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Lokaljournalismus

18.6.2012 | Von:
Klaus Meier

Crossmedial und lokal

Neue Herausforderungen durch multimediales Arbeiten

Ein Thema kann auf Twitter und Facebook eröffnet werden, wandert dann auf die Website und am Abend ins Blatt. Es kann aber auch anders sein: Ein Thema, das erst in der Zeitung stand und dann im Web veröffentlicht wurde, erhält plötzlich im sozialen Netz Dynamik und wandert mit allen zusätzlichen Aspekten der Nutzerbeiträge zurück in die Zeitung. Eine einzelne Story ist so nicht in sich (ab)geschlossen, sondern kann die Vorveröffentlichung und das Feedback von Nutzern aufgreifen und auf einer anderen Plattform weitertreiben. Die Themen erreichen so die Nutzer, wie sie es sich erwarten – je nachdem wo und zu welcher Uhrzeit sie auf die Kanäle eines Medienhauses zugreifen. Das Internet ist allerdings nicht nur ein weiteres Medium, das einfach dazu kommt, sondern eine zentrale Drehscheibe für Text, Bild, Video, Audio und Beteiligung. Es ist "Verbreitungsplattform" und "Contentplattform": Es kann Ausspielkanal und Archiv für klassische Medien sein (z.B. die Live-Streams und Mediatheken der Rundfunkanstalten oder die ePaper-Ausgaben von Printmedien), kann aber Themen auch multimedial erzählen und dabei einzelne Elemente von traditionellen Medien aufgreifen und neu kombinieren; neue Darstellungsformen, Erzählweisen und Möglichkeiten der Inszenierung von Inhalten werden geschaffen. Bei der Verbreitung müssen Nutzer animiert werden, die Inhalte zu teilen. Dies alles trifft im Wesentlichen auch auf neue Endgeräte – wie zum Beispiel Smartphones oder Tablet-PCs wie das iPad – zu.

Diese inhaltliche Crossmedialität verändert Berichterstattungsmuster – also Typen und Konzepte des Journalismus – und Darstellungsformen des Journalismus:
  • Berichterstattungsmuster: Neu hinzugekommen ist das Muster des Partizipativen Journalismus, bei dem die Nutzer in das Zustandekommen der Medienrealität bewusst einbezogen werden, wobei der Grad der Beteiligung unterschiedlich sein kann: Beim so genannten "Crowdsourcing" arbeiten Nutzer bereits bei der Themenfindung und Recherche mit. Bei anderen Modellen werden ihre Anmerkungen, Ergänzungen und Kommentare erst während oder nach der Veröffentlichung in den Beitrag einbezogen. Weithin gerühmtes Beispiel ist das Crowdsourcing-Projekt des Guardian, bei dem die Redaktion die Überprüfung der Spesenabrechnungen von Parlamentsabgeordneten den Nutzern überließ (vgl. http://mps-expenses.guardian.co.uk). Als weiteres neues Berichterstattungsmuster könnte sich der Prozessjournalismus entwickeln: Ein Beitrag ist im Gegensatz zum Produktjournalismus (fertige Beiträge werden einmalig veröffentlicht) nicht "fertig", sondern wird durch das Zusammenspiel zwischen Redaktion und Nutzer beispielsweise im Social Web weitergeschrieben. Neue Formen des Datenjournalismus ergänzen das klassische Muster des Präzisionsjournalismus: Daten werden anschaulich und interaktiv als Landkarten, Schaubilder oder andere visuelle Darstellungen umgesetzt (vgl. blog.zeit.de/open-data und www.guardian.co.uk/news/datablog).

  • Darstellungsformen: Beispiele für neue Darstellungsformen im Onlinejournalismus finden sich zuhauf. Dabei stellen sich heute noch mehr Fragen als es Antworten gibt. Antworten muss jede Redaktion für sich finden – und am besten als "Guidelines" den Mitarbeitern zur Verfügung stellen. Zum Beispiel: Wie kann und soll die Redaktion in sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook darstellen und vermitteln? Der Umgang mit einem aktiven, kritischen und nicht selten pöbelnden Publikum muss gelernt sein und reflektiert werden. Wer im Social Web über sich selbst, seine Recherchen und Geschichten berichtet, kann nicht "objektiv" sein; die alten Werte verändern sich. "Transparenz" als Qualitätsmaßstab gewinnt an Gewicht. – Wie kann eine Multimedia-Reportage Text, Ton, Foto und Video sinnvoll kombinieren und so die Möglichkeiten des Internets ausschöpfen und neue Plattformen wie das iPad nutzen? Ein Video ist beispielsweise nur dann sinnvoll, wenn sich viel Handlung zeigen lässt und diese Handlung zum Kern des Themas gehört.

3. Berufsbild und Ausbildung

Content-Desk Content-Desk Die letzten Tage der WAZ-Mantelredaktion in den alten Räumen. Die letzte Konferenz am alten Newsdesk. Martin Tochtrop. Die neue Mantelredaktion der WAZ-Mediengruppe hat am 10.Mai 2009 die Arbeit aufgenommen.Veränderte Arbeitsweisen: Recherche und Storytelling über die Mediengrenzen hinweg (© WAZ Fotopool/ilja Höpping)

Welche Konsequenzen haben organisatorische und inhaltliche Crossmedialität für das Berufsbild und die Ausbildung von Journalisten? – Auch hier bleiben zurzeit mehr Fragen und Herausforderungen offen, als es eindeutige Antworten gibt. Wie immer bei gesellschaftlichen Veränderungen streiten sich Bewahrer und Veränderer. Die Ausgangslage: Journalismus ist der Beruf, dessen grundlegende und exklusive Aufgabe die Herstellung von Öffentlichkeit ist. Normativ gesehen fallen dem Journalismus die Aufgaben der Information, der Kritik und Kontrolle zu. Er trägt damit zentral zur Meinungsbildung der Bürger bei und fokussiert Aufmerksamkeit, indem er die fragmentierten Themen der Gesellschaft zu den großen Themen der Öffentlichkeit bündelt. Hauptberufliche Journalisten, die in der Regel für nur ein Medium (eine Zeitung etc.) und weitgehend auf sich gestellt arbeiten, sind die Basis des traditionellen Berufsbilds, das im 19. Jahrhundert entstand und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufblühte.

Diese Ausgangslage ändert sich durch vielfältige Entwicklungen:
  • Crossmediale Redaktionen: In Newsdesk- und Newsroom-Redaktionen entstehen neue Rollen; Tätigkeiten werden spezialisiert und differenziert. Eine Geschichte bzw. ein Thema kommen nicht mehr nur aus einer Hand, sondern die Reporter liefern das Rohmaterial (auch multimedial), das am Newsdesk verarbeitet und veredelt wird. Leitungsrollen verschieben sich vom klassischen Ressortleiter zum Newsdesk-Leiter. Vor allem die koordinierenden Aufgaben und die Teamarbeit nehmen zu.

  • Recherche und Storytelling über Mediengrenzen hinweg: Ob die Journalisten in crossmedialen Redaktionen nach wie vor überwiegend monomedial arbeiten oder fallweise mehrmedial oder nahezu durchgehend für mehrere Plattformen, ist zurzeit noch ganz unterschiedlich gelöst. Der vor Ort recherchierende Reporter, der Text, Foto- und Video-Material in der Redaktion abliefert, kommt ebenso vor wie der Editor am Desk, der das Material für mehrere Plattformen aufbereitet und ausspielt.

  • Partizipativer Journalismus: Feststellungen wie "Journalism as an activity", "Liquid Journalism" oder "We’re all journalists now" sehen den Journalismus nicht mehr zwingend an die Profession und an Medienorganisationen gebunden, sondern als Aktivität von jedermann. Gleichwohl erwartet das Publikum vom beruflichen Journalismus auch im Internet Glaubwürdigkeit, Sachlichkeit, Unabhängigkeit und Themenkompetenz. Hauptberuflicher Journalismus wird zwar durch Laien- und Bürgerjournalisten ergänzt, ist aber nicht überflüssig geworden. Zahlreiche Indizien – wie zum Beispiel die Renaissance der gedruckten Wochenmedien – belegen, dass Recherche, Hintergrund, faire und ausgewogene Analyse durch die Nachfrage des Publikums im Berufsbild des Journalisten gestärkt werden. Eine neue Rolle für professionelle Journalisten ist aber die des Moderators, der die Nutzer in die Beitragsproduktion, -kommentierung und -verbreitung in sozialen Netzwerken einbezieht und die aktiven Nutzer nicht als Feinde des professionellen Journalismus sieht, sondern als Partner.
Wer crossmediale Aus- und Weiterbildungskonzepte entwirft, sollte alle erwähnten Charakteristika von Crossmedialität berücksichtigen. Zudem ist bei der Konzeption neuer und der Optimierung bestehender medialer Angebote Innovationsfähigkeit, Pioniergeist und der Wille zum Experimentieren die neue Herausforderung, der sich jeder Journalist stellen muss. Und das bedeutet, Journalismus nicht nur so zu lernen und zu lehren, wie er Jahrzehnte lang gemacht wurde, sondern offen zu sein für Neues und abschätzen zu können, welche Richtung der Medien- und Journalismuswandel nimmt. In den Laboren der Journalistenausbildung müssen deshalb künftig verstärkt (Innovations-)Praxis und (Innovations-)Forschung miteinander verknüpft werden und so Experimentierfelder für journalistische Formate und neue Organisationsformen journalistischer Arbeit entstehen. Dafür sind noch mehr Kooperationen zwischen Redaktionen und Hochschulen nötig.

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Autor: Klaus Meier für bpb.de
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