Russlanddeutsche Auswanderung

7.1.2019

Dokument 2.1: Brief der deutschsprachigen Schriftsteller, März 1965

[1]

Erstes Blatt des Briefes der Schriftsteller, März 1965.Erstes Blatt des Briefes der Schriftsteller, März 1965.

AN DEN VORSTAND DES SCHRIFTSTELLERVERBANDES

Von einer Gruppe sowjetischer Schriftsteller
deutscher Nationalität

ERKLÄRUNG

In der Sowjetunion leben und bauen zusammen mit allen Völkern des Landes den Kommunismus auf etwa zwei Millionen Bürger deutscher Nationalität, die Sowjetdeutschen. [2] Vor dem Krieg (1941) kamen eine zentrale Tageszeitung in Moskau, [3] mehrere Republikzeitungen (in der Republik der Wolgadeutschen) und mehrere Dutzend Rayonszeitungen heraus, um ihre kulturellen Bedürfnissen in der Muttersprache zu befriedigen. [4] Es erschienen zwei gesellschafts-literarische Zeitschriften [5] als Organe der lokalen Organisationen des Schriftstellerverbandes (in den Städten Engels und Charkow). Es gab einen eigenen Verlag, [6] der politische, pädagogische, didaktische und belletristische Bücher der sowjetdeutschen Autoren veröffentlichte. Aus der DDR importierte Literatur kann unseren Massenleser nicht ansprechen, sie ist nicht beliebt, weil sie das Leben und Alltagsgeschehen widerspiegelt, das sich in vielerlei Hinsicht von dem der sowjetischen Wirklichkeit in vielem unterscheidet, zumal diese ausländische Literatur immer noch Elemente religiöser Überzeugungen enthält.

Die Schriftstellerorganisation der Sowjetdeutschen hatte eigene Abgesandte auf dem Ersten Kongress der sowjetischen Schriftsteller im Jahr 1934. [7] Diese und andere kulturelle und aufklärerische Maßnahmen und Institutionen (das Nationaltheater, Dutzende von nationalen Schulen und Fachoberschulen (Technika), Hochschulen, Museen etc.) führten zu einer ungewöhnlich schnellen kulturellen Blüte und zum politischen Wachstum des sowjetdeutschen Volkes, trug zur Annäherung an andere Nationalitäten und vor allem an das große russische Volk bei.

Seit 1941 haben wir all das verloren. Im Laufe von 15 Jahren hatten die Sowjetdeutschen keinerlei Möglichkeit, ihre nationale Kultur – Sprache, Literatur, Kunst usw. – zu entwickeln. Die sowjetdeutsche Literatur und Kultur insgesamt verfielen. Seit 24 Jahren wurde kein einziges Buch eines deutschen Autors veröffentlicht.

Seit 1957 erscheinen eine kleinformatige Zentralzeitung ("Neues Leben") und ein bescheidenes Lokalblatt ("Altai") [8] in deutscher Sprache.

Es entstand eine Situation geschaffen, die nicht in den Rahmen des sowjetischen Kulturaufbaus passte, die keiner Norm der Leninschen Nationalpolitik der Kommunistischen Partei entsprach. Während viele andere Völkerschaften der Sowjetunion, sogar zahlenmäßig sehr kleine und früher rückständige, in der Nachkriegszeit einen großen Schritt in der Entwicklung ihrer Kultur gemacht haben, hat sich die Kultur und vor allem die Literatur der Sowjetdeutschen zurückentwickelt und dieser Prozess setzt sich gewissermaßen fort.

Mag es noch so absurd klingen, aber religiöse Sekten, [9] die in den Nachkriegsjahren als Folge des völligen Ausbleibens einer politischen und kultur-aufklärerischen Massenarbeit in der deutschen Bevölkerung in ihrer eigenen Muttersprache in Hülle und Fülle entstanden sind, befinden sich in einer privilegierteren Lage, als wir, sowjetische Pädagogen, Schriftsteller und Lehrer. Weil die Sektierer die Möglichkeit haben, durch die Verwendung der Muttersprache den Verstand der Menschen in den organisierten Versammlungen, Gebetstunden u.ä. zu beeinflussen. Dagegen stoßen die kulturellen Maßnahmen in der Muttersprache (Vorlesungen, Laienkunst) zu oft auf Hindernisse, rufen den Vorwurf des Nationalismus und damit eine ablehnende Haltung der Lokalbehörden hervor.

Ebenso machen wir Sie darauf aufmerksam, dass wir kein einziges professionelles Theater haben, keine ständig wirkende Schlagertruppe, dass es keine Voraussetzungen für die Entwicklung der Laienkunst geschaffen worden sind und dass keine Kader für Kultur- und Aufklärungsarbeit ausgebildet werden.

Die Redaktion des Radiosenders in deutscher Sprache in Moskau ist mit den deutschen Schriftstellern nicht verbunden, sendet ihre Werke nicht und, was besonders charakteristisch ist, diese Sendungen werden nirgendwo vor Ort weiter übertragen.

Wir können nicht umhin kommen, unsere Sorge zum Ausdruck zu bringen, dass Kinder der Sowjetdeutschen nicht die Möglichkeit haben, ihre Muttersprache gründlich zu erlernen.

Es ist bekannt, dass die Sowjetdeutschen unter der Führung von Budenny und Tschapajew aktiv am Bürgerkrieg teilnahmen und mit selbstloser Arbeit den Sieg über den Faschismus während des Großen Vaterländischen Krieges mitgeschmiedet haben. [10] Dies wird jedoch in keiner Zeitung erwähnt. Wir müssen mit Herzensschmerz feststellen, dass in den Auftritten der Vorstandsmitglieder der Schriftstellerverbände in den [Wochenschriften] "Literaturnaja Gaseta" und "Literaturnaja Rossija" die sowjetdeutsche Literatur mit keinem einzigen Wort erwähnt wird.

Derzeit sind elf sowjetdeutsche Literaten Mitglieder des Schriftstellerverbandes; einige von ihnen wurden nach 1955 in ihren Rechten wiederhergestellt, ein Teil wurde in den letzten Jahren wieder [in den Verband] aufgenommen.

Wie alle Schriftsteller unseres sowjetischen Heimatlandes haben wir uns dem gemeinsamen Kampf für die Erziehung des neuen Menschen aufrichtig angeschlossen. Wir haben jedoch praktisch keine Druckmöglichkeiten. Kleine Erzählungen und Gedichte erscheinen in der literarischen Seite der Wochenzeitung "Neues Leben". 1960 wurde die einzige kleine Sammlung von Gedichten und Kurzgeschichten von sowjetisch-deutschen Autoren veröffentlicht. [11] Kein einziges Buch eines sowjetdeutschen Schriftstellers hat noch nicht das Licht der Welt erblickt. Und es ist nicht gerade eine bittere Ironie, dass das erste derartige Buch (des Schriftstellers Rudolf Jacquemien) in russischer Übersetzung erscheinen soll. [12] Indes haben wir druckreife Romane, Sammlungen von Erzählungen und Gedichten.

Unser Leser, ein zwei Millionen starkes sowjetisch-deutsches Volk, wartet auf unsere Werke, die das Leben, Alltagsgeschehen, die Arbeit der sowjetischen Menschen, den Kampf des Sowjetvolkes für eine glückliche Zukunft und für den Aufbau des Kommunismus widerspiegeln.

Wir, die sowjetischen Schriftsteller deutscher Nationalität, können und wollen nicht abseits der großen Sache der Erziehung durch künstlerisches Wort stehen, weil das unsere Herzensangelegenheit ist.

Der Ukas des Präsidiums des Obersten Sowjets vom 29. August 1964, der die sowjetischen Deutschen vollständig politisch und moralisch rehabilitiert hat, hat unser Volk zum neuen Leben erweckt und uns, die Schriftsteller, zu neue Großtaten ermuntert.

Wir hielten es daher für die Pflicht, uns an den Schriftstellerverband der UdSSR mit der Bitte zu wenden, der Entwicklung der sowjetdeutschen Literatur als einer der nationalen Literaturen des multinationalen Sowjetstaates ernsthaft und sofort eine Hilfe zu leisten.

Wir erachten es für erforderlich:
  1. Schaffung einer Sektion deutscher Schriftsteller beim Vorstand des Schriftstellerverbandes der UdSSR mit regelmäßig stattfindenden jährlichen schöpferischen Seminaren.
  2. In der nächsten Zeit ein Seminar von deutschen sowjetischen Literaturschaffenden auf der Unionsebene mit einer Anzahl von 40–50 Teilnehmern einzuberufen.
  3. Bei der zentralen deutschen [i.S. deutschsprachigen] Zeitung "Neues Leben" eine monatliche literarische Beilage zu gründen mit einer obligatorischen Mitwirkung der Schriftsteller bei seiner Herausgabe und Lektorierung.
  4. Gründung einer gesellschaftlich–literarischen Zeitschrift für Literatur, Kritik, Sprache, Stilistik usw.
  5. Veröffentlichung einzelner Bücher sowjetdeutscher Schriftsteller in deutscher Sprache: Romane, Erzählungs- und Gedichtbände.
  6. Veröffentlichung von Lieder- und Stücke-Sammlungen, von Werken verschiedener Unterhaltungsgattungen für die Laienkunstszene.
  7. Umbau der Seite "Für Kinder" ("Neues Leben") in eine selbständige Zeitung für Kinder und Schüler.
All diese absolut notwendigen Maßnahmen, die der Forderung der Zeit entsprechen, können nicht ausgeführt werden, ohne einen Verlag für sowjetdeutsche Literatur zu gründen, dem auch die Veröffentlichung von Lehrbüchern und didaktischen Materialien in deutscher Sprache vertraut werden könnte.

Der Patriotismus der Sowjetdeutschen war nie mit Schmach bedeckt. Seit 200 Jahren, seitdem sie eine neue Heimat gefunden haben, haben sie ihr Schicksal mit den Völkern Russlands verbunden und stets ihren wertvollen Beitrag zur gemeinsamen Sache geleistet. So war es im ersten Vaterländischen Krieg von 1812, während der drei Revolutionen, [13] während des Bürgerkriegs [14] und des friedlichen Aufbaus, so war es auch im Großen Vaterländischen Krieg gegen die Hitlerschen Landräuber. Dies beweist die Geschichte und wird durch zahlreiche Fakten bestätigt. Die Sowjetunion ist unser großes sozialistisches Heimatland und es gibt für die Sowjetdeutschen keine andere.

Wir drücken die Hoffnung aus, dass unsere Stimme nicht unbeachtet bleibt. Er ist von dem einzigen Wunsch geleitet, seinem Volk zu helfen, von dem Wunsch, seinen würdigen Beitrag zu der großen Sache des Aufbaus einer kommunistischen Gesellschaft in enger Einheit mit allen Völkern des sowjetischen Mutterlandes zu leisten.

UNTERSCHIFTEN
Mitglieder des Schriftstellerverbandes der UdSSR: Friedrich BOLGER, Boris BRAININ, Dominik HOLLMANN, Edmund GÜNTER, Herbert HENKE, Victor KLEIN, Rudolf JACQUEMIEN. [15]

Moskau, 9. März 1965


Fußnoten

1.
Quelle: Text des Briefes befindet sich im Nachlass des Schriftstellers Waldemar Spaar, der von Nina Paulsen (Nürnberg) aufbewahrt wird – Kopie im Besitz d. Übersetzers. Er wurde während eines Seminars der sowjetischen Schriftsteller in Moskau im März 1965 verfasst, zu dem auch einige deutschschreibende Literaturschaffende zum ersten Mal eingeladen wurden.
2.
Die Volkszählung 1959 registrierte in der Sowjetunion 1 619 655 und im Jahr 1970 – 1 846 317 Deutsche.
3.
Es handelte sich um die Tageszeitung "Deutsche Zentralzeitung" (DZZ), die in den Jahren 1926 bis 1939 in Moskau erschien. Seit August 1938 bis zu ihrer Schließung im Juli 1939 hieß das Blatt "Deutsche Zeitung".
4.
m Laufe der Zeit gab es einige Tageszeitungen in der ASSRdWD. Die wichtigste und am längsten erschienene davon waren die "Nachrichten" (1918–1941) als Organ des Gebietsparteikomitees und des Zentralexekutivkomitees bzw. des Präsidiums des Obersten Sowjets der Republik. Ein weiteres weit verbreitetes Blatt stellte "Die Rote Jugend" (1921–1941) als Organ des Gebietskomitees des Kommunistischen Jugendverbandes der ASSRdWD dar. Eine vollständige Liste aller in der UdSSR der Zwischenkriegszeit in deutscher Sprache erschienenen periodischen Ausgaben findet sich in: Detlef Brandes, Margarete Busch, Kristina Pavlovič: Bibliographie zur Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen. Band 1: Von der Einwanderung bis 1917. München 1994, S. 28–43; Detlef Brandes, Victor Dönninghaus: Bibliographie zur Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen. Band 2. Von 1917 bis 1998. München 1999, S. 719–723 (Nachtrag zu Band 1) Einige Zeitungsnummer und Jahrgänge der Republik- und Kantonzeitungen aus der Wolgarepublik befinden sich Online auf der Seite: http://wolgadeutsche.net/presse.htm
5.
Die Rede ist zum einen von der literarischen Monatsschrift "Der Kämpfer" (1932–1938), dem Organ der wolgadeutschen Sowjetschriftsteller (in den Jahren 1936–1938: Organ des Verbandes der Sowjetschriftsteller der ASSR der Wolgadeutschen). Zum anderen wird hier wohl der "Sturmschritt. Monatsschrift für Literatur und Kunst" (1930–1935) gemeint, das Organ der deutschen Sektion des allukrainischen Verbandes proletarischer Kollektivistenschriftsteller "Pflug" (seit 1934: Organ des Präsidiums des Allukrainischen Verbandes der Sowjetschriftsteller).
6.
"Deutscher Staatsverlag" in der Hauptstadt der Republik Engels (bis 1931 – Pokrowsk). Bücher der einheimischen deutschsprachigen Autoren erschienen außerdem v.a. in Moskau ("Zentral-Völker-Verlag") und in Charkow, Ukrainische Unionsrepublik ("Staatsverlag der nationalen Minderheiten der UdSSR. Allukrainische Abteilung" bzw. "Ukrainischer Staatsverlag für nationale Minderheiten").
7.
Der erste Allunionskongress (Gründungskongress) der Sowjetschriftsteller tagte vom 17. August bis zum 1. September 1934 in Moskau. Unter den 377 Delegierten mit einer entscheidenden Stimme befanden sich drei Schriftsteller aus der Wolgadeutschen Republik: Franz Bach (1885–1942), Andreas Saks (1903–1983) und Gerhard Sawatzky (1901–1944). Fr. Bach hielt am Kongress eine Rede und wurde in den Vorstand des Schriftstellerverbandes gewählt, siehe den stenographischen Bericht (russisch): Pervyj Vsesojuznyj s’jezd sovetskich pisatelej 1934. Stenografičeskij otčet [Der erste Allunionskongress der sowjetischen Schriftsteller. Stenographischer Bericht]. Moskau 1934, S. 657-658 (Redebeitrag von Fr. Bach), Online: http://www.pseudology.org/Literature/1SiezdSovPisatStenogr_1934a.pdf
8.
Das Blatt hieß eigentlich nicht "Altai", sondern "Rote Fahne" und erschien seit 1957 in der Stadt Slawgorod, Region Altai. Es ist größtenteils bereits digitalisiert und hier Online zu finden:http://www.bibliothek.rusdeutsch.eu/periodika/gazeti/4071; Ausgaben für das Jahr 1957: http://www.bibliothek.rusdeutsch.eu/periodika/gazeti/4071?g=1957
9.
Gemeint sind zahlreiche protestantische und Brüdergemeinden unter den Deutschen, die nach dem Krieg in Ermangelung kirchlicher Strukturen entstanden sind und nicht selten eine offizielle Registrierung ablehnten.
10.
Ausführlicher hierzu Kommentare zum Dokument 1.5.
11.
Hand in Hand, 1960. Siehe hierzu Dokument 1.6, Anm. 10
12.
Es handelte sich um einen Gedichtband in russischer Übersetzung: Rudolf Žakm’en: Priznanie [Bekenntnis]. Kaliningrad 1965.
13.
Die erste russische Revolution ereignete sich in den Jahren 1905–1907; die bürgerliche Februar- und die proletarische Oktoberrevolution fanden 1917 statt.
14.
Verlief im Wesentlichen in den Jahren 1918–20.
15.
Mehr zum Leben und Werk der angeführten Schriftsteller in den Nachschlagewerken: Annette Moritz: Lexikon der russlanddeutschen Literatur. Essen 2004 (Forschungen zur Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen. 12 (2002/2003), Sonderheft); Herold Belger: Russlanddeutsche Schriftsteller. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Biographien und Werksübersichten, 2-te, erg. u. überarb. Ausgabe. Berlin 2010.

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