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Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im digitalen Zeitalter

Einführung in die Debatte


6.10.2014
Was sollen ARD, ZDF und Deutschlandfunk in der digitalen Medienordnung dürfen? Inwieweit hat sich ihr Auftrag durch das Entstehen des Medienkanals "Internet" verändert? Die Regulierung der Öffentlich-Rechtlichen ist Ländersache, aber ist dieses Modell noch zeitgemäß?

Verleger klagen gegen ARD und ZDF wegen der Verwendung presseähnlicher Apps.Kontroverse: Was sollen ARD, ZDF und Deutschlandfunk in der digitalen Medienordnung dürfen? (© picture-alliance/dpa)


Einleitung



Ausgangslage: Die Einführung der Haushaltsabgabe

Die Debatte um die Rolle der öffentlich-rechtlichen Sender und ihren Auftrag in einer sich rasant verändernden Medienwelt ist ein Dauerbrenner. Die vorläufig letzte Stufe stellte die Einführung der neuen Rundfunkgebühr zum 1. Januar 2013 dar. Obwohl sich für schätzungsweise 90 % der deutschen Haushalte der zu zahlende Betrag von 17,98 Euro im Monat gar nicht änderte, hatte die Umstellung der Finanzierung auf eine Haushaltsabgabe zur Folge, dass das öffentlich-rechtliche System unter enormen Legitimationsdruck geriet. Dies sahen mittlerweile auch deren eigene Spitzenleute so. In einem Gespräch mit Journalisten sagte Willi Steul, der Intendant des Deutschlandfunks, im Dezember 2012: "Wir müssen der Gesellschaft nachweisen, wofür wir das Geld brauchen"[1]. Also: Wofür geben die Sender die rund 7,5 Milliarden Euro im Jahr aus, die ihnen die Gebührenzahler überweisen?

Infokasten

Haushaltsabgabe

Zur Verdeutlichung: Das öffentlich-rechtliche System besteht aus der föderalen ARD (Gebührenertrag ca. 5,5 Milliarden Euro im Jahr) mit ihren über die Republik verteilten Sendeanstalten und ihren drei Digitalsendern, dem ZDF (ca. 1,8 Milliarden Euro) und ihren drei Digitalsendern, den gemeinschaftlichen Beteiligungen 3Sat, Arte, Phoenix und Kinderkanal, sowie dem Deutschlandradio (ca. 200 Millionen Euro) und 66 Hörfunkprogrammen.


Zäsuren in der Medienlandschaft



In den vergangenen drei Jahrzehnten gab es zwei Zäsuren in der Medienlandschaft, die den Boden für die Debatte mit bereitet haben.

Einführung des dualen Rundfunksystems

Die erste Zäsur war das Aufkommen des privat-kommerziellen Rundfunks in den 80er Jahren und damit die Herausbildung des dualen Rundfunksystems. Eine privatwirtschaftlich finanzierte Konkurrenz, die vornehmlich auf populäre Inhalte setzt, führte überhaupt erst
  1. zu einem Wechselspiel aus Wettbewerbsdenken auf der einen Seite (beispielsweise zeigen sowohl öffentlich-rechtlichen wie private Sender Quizshows, Daily Soaps und Sport) und
  2. zu einer Erweiterung des verfügbaren Medienangebots auf der anderen Seite: (das Programm ist letztlich nicht austauschbar, sondern ergänzt sich).
Weil aber die Privaten auch einen bestimmten Anteil an Informationen und Nachrichten senden müssen, stellt sich letztlich die Frage, wie unverzichtbar sich die Öffentlich-Rechtlichen im Angesicht einer wachsenden Zahl kommerzieller Angebote im TV machen können. Heute ist es mehr denn je ihre Aufgabe, ihre Stellung durch ein entsprechend gehaltvolles Programm zu untermauern.

Es überrascht indes nicht, dass sich die Privaten, allen voran die Mediengruppe RTL Deutschland sowie die ProSiebenSat.1 Media AG, zu den schärfsten Kritikern der öffentlich-rechtlichen digitalen Expansion entwickelt haben. Auf beiden Seiten gibt es klar umrissene Charakterisierungen der anderen Seite. So sagte ZDF-Intendant Thomas Bellut in einem Interview mit der Mainzer "Allgemeinen Zeitung": "Privatfernsehen will Geld verdienen, hat kaum noch publizistischen Ehrgeiz, die Öffentlich-Rechtlichen sind für die hochwertige Ware zuständig"[2]. Der Chef der Sendergruppe ProSiebenSat.1, Thomas Ebeling, wunderte sich 2011 in der "FAZ" über den geringen Marktanteil von 7 %, den eine Talkshow mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Ersten erzielt hatte – während gleichzeitig die Gebühren stiegen. Dies sei, so Ebeling, regelrecht "verstörend"[3].

Eine konvergente Medienwelt entsteht

Die Mediathek der ARD.Die Mediathek der ARD. (© ARD)


Die zweite Zäsur war die Internet-Revolution. Ist die Konkurrenz zwischen gebührenfinanzierten TV-Sendern auf der einen Seite und werbefinanzierten Sendern auf der anderen Seite noch halbwegs überschaubar, hat der Siegeszug des World Wide Web zu einer neuen Unordnung geführt. In der Fachsprache wird der Effekt mit dem Begriff Konvergenz beschrieben. Was definitorisch "Annäherung" oder "Zusammenlaufen" bedeutet, sorgt in der Realität für mehr Komplexität.

Denn waren die unterschiedlichen Medien vor dem Internet-Zeitalter klar voneinander abzugrenzen (Print – TV – Radio), finden sich im Web alle Mediengattungen plötzlich auf ein und derselben Plattform nebeneinander wieder. Im Netz verschmelzen Texte, Fotos, Videos und Audio-Files miteinander, bzw. sie lassen sich von dieser Plattform alle gleichermaßen konsumieren. Zwischen der Mediathek der ARD, dem Videoportal Maxdome von ProSiebenSat.1 und Internet-Angeboten wie Spiegel Online, FAZ.net oder auch T-Online liegt nur ein einziger Klick.

In dieser konvergenten Medienwelt müssen sich nun alle Medienunternehmen zurechtfinden. Während es für kommerzielle Anbieter in erster Linie darum geht, ihr Geschäftsmodell anzupassen, loten ARD und ZDF nach innen aus, was die Digitalisierung für ihren Programmauftrag bedeutet. Nach außen müssen sie ihre Interessen mit den Interessen der privaten Anbieter abgleichen und möglichst miteinander vereinbaren.

Entlang dieser Schnittstelle ist nun eine Reihe von Konflikten ausgebrochen. Etwa: Was darf eine Tagesschau-App bieten und was nicht? Welche Inhalte sollen in den Mediatheken von ARD und ZDF zu sehen sein? Wie sinnvoll ist der Ausbau von ARD und ZDF zu Senderfamilien mit einer Anzahl von Nischensendern für bestimmte Zielgruppen, insbesondere junge Zuschauer? Dazu weiter unten mehr.

Die öffentlich-rechtlichen Sender stecken zwischen Sparvorgaben und Expansionsdrang, zwischen alternden Zuschauern und dem Wunsch der Verjüngung des Programms. Sie wollen Programmauftrag und Quotendenken miteinander in Einklang bringen; sie verteidigen ihre Aufgabenfelder und müssen gleichzeitig ihre digitale Strategie verhandeln.

Der technologische Wandel hat Auswirkungen auf das Fernsehen



Die Digitalisierung hat die Art, wie ein wachsender Teil der Bürger Medien konsumiert, drastisch verändert. Auch wenn das lineare Fernsehen, also das Zuschauen nach den von den Sendern vorgegebenen Programmschemata, weiter von einer beträchtlichen Zahl der Zuschauer genutzt wird: Es eröffnen sich mit digitalen Angeboten vielfache Möglichkeiten, Bewegtbildinhalte zu anderen Zeiten und auf anderen Geräten abzurufen. Das ermöglichen einerseits neue Geräte wie Smart-TVs und Festplattenrekorder, andererseits Mediatheken und Pay-per-View bzw. Video-on-Demand-Plattformen.

Da diese Plattformen web-basiert sind, lassen sie sich auch über Smartphones, Tablets und internetfähige Spielekonsolen ansteuern. Gleichzeitig wandelt sich der konventionelle TV-Apparat von einem reinen Empfangsgerät für Kabel- oder Satellitenfernsehen zum Hybrid-TV, zum "Herzstück des Heim-Entertainments"[4]. Der Fernseher bleibt als "connected device", also als ein mit dem Internet verbundenes Gerät, ein zentraler Bestandteil der meisten Haushalte. Um ihn herum entsteht eine Infrastruktur von ebenfalls web-fähigen Geräten, also etwa Tablets, die ebenfalls jeweils alle Möglichkeiten des linearen wie nicht-linearen Fernsehkonsums ermöglichen. Oder sie dienen als second screens, die gleichzeitig als TV-Gerät verwendet werden. Der TV-Bildschirm sei nur noch "ein Display unter vielen", schrieben die Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister und Knut Hickethier[5].

Schließlich ist es nicht mehr zwingend nötig, einen "Kanal" im konventionellen Sinn zu schauen. Der Slogan "Im Internet wird jeder zu seinem eigenen Programmdirektor" ist vielleicht plakativ, im Kern aber im Prinzip korrekt: Über zahlreiche Plattformen, nicht zuletzt über YouTube, wird das individuelle, nicht an bestimmte Zeiten gebundene Abspielen von Inhalten, anywhere anytime, möglich. Dies bedeutet auch, dass nicht nur viele Filme und TV-Serien jederzeit verfügbar sind, sondern auch Informationen aller Art. Technologie-Konzerne wie Google und Apple arbeiten an eigenen TV-Systemen. Das US-Unternehmen Netflix, das mit dem Verschicken von DVDs per Post anfing und nun massiv ins Abruf-TV im Netz investiert hat, produzierte mit House of Cards eine eigene Serie.

Infokasten

Netflix

Der Internetanbieter Netflix (dt. "Internet-Filme") hat zunächst, wie andere Anbieter auch, als Online-Videothek Filme per Post an seine Abonnenten verschickt (DVD). Neuerdings ersetzt die Streaming-Technik den Versand von Bildträgern. Darüber hinaus wurde mit der Eigenproduktion von Serien für die eigenen Kunden begonnen: Die US-Politserie "House of Cards" (Regie: David Fincher; ursprünglich BBC, nach dem gleichnamigen Roman des britischen Schriftstellers Michael Dobbs) ist die erste erfolgreiche "Webserie", die bei den Golden Globes und den Emmy Awards ausgezeichnet wurde.


Vereinfacht gesagt: Der Status "Rundfunkveranstalter" wird zunehmend zu einer juristischen Kategorie. Faktisch senden via Internet viele Anbieter Inhalte, die den klassischen TV-Sendern Konkurrenz machen.



Fußnoten

1.
Meier 2012
2.
Bellut 2013
3.
Ebeling 2011
4.
Kahney 2013
5.
Hachmeister/Hickethier 2008

 

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