Krieg in den Medien

Gewalt im Kriegsfilm

1.10.2011
Welche Absicht wird mit der Darstellung von Gewalt in den jeweiligen Filmszenen verfolgt? Welche Wirkung haben gewalthaltige Szenen auf den Betrachter?

Hauptmerkmal von Kriegsfilmen ist die audiovisuelle Darstellung von Gewalt, Leid, Verletzung und Tod. Es gibt Kriegsfilme, die einen direkten Blick auf Tote und Verwundete scheuen, und solche, die das Sterben im Krieg (zum Beispiel durch Bilder von offenen Wunden und herumliegenden Körperteilen) bewusst in Szene setzen. Sowohl der Verzicht auf diese Bilder als auch der spektakuläre Einsatz von Actionszenen kann zu einer Verharmlosung des Krieges führen. Unsere Wahrnehmung hat sich zeitgleich mit den technischen Möglichkeiten der Produktion verändert. Computeranimationen und "special effects" bebildern das Einschlagen von Gewehrkugeln, das Aufreißen von Wunden oder riesige Explosionen in einer Weise, die früher nicht möglich war. Ob dieser "realistische" Kriegsfilm unsere Sinne für den tatsächlichen Krieg schärft oder ein falsches Verstehen vortäuscht, ist umstritten. Denn medial dargestellte Gewalt wird ganz anders empfunden als echte, selbst erlebte Gewalt. Und natürlich ist in der Kriegswirklichkeit alles viel schlimmer, wenn auch nicht so spektakulär wie auf der Leinwand.

Nicht immer wird Gewalt im Kino aber als schrecklich oder abstoßend empfunden. Im Gegenteil: Viel öfter genießt man die Gewalt. Gewalt kann in ihrer Ausübung "lustig" oder "cool" sein. Oft befriedigt sie ein Rachegefühl. Im Kriegsfilm erfolgt die Gewaltausübung in der Regel durch die Soldaten beider Kriegsparteien. Der Feind wird als Bedrohung wahrgenommen, seine persönliche Geschichte ist dem Publikum oft unbekannt. Also berühren der Tod oder die Verletzung des Feindes weniger als die des Helden, zu dem man zuvor eine Beziehung aufgebaut hat. Wurden die Taten des Feindes als sehr grausam geschildert, erscheint sein Tod besonders gerechtfertigt. Jede Gewalt, die von ihm ausgeht, ist zu verurteilen. Die Gewalt des Helden hingegen wird begrüßt oder trifft zumindest auf Verständnis. Sie erklärt sich entweder durch den hohen Druck, sein Leben oder das seiner Kameraden zu verteidigen, oder als Produkt der Gefühlswelt des Helden: Angst, Mut, Vaterlandsliebe, Hass – jede Emotion ist geeignet, Gewalt zu legitimieren.

Black Hawk DownBewaffneter Soldat im Hollywood-Kriegsfilm "Black Hawk Down" (2001). (© Revolution Studios / Jerry Bruckheimer Films)
Es gibt im Kriegsfilm ganz verschiedene Heldentypen, die aus unterschiedlichen Gründen zu Gewalt greifen. In jedem Fall identifiziert sich das Publikum mit ihnen. Man kann sie in drei Kategorien einteilen. Darin vertreten sie die jeweilige Ideologie des Films.

Der Patriot
Der Patriot kämpft rücksichtslos und aus Überzeugung. Er tut es für sein Land und dessen Werte. Beispiele sind John Wayne in "Die grünen Teufel" (1968) oder Mel Gibson in "Der Patriot" (2000). Der Einzelkämpfer Rambo ("Rambo", 1982) ist im Vergleich mit ihnen ein gebrochener Held. Er tötet aus einem Trauma heraus, auch gegen den Willen seiner Vorgesetzten. In seinem Zorn steigert er sich mit weit aufgerissenem Mund in einen Mordrausch, von dem sich das Publikum mitreißen lässt. Andere solcher Helden bewundert man im Gegenteil für ihre kühle Präzision.

Der Lebensretter
Er tötet nicht aus Lust oder patriotischer Überzeugung, sondern auf Befehl und zum Wohle anderer. Indem er sich und seinen Kameraden das Leben rettet, macht er "seinen Job". Ein gutes Beispiel ist Tom Hanks in "Der Soldat James Ryan" (1998). Als Captain Miller holt er einen jungen Soldaten von der Front zurück, um ihn heil zu seiner Familie zu bringen – er ist der letzte überlebende Sohn. Der Lebensretter würde sich nie zu übertriebenen Racheaktionen hinreißen lassen, er wirkt immer nüchtern. Er verkörpert das Ideal des aufrechten Soldaten und genießt die höchste Anerkennung.

Der junge Rekrut
Ohne große Erfahrung wird er mit der Brutalität des Krieges konfrontiert. Er muss töten, um nicht getötet zu werden. Einige begreifen den Krieg zuerst als Abenteuer und verlieren schnell ihre Illusionen. Andere empfinden vor allem Sinnlosigkeit oder Angst, die sie aber überwinden. Ein Beispiel für Letzteres ist Charlie Sheen in "Platoon" (1986), der über zahllose Gefechte zu sich selbst findet, obwohl er den Krieg weiterhin ablehnt. Zwischendurch tötet auch er wie im Rausch, wird zur mordenden Bestie. Dies ist aber eher Zeichen seiner Hilflosigkeit und der seelischen Belastung durch den Krieg.

Wirkung von Gewalt



In manchen brutalen Kriegsfilmen sind die Helden nicht viel besser als die Bösen. Sie fangen zwar mit der Gewalt nicht an und haben das Ziel, den Feind zu bekämpfen. Aber man merkt, dass es ihnen Spaß macht, Feinde zu töten. Oft kommentieren sie deren Tod mit einem verachtenden oder amüsierten Spruch. Sie wenden häufig auch mehr Gewalt an, als nötig ist, um sich zu wehren oder die Bösen auszuschalten. Sie übertreten dabei oft Gesetze und töten auf Verdacht, ohne genau zu wissen, ob der andere schuldig ist. Trotzdem fühlt der Zuschauer mit und findet das Verhalten in Ordnung, weil es ja das große Ziel gibt, den Feind zu vernichten. Bei solchen Filmen lernt der Zuschauer, gewalttätiges Verhalten unter Umständen zu akzeptieren. Denn hat ein brutaler Täter mit seinem gewalttätigen Verhalten Erfolg, so dient sein Verhalten eher als Modell, als wenn die negativen Auswirkungen seines Handelns abschreckend in Szene gesetzt werden, der Täter grausam bestraft wird oder der Zuschauer mit dem Opfer mitleidet. Die Gefahr, gewalttätiges Verhalten von Negativvorbildern im Film zu übernehmen, ist insbesondere bei Kindern und Jugendlichen gegeben, die auch in ihrer Familie oder ihrem Freundeskreis die Erfahrung machen, dass man mit Brüllen und Prügeln Erfolg hat und sich durchsetzt. Denn das gezeigte Gewaltverhalten ist von ihren realen Erfahrungen nicht weit entfernt.



 
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