Koffer

1.5.2009 | Von:
Eleonore Kofman
Parvati Raghuram

Probleme qualifizierter Migrantinnen

Anerkennung von Qualifikationen

Ein anderer wichtiger Faktor, der die Erfahrungen von qualifizierten Migranten beeinflusst, ist der Rahmen, in dem Qualifikationen anerkannt werden. Auch wenn alle Migranten häufig mit Dequalifikation konfrontiert sind, erfahren Frauen einen besonders hohen Grad an Dequalifikation. Eine Studie [4] über Migrantinnen in den Ländern der OECD zeigt klar, dass Frauen häufiger überqualifiziert für ihre Jobs sind als Männer. In einigen Ländern, besonders in Südeuropa, liegt dies wahrscheinlich an einem Arbeitskräftemangel in Sektoren für Geringqualifizierte, vor allem in Privathaushalten, an sehr stark geschützten Arbeitsmarktsektoren für Qualifizierte und einer fehlenden Anerkennung von Qualifikationen, die außerhalb der EU erworben wurden.

 
Prozentsatz von Frauen (15-64 Jahre) in Jobs, für die sie überqualifiziert sind, nach Herkunft, 2003-2004
 
EinheimischIm Ausland geborenIm Ausland geboren, nicht OECD
Österreich9,324,832,8
Belgien17,724,627,2
Tschechische Republik6,612,822,0
Dänemark10,519,731,0
Finnland18,826,238,0
Frankreich14,218,819,8
Deutschland9,923,632,3
Griechenland9,053,462,0
Ungarn7,310,58,9
Irland15,623,938,2
Italien7,127,434,0
Luxemburg3,214,131,0
Norwegen10,625,135,9
Portugal8,916,218,7
Spanien24,447,656,7
Schweden7,215,323,2
Schweiz7,613,819,8
Vereinigtes Königreich14,917,018,7
Quelle: Tabelle I.16 SOPEMI 2006

Außerdem ist das Niveau des "brain waste", also der unvollständigen Nutzung der Qualifikationen von Migranten, bei Frauen, die aus Ländern außerhalb der OECD eingewandert sind, höher als bei Frauen aus OECD-Ländern (siehe Tabelle). Auch innerhalb Europas waren und sind Migrantinnen, etwa aus den osteuropäischen EU-Beitrittsländern, von Dequalifizierung betroffen. Die Mehrheit dieser Migranten, die seit 2004 eingewandert sind, haben in den alten EU-Ländern Jobs für Geringqualifizierte angenommen. Die EU-Vorschriften zur Anerkennung von Qualifikationen gelten inzwischen auch für sie. Es ist jedoch noch nicht klar, in welchem Ausmaß sie in der Lage sein werden, in qualifiziertere und ihrem Ausbildungsniveau entsprechende Beschäftigungen aufzurücken, wenn sie ihre Sprachkenntnisse verbessert und sich eingelebt haben.

Diese Dequalifizierung ist vor allem im vornehmlich weiblichen Pflegebereich sichtbar. Eine Studie über international angeworbene Krankenschwestern, die vor allem aus Europa, Australien, Afrika und von den Philippinen ins Vereinigte Königreich eingewandert waren, ergab, dass viele Krankenschwestern den Eindruck hatten, dass ihre Qualifikationen nicht wertgeschätzt würden und dass sie Rassismus und Fremdenfeindlichkeit erlebt hätten.[5] Krankenschwestern erfuhren auch einen beträchtlichen Grad an Entwertung ihrer Qualifikationen, da sie den Arbeitsmarkt auf einem wesentlich niedrigeren Niveau betraten, als sie es vor ihrer Einwanderung innegehabt hatten. Außerdem unterschieden sich ihre Erfahrungen erheblich, je nachdem ob sie im privaten oder im öffentlichen Sektor arbeiteten. Diejenigen, die im staatlichen Gesundheitssystem (National Health Sevice, NHS) des Vereinigten Königreichs beschäftigt waren, hatten positivere Erfahrungen gemacht als diejenigen, die in den unabhängigen privaten Sektor gegangen waren. Dort wurden sie, auch wenn sie als qualifizierte Migrantinnen eingewandert waren, häufig als Pflegehelferinnen beschäftigt.

Dequalifizierung betrifft auch Ärztinnen und Ärzte. Im Vereinigten Königreich ist diese Dequalifizierung durch die Schaffung einer Gruppe von Arbeitsstellen institutionalisiert, auf denen Krankenhausärzte als niederrangige beratende Ärzte arbeiten und viele Dienstverpflichtungen, aber schlechte Karriereaussichten haben. In diesen Rängen arbeiten überwiegend Ärzte aus dem Ausland. Das Niveau der Dequalifizierung ist jedoch höher bei Migrantinnen, die außerhalb des EWR ausgebildet wurden. So waren 2001 in England 42 % aller Ärzte, die außerhalb des EWR ausgebildet worden waren und eine solche Stelle innehatten, Frauen. Hingegen waren nur 22 % der Ärzte aus dem EWR, die in dieser Kategorie arbeiteten, Frauen.[6]

Einige der Faktoren, die zur Dequalifizierung von Migranten führen, gelten sowohl für Männer als auch für Frauen. Von der Europäischen Kommission wurde ein Projekt über qualifizierte Migranten in vier europäischen Ländern (Deutschland, Italien, Spanien und dem Vereinigten Königreich) in Auftrag gegeben.[7] In diesem Projekt wurde eine Typologie entwickelt, die den Grad widerspiegelt, in dem Migranten Arbeit fanden, die ihren Qualifikationen und ihrem Ausbildungsniveau entsprach. Die Studie ergab, dass individuelle, informelle und institutionelle Faktoren eine Rolle spielen. Sie kommt zu dem Schluss, dass qualifizierte Migranten, die in den Ländern der EU leben, eine ungenügend genutzte Ressource am Arbeitsmarkt darstellen. Die Untersuchung hält den Prozess der Anerkennung von Qualifikationen, die in Ländern außerhalb der EU erworben wurden, für das Hauptproblem bei der Integration von Arbeitskräften. Er wird als zu komplex, langwierig, teuer und entmutigend für qualifizierte Migranten angesehen. Erfolgreiche und effektive formale Kanäle zur Information über Beschäftigungsmöglichkeiten und für den Zugang zu Beschäftigung fehlen ebenfalls. Außerdem hatten selbst Spezialistinnen den Eindruck, dass rassistische Vorurteile ihre Möglichkeiten beeinflussen, eine Stelle zu finden. Das Fehlen von Unterstützungsstrukturen für neu angekommene qualifizierte Migranten zwingt diese dazu, sich auf informelle Netzwerke zu verlassen. Die Studie stellte auch einen Mangel an bezahlbaren, zugänglichen und angemessenen Kursen zur Fachsprache für qualifizierte Migranten fest. Zudem haben qualifizierte Einwanderer oft Schwierigkeiten, angemessenen Wohnraum zu finden, was Probleme beim Zugang zum Arbeitsmarkt mit sich bringt und Diskriminierung und sozialen Ausschluss begünstigt.

Einige dieser Faktoren beeinflussen Frauen jedoch stärker als Männer. So kann zum Beispiel die Möglichkeit, einen Kurs zur Fachsprache zu besuchen, für Frauen, die sich um ihre Kinder kümmern müssen, beschränkter sein. Der Verlust von persönlichen und beruflichen sozialen Netzwerken nach der Auswanderung kann für Frauen problematischer sein, wenn Familienpflichten sie davon abhalten, sich in neue Netzwerke einzugliedern. Die Notwendigkeit, sich umschulen oder beruflich anerkennen zu lassen, wird möglicherweise von der Familie für Frauen als weniger wichtig angesehen, wenn es in ihrem Haushalt eine starke Geschlechterhierarchie gibt. Schlussendlich schaden längere Abwesenheitszeiten vom Arbeitsmarkt und Unterbeschäftigung dem Selbstwertgefühl dieser Migrantinnen und verstärken die Dequalifizierung.

Fußnoten

4.
Siehe Dumont und Liebig (2005).
5.
Siehe Allan und Aggergaard Larsen (2003).
6.
Siehe Raghuram und Kofman (2002).
7.
Siehe Jubany (2004).

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