Lokaljournalismus

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29.12.2011 | Von:
Patricia Dudeck

"Der Souverän wartet nicht"

Neue Beteiligungsmodelle

Der Leser ist nicht nur am Marktplatz, sondern auch am "Tweetdeck" zu finden. Hier hat der Social-Media-Redakteur der Rhein-Zeitung alle Twitterer im Blick.Der Leser ist nicht nur am Marktplatz, sondern auch am "Tweetdeck" zu finden. Hier hat der Social-Media-Redakteur der Rhein-Zeitung alle Twitterer im Blick. (© Denise Hülpüsch/Rhein-Zeitung)

Doch auch darüber hinaus nutzen immer mehr Redakteure die Dialogplattformen im Netz als Themenradar und Quelle für Recherchetipps. Bei Twitter tauschen sich zahlreiche Bürger zu aktuellen Ereignissen aus – wer aufmerksam mitliest, weiß manchmal schneller von einem schweren Unfall als die Polizei. Oder entdeckt eine der begehrten verborgenen Geschichten. Ein Redakteur der Westfälischen Rundschau schnappte dort beispielsweise auf, dass ein Bürger ein Vaterunser beten musste statt ein Knöllchen zu bezahlen. Diese sehr bürgernahe Geschichte recherchierte der Redakteur und schrieb darüber.

Nicht nur mit der Zeitung im Café, sondern gleich mit der Redaktion

Auch die Diskussion auf mehreren Kanälen setzte die Westfälische Rundschau um. Sie griff das Streitthema über die Zukunft der Kultur in Unna auf und organisierte eine Bürger-Talkrunde im Kulturzentrum, die ihr Kulturredakteur moderierte. Die Aussagen der Gesprächspartner stellte die Redaktion zudem in Echtzeit auf Facebook, so dass auch Daheimgebliebene mitdiskutieren konnten. Das Ergebnis des Abends war ein Pakt zu mehr Zusammenarbeit der Kulturschaffenden.

Um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, haben sich die unterschiedlichsten Ideen entwickelt. In Tschechien zum Beispiel hatte ein Medienunternehmen kurzerhand selbst Kaffeehäuser eröffnet, in denen die Leser den dort schaffenden Redakteuren ihre Aufregerthemen bei Kaffee und Kuchen servierten. Die Idee: Die Eigenschaften von Cafés als beliebte Treffpunkte und Orte angeregter Gesprächen zu nutzen. Probeweise richteten die Initiatoren 2009 sogenannte Newscafés in vier Bezirksstädten ein. Bis zu acht Redakteure pro Café machten die Wochenzeitung Naše Adresa (Unsere Adresse) – vollkommen lokal. Das Blatt bestand zu Zweidritteln aus Beiträgen von Bürgern und Themen, die Redakteure auf Bürgeranregung hin aufgriffen. Der Rest waren Anzeigen, mit denen sich die Zeitung größtenteils finanzierte. Auf der Titelseite standen Menschen aus der Region. Die ganze Woche standen die Cafés für Bürger offen – zwölf Stunden jeden Tag. Es gab Gesprächsrunden zu den Bürgerthemen, Menschen erzählten Redakteuren, wo der Schuh drückt. Man konnte aber auch einfach in Ruhe seinen Kaffee schlürfen und die 30-seitige Naše Adresa lesen für umgerechnet 45 Cent. Allerdings fehlte es dem Pilotprojekt bald an Investoren und Werbeeinnahmen. Die Macher mussten es Ende 2010 einstellen.

Gießener Mitmachzeitung (© Gießener Mitmachzeitung)
Doch die Idee bleibt gut: Im nahen Stadtcafé trafen sich Lokalredakteure der Mindelheimer Zeitung mit ihren Lesern. Lob, Tadel und Anregungen brachten die Gäste auf die Kaffeetafel. Ähnlich wie beim tschechischen Projekt arbeitet außerdem unter anderem die ("Gießener Zeitung") mit Bürgerreportern. Sie nennt sich selbst "Deutschlands erste Mitmachzeitung". Einmal registriert dürfen die Leser selbst ihre Bilder auf die Webseite hochladen, Beiträge schreiben und andere kommentieren. Gruppen haben eigene Themenseiten und unter der Rubrik "Menschen" finden sich alle registrierten Nutzer – wenn gewünscht mit Bild. Die Bürger schreiben über das, was ihnen wichtig ist. Zweimal pro Woche erscheint die Zeitung kostenlos auf Papier in vier Lokalausgaben. Die Artikel dafür wählen Redakteure aus. Angelehnt ist das Konzept an myheimat.de. Gegründet wurde das Portal in Augsburg als Plattform für den Leseraustausch – in sublokalen Communitys. Das können Viertel, Straßen oder Themenverbände sein. Mittlerweile zählen die Mediengruppe Madsack und die WAZ Mediengruppe zu den Investoren. Zeitungen von Hannover bis nach Marburg oder Leipzig haben die Bürgerplattform als Ergänzung zu Online- und Printausgabe umgesetzt. Nun diskutieren hier Rentner, Hundebesitzer, Künstlergruppen und Parteien. Sie alle finden Raum, in dem sie sich ausbreiten und austauschen dürfen.

myheimat.de (© myheimat.de)
Für die Zeitungsmacher ist Bürgerjournalismus kein Ersatz für die Arbeit von ausgebildeten Redakteuren, doch eine gute Ergänzung. Die Lokalzeitungen werden durch diese Verknüpfung auf Themen aus der Region aufmerksam und können sie journalistisch aufgreifen. Lokalzeitung versteht sich wieder als Medium im Gefüge der Gesellschaft. Weg vom bloßen Abbilden von Ereignissen. Hin zur Gesprächssuche mit allen Akteuren in der öffentlichen Diskussion. Lokaljournalismus bedeutet, mit allen Antennen aufzuspüren, wo es rumort. Viele Redaktionen sind sich ihrer Funktion als neutraler Moderator zwischen den Fronten bewusst geworden. Und arbeiten daran.

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Autor: Patricia Dudeck für bpb.de
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