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Temporalisierung von Wissen

Wissen in Zeiten von Wikipedia - ein zeitkritischer Standpunkt

10.10.2012
Grafik der Entwicklung der Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia von 2007 bis 2012. Die Zahl der Artikel hat von rund 500.000 auf mehr als1.500.000 fast verdreifacht.Ungezügeltes Wachstum: die Zahl der Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia hat sich von 2007 bis 2012 fast verdreifacht. (© Public Domain, wikistatistics.net)

Cybertime: Die radikale Verzeitlichung von Wissenszuständen



Die jeweilige Jetztvergangenheit eines Wikipedia-Eintrags wird (aus diskursiver Gewohnheit) als ihre "Geschichte" bezeichnet; tatsächlich aber ist damit die ahistorische Form des Palimpsests, der übereinandergeschriebenen, sich jeweils ausradierenden Texte gemeint, wie Matthew Kirschenbaum erklärt: "Attention to these editorial histories can help users exercise sound judgement as to whether or not the information before them at any given moment is controversial."[7] Die "Editier-Historie” hilft also den Usern bei einer nüchternen Beurteilung, ob die Information, die sie vor sich sehen, kontrovers ist oder nicht. Und zu welchem Zeitpunkt, dies der Fall ist – oder nicht. Die Offenlegung der jeweiligen Wissensmomente geschieht "with a precision, transperency, and granularity unprecedented in printed publications outside the realm of genetic editions and textual scholarship". Und offenbart so eine Transparenz, Präzision und Detailgenauigkeit, wie sie in gedruckten Werken nicht möglich ist. Tatsächlich kommt dies der Vorstellung eines dynamischen Archivs aller Textvarianten nahe, wie es etwa den Herausgebern der kritischen Edition von Franz Kafkas Werken vorschwebte.[8] Dies gehörte auch bereits zum ursprünglichem (und im Projekt Xanadu fortwährenden) Entwurf des amerikanischen Philosophen Theodor Holm Nelson von Hypertext als docuverse – als elektronische, universale Bibliothek: Alle jeweiligen Versionen eines Textes, auch in zeilen- und wortweisen Überschreibungen sollten bewahrt werden (layering) und in einem Palimpsest, das nicht nur räumliche, sondern auch zeitliche Querverweise erlaubt, resultieren: hypertime.[9]

Die aktuelle Antwort der Informatik zum Zweck von online backups heißt Delta-Kodierung, derzufolge in sukzessiven Varianten eines Dokuments nicht die jeweilige Ganzheit, sondern nur die Differenzen gespeichert respektive übertragen werden. Ein Protagonist in den Zeitweisen hochtechnischer Medien, das mathematische Intervallsymbol ∆, kommt in solchen "Deltas" auf den sprachlichen Begriff.

Die Delta-Kodierung, die in Wikipedia-Artikeln die jeweiligen Änderungen entweder vollständig in chronologischer Reihe (gelistet nach Versionen) oder als aktuellen Unterschied zur bisherigen Version auflistet, ersetzt die statis von Wissen durch eine differentielle Dynamik. An die Stelle von Wissensmonumenten treten zeitliche Relationen.

Das Internet ordnet Wissen in Form einer offenen, nicht mehr durch das Format des Buches geschlossenen Form. Es hierarchisiert dieses Wissen nicht bibliotheksförmig, sondern korreliert vielmehr mit der aus der Ökonomie der Warenspeicherung vertrauten sogenannten chaotischen Lagerung, wie es schon 1997 die Zeitschrift Scientific American kennzeichnete: "The more serious, longer-range obstacle is that much of the information on the Internet is quirky, transient and chaotically 'shelved'[10] - eine Schreckensvorstellung aller Bibliothekare. Das Internet stellt auf Seiten seiner öffentlichen Nutzung in der Tat ein (im Sinne von Maurice Halbwachs verstandenes) globalisiertes "soziales Gedächtnis"[11] kultureller Artikulation dar, dessen Dynamik jedoch gegenüber der Dauer zur flüchtigen Zwischenspeicherung tendiert. Dem sucht die regelmäßige umfassende Speicherung von Momenten des gesamten Internet durch die Non-Profit Organisation und ihr "Internet-Archiv" archive.org in den USA zu begegnen nur ansatzweise aber ist für diese Form der Totalkopie der Name Archiv angemessen. Auf technomathematischer Ebene jedoch ist das Internet tatsächlich archivförmig organisiert, und das in dem Sinne, der Archive von Bibliotheken unterscheidet: im Verborgenen, wenn nicht gar Geheimen. Das hinter dynamischen Wissensformaten wie Wikipedia agierende "Archiv" sind die Algorithmen und Protokolle ihrer Adressier- und Verfügbarkeit.[12]

Die topologische Infrastruktur des Internet ist eine Radikalisierung des postalischen Dispositivs; sie ist mit zeitkritischen Vektoren versehen, ganz wie die darauf bauende Wissensökonomie. Ist es bislang die Aufgabe klassischer Archive, Rechtsansprüche und Wissen auf Dauer in einer je festgelegten Form und symbolischen Ordnung zu bewahren, obliegt das Wissensfeld namens Internet einer höchst andersartigen Dynamik der Aktualisierung in Permanenz. Die Ökonomie, die in dieser grundsätzlichen Temporalisierung des Wissens waltet, ist zeitkritischer Natur. Der wissensökonomische Tausch lautet fortlaufende Aktualität um den Preis der Flüchtigkeit; an die Stelle dauernder, monumentaler Gültigkeit treten "flow" und "streaming". Diese Chronologik läuft auf das Provisorische hinaus; die zeitliche Endlichkeit ist hier von Beginn an mit eingeplant. Paratextuelle Datierungsangaben wie "last modified" und "accessed" deuten es an: Zeitkritische Heterochronien treten an die Stelle klassischer Wissensräume.[13] Internetbeiträge werden in wissenschaftlichen Aufsätzen nicht nur mit ihrer medienlogischen Ortsangabe (URL) und einer Angabe des Erscheinungsjahrs in Tradition klassischer Printpublikationen zitiert, sondern mit ihrer minuten- oder gar sekundengenauen Abrufzeit. Stetige räumliche Mobilität (das Credo des Modernismus) wird zunehmend von diskreter zeitlicher Mobilität – einer Art time hopping – überlagert. Wikipedia-Artikel rufen ausdrücklich dazu auf, bestimmte Zeitpunkte eines Artikels, also dessen jeweilige Version zu laden. Damit wird das Wissen selbst zeitkritisch, radikaler als der Langzeitanspruch des Wissens von in Bibliotheken aufgehobenen Enzyklopädien, deren Gültigkeit in der Gutenberg-Ära durch aktualisierende Neuauflagen skandiert war.

WWW: Anarchivische Wissensordnungen



Angesichts von Website-Wellen, die sich am Strand aktueller Interfaces ständig brechen und erneuern, hat es den Anschein, dass das Internet zum wissenspolitischen Anarchiv tendiert. Neue Medienplattformen wie Facebook, Youtube oder Wikipedia stellen zwar durchsuchbare Datenbanken dar, doch das Bewahren von Wissen ist weder ihr eigentliches Ziel noch wird es so verwendet: "YouTube is not itself an archive. Preservation is neither its mission nor its practice."[14] Archive haben den vorrangigen Zweck der dauerhaften Bewahrung von dokumentarischen Originalen, während Bibliotheken Kopien oder Reproduktionen zugänglich halten. "The digital archive is by nature a database." – und nicht die Erzählungen des Wissens, die sich auf dieser Grundlage erst entfalten. [15] Was passiert, wenn der technologische Support für die entsprechende Software aufgegeben wird? Dieses Risiko ist der Preis für den Ersatz von Langzeitarchivierung durch ephemere, flüchtige Speicher.[16] Aber es hätte wenig Sinn, die Wikipedia regelmäßig auszudrucken und in Papierform aufzubewahren. Überdauern wird vielmehr das Wissen der Algorithmen, die Wikipedia ermöglichen – in welchem physikalischen Speichermedium auch immer.


Fußnoten

7.
Matthew Kirschenbaum, Mechanisms. New Media and the Forensic Imagination, Cambridge, MA (The MIT Press) 2008, xvii
8.
Franz Kafka, Historisch-Kritische Ausgabe sämtlicher Handschriften, Drucke und Typoskripte, hg. v. Roland Reuß / Peter Staengle, Basel / Frankfurt a. M. 1995ff
9.
Theodor Holm Nelson, Literary Machines, Sausalito, Calif. (Mindful Press) 1981
10.
Editorial: The Internet. Bringing order from chaos, in: Scientific American 276, Heft 3 (1997), 49
11.
Maurice Halbwachs und Lutz Geldsetzer. Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen 1985
12.
Der Begriff Archiv wird hier nicht im institutionalen Sinne als administrativer Urkundenspeicher verstanden, sondern als das jeweilige Gesetz des Sagbaren: das, was technologisch den Gebrauch von Wikipedia überhaupt erst ermöglicht, "das System, das das Erscheinen der Aussagen als einzelner Ereignisse beherrscht": Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Frankfurt/M. 1981, 187. Siehe ferner Alexander Galloway, Protocol. How Control Exits after Decentralization, Cambridge, Mass. / London (MIT) 2004
13.
Siehe Foucault 1990
14.
Rick Prelinger, The Appearance of Archives, in: Snickars / Vonderau (Hg.) 2009, 268-274 (268)
15.
Pelle Snickars, The Archival Cloud, in: ders. / Vonderau (Hg.) 2009: 292-313 (304)
16.
Siehe Sebastian Handke, Die neue Flüchtigkeit. Wer archiviert das Internet? Archivwissenschaftler und Medienarchäologen diskutierten in der Mikrolounge des WMF über die Zukunft der Erinnerung, in: taz Nr. 6264 vom 7. Oktober 2000, 26
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Autor: Wolfgang Ernst für bpb.de
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