Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

Populäre Serien-Genres: Soap Operas und Telenovelas

28.8.2017
Schauspieler der Fernsehserie "Lindenstraße"In der Küche von Else Kling aus der Fernsehserie "Lindenstraße" (© ddp/AP)


Deutsche Soap Operas



Die US-Serien "Dallas" (ARD, ab 1981) und "Denver-Clan" (ZDF, ab 1983) galten lange Zeit als der "Sündenfall" des Fernsehens. Beide Familienserien zielten allein auf Unterhaltung ab. Sie wollten dem Zuschauer keine positive Orientierungsfunktion mehr geben und machten ein neues Genre hoffähig: Die Soap Opera.

Im Gegensatz zu den auf Film gedrehten Prime-Time-Seifenopern, meist wöchentlich ausgestrahlt, gab es seit Jahrzehnten in den USA sogenannte "Daily Soaps". Das waren werktäglich ausgestrahlte Serien. Sie wurden im Studio gedreht und elektronisch aufgezeichnet.

"Gute Zeiten, schlechte Zeiten" (RTL) und die Nachfolger

In Deutschland galt dieses Genre zunächst als minderwertig. Erst im dualen Fernsehsystem besannen sich die Sender auf diese rentable Serienform, die wegen der geringen Produktionskosten, der guten Eignung als Werbeumfeld und wegen des hohen Bindungspotenzials dem kommerziellen, auf Formate ausgerichteten Fernsehen entgegenkam. 1992 ging "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" (RTL) erstmals auf Sendung.
"Gute Zeiten, schlechte Zeiten" oder "GZSZ" ist die erfolgreichste Daily Soap für Jugendliche, die vom Sender RTL seit 1992 im Vorabendprogramm ausgestrahlt wird. Im April 2016 gab es bereits über 6.000 Folgen – mit inzwischen wechselnden Darsteller-Generationen und Entwicklungsgeschichten. Nach wie vor hat das Programm hohe Einschaltquoten in seiner Zielgruppe. (Ausschnitt aus der Sendung vom 10.4.1992) (© RTL/Grundy Ufa TV Productions GmbH, 1992)

Diese erste Vorabend-Daily formulierte – wie später die ARD-Pendants, die problemorientierte Serie "Marienhof" (1992–2011) und die Romantik-Soap "Verbotene Liebe" (ARD, 1995–2014) – Wünsche, Probleme und Stimmungen der jugendlichen Zielgruppe. Die Figuren waren und sind stereotyp gezeichnet und entsprechen einem Schema, indem die Figuren eindeutig entweder 'korrekt' oder 'korrupt', 'gut' oder 'böse' sind. Lifestyle-Themen wie Mode, Musik und Geschmack und die Nähe zu den großen Gefühlen und kleinen Dramen der jugendlichen Zuschauer schafften und schaffen Identifikation. Die Teenie-Soaps funktionieren wie ein Warenhauskatalog. Das offene Ende mit Cliffhanger verlängert die Erwartung bis zum nächsten Tag. Ähnlich lang läuft bei RTL auch "Unter uns" (seit 1994, über 5.600 Folgen).

"Lindenstraße" (ARD)

Eine 25-minütige Folge einer Daily Soap muss an einem Tag abgedreht werden; für ein sogenanntes Weekly, eine wöchentlich ausgestrahlte Serie, können sich die Macher hingegen mit Proben vier bis fünf Tage Zeit lassen. "Lindenstraße" war die erste deutsche Serie, die ab 1985 wöchentlich gesendet wurde. Diese vom ehemaligen Autorenfilmer Hans W. Geissendörfer produzierte Serie musste sich beim Start viel Häme gefallen lassen. Von einem mehrköpfigen Autorenteam wurden Geschichten entworfen, deren hohe Frequenz an Lebenskrisen und Schicksalsschlägen den Eindruck des Trivialen hinterließen. Der Mut zu sozial relevanten Themen (Rechtsradikalismus, Ökologie, Aids, Kindesmissbrauch) und gesellschaftskritischer Provokation brachte dieser etwas anderen Familienserie jedoch auch viel Lob ein.

"Lindenstraße" ist die erste und langlebigste "Seifenoper" im deutschen Fernsehprogramm, die in München spielt, aber in Köln produziert worden ist. Die 1600. Folge lief am 16. Oktober 2016. Die Lindenstraße ist bekannt dafür, dass sie immer wieder aktuelle soziale und politische Themen aufgreift. In der Folge "Die Absage" geht es u.a. um den illegalen Handel mit "Heimaterde" aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. (Ausschnitt aus der dritten Folge "Die Absage" vom 22.12.1985) (© WDR/Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion, 1985)

Nach der ersten Kritik wuchs langsam das Verständnis für die ungewohnte (Zopf-)Dramaturgie (drei Handlungsstränge greifen ineinander) und die "einfache" Ästhetik. "Lindenstraße" wurde zum sonntäglichen Ritual für Millionen Bundesbürger. Weil die Serie nach der Wiedervereinigung im Osten nur eine geringe Akzeptanz erzielte, wurde in Leipzig eine WG als Ost-Dependance eröffnet [1]. Am 12. Dezember 2010 feierte die Lindenstraße mit einer Sondersendung und "Kult-Nacht" ihr 25-jähriges Jubiläum, am 6. Dezember 2015 wurde die "Lindenstraße" zum 30-jährigen Bestehen erstmals live gespielt und mit Aktionen im Internet vernetzt.

Deutsche Telenovelas



Schauspielerin Alexandra NeldelSchauspielerin Alexandra Neldel Lizenz: cc by/3.0/de (Siebbi/Thore Siebrands )

Eine Spielart der Daily Soap ist die Telenovela. Sie ist kein Endlosformat, das Personal ist überschaubarer und die Themenpalette ist auf Liebe, Karriere und Romantik fokussiert. In den Produktions- und Rezeptionsbedingungen und auch in der ästhetischen Anmutung entspricht sie weitgehend den täglichen Seifenopern. Als südamerikanischer Export ("Die Sklavin Isaura", ARD, 1986/87) fand das zunächst belächelte Genre Eingang ins deutsche Fernsehen. Das ZDF übertrug die melodramatischen Geschichten und den Regelkanon des Genres auf deutsche Verhältnisse. Es feierte mit "Bianca – Wege zum Ruhm" (2004/2005) einen großen Erfolg am Nachmittag.

Erfolgreiche Telenovelas

"Verliebt in Berlin", bei Sat.1 von 2005 bis 2007 ausgestrahlt, war die junge Variante der Telenovela mit dem Ex-"GZSZ"-Liebling Alexandra Neldel, eine typische Aschenputtel-Story mit etwas Sozialtouch, Humor und eine Heldin zum gern haben. Die Serie überflügelte zwischendurch sogar den Marktführer "GZSZ". Wegen der großen Popularität wurde die Serie von den üblichen 200 Folgen auf 645 aufgestockt. (Ausschnitt aus der ersten Sendung vom 28.2.2005) (© ProSiebenSat.1, 2005)

"Verliebt in Berlin" (Sat.1, 2005–2007) mit dem Ex-"GZSZ"-Liebling Alexandra Neldel war die junge Variante der Telenovela, eine typische Aschenputtel-Story mit etwas Sozialtouch, Humor, einem zielgruppengerechten "Look" und einer Heldin zum Gernhaben. Die Serie überflügelte zwischendurch sogar den Marktführer "GZSZ". Wegen der großen Popularität wurde die Serie von den üblichen 200 Folgen auf 645 aufgestockt. Auch "Bianca – Wege zum Glück" (ZDF, 2005–2009), "Sturm der Liebe" (Das Erste, seit 2005, über 2.600 Folgen) und "Rote Rosen" (Das Erste, seit 2006, über 2.400 Folgen) waren bzw. sind erfolgreich und deshalb auf absehbare Zeit endlos. Bei den Privatsendern werden Telenovelas zunehmend von kostengünstigeren Scripted-Reality-Formaten abgelöst.

Serieninformation im Internet

Neuere wie ältere Serien werden oftmals bei kleineren Sendern bzw. Kanälen wie Sixx oder ZDFneo wiederholt. Einen guten Überblick über aktuell ausgestrahlte Fernsehfilme und Serien erhält man u. a. über die Homepages der Sender im Internet, z. B.:


Trends nach 2010



Scripted Reality

Eine ganze Flut von Scripted Reality-Serien ist verstärkt am Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts in die Programme der Privatsender geschwemmt worden. Die Sendungen wirken (semi-)dokumentarisch, die Darsteller agieren aber nach einem Drehbuch (= Script). Bei den Sendern ist Scripted Reality beliebt, wie es sehr günstig zu produzieren ist. Dem Publikum gefällt der authentische Charakter, denn die amateurhaft wirkenden Aufnahmen vermitteln manchmal sogar einen "live"-Eindruck. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität scheinen sich im Scripted-Reality-TV aufzulösen. Dies kann bei allen Zuschauergruppen, insbesondere aber bei den Jüngeren, zur Verwechslung von Realität und Fiktion führen [2].

Bei den Soaps liegen "Berlin – Tag und Nacht" (RTL II, seit 2011) und der Ableger (spin-off) "Köln 50667" (RTL II, seit 2013) weit vorne in der Zuschauergunst. Die Laienschauspieler und ihre teilweise holprig vorgetragenen Texten wirken lebensnah, die andauernd und nicht selten vulgär ausgetragenen Beziehungskonflikte bedienen den Voyeurismus nicht nur junger Zuschauer/innen.

Auch in den anderen Serien sind (alltägliche) Konflikte immer zentral, mal mit familiärem (z. B. "Familien im Brennpunkt", RTL, 2009–2014; "SOKO Familie", Vox, 2012–2013), mal mit schulischem (z. B. "Die Schulermittler", RTL, 2009–2013), häufig auch mit juristisch-kriminalistischem Hintergrund ("Anwälte im Einsatz", "Auf Streife", beide Sat.1, seit 2013) (ausführlicher siehe unter Reality TV).



Konkurrenz für "klassische" Fernsehserien durch das Internet

In seinen ersten Jahren war das Internet lediglich eine weitere Abspielmöglichkeit für Sendungen, die für das Fernsehen produziert worden sind. Inzwischen machen aber Portale wie "Netflix" und "Amazon Prime Video" den Sendern Konkurrenz durch Eigenproduktionen, insbesondere im Serienbereich. Serien wie "House of Cards" (2013), "Orange is the New Black" (2013) und "Making a Murder" (2015) von Netflix oder "Alpha House" (2014) und "Transparent" (2014) bei Amazon Prime sind nicht nur thematisch interessant und werden aufwendig produziert. Sondern es können auch möglichst viele Serienfolgen auf einmal online abgerufen und angesehen werden ("Serienmarathon"), unabhängig von einer sonst vorgegebenen Sendezeit. Durch diesen speziellen "Mehrwert" wollen die Online-Anbieter die Zuschauer vom Free-TV dauerhaft zu ihren in der Regel kostenpflichtigen Internetangeboten holen.


Fußnoten

1.
Vgl. Bleicher 1995.
2.
Vgl. Schenk/Götz/Niemann 2015.

 

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