Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.
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Googles PageRank

Diagramm des kognitiven Kapitalismus und Rentier des gemeinsamen Wissens


8.4.2011
Matteo Pasquinelli untersucht, wie Google aus individuellen Handlungen und general intellect Mehrwert abschöpft und in Netzwerkswert und Reichtum verwandelt. Er beschreibt diesen Vorgang anhand des Begriffs der "kognitiven Pacht".

Browserscreenshot mit Page-Rank.Kleine Anzeige - große Wirkung. Browserscreenshot mit Page-Rank. (© bpb)
    Der innerste Kern von [Google] ist der PageRank-Algorithmus, den Brin und Page während ihrer Studienzeit in Stanford in den 1990er-Jahren schrieben. Sie erkannten, dass jedes Verlinken zu einer anderen Seite Ausdruck eines Urteils ist. Die Person, die den Link setzt, sagt damit, dass sie die andere Seite für wichtig hält. Sie erkannten auch, dass jeder Link im Web ein klein wenig menschliche Intelligenz enthält, und dass alle Links zusammen eine riesige Menge Intelligenz enthalten – weit mehr, als der Verstand eines einzigen Menschen auch nur annähernd besitzen könnte. Die Google-Suchmaschine durchforstet diese Intelligenz Link für Link und nutzt sie, um die Wichtigkeit aller Seiten im Web zu bestimmen. Je mehr Links auf eine Seite verweisen, desto höher ist ihr Wert. Wie John Markoff erklärt, "beutet [Googles Software] das menschliche Wissen und Entscheidungen über das, was wichtig ist, systematisch aus". Jedes Mal, wenn wir einen Link setzen oder auch nur einen bestehenden anklicken, füttern wir das Google-System mit unserer Intelligenz. Wir machen die Maschine ein wenig klüger – und Brin, Page und die Google-Aktionäre ein wenig reicher.
Nicholas Carr, The Big Switch (1)

Die Umkehr des Panoptikons: Google als maschinischer Parasit des gemeinsamen Intellekts (oder: die Produktion von Wert)



Ein Großteil der Kritik an Google konzentriert sich auf das imperiale Wesen seines Monopols: seine dominante Position, die Datenschutzprobleme, die Zensur, die globale dataveillance. Studien zur molekularen Ökonomie im Innersten dieser Vorherrschaft gibt es dagegen nur wenige. Während viele kritische Beiträge zu Google Foucaults Jargon missbrauchen und sich der Vorstellung eines digitalen Panoptikons hingeben, entspringt die Macht Googles einer ökonomischen Matrix, die von der kabbalistischen Formel des PageRank bestimmt wird – jenem ausgeklügelten Algorithmus, der die Wichtigkeit einer Webseite und die Hierarchie der Google-Suchresultate bestimmt.(2) Wie sich im Folgenden zeigen wird, lässt sich die Funktion von PageRank problemlos nachvollziehen. Eine "politische Ökonomie" dieses Apparats ist jedoch noch ausständig.



Auch wenn die biopolitische Dimension Googles viel diskutiert wird (oft im genannten post-strukturalistischen Jargon), so fehlt immer noch eine bio-ökonomische Analyse, die erklärt, wie Google aus unserem Leben und dem gemeinsamen Intellekt Wert schöpft und in Netzwerkwert und Reichtum umformt. Auch wenn es oft missbraucht wird, macht das Foucaultsche Paradigma durchaus reale Probleme sichtbar, allerdings nur zum Teil: Die Vormachtstellung Googles ist nicht einfach etwas metaphysisch Gegebenes, sondern beruht auf einer Technologieplattform und dem Geschäftsmodell der Suchmaschine. Wie Paolo Virno meint, sollten wir in unserem Verständnis von Biopolitik vom Potenzial unseres lebenden Körpers und von der Arbeitskraft ausgehen: Die biopolitischen Strukturen folgen als Apparat, welcher der Erfassung dieses Potenzials dient.(3) Die Metapher des Panoptikons muss umgekehrt werden: Google ist nicht bloß ein Instrument der dataveillance, das von oben auf uns herabblickt, sondern ein Apparat der Wertschöpfung von unten. Im Besonderen schafft und akkumuliert Google Wert durch den PageRank-Algorithmus und durch die Vermittlung gemeinschaftlichen Wissens – dies ist das zentrale Thema. Die politische Ökonomie von Google beginnt mit der politischen Ökonomie des PageRank.

Die erste Beschreibung von Googles PageRank und der Ausgangspunkt für das unternehmerische Abenteuer von Sergey Brin und Lawrence Page war in ihrem Paper The Anatomy of a Large-Scale Hypertextual Web Search Engine aus dem Jahr 1998 enthalten.(4) Der PageRank-Algorithmus führte einige revolutionäre Veränderungen in die Technologie der Informationsbeschaffung sowie in die Suchmaschinentechnologie der späten 1990er-Jahre ein: Der scheinbar flache Ozean des Internet wurde von Google nach Sichtbarkeit und Wichtigkeit in dynamische Hierarchien umgeformt. Das Ranking einer Webseite ist recht einfach zu verstehen – ihr Wert wird durch die Zahl und Qualität der auf sie verlinkenden Seiten bestimmt. Ein Link, der von einem Knoten mit hohem Ranking ausgeht, hat mehr Wert, als ein Link von einem Knoten mit niedrigem Ranking.

Während Suchmaschinen wie Yahoo in den 1990er-Jahren das Web noch von Hand indizierten und sie der typischen Baumstruktur des enzyklopädischen Wissens anglichen, erfand Google eine Formel, die es ermöglichte, einem semantischen Wert quer durch die Dynamik und das Chaos des Hypertexts zu folgen. PageRank begann, Webseiten aufgrund ihrer Beliebtheit zu beschreiben, und die Suchmaschine produzierte Ergebnisse, die nach diesem Kriterium hierarchisiert waren. Neben Yahoos Bäumen und Googles Rankings gibt es noch zahlreiche andere Techniken der Informationsbeschaffung.(5) Die Software des PageRank-Algorithmus ist ein höchst komplexes Konstrukt, das sich nur professionellen Mathematikern erschließt. Dieser Beitrag beschränkt sich daher auf jene allgemein verständlichen Aspekte, die für eine erste politische Ökonomie dieses Apparats notwendig sind.

Dieses Diagramm hat keinerlei Ähnlichkeit mit der zentralisierten Struktur des Panoptikons, das von Foucault in Überwachen und Strafen beschrieben wird.(7) Das flüssige, hypertextuelle Wesen des Web (und der Noosphäre im Allgemeinen) erfordert eine andere Illustration. Ein Diagramm des kognitiven Kapitalismus lässt sich intuitiv nachvollziehen, wenn in der Struktur des Hypertexts jeder symmetrische Link von einem asymmetrischen Vektor für Energie, Daten, Aufmerksamkeit oder Wert ersetzt wird. Was PageRank sichtbar macht und misst, ist diese asymmetrische Verfasstheit jedes Hypertexts und jedes Netzwerks.

Die Inspirationsquelle für PageRank war das akademische Zitiersystem. Der "Wert" einer akademischen Publikation wird bekanntermaßen nach einem sehr mathematischen Verfahren ermittelt, in dem die Anzahl der Zitate in anderen Artikeln ausschlaggebend ist, die auf den betreffenden Beitrag verweisen. Daher entspricht das Ranking für eine akademische Zeitschrift der Summe aller in anderen Publikationen auf sie verweisenden Zitate. Wie Brin und Page erklären:
    Das akademische Zitierverfahren wurde auf das Web angewandt, indem die Zitate bzw. Links auf eine bestimmte Seite gezählt wurden. Dies vermittelt einen ungefähren Wert der Wichtigkeit oder Qualität einer Seite. PageRank führt diese Idee weiter, indem nicht alle Links aller Seiten gleich gezählt werden, und indem eine Normalisierung aufgrund der Anzahl der Links auf einer Seite vorgenommen wird. (8)
Diese im Medium Buch verwurzelte Entstehungsgeschichte von PageRank sollte nicht unterschätzt werden. In ähnlicher Weise lässt sich nämlich in der Gesellschaft des Spektakels und ihrer schillernden Marken-Ökonomie der Wert jedes kognitiven Objekts beschreiben. In den Massenmedien wird der Wert einer Ware hauptsächlich durch eine Bündelung der Aufmerksamkeit und des kollektiven Begehrens hergestellt. Von akademischen Veröffentlichungen über Handelsmarken bis zum Internet-Ranking kann überall von den gleichen Verfahren der Wertkonzentration ausgegangen werden. So wie die digitale Kolonisierung jeder beliebigen Offline-Erscheinung eine Online-Präsenz verlieh, ist die Matrix der sozialen und der Wertbeziehungen in den Cyberspace abgewandert und kann nun durch Suchmaschinen nachverfolgt und gemessen werden. Insbesondere PageRank beschreibt den Aufmerksamkeitswert jedes Objekts in einem Maß, welches ihn zur wichtigsten Quelle der Sichtbarkeit und Autorität sogar gegenüber den Massenmedien gemacht hat. PageRank enthält eine Formel der Wertakkumulation, die hegemonial ist und über mediale Grenzen hinweg angepasst werden kann: Ein nützliches Diagramm, das die Aufmerksamkeitsökonomie und die kognitive Ökonomie im Allgemeinen beschreibt.

Der Begriff der Aufmerksamkeitsökonomie ist von Nutzen, wenn man beschreiben will, wie der Wert einer Ware heute (teilweise) durch eine medial angetriebene Akkumulation sozialen Begehrens produziert wird.(9) Andere Denkschulen sprechen hier von "kulturellem Kapital" (Pierre Bourdieu), "kollektivem symbolischen Kapital" (David Harvey) oder "allgemeinem Intellekt" (besonders der eher kognitiv ausgerichtete Post-Operaismus). Vor dem Internet wurde dieser Prozess als generische kollektive Kraft beschrieben; mit dem Internet können die Strukturen der Netzwerkbeziehungen um ein bestimmtes Objekt leicht nachverfolgt und gemessen werden. PageRank ist die erste mathematische Formel, die den Aufmerksamkeitswert jedes Knoten in einem komplexen Netzwerk sowie das allgemeine Aufmerksamkeitskapital im ganzen Netzwerk kalkuliert. Worin besteht der von PageRank gemessene Wert? Interessanterweise ist jeder Link und Aufmerksamkeitsvektor nicht einfach eine instinktive Geste, sondern die Konkretisierung von Intelligenz und oft ein bewusster Akt. Wenn es in Mode ist, die Netzwerkgesellschaft als Zusammenwachsen von "Wunschströmen" zu beschreiben, dann muss berücksichtigt werden, dass diese Ströme mit Wissen besetzt sind und der Tätigkeit einer gemeinschaftlichen Intelligenz angehören.

In dem Zitat am Anfang dieses Artikels hat Nicholas Carr die Funktionsweise von Googles PageRank sehr gut beschrieben – wie er sich aus unserer kollektiven Intelligenz nährt und wie auf der Grundlage dieser gemeinschaftlichen Intelligenz Wert produziert und akkumuliert wird. PageRank schafft so seine eigene Aufmerksamkeitsökonomie, doch ein Großteil dieses Aufmerksamkeitskapitals beruht eigentlich auf intellektuellem Kapital, da jeder Link eine Verdichtung von Intelligenz darstellt. In diesem Sinne ist Google ein parasitärer Apparat, der den von der gemeinschaftlichen Intelligenz produzierten Wert abschöpft.(10)



 

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