Russlanddeutsche Auswanderung

7.1.2019

Dokument 2.3 Ein Appell und offener Brief an die sowjetischen Wissenschaftler. Gewidmet der Wiedergeburt der deutschen Nation in der UdSSR, 1982

[1]
Flugblatt Nowosibirsker Dissidenten1983.Flugblatt Nowosibirsker Dissidenten1983. (© Privatsammlung Andreas Maser (München))

Sehr geehrte Wissenschaftler der Sowjetunion!

Wir appellieren an Sie, an die Erben von Laurentius Blumentrost, [2] Leonhard Euler, [3] Gerhard Müller, [4] Denis Fonwisin, [5] Adam Krusenstern, [6] die Brüder Kiuchelbekkerov, [7] Vladimir Dal, [8] Alexander Herzen, [9] Eduard Toll, [10] Alexander Block! [11]

Wir bitten Sie, unser Ersuchen für die Einrichtung eines Forschungsinstituts für Geschichte, Ethnographie, Kultur, Sprache und Literatur der Deutschen der UdSSR zu unterstützen. Das betreffende Institut wird dazu dienen, unsere nationale Gleichberechtigung wiederherzustellen und die Freundschaft und das gegenseitige Verständnis zwischen den Völkern unseres Landes zu festigen. Ähnlich wie in den fernen Zeiten von Peter [des Großen], in denen die deutschen Wissenschaftler die Russländische Akademie der Wissenschaften zu gründen verhalfen, so hegen wir die Hoffnung, dass Sie, Wissenschaftler unseres Landes, uns eine helfende Hand bei der Schaffung des Instituts reichen würden. Die Entscheidung über deren Einrichtung wäre ein großer Tag für unser Volk am Vorabend des 60. Jahrestages der UdSSR! [12]

Wir können dazu mitteilen, dass ein Teil der Mittel für die Einrichtung des Instituts sowohl durch Spenden der Deutschen der UdSSR als auch durch Appelle an die aus Russland und der Sowjetunion stammenden Deutschen erworben werden können, die in Westeuropa, den USA, Kanada, Argentinien, Uruguay, Australien und in anderen Ländern der Welt leben und schon jetzt die deutsche Bevölkerung unseres Landes zahlenmäßig übertreffen. In der Vergangenheit haben sie bei der Entstehung der deutschen Autonomie in der UdSSR tatkräftig mitgeholfen. [13]

Kopien unseres offenen Briefes sind auch an die Nationen, Völkerschaften und ethnischen Gruppen der Russischen [Russländischen] Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik verschickt worden, in deren einträchtigen Völkerfamilie sich bis zum 28. August 1941 die ASSR der Wolgadeutschen befand.

[Verfasser: Konstantin Asmus, [14] Viktor Axt, [15]
Wjatscheslaw Maier, Christian Ramchen, [16]
Nowosibirsk 1982]




Fußnoten

1.
Der maschinengeschriebene Appell und der offene Brief befinden sich in den Ermittlungsunterlagen des politischen Prozesses gegen Wjatscheslaw Maier aus dem Jahr 1985: Gosudarstvennyj Archiv Novosibirskoj oblasti (GANO – Staatsarchiv des Gebiets Nowosibirsk), f. R-1027, op. 4, d. 1995, ll. 67-81 (Strafsache gegen W. Maier wegen des Verbrechens gegen die Verwaltungsordnung nach Artikel 190-1 des StGB der RSFSR). Dieser Brief war einer der Anklagepunkte gegen die vier Verfasser dieses Appels im Gerichtsverfahren, das 1982–1983 ebenfalls in Nowosibirsk stattfand. Der damalige Prozess und einige anderen mit ihm verbundenen Strafangelegenheiten, so gegen Alexander Till, der seit Ende der 1970ern in der Stadt studierte und im Kontakt mit Nowosibirsker Dissidenten stand, rief eine Solidaritätsbekundung in Westdeutschland hervor. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM mit Sitz in Frankfurt/M) etwa berichte regelmäßig darüber, u.a. in einem auflagestarken Flugblatt (siehe Bilder). Zu Wjatscheslaw Maiers ausführlicherem Vita siehe den Abschnitt III "Lebensläufe der nonkonformen Aktivisten".
2.
Laurentius Blumentrost (1692–1755), Leibarzt des Zaren Peter der Große und erster Präsident der Petersburger Akademie der Wissenschaft und Künste (heute Russländische Akademie der Wissenschaften) in den Jahren 1725 bis 1733.
3.
Leonhard Euler (1707–1783), bekannter Schweizer Mathematiker und Mechaniker, Mitglied der Petersburger AdW. In den Jahren 1726 bis 1741 und ab 1766 bis zu seinem Tod lebte er in Russland.
4.
Gerhard Friedrich Müller (1705–1783), deutscher Historiker und russländischer Historiograph, seit 1725 bis zu seinem Tod lebte er in Russland, Mitglied der Petersburger AdW.
5.
Denis Iwanowitsch Fonwisin (1745–1792), bekannter russischer Schriftsteller und Literat deutscher Herkunft aus dem deutschbaltischen Adelsgeschlecht von Wiesen.
6.
Adam Johann von Krusenstern (russisch: Iwan Fjodorowitsch Krusenschtern, 1770–1846), war berühmter russischer Seefahrer, Flottenadmiral und führte die erste russische Weltumseglung durch. Entstammte einem deutschbaltischen Adelsgeschlecht.
7.
Wilhelm Küchelbecker (Wilgelm Karlowitsch Kjuchelbeker, 1797–1846), russischer Poet, Person des gesellschaftlichen Lebens und enger Freund des Nationaldichters Alexander Puschkin, geboren in einer deutschen Familie in St. Petersburg. Sein Bruder, Michael Küchelbecker (1798–1859) war Marineoffizier. Beide nahmen an der Oppositionsbewegung gegen die Autokratie teil, die in einem Aufstand am 14 (26) Dezember 1825 gipfelte, daher der Name der Teilnehmer "Dekabristen" (nach der russischen Bezeichnung dieses Wintermonats: dekabr). Nach dem Scheitern wurden Brüder verhaftet, verurteilt und nach Sibirien verbannt. In der Sowjetunion hat man die Ideologie der Dekabristen und der Aufstand 1825 als Vorboten der zukünftigen revolutionären Umwälzungen ideologisch vereinnahmt. Die Teilnehmer galten als positive, fortschrittliche historische Personen.
8.
Wladimir Iwanowitsch Dal (auch Dahl, 1801–1872), russischer Schriftsteller, Ethnograph und Lexikograf, Autor des mehrbändigen "Bedeutungswörterbuchs der lebendigen, großrussischen Sprache", das sich bis heute nicht nur unter Linguisten großer Beliebtheit erfreut. Obwohl sein Vater ein Däne war, hielten ihn viele für einen "russischen" Deutschen.
9.
Alexander Iwanowitsch Herzen (1812–1870), russischer Publizist, Schriftsteller und Philosoph, Anhänger radikal-republikanischen Ideen. Er stand in der Opposition zu der russischen Autokratie. Sein leiblicher Vater war ein russischer Gutsbesitzer, aber er wurde von der deutschen Mutter erzogen, verhielt sich aber zu den "einheimischen" Deutschen, v.a. zu dem deutschbaltischen Adel als "Stütze des Regimes" sehr kritisch. Aufgrund seiner revolutionären Ansichten und Tätigkeit, v.a. in der Emigration, wurde er in der UdSSR hoch geschätzt.
10.
Eduard Gustav von Toll (russisch: Eduard Wassiljewitsch Toll, 1858–1902), russischer Geologe und Polarforscher deutschbaltischer Herkunft.
11.
Alexander Alexandrowitsch Block (1880–1921), berühmter russischer Poet, Schriftsteller, Übersetzer, Literaturkritiker, einer der führenden Vertreter des russischen Symbolismus. Väterlicherseits ist Block einer deutschen Abstammung, die auf den 1755 eingewanderten Arzt namens Johann Friedrich Block zurückgeht. Da er die bolschewistische Revolution 1917 grundsätzlich begrüßte, wurde er in der Sowjetunion viel verlegt und seine Gedichte gehörten in der Schule zur Pflichtlektüre.
12.
Am 30. Dezember 1922 wurden die Deklaration und der Vertrag über die Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken unterzeichnet. Erstunterzeichner waren Russländische SFSR, Ukrainische SSR, Weißrussische SSR und Transkaukasische SFSR (bestehend aus Georgien, Armenien und Aserbeidschan), siehe dazu Faksimile (auf Russisch), Online: http://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_ru&dokument=0004_uni&object=facsimile&st=&l=de
13.
Dabei handelte es sich vordergründlich um die Hilfe während der schrecklichen Hungerkatastrophen der Jahre 1921–22 und 1932–33, die die Wolgadeutschen – neben den anderen sowjetischen Völkern – erleiden mussten.
14.
Konstantin Asmus (1936), geboren im Dorf Oberdorf, ASSR der Wolgadeutschen, bis zu seiner Verhaftung am 17. Dezember 1982 Chef-Ingenieur am Institut für Organische Chemie der Sibirischen Abteilung (SO) der Akademie der Wissenschaften (AdW) der UdSSR im Nowosibirsker Akademiestädtchen (Akademgorodok). Er wurde zusammen mit drei weiteren "Komplizen" (Axt, Maier, Ramchen) als "nationalistisch Gesinnte" wegen der "Verleumdung des sowjetischen Staats- und Gesellschaftsordnung" am 10. Februar 1983 vom Volksgericht des Gebiets Nowosibirsk nach dem politischen Artikel 190, Teil 1 des Strafgesetzbuches der RSFSR zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt. 1987 Übersiedelung nach Deutschland.
15.
Viktor Axt (1940), geboren in Moskau, wohin seine Eltern während der Hungersnot Anfang der 1930er Jahre aus der Wolgarepublik flüchteten. Bis zu seiner Verhaftung am 20 Dezember 1982 Ingenieur am Institut für Geologie und Geophysik der SA der AdW der UdSSR im Nowosibirsker Akademiestädtchen. Verurteil zu zwei Jahren Zwangsarbeit in der gleichen Strafsache mit Asmus u.a. 1988 Übersiedlung in die BRD.
16.
Christian Ramchen (manchmal: Reimchen, 1932), geboren in der Ortschaft Gorodok, Gebiet Tschernigow, Ukrainische SSR, bis zu seiner Verurteilung zu einem Jahr Zwangsarbeit in der gleichen Strafsache mit Asmus u.a. Unterabteilungsleiter eines Forschungsinstituts für Elektromechanik in der Stadt Nowosibirsk. Nach der Abbüßung der Strafe wieder in Nowosibirsk wohnhaft bis zur Übersiedlung 1988 in die BRD.

Russlanddeutsche