Auf einem Notebook ist die Startseite der deutschen Wikipedia vor einem Bücherregal zu sehen
Pfeil links 1 | 2

Buchkultur und Wissensgesellschaft

Zwischen Kontinuität und Umbruch

10.10.2012

3. Die Wikipedia als Enzyklopädie neuer Prägung



Genau diese Eigenschaften des Web 2.0 waren es, die den rasanten Erfolg der auf der Wiki-Technologie basierenden Wikipedia überhaupt erst ermöglichten: Seit 2001 wächst die größte Enzyklopädie aller Zeiten, die ihr Wissen zudem vollkommen kostenlos zur Verfügung stellt, dank des uneigennützigen Engagements tausender Freiwilliger. Die Wikipedia steht damit gewissermaßen exemplarisch für den Versuch der Realisierung der enzyklopädischen Idee unter den Bedingungen der digitalen Wissensgesellschaft. Doch auch wenn die Verschmelzung dieser doppelten Tradition der Wikipedia auf den ersten Blick scheinbar problemlos funktioniert, kommt es doch immer wieder zu inneren Streitigkeiten und äußerer Kritik an der Wikipedia.

Der Schlüssel zum Verständnis dieser inneren wie äußeren Spannungen ist erneut der Mediengattungsbegriff der Enzyklopädie, der mit spezifischen Ansprüchen und Erwartungshaltungen (Medienhandlungsschemata) verbunden ist. Werden diese, wie im Fall der Wikipedia, durch mediale Innovation sowohl medientechnisch als auch inhaltlich ausgeweitet, so ergeben sich daraus zugleich strukturelle Veränderungen im Hinblick auf die Produktion, Verbreitung sowie Rezeption der Inhalte. Das Wiki-Prinzip etwa bietet vollkommen neue Möglichkeiten der gemeinschaftlichen Erstellung, Revision und Verknüpfung von Texten im Sinne der Hypertextualität. Andererseits steht das Wiki-Prinzip strukturell betrachtet aber auch in einem fundamentalen Widerspruch zum Strukturprinzip der Mediengattung Enzyklopädie, da die einzelnen Artikel – obwohl bereits veröffentlicht – stets unfertig bleiben und damit permanent fehleranfällig sind und zudem nie eindeutig auf einen klar benennbaren Autor zurückgeführt werden können. Das typographische Medium beschränkte die Enzyklopädie buchkultureller Prägung zwar räumlich sowie inhaltlich und limitierte die Möglichkeiten aktiver Partizipation durch ein strenges redaktionelles System, dafür war durch diese Reglementierungen aber auch die Gewährleistung der Qualität des enthaltenen Wissens weitgehend sicher gestellt.

Im Hinblick auf die Wikipedia lässt sich damit zusammenfassend konstatieren:
  1. Die Wikipedia ist eine Enzyklopädie, insofern ihr Anliegen ein grundlegend enzyklopädisches ist. In diesem Sinne schließt die Wikipedia sogar geradezu idealtypisch an die (volks-)aufklärerische Idee einer umfassenden Wissenspopularisierung an.
  2. Die Wikipedia ist mehr als eine Enzyklopädie, insofern sie zum Zwecke der Realisierung dieses enzyklopädischen Anliegens zugleich die Implikationen der Wissensgesellschaft sowie der libertären Internetkultur aufgreift und damit nicht nur eine neue Art der Erzeugung und Publikation enzyklopädischen Wissens verkörpert, sondern ebenso auch neuartige Prinzipien und Konventionen der Prozessierung gesellschaftlich relevanten Wissens implementiert.
  3. Die Wikipedia ist folglich keine Enzyklopädie, da diese Prinzipien und Konventionen eine Aufweichung und Modifikation der herkömmlichen Strukturen der typographischen Wissenskultur bedeuten. Vielmehr steht die Wikipedia für eine veränderte Sichtweise auf den Enzyklopädiebegriff – eine Enzyklopädie neuer Prägung – im Sinne einer kulturellen Neuauffüllung des dazugehörigen Mediengattungsverständnisses.


Entsprechend ist das, was sich exemplarisch anhand der Wikipedia dokumentiert, vermutlich die Manifestation eines beginnenden wissenskulturellen Wandlungsprozesses im digitalen Zeitalter.

Mediengattung

Beim Begriff der Mediengattung handelt es sich um ein konstruktivistisch überarbeitetes Konzept des ursprünglich aus der Literaturwissenschaft stammenden Gattungsbegriffs. Diente der literarische Gattungsbegriff vor allem zur Klassifikation unterschiedlicher literarischer Formen, fragt der Mediengattungsbegriff stattdessen nach dem orientierenden und koordinierenden Einfluss von Gattungskonzepten auf die Produktion und Rezeption von Medienangeboten. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die Eigenschaften und Bedeutungen von Medienangeboten nicht in diesen selbst liegen, sondern ihnen durch denkende und handelnde Menschen in sozialen Kontexten zugeschrieben werden. Diese Zuschreibungen sind Ausdruck konventionalisierter kognitiver Programme zur Realitäts- bzw. Sinnkonstruktion. Sie beziehen sich auf die Intention, die Thematik sowie die Modi der Gestaltung und Präsentation von Medienangeboten, regeln vor allem aber auch die Erwartungen der Mediennutzer hinsichtlich des Wirklichkeitsbezugs sowie deren Anspruch bezüglich des Grades der Zuverlässigkeit bzw. Glaubwürdigkeit und legen nicht zuletzt die zugehörigen Handlungsrollen fest. Vgl. dazu Siegfried J. Schmidt: Skizze einer konstruktivistischen Mediengattungstheorie. In: Siegener Periodicum zur Internationalen Empirischen Literaturwissenschaft (SPIEL), 6 (H. 2), Frankfurt/M. 1987, S. 163-206.

Daniela Pscheida



Ausgewählte Literaturhinweise:

  • Tom Alby: Web 2.0. Konzepte, Anwendungen, Technologien. München/Wien 2007.
  • Uwe H. Bittlingmayer: "Wissensgesellschaft"als Wille und Vorstellung. Konstanz 2005.
  • Peter Burke: Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft. Berlin 2001.
  • Manuel Castells: Die Internet-Galaxie. Internet, Wirtschaft und Gesellschaft. Wiesbaden 2005.
  • Michael Gibbons/Camille Limoges/Helga Nowotny/Simon Schwartzman/Peter Scott/Martin Trow: The New Production of Knowledge. The Dynamics of Science and Research in Contemporary Societies. London/Thousand Oaks/New Delhi 1994.
  • Michael Giesecke: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Frankfurt/M. 1994.
  • Daniela Pscheida: Das Wikipedia-Universum. Wie das Internet unsere Wissenskultur verändert. Bielefeld 2010.
  • Ulrike Spree: Das Streben nach Wissen: eine vergleichende Gattungsgeschichte der populären Enzyklopädien in Deutschland und Großbritannien im 19. Jahrhundert. Tübingen 2000.
  • Peter Weingart: Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft. Weilerswist 2005.
  • Wikimedia Deutschland e.V.: Alles über Wikipedia und die Menschen hinter der größten Enzyklopädie der Welt. Hamburg 2011.


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Daniela Pscheida für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 
Ein Wordle aus dem Einführungstext des Dossiers.Dossier

Open Data

Open Data steht für die Idee, Daten öffentlich frei verfügbar und nutzbar zu machen. Welches Potential verbirgt sich hinter den Daten, die Behörden und Ministerien, Parlamente, Gerichte und andere Teile der öffentlichen Verwaltung produzieren? Das Dossier klärt über die Möglichkeiten offener Daten für eine nachhaltige demokratische Entwicklung auf und zeigt, wie Datenjournalisten mit diesen Datensätzen umgehen. Weiter... 

Ein Besucher blickt auf die Computerfarm des Kernforschungszentrums CERN bei Genf.Dossier

Die Politik des Suchens

Beherrschen Suchmaschinen nicht nur Märkte, sondern auch unser Denken? Am Beispiel von Google untersucht das Dossier deren Bedeutung und innere Systematik. Es diskutiert angemessene Reaktionen in Gesellschaft, Gesetzgebung und Politik sowie von Verbraucherseite. Weiter... 

Alles auf Grün - Bild einer Ampel, auf der 'Go' zu lesen ist.Dossier

Open Source

Open Source-Software ist das Paradox der Wissensgesellschaft: Programmierer verschenken ihr wertvollstes Gut – und begründen eine soziale Bewegung, die weltweit das Wissen befreien will. Weiter...