Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

Doku-Soaps und Reality-Soaps ab den 50ern

28.8.2017

Doku-Soaps – Vermischung des Fiktionalen und des Faktischen



Auf die vielfache Verwendung fiktionaler Seriendramaturgien im Reality-TV wurde schon hingewiesen. Vor allem mit der Programmform der "Doku-Soap" ist der Prototyp einer neuen Vermischung des Fiktionalen und Faktischen geschaffen worden. Der Begriff ist zusammengesetzt aus "Doku" für Dokumentation und "Soap" für 'soap opera', der Seifenoper, wie etwas abschätzig die Serie mit Fortsetzungsgeschichten bezeichnet wird (nach den Hörfunkserien, die in den USA in den 1930er Jahren von den Seifenmittel-Konzernen finanziert wurden und sich an die Hausfrauen richteten). Die Doku-Soap thematisiert alltägliche Situationen, oftmals mit Laiendarstellern; allerdings werden in der Regel Lebenswirklichkeiten jenseits des "normalen" Alltags in Szene gesetzt.

Meistens sind es wenige Personen, mit denen sich der Zuschauer auch identifizieren soll. Diese Menschen erleben außergewöhnliche Situationen, in denen sie ihren Alltag organisieren müssen. Die Aufnahmen werden dabei wie eine traditionelle fiktionale Serie genau inszeniert und geschnitten, häufig gibt es am Ende auch einen Spannungsbogen, der auf die nächste Folge verweist, der in der Seriendramaturgie "Cliffhanger" genannt wird. Er dient dazu, dass der Zuschauer in Spannung gesetzt wird, wie die Serie weiter geht.

Serielles Erzählen mit dem Anschein gefilmter Realität

Doku-Soaps sind also Serien, die eng mit den Formen des seriellen Erzählens zusammenhängen und sich auf dessen Erzählmuster und Erzählprinzipien beziehen. Gleichzeitig wollen sie aber den Anschein von gefilmter Realität erwecken. Dies erreichen sie, indem sie u. a. auf Laiendarsteller setzen, die sich – das ist eine der inneren Widersprüche der Form – zwangsläufig im Laufe länger andauernder Produktionen professionalisieren und dann selbst wiederum zu bekannten Bildschirmpersönlichkeiten werden.

Unsere Nachbarn heute abend ? Familie Schölermann
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Fotograf: Roba Archiv
Notiz zur Verwendung: picture alliance/United Archives
Caption: Unsere Nachbarn heute abend ? Familie Schölermann, Deutschland
1954 - 1960, Regie: Ruprecht Essberger, Darsteller: Margit Cargill, Harald
Martens, Lotte Rausch, Charles Brauer, Willy KrügerUnsere Nachbarn heute abend ? Familie Schölermann, Deutschland 1954 - 1960, Regie: Ruprecht Essberger, Darsteller: Margit Cargill, Harald Martens, Lotte Rausch, Charles Brauer, Willy Krüger (@picture alliance/United Archives).

Die Zuwendung zu den Doku-Soaps lässt sich aus den Wünschen vieler Zuschauer erklären, in neuen, zumindest leicht veränderten Formen mehr von der Wirklichkeit zu erfahren, mehr Abwechslung im Programm zu erhalten, mehr von "echten" Menschen und deren Erlebnissen berührt zu werden, sich mit authentischen Personen zu identifizieren oder auch von diesen abzugrenzen.

Öffentlich-rechtliche Vorläufer von Doku-Soaps



Der Versuch, mehr Alltagsnähe, mehr Authentizität in die serielle Unterhaltung einfließen zu lassen, ist so alt wie das Fernsehen selbst. Dies resultiert auch daraus, dass das Fernsehen als Medium aufgrund seiner dokumentarischen und informationellen Programmanteile immer auch als Vermittler von Wirklichkeit gesehen wurde. Schon in der ersten lang laufenden Serie des deutschen Fernsehens, "Familie Schölermann" (1953–1960 mit 111 Folgen), wurden Laiendarsteller eingesetzt, die auch nicht mit ihren richtigen Namen im Abspann erwähnt wurden, um den Eindruck von 'echten' Personen in der Darstellung zu erwecken. Gleichwohl folgten ihre Geschichten einem Drehbuch, und einige Darsteller – etwa Uwe Friedrichsen und Charles Brauer, die hier als jugendliche Darsteller begonnen hatten – wurden professionelle und bekannte Fernsehschauspieler.

"Die Fussbroichs" (ARD/WDR)

Auch in der Folgezeit hat es immer wieder Versuche gegeben, die fiktionalen Geschichten als Darstellungen der Wirklichkeit erscheinen zu lassen. Im engeren Sinne ist ein Vorläufer der Doku-Soaps ein 1979 von der Regisseurin Ute Diehl gedrehter Dokumentarfilm über die Kölner Arbeiterfamilie Fussbroich ("Die Fussbroichs: Ein Kinderzimmer 1979", WDR). An ihn knüpfte dann zehn Jahre später die Doku-Soap "Die Fussbroichs" (ARD/WDR) an, die schließlich bis 2001 in 17 Staffeln mit 100 Folgen von jeweils ca. 30 Minuten Länge Leben und Alltag der Familie schilderte. Die Regisseurin enthielt sich in den Folgen jedes Kommentars, die Personen wurden in ihrem Alltag gefilmt bzw. spielten sich selbst und wirkten in ihrer Art, sich vor der Kamera zu bewegen, authentisch. Gleichzeitig wurden die Szenen aber nach den Mustern der fiktionalen Dramaturgie geschnitten.

Das Filmemacher Ehepaar Barbara und Winfried Junge am SchneidetischDas Filmemacher Ehepaar Barbara und Winfried Junge am Schneidetisch (© picture-alliance/dpa)

Vor allem die späten Folgen wurden durch den Einsatz digitaler Bearbeitungs- und Schnitttechnik fließender und damit auch den Konventionen des fiktionalen Erzählens stärker angepasst.

Exkurs: Die Kinder von Golzow



Reality-TV oder Realitätsfernsehen hat es im DDR-Fernsehen nicht gegeben, weil diese Mischung der Formen und medialen Darstellungsweisen mit ihrer Emotionalisierung der Realität nicht den Vorstellungen von der Funktion der Medien in der DDR entsprach. Zwar ging es auch im DDR-Fernsehen nicht immer um eine objektivierende Darstellung der Welt, doch sollte die Schaffung eines 'neuen, sozialistischen Menschen' durch kognitive Einsicht in das Notwendige und durch eine positive Bereitschaft des Zuschauers, am Aufbau der Gesellschaft mitzuwirken, erreicht werden. Eine Fiktionalisierung der Wirklichkeit mit dem Ziel ihrer Emotionalisierung und Beschränkung auf eher private Probleme entsprach nicht den Vorstellungen der Fernsehmacher im DDR-Fernsehen.

Als Teil der DDR Langzeitdokumentation "Die Kinder von Golzow" zeigt der Film die Geschichte von Dieter, der aus allen Lebenslagen immer das Beste machte. (© 2000 DEFA-Stiftung / PROGRESS Film)
Dennoch standen auch hier Menschen des Alltags wiederholt im Mittelpunkt von Sendungen. Auch die serielle Beobachtung von Menschen und ihrem Verhalten wurde erprobt.

"Wenn ich erst zur Schule geh"

Die Beobachtung von Alltagsmenschen und ihrem Verhalten fand mit klassischen Methoden des Dokumentarfilms statt. In Langzeitbeobachtungen verfolgten die Dokumentarfilmer Winfried und Barbara Junge die zwischen 1953 und 1955 geborenen Schüler einer Grundschulklasse im brandenburgischen Ort Golzow (im Oderbruch), zunächst in einem ersten Film im Jahr 1961 ("Wenn ich erst zur Schule geh" 13 Min.), dann in 18 weiteren Filmen bis zum Jahr 2006, als sie mit dem Film "Und wenn sie nicht gestorben sind… Die Kinder von Golzow – Das Ende der unendlichen Geschichte" die längste Dokumentation der Filmgeschichte beendeten.

Als Teil der DDR Langzeitdokumentation "Die Kinder von Golzow" zeigt der Film die tragische Geschichte von Barbara, einer früh verstorbenen Mutter, und ihrem Sohn Marcel. (© Copyright DEFA-Stiftung / PROGRESS Film)
Die Filme wurden anfangs für die Defa gedreht, nach 1990 dann für die ARD. Die längsten Einzelfilme dauerten über 140 Minuten. Über 45 Stunden Film wurden belichtet und vor allem in den Jahren ab 1990 wurden immer wieder neue Filme hergestellt, die einzelne Lebenswege dieser ehemaligen Schüler von 1961 verfolgten und mit dem in den Jahren gedrehten Material dokumentierten. Es ergibt sich hier ein Bild des 'normalen' Lebens in der DDR. Es sind dokumentarische Darstellungen, die filmische Distanz zu den Porträtierten halten, die in der Anordnung der Bilder sorgfältig komponiert sind und die sich darum bemühen, Lebenswelt und biografische Entscheidungen respektvoll anschaulich zu machen. Sie sind daher nicht vergleichbar mit den Reality-TV-Produktionen der 1990er und 2000er Jahre.

Als Teil der DDR Langzeitdokumentation "Die Kinder von Golzow" zeigt der Film die Geschichte von Marieluise, die die Wendeturbulenzen gut übersteht. (© DEFA-Stiftung / PROGRESS Film)




 

Materialien zu Doku-Soaps und Reality-Soaps ab den 50ern

PDF-Icon Doku-Soaps
PDF-Icon "Die Kinder von Golzow" 

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