Gebieten sicherstellten. Die Verkaufspolitik der Treuhand wurde von mehreren Medienwissenschaftlern scharf kritisiert Denn sie missachtete alle Grundsätze, die dem Mediensystem in einer demokratischen Gesellschaft normativ zugrunde gelegt werden. Statt die großen Bezirke zu zergliedern in lokale Räume und dort eigene publizistische Einheiten zu schaffen und Konkurrenzzeitungen zu ermöglichen, wurden viele Titel und Druckereien nach politischen Opportunitäten, andere an die Meistbietenden verkauft (wie: Gruner+Jahr, Bauer Verlag Hamburg, Axel Springer Verlag). Die Großverlage konnten mit ihrer geballten Wirtschaftskraft die Zeitungsneugründungen vor allem der Bürgerbewegungen aus der Phase der Wende schachmatt setzen: Anzeigendumping, Abo-Preise absenken, Werbegeschenke an Neu-Abonnenten und anderes mehr. Diesem Marktkrieg waren die kleinen Unternehmen nicht gewachsen, zumal die Großverleger neben wertvollen Immobilien auch die Druckereien besaßen.

Fußnoten

1.
Die genauen Umstände einiger Übernahmen ließen sich nicht ganz klären. Der Spiegel recherchierte 1991 dazu und schrieb: "Die Regierung hat den Bundestag belogen: Helmut Kohls Kanzleramt war, entgegen amtlicher Darstellung, an Schiebungen beim Verkauf ostdeutscher Zeitungen beteiligt. Ex-Treuhand-Chef Reiner Gohlke bestätigt Kohls Plan, daß die Vergabe eines Ost-Blatts an einen CDU-nahen West-Verlag "schnell über die Bühne ging". Der Spiegel Heft Nr. 11/1991
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