Koffer

26.1.2018 | Von:
Michaella Vanore

Diaspora als Impulsgeberin für Entwicklung

Die globale Mobilität von Ideen und Menschen sowie neue Technologien haben dazu beigetragen, dass Migrantinnen und Migranten dauerhafte Verbindungen zu mehreren Ländern aufrecht erhalten können. Das Wissen, die Fertigkeiten, Werte und Ressourcen, über die Migrantinnen und Migranten verfügen, können sie zu strategischen Mitgestaltenden von Entwicklungsprozessen machen.

Mexikanische Studentin an einer US-Universität: Gebiete mit einer hohen Konzentration von Migrantinnen und Migranten schneiden auf Innovationsindizes tendenziell besser ab, beispielsweise durch eine höhere Zahl an Patenten, die in diesen Gebieten angemeldet wird.Mexikanische Studentin an einer US-Universität: Gebiete mit einer hohen Konzentration von Migrantinnen und Migranten schneiden auf Innovationsindizes tendenziell besser ab, beispielsweise durch eine höhere Zahl an Patenten, die in diesen Gebieten angemeldet wird. (© picture-alliance/AP)

Dieser Beitrag bietet einen Überblick über die Beiträge, die Migrantengruppen – Diaspora – für Entwicklungsprozesse leisten können. Solch ein Forschungsgebiet ist komplex und von Natur aus multilokal und multidisziplinär. Der Beitrag fasst die wesentlichen Überlegungen im Themenkomplex Diaspora und Entwicklung zusammen.

Wichtige Begriffe

Um zu verstehen, wie Diaspora und Entwicklung miteinander verknüpft sind, ist es wichtig, zunächst zu definieren, was Entwicklung bedeutet. Allgemein versteht man unter Entwicklung eine Verbesserung oder Weiterentwicklung. Grundsätzlich meint der Begriff eine Veränderung zwischen zwei oder mehr Bezugspunkten. Wie in dieser breiten Definition bereits angedeutet, sollte Entwicklung verstanden werden als 1) Prozess positiver Veränderung, 2) als die Stufen oder Einheiten der Veränderung zwischen zwei Bezugspunkten und 3) als ein Endzustand.

Die Entwicklung von Ländern, Regionen oder Gesellschaften kann auf verschiedene Arten gemessen werden, die sich nach den unterschiedlichen Vorstellungen von Fortschritt richten. Eine bedeutende Art und Weise Entwicklung zu beurteilen, ist der Blick auf das Wirtschaftswachstum. Wirtschaftliche Entwicklung kann mit Indikatoren gemessen werden wie dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) oder dem Bruttonationaleinkommen (BNE), die eine Vorstellung von der Gesamtproduktion einer Wirtschaft und individuellen Erträgen schaffen.

Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte hat sich das Verständnis von und haben sich Diskussionen über Entwicklung wegbewegt von wirtschaftlicher Entwicklung als einziger oder hauptsächlicher Dimension von Entwicklung. Stattdessen wurde die menschliche Entwicklung stärker betont. Innerhalb des Paradigmas menschlicher Entwicklung, wird Entwicklung als multidimensional begriffen. Entwicklung umfasst damit nicht nur wirtschaftlichen Fortschritt, sondern auch Verbesserungen in Bereichen wie Gesundheit und Humankapital. Die Perspektive der menschlichen Entwicklung betont die Bereicherung und Verbesserung der Lebensqualität eines jeden Einzelnen, zum Teil basierend auf den Möglichkeiten und Fähigkeiten, die die für ihn oder sie persönlich wichtig sind.

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) ist ein prominenter Verfechter der Perspektive menschlicher Entwicklung, insbesondere durch den Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index, HDI). Dabei handelt es sich um ein Instrument, das Länder danach einstuft, welche Entwicklungsergebnisse sie erreicht haben. Der HDI bezieht drei Dimensionen von Entwicklung ein: körperliche Gesundheit (gemessen anhand der Lebenserwartung bei der Geburt), Humankapital (gemessen anhand der vorgesehenen und tatsächlich durchschnittlich absolvierten Schuljahre) und finanzielles Kapital (gemessen anhand des Pro-Kopf-Bruttonationaleinkommens).

Je nachdem, wie "Entwicklung" definiert wird, kann man unterschiedliche, strategische Rollen für Migrantinnen und Migranten bzw. Diaspora als Entwicklungsakteure ausmachen. Wird Entwicklung ausschließlich als Wachstum des Bruttoinlandsproduktes definiert, ein Indikator der Makro-Ebene, scheint die Rolle eines einzelnen Migranten bzw. einer einzelnen Migrantin oder gar einer Diaspora-Gruppe nicht sehr bedeutsam. Wird Entwicklung hingegen als Ausbau von Humankapital verstanden, scheinen die Beiträge eines einzelnen Individuums wirkungsvoller.

Ein weiterer wichtiger Begriff ist Diaspora. Er wird sowohl in der akademischen als auch angewandten Literatur kontrovers diskutiert. In zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen meint Diaspora eine Gruppe von Migrantinnen und Migranten, die sich durch Charakteristika auszeichnen wie zum Beispiel eine geteilte Herkunft der Vorfahren, einen kollektiven Mythos über das Heimatland oder die Vergangenheit, ein geteiltes Gruppenbewusstsein und Engagement für den Schutz und die Verbesserung der Situation der Gruppe sowie das Bekenntnis (temporär) zum Herkunfts- oder Abstammungsort zurückkehren zu wollen. In älteren Definitionen des Begriffs entstand eine Diaspora durch eine traumatische Vertreibung und Zerstreuung einer Bevölkerung aus dem Heimatland (der Vorfahren), beispielsweise durch erzwungene Umsiedlung (wie im Fall von Afrikanerinnen und Afrikanern, die durch den Sklavenhandel verschleppt wurden) oder Zwangsmigration veranlasst durch Völkermord oder gewaltsamen Konflikt. Entsprechend dieser Vorstellung gilt die jüdische Diaspora als prototypische Diaspora. In neueren Begriffsdefinitionen wird die erzwungene Zerstreuung nicht mehr als kennzeichnendes Ereignis verstanden, das die Identität einer Diaspora prägt. Stattdessen wird der Begriff verwendet, um eine Bevölkerung zu beschreiben, die sich auf mindestens zwei Länder außerhalb des Herkunftslandes verteilt.

Im politischen Diskurs und im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff Diaspora synonym für jedwede Migrantengruppe verwendet, die sich durch ein Bündel bestimmter Merkmale auszeichnet. Zum Beispiel ist die Rede von der "indischen Diaspora". Sie umfasst alle im Ausland lebenden Inder_innen (und Indienstämmigen), unabhängig ihrer eigenen Identifikation mit und ihres Engagements für eine kollektive Gruppenidentität. In einigen Fällen mag der Begriff auch verwendet werden, um eine Bevölkerung zu kennzeichnen, die beispielsweise durch die Beteiligung in einem Verein oder einer Organisation, die sich um eine Gruppenidentität formt, kollektiv mobilisiert wird.

In diesem Beitrag bezieht sich der Begriff Diaspora auf jede Migrantenbevölkerung, eingeschlossen der ersten Migrantengeneration und ihrer Nachkommen, die nicht länger als "Migrantinnen und Migranten" bezeichnet werden sollten, da sie selbst keine eigene Migrationserfahrung besitzen. Sollte die Literatur, auf die sich dieser Beitrag stützt, eine bestimmte Bevölkerung als Diaspora verstehen, wird dies im Text angezeigt.

Innerhalb des Feldes der Migrationsstudien wird zunehmend der Begriff des transnationalen Migranten verwendet. Dieser bezeichnet ein Individuum, das Beziehungen sowohl zum Herkunfts- als auch zum Aufenthaltsland pflegt, beispielsweise durch soziale Netzwerke, zivilgesellschaftliche und politische Partizipation (z.B. Teilnahme an Wahlen), durch finanzielle Zuwendungen (z.B. Remittances) und andere grenzüberschreitende Aktivitäten. In zahlreichen Veröffentlichungen werden transnationale Migrantinnen und Migranten aufgrund ihrer Vertrautheit mit und ihres Engagements in mehreren Gesellschaften als am besten positionierte Akteure betrachtet, um Entwicklung zu fördern.

Beiträge der Diaspora zur Entwicklung des Herkunftslandes

Liegt ein einheitliches Verständnis von "Entwicklung" und "Diaspora" vor, ist es leichter zu verstehen, wie und unter welchen Bedingungen Diaspora-Gruppen zur Entwicklung beitragen können. In Übereinstimmung mit der oben dargestellten multidemensionalen Natur von Entwicklung, unterscheidet dieser Beitrag zwischen sozialer, wirtschaftlicher und politischer Entwicklung.

Im Bereich der sozialen Entwicklung können Mitglieder der Diaspora durch den Transfer sozialer Rücküberweisungen (social remittances) zur Weiterentwicklung von Wissen und Normen beitragen. Bei sozialen Rücküberweisungen handelt es sich um Normen, Werte, Einstellungen und "Arten des Tuns und Seins", die Migrantinnen und Migranten in ihre Herkunftsländer "schicken". Solche sozialen Rücküberweisungen können Innovationen widerspiegeln – zum Beispiel die Art und Weise, wie etwas produziert oder eine Dienstleistung ausgeführt wird – oder sie signalisieren sich verändernde Einstellungen zu Themen wie Gleichstellung, sexuelle und reproduktive Gesundheit oder Schutz von Freiheitsrechten, um nur einige Beispiele zu nennen. Wenn Diaspora-Mitglieder neue Perspektiven mit denjenigen teilen, die im Herkunftsland verblieben sind, können sich im Laufe der Zeit subtile Veränderungen der Wertvorstellungen dieser Menschen ergeben. So unterstützt die Diaspora häufig allmählichen sozialen Wandel.

Neben dem subtilen Einfluss auf individuelle Werte, können Mitglieder der Diaspora das Wissen und die Fähigkeiten, die sie im Ausland erworben haben, nutzen, um durch Wissensnetzwerke direkt zur Entwicklung beizutragen. Einige transnationale oder Diaspora-Netzwerke haben sich explizit auf der Basis von Wissen und Expertise organisiert. Ein Beispiel sind die "Indus Entrepreneurs", eine Diaspora-Organisation, die die indische, pakistanische und bangladeschische sowie andere Diaspora-Gruppen aus der Region des Indus-Flusses dazu ermutigt, mit den im Ausland erworbenen Fähigkeiten und sozialen Netzwerken "zu Hause" Unternehmensentwicklung und Wachstum zu fördern. Ein weiteres Beispiel ist die "Nigerians in Diaspora Organization Europe" (NIDOE), eine Dachorganisation für Nigerianer, die in Europa leben. Sie bietet eine Plattform für Mitglieder der nigerianischen Diaspora, die bereit sind, mit spezifischen Fertigkeiten zu Nigerias Entwicklung beizutragen und im Rahmen von Entwicklungsaktivitäten im Herkunftsland (ihrer Vorfahren) zusammenzuarbeiten. Diese Diaspora-Netzwerke unterstützen Migrantinnen und Migranten dabei, gemeinsame Beiträge für ihr Herkunftsland zu leisten und sie bieten eine Struktur, um die Fähigkeiten und das Wissen ihrer Mitglieder zu mobilisieren.

Im wirtschaftlichen Bereich gibt es sowohl direkte als auch indirekte Wege, wie die Diaspora zu Entwicklung beitragen kann. Die Mobilität von Humankapital ist ein Beispiel für einen indirekten Weg. Wenn Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationsniveaus und fachlichen Kompetenzen mobil sind, können sie dazu beitragen, dass das Angebot an und die Nachfrage nach bestimmten Fähigkeiten sowohl auf dem inländischen als auch auf dem ausländischen Arbeitsmarkt besser abgestimmt werden. Für einige qualifizierte Migrantinnen und Migranten, die auf dem lokalen Arbeitsmarkt keine ihren Qualifikationen entsprechenden Arbeitsplätze finden können, kann eine Migration und die anschließende Beschäftigung auf dem "richtigen" Qualifikationsniveau (mit besseren Löhnen) im Ausland zu einer höheren Bildungsrendite führen.

Der Transfer von finanziellen Rücküberweisungen, also das Geld, das ein Migrant oder eine Migrantin an andere Mitglieder seines/ihres sozialen Netzwerks schickt, stellen einen direkteren Weg dar, wie die Diaspora zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen kann. Zahlreiche Studien, einschließlich einer Untersuchung der Weltbank von elf lateinamerikanischen Ländern, haben gezeigt, wie der Empfang von Rücküberweisungen die Anzahl der von Armut und Härten betroffenen Individuen reduzieren kann. Für viele Empfänger stellen Rücküberweisungen vorhersehbare und regelmäßige Geldzahlungen dar, die bestehende Einkommensquellen ergänzen und diversifizieren. In vielen Kontexten wirken Rücküberweisungen als informelle soziale Sicherung. Sie helfen Haushalten, ihren Konsum über die Zeit zu glätten, indem sie es ihnen nicht nur ermöglichen, ihre Widerstandsfähigkeit gegen Einkommenseinbrüche zu erhöhen, sondern sich auch von Einkommensschocks zu erholen. Während oder unmittelbar im Anschluss an Umweltkrisen oder politische Krisen nehmen Rücküberweisungen tendenziell zu, damit die Empfänger sich schneller von der Krise erholen können, oder um sie zu schützen. Rücküberweisungen werden oft als antizyklisch beschrieben: So können sie in den Momenten ihren Höchststand erreichen, wenn andere Formen des Devisenhandels, wie ausländische Direktinvestitionen, abnehmen.

Auf der Meso- oder Makroebene kann die Diaspora zu robusteren Arbeitsmärkten beitragen. Mitglieder der Diaspora sind eher als ausländische Investorinnen und Investoren bereit, in einem weniger stabilen wirtschaftlichen oder politischen Umfeld ein Unternehmen zu gründen oder in ein solches zu investieren. Diaspora-Mitglieder wissen wahrscheinlich mehr über die lokalen Gegebenheiten und haben vor Ort Netzwerke, die ihnen helfen können, die regulatorischen Rahmenbedingungen zu verstehen. So gelingt es ihnen auch besser, Marktlücken zu entdecken, die mit innovativen Unternehmen besetzt werden können. Unternehmer_innen sowie Investorinnen und Investoren aus der Diaspora können selbst Unternehmen gründen oder zur Gründung von Unternehmen beitragen, die Arbeitsplätze schaffen. Dies kann die lokalen Wirtschaften unterstützen, indem Arbeitslosigkeit abgebaut wird. Geschäfte, die durch die Diaspora unterstützt werden, insbesondere solche Unternehmen, die transnational agieren, können Handelsflüsse zwischen Aufenthalts- und Herkunftsland stärken.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Michaella Vanore für bpb.de

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