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"Wir brauchen eine dem digitalen Zeitalter angemessene Debatte über geistiges Eigentum"

Interview mit Dieter Gorny

27.11.2007
Die Kreativindustrie ist ein Leitmarkt der Zukunft. Doch die heutige "Umsonst-Kultur" im Umgang mit Musik und anderem geistigen Eigentum droht sie auszutrocknen, so der Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie e.V. Dieter Gorny.

Bild: dieSachbearbeiter.de, cc by-nd-nd/2.0/deDieter Gorny (© Bild: dieSachbearbeiter.de, cc by-nd-nd/2.0/de )

Herr Gorny, was macht ein Bundesverband Musikindustrie eigentlich genau?



Dieter Gorny: Der Bundesverband Musikindustrie e.V. ist der Verband der Tonträgerwirtschaft, in dem rund 350 kleine, mittelständische und große Labels organisiert sind, die rund 90 Prozent des deutschen Marktes repräsentieren. Er vertritt die Interessen dieses Bereichs der Kreativwirtschaft, der ein wesentliches Glied der Verwertungskette des künstlerischen Produktes Musik ist. Heute wird mehr Musik denn je gehört, doch die Bereitschaft, dafür auch zu bezahlen, war nie so gering. Vom Kopieren können Künstler aber nicht leben. Deshalb sehe ich es als meine Aufgabe an, die Akzeptanz von Musik als Wirtschaftsgut in der Gesellschaft nach vorne zu bringen. Sonst wird über kurz oder lang die musikalische Vielfalt abnehmen.

Welche Rolle spielt dabei das Urheberrecht?



Eine fast schon mehr als zentrale, ich denke, die herausragende Rolle in einer zukünftigen Diskussion. Die Creative Industries - die kreativen Industrien – entwickeln und produzieren kreative Inhalte und erzeugen so Produkte, die als geistiges Eigentum schützbar sein müssen. Durch die Verwertung dieser 'Intellectual Properties' entsteht ein ökonomischer Mehrwert. Das Urheberrecht und die Schützbarkeit des geistigen Eigentums ist die Grundlage der gesamten kreativen Ökonomien von Film über Musik bis zu Verlagen oder Software.

Wieso sind diese Märkte wichtig?



Wenn man die europäische Ökonomiedebatte verfolgt, so sieht man, dass wir einerseits mit der Globalisierung, andererseits mit einem immer stärkeren Rückgang der traditionellen Industrien in Europa konfrontiert sind. Wenn wir die Herausforderung annehmen, die europäische Wissensgesellschaft mit der technologischen Zukunft und den globalen Herausforderungen zu verknüpfen, dann sind sich alle einig, dass einer der zukünftigen Leitmärkte, die unsere Prosperität sichern, die 'Creative Industries' sind.

Wie sichert denn das Urheberrecht diese Märkte?



Ein Künstler kann frei entscheiden, ob er sein Werk der industriellen Verwertung zuführt oder nicht. Aber wenn wir wollen, dass eine Ökonomie aus kreativen Werken entsteht, dann brauchen wir das Urheberrecht. Sonst wäre das, was kreatives Eigentum genannt wird, so allgemein verfügbar, dass sich ökonomische Prozesse nicht mehr in Gang setzen ließen. Das würde am Ende dazu führen, dass ein Künstler oder eine Künstlerin sagt: "Wenn ich keine Chance habe, mit meiner Kunst meinen Lebensunterhalt zu verdienen, dann mach ich das auch nicht mehr."

Wir haben ja, wenn man sich auf die 'recorded music' bezieht, ein schönes Schlagwort: "Es wurden nie so viele CDs gekauft wie heute." Der Nachteil dabei ist, dass nur noch auf einem Viertel davon Musik ist. Aber kurze Zeit später ist auch auf den anderen drei Vierteln Musik. Das zeigt, dass das Interesse an Musik ungebrochen ist.

Die Musiknutzung über CDs oder MP3-Player hat sich von 1995 bis 2005 von 14 auf 45 Minuten mehr als verdreifacht. Die Menschen gehen sehr intensiv mit Musik um, sie brauchen Musik im Alltag, sie wenden sich der Musik bewusst zu. Musik ist ein sehr elementares Gut.

Was ich vermisse, ist der Respekt vor denen, die dafür sorgen, dass man solche schönen Momente erleben kann. Wenn das Gut Musik so eine zentrale Bedeutung einnimmt, dann müssen wir auch sagen: "Das ist mir etwas wert." Dann müssen wir eine 'Respekt-Debatte' führen, da ansonsten Musik in der heutigen Form nicht mehr möglich ist. Wir brauchen deshalb eine neue, dem digitalen Zeitalter und den gesellschaftlichen Veränderungen adäquate Debatte über Urheberrecht und geistiges Eigentum.


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