Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

Potenziale von Reality-TV – Ein Ausblick

28.8.2017

Scripted Reality



Entscheidend ist in solchen Reality-TV-Shows das Realitätsverständnis, das eines der so genannten "scripted reality" ist: Die Verhandlungen folgen einem Drehbuch, das sich an fiktionalen Mustern und Handlungskonstruktionen orientiert. Hier wird der Wortlaut nicht genau festgeschrieben, die Darsteller (zumeist Laiendarsteller) sprechen den Text nicht wortwörtlich, sondern geben ihn lediglich sinngemäß wieder. Daraus resultierende Versprecher, Sprechpausen und ein generelles Durcheinanderreden verschiedener Personen lassen die Darsteller authentischer wirken, auch die meist echte Nervosität trägt dazu bei. Oft stellen die Darsteller eine gewisse Begriffsstutzigkeit zur Schau. Es soll also der Schein des Dokumentarischen erzeugt werden, bei einer gleichzeitigen dramaturgischen Gestaltung, die Straffung, Pointierung, Zuspitzung und vor allem einen dramaturgischen Endpunkt enthält und sich an fiktionalen Mustern orientiert, wie sie in der Realität nicht oder nur selten vorkommen (auch "Pseudo-Doku").

Vermeintliche Realitätsnähe

Szene aus "Zwei bei Kallwass"Szene aus "Zwei bei Kallwass". (© SAT.1)

Das aber ist auch das Prinzip des Reality-TV: Dokumentarisches und Fiktionales werden vermischt und zu einer neuen Attraktion für den Zuschauer. Hier knüpfen andere Serien an, die ebenfalls mit der Form der angeblichen Realitätsnähe bei fiktionaler Grundstruktur arbeiten. Sie werden häufig auch als "Pseudo-Doku" bezeichnet: RTL hat(te) eine Reihe dieser Sendungen im Programm. "Familien im Brennpunkt" (2009–2014) und "Mitten im Leben" (2007–2013) über vermeintliche Familienkonflikte und das Alltagsleben wurden inzwischen eingestellt, es laufen z. B. noch "Verdachtsfälle" (seit 2009) über einer Straftat verdächtigte Personen und "Betrugsfälle" (seit 2010) über Fremdgehen in der Partnerschaft. Sat.1 strahlte Ermittler-Serien wie "Lenßen & Partner" (2003–2009) und "Niedrig und Kuhnt – Kommissare ermitteln" (2003–2013), außerdem zeigte Sat.1 die von der Psychologin Angelika Kallwass geleitete Sendung "Zwei bei Kallwass" (2001–2013, zuletzt: "Kallwass greift ein!"), in der es meist um familiäre oder partnerschaftliche Konfliktsituationen ging. Bei ProSieben waren die Ärztin "Dr. Verena Breitenbach" (2002–2003) und "Die Jugendberaterin" (2002–2003) mit ähnlichen Konzepten kurzzeitig im Programm.

Reality Soap: "Berlin – Tag & Nacht" (RTL II)

Die bei jungen Zuschauern besonders erfolgreiche Reality-Soap hat im Jahr 2012 zunächst sogar "Big Brother" verdrängt. In der gescripteten Serie werden recht klischeehaft WG-Konflikte mit Laiendarstellern gezeigt, wobei insbesondere das Party- sowie Nachtleben und damit die Partnersuche im Mittelpunkt der trashig inszenierten Soap stehen. Inzwischen wurden schon über 1.400 Folgen (Mitte 2017) ausgestrahlt. Besonders gut scheint auch die zielgruppengerechte Ansprache der Fangemeinde auf Facebook zu funktionieren, die bei vielen Zuschauern ebenfalls zur Vermengung von Realität und Fiktion beiträgt. Seit 2013 gibt es bei RTL II auch den Ableger "Köln 50667". Hier wiederum wurde 2015 im Stil einer Mockumentary die Web-Soap " Soapstar – Eine Luftpumpe will nach oben" ausgekoppelt, die online bei RTL II und YouTube gezeigt wird – ein weiteres Beispiel für die Ansprache der Zielgruppe über das Internet.



Was bleibt?

Der Durchgang durch die verschiedenen sich im Laufe der Zeit verändernden Sendeformen und Formate zeigt, dass mit dem Reality-TV oder Realitätsfernsehen im deutschen Fernsehen neue Formen der Präsentation und Inszenierung von Wirklichkeit entstanden sind. Indem Wirklichkeit fiktionalisiert und in Unterhaltung verwandelt wird, wird dem Zuschauer kein Abbild der Realität gezeigt, sondern ein inszenierter und manipulierter Ausschnitt der Wirklichkeit, was durch die Zunahme von Scripted-Reality-Anteilen noch deutlicher wird. Das Medium wird dazu benutzt, die Welt anders, intensiver, lebendiger, vielleicht riskanter und dynamischer zu zeigen, als sie es tatsächlich ist. Im Realitätsfernsehen steckt deshalb auch ein Potenzial, die Welt aus ungewohnter Perspektive zu zeigen, neue Möglichkeiten sichtbar zu machen, letztlich auch eine Utopie aufscheinen zu lassen [1].

Trotzdem ist besonders aus Sicht der Landesmedienanstalten und anderer Kontrollinstanzen, vor allem aber aus Sicht der öffentlichen Fernsehkritik, immer genau zu hinterfragen, was im Fernsehen auf welche Weise und aus welchen Gründen präsentiert wird, denn die Bilder, die insbesondere die jungen Zuschauer vom Fernsehen erhalten, bestimmen wesentlich auch das Bild, das diese sich von der Wirklichkeit machen.

Bei Daily Talks, Gerichtsshows und Scripted Reality-Sendungen zeigt sich gleichermaßen: Ein neuer Trend wird schnell von allen großen Privatsendern aufgegriffen. Mit einer Vielzahl von Serien versucht man, so viele Zuschauer/innen wie möglich für sich zu gewinnen. Doch der Trend ist bald wieder erschöpft, auch ständige Neuproduktionen helfen dann nicht mehr. Nach einigen Jahren sind fast alle Sendungen bzw. Serien wieder verschwunden und es wird ein neuer Trend bedient.

Sendungsformen 2011 bis 2015

In Min./Tag

201120132015
ARD/Das Erste
Reality-Formate

Talk/Gesprächsformen
31

64
42

81
53

59
ZDF
Reality-Formate

Talk/Gesprächsformen
5

108
8

98
6

94
RTL
Reality-Formate

Talk/Gesprächsformen
414

-
391

1
420

0
Sat.1
Reality-Formate

Talk/Gesprächsformen
276

47
378

12
546

3
ProSieben
Reality-Formate

Talk/Gesprächsformen
58

34
5

25
1

1

Quellen: Krüger 2014, S. 229, Krüger 2016, S. 172.



Fußnoten

1.
Vgl. Clobes/Hagedorn 2008.

 

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