Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

Reality-TV

Emotionalisierte Perspektiven auf die Welt

Von Reality-TV oder Reality-Show wird in Deutschland seit dem Ende der 1980er Jahre gesprochen. Als ein amerikanisches Programmformat kam es Anfang der 1990er Jahre auch in die deutschen Fernsehprogramme und wird hier vor allem von den kommerziellen Sendern eingesetzt.

Als Realitätsfernsehen verstanden, will Reality-TV ein Abbild von Lebenswirklichkeit liefern (bzw. vortäuschen) und überschneidet sich deshalb teilweise mit der Fernsehgattung der Dokumentation. Dabei geht es jedoch nicht wirklich um die Darstellung einer Realität außerhalb des Fernsehens, sondern um neue, zumeist sehr emotionalisierte Perspektiven auf die Welt. Wenn in Sendungen Unglücksfälle so geschildert werden, dass die Zuschauer voller Entsetzen und Betroffenheit reagieren wie in den Notruf-Sendungen von RTL in den 1990er Jahren, in Daily Talkshows normale Menschen ihre Beziehungsprobleme öffentlich ausbreiten oder in Gerichtsshows zugespitzt Streitigkeiten verhandelt werden, dann geht es um eine Sicht auf die Welt, in der hochdramatische Beziehungskonflikte und mit ihnen Emotionen die Hauptrolle spielen.

Begriffe

Reality-TV ist eine Bezeichnung für Formen, in denen Realität oft auf sehr emotionalisierende Weise und mit den Mitteln der traditionellen Höhepunktdramaturgie ( Exposition, Steigerung, Höhepunkt, unverhoffte Wendung und Katastrophe bzw. Happy End) in Szene gesetzt wird und die aus der Vermischung der tradierten Formen – Dokumentationund Fiktion – ein neues Genre gebildet haben, das sich beim TV-Publikum seit einigen Jahren großer Beliebtheit erfreut.

Die Dokumentation ist ein non-fiktionales und vor allem ein journalistisches Genre. Sie ist nicht unbedingt tagesaktuell, aber nah am Zeitgeschehen. Sie arbeitet mit dokumentarischem Material, fußt auf Recherche und ordnet ihr Thema möglichst in einen größeren Zusammenhang ein.

Scripted Reality umfasst fiktionale Sendungen, die wie dokumentarische aussehen und wirken. Die erzählten Geschichten könnten wahr sein, sind aber i. d. R. erfunden, die (Laien-)Darsteller agieren nach einem Drehbuch (= Script). Elemente wie eine wackelige Kameraführung und holprige Alltagsdialoge sollen die Realitätstäuschung bzw. den vermeintlichen Wirklichkeitscharakter unterstreichen.


Dieser Themenbereich widmet sich den verschiedenen Erscheinungsformen von Reality-TV, zeigt deren Grundprinzipien und öffentliche Rezeption auf und zeichnet die Entwicklung der unterschiedlichen Formate im deutschen Fernsehen nach.

PDF-Icon Literaturverzeichnis "Reality-TV"

Der Gladbecker Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner beim Interview mit einem Journalisten während der Geiselnahme

Anfänge und Vorläufer des Reality-TV ab den 50er Jahren

Versteht man unter dem Begriff Reality-TV eine Form von "Wirklichkeitsfernsehen", so ist dies eine eher unscharfe Definition. Denn mit "Wirklichkeitsfernsehen" ist gemeint, dass hier von tatsächlichen Ereignissen berichtet wird, die entweder zufällig entstanden sind oder geplant produziert wurden. Weiter...

Frank Elstner, Moderator der Sendung "Verstehen Sie Spass?"

Schadenfreude als Quotengarant in den 80ern

In den 1990er Jahren waren Sendungen mit dem Prinzip der "Versteckten Kamera" populär. Ahnungslose Menschen wurden mit absurden oder 'lustigen' Herausforderungen konfrontiert, häufig mit Hilfe eines 'Lockogels. Hinterher wurden die heimlich gefilmten Opfer meist über den Sachverhalt aufgeklärt. Für Sendezwecke mussten sie ihr Einverständnis erklären. Weiter...

Moderator Jörg Wontorra zum Start der 6. Staffel von "Bitte melde dich"

Neue Formate in den 90er Jahren

Die Zulassung von kommerziellen Fernsehunternehmen in den 1980er Jahren sorgte für eine verschärfte Programmkonkurrenz, in der sich die kommerziellen Fernsehunternehmen durch neue Reality-TV-Formate gegenüber den Öffentlich-rechtlichen auf dem Markt durchsetzten. Vor allem RTL profilierte sich in den 90er Jahren mit Quoten schaffenden Reality-TV-Formaten. Weiter...

Ulrich Meyer, Journalist und Modertor der Sendung "Explosiv - Der heiße Stuhl".

Reaktionen in den 90er Jahren

Die Kritik am Reality-TV richtete sich vor allem gegen die Vermischung von Fiktion und Dokumentation, also die Aufbereitung von Tatsachen durch fiktionale Dramaturgien. Als Effekte wurden die starke Emotionalisierung, die auf Sensationsberichterstattung abzielende einseitige Auswahl der Themen und die Tendenz zum Voyeurismus kritisiert. Weiter...

Margarethe Schreinemakers

Daily Talkshows ab Mitte der 90er

Talkshows zählen eigentlich zu den etablierten Unterhaltungssendungen im Fernsehen. In den neuen "Daily Talks" der Privatsender standen jedoch immer weniger Prominente oder Privatpersonen mit ihrer tatsächlichen Geschichte und immer mehr gecastete Darsteller mit einer auf sie zugeschriebenen Rolle im Mittelpunkt einer Gesprächs-Konfrontation. Weiter...

"Das Fernsehgericht tagt"-Regisseur Ruprecht Essberger an der Kamera

Gerichtsshows ab 2000

Die Gerichtsshows haben im Fernsehen eine lange Tradition. Das besondere der Gerichtsshows ab der Jahrtausendwende war die zunehmend emotionalisierte Darstellung der Fälle, wie sie in dieser Form vor keinem deutschen Gericht stattfinden dürfte. Im Mittelpunkt stehen daher auch in erster Linie Beziehungskonflikte und weniger Kapitalverbrechen. Weiter...

Unsere Nachbarn heute abend ? Familie Schölermann
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Rechtevermerk: picture alliance / United Archives
Fotograf: Roba Archiv
Notiz zur Verwendung: picture alliance/United Archives
Caption: Unsere Nachbarn heute abend ? Familie Schölermann, Deutschland
1954 - 1960, Regie: Ruprecht Essberger, Darsteller: Margit Cargill, Harald
Martens, Lotte Rausch, Charles Brauer, Willy Krüger

Doku-Soaps und Reality-Soaps ab den 50ern

Doku-Soaps sind Serien in denen mit Hilfe des seriellen Erzählens der Anschein gefilmter Realität erweckt werden soll. Dies erreichen sie, indem sie u. a. auf Laiendarsteller setzen. Die Zuwendung zu den Doku-Soaps lässt sich aus den Wünschen vieler Zuschauer erklären, mehr von "echten" Menschen und deren Erlebnissen berührt zu werden. Weiter...

Familie Boro vor dem Schwarzwaldhaus, wo die Familie für die vierteilige Fernseh-Dokumentation "Schwarzwaldhaus1902" für zehn Wochen wie im Jahr 1002 lebte.

Doku-Soaps ab 2000

Doku-Soaps arbeiten mit unterschiedlichen Konzepten. Die ARD benutzt die Form der Doku-Soap z. B. um die Zuschauer in vergangene Epochen zu versetzen, während das ZDF zunächst mehr auf gegenwartsnahe Lebenskontexte setzte. Im kommerziellen Fernsehen dominiert dagegen die unterhaltsame Darstellung von Menschen des Alltags und wie sie versuchen ihre Probleme zu lösen. Weiter...

Die deutschen "Big Brother"-Stars Zlatko und Jürgen (re.)

Weitere Reality-Formate

Reality-Soaps sind Serien, die Menschen des Alltags in eine künstliche oder exotische Welt versetzen und sie dabei mit Kameras beobachten. Das Zusammenleben dient dazu, dass sich die Beteiligten näher kommen, gemeinsam etwas unternehmen oder sich befeinden - Reality-TV ist eine nach Serienmustern inszenierte Welt. Weiter...

Szene aus "Zwei bei Kallwass"

Potenziale von Reality-TV – Ein Ausblick

Mit dem Reality-TV sind neue Formen der Präsentation und Inszenierung von Wirklichkeit entstanden. Indem Wirklichkeit fiktionalisiert und in Unterhaltung verwandelt wird, zeigt man dem Zuschauer kein Abbild der Realität, sondern einen inszenierten und manipulierten Ausschnitt der Wirklichkeit. Weiter...

Europäische Missionare übten mit der Einführung der lateinischen Schrift einen großen Einfluss auf die afrikanische Literatur aus. © Nikolaj Bourguignon, SXC.hu

Hintergrund-Informationen

Hier finden Sie viele zusätzliche Hintergrund-Informationen zum Themenbereich "Reality-TV". Weiter...

Richterin Barbara Salesch (Ausschnitt aus der Sendung vom 14.11.2007 © filmpool GmbH/ Sat.1, 2007)

Multimedia

Hier finden Sie Videos zum Kapitel "Reality-TV". Weiter...

 

Ausprobiert "Tele-Visionen. Wenn Fernsehen verbindet"

Die DVD-ROM “Tele-Visionen – Fernsehgeschichte Deutschlands in Ost und West” können Interessierte aus dem Bildungsbereich "Tele-Visionen" kostenlos testen! Weiter... 

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Das Dossier möchte Grundlagen zum Rundfunk- und Medienrecht vermitteln, die neuen Herausforderungen aufzeigen und eine kritische Auseinandersetzung mit der sich ständig wandelnden Welt der Medien und der sie regulierenden Medienpolitik fördern. Weiter... 

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Fernsehserien haben in den letzten Jahren eine Konjunktur und Popularität erfahren. Serien wie House of Cards, Homeland oder Borgen sprechen dabei ganz explizit politische Fragestellungen an. Das Veranstaltungsplakat weist als limitierter Sonderdruck auf die Relevanz der Tagung hin.Weiter...

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