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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

1.6.2006 | Von:
Gunda Wienke

Brasilien

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Brasilianer in der Bundesliga

Der erste Brasilianer, der in der Bundesliga gegen den Ball trat, war Zézé (José Gilson Rodriguez Zézé) für Köln. Der damalige Kölner Vereinsboss Franz Kremer kündigte auf einer Pressekonferenz 1964 "einen sensationellen Transfer" an . Ein Spieler aus Brasilien schwimme "schon auf einem Bananendampfer in Richtung Europa". Ob dieser großspurigen Ankündigung wurde in der lokalen Kölner Presse spekuliert, ob nicht sogar der "große" Pelé im Anmarsch sei. Doch kaum angekommen, verschwand Zézé nach nur vier Einsätzen auch schon wieder in der Versenkung. Etwas erfolgreicher war sein Landsmann Tagliari (Raoul Eduardo Travassos Tagliari), der im selben Jahr vom Meidericher SV (heute MSV Duisburg) engagiert wurde. Der wurde mit neun Einsätzen und immerhin vier Toren nach zwei Spielzeiten wieder in sein Heimatland verabschiedet.

Seit den 1980er-Jahren stieg die Anzahl von Transfers . Die prominentesten Brasilianer in der Bundesliga (bisher): Jorginho, Dunga, Junior Baiano, Julio Cesar, Tita, Giovane Elber, Emerson. Aktuell sind mit Lucio, Zé Roberto, Juan und Gilberto vier Bundesliga-Brasilianer im Aufgebot der Selecão.

Fußball und Politik

In Brasilien wird dem Fußball eine zentrale Rolle im "nationbuilding" eingeräumt. Nach dem Anthropologen Da Matta sind die Quellen der nationalen Identität nicht die zentralen Institutionen der sozialen Ordnung - wie Verfassung, Gesetze oder finanzielle Ordnung- sondern die "Gast"-Freundschaft, Karneval und Fußball, die es den Brasilianern erlauben, in permanenten Kontakt mit der sozialen Welt einzutreten.

Fußball hat in Brasilien einen so hohen Stellenwert, weil die zentralen Institutionen der Gesellschaft versagen. Parteien bieten sich kaum zur Identifikation an. Die Arbeiterpartei PT ist gerade dabei ihren Kredit zu verspielen. An die Parteien von 1964 erinnert sich kaum jemand. Polizei und Justiz sind durch Korruption diskreditiert. Allein zwischen 1986 und 1994 gab es sechs verschiedene Währungen.

Die Gesellschaft ist immer noch durch traditionelle Strukturen geprägt. Zentrale Elemente der sozialen Kohäsion sind geprägt durch Hierarchien, Klientelsystem, Gefälligkeiten und Nepotismus.

"In puncto Korruption sind die brasilianischen Funktionäre dem Rest der Welt soweit voraus, wie einst Pelé und Garrincha und heute Ronaldinho und Robinho der Konkurrenz auf dem Rasen", schreibt Réne Martens in einem Porträt über den ehemaligen Fifa-Präsidenten Havelange. Im Jahr 1970, als die Militärdiktatur auf dem Höhepunkt ihrer Macht war, wurde die Selecão zum zweiten Mal Weltmeister. Brasilien wuchs mit atemberaubenden Tempo, und es schien, dass sich Fußballsiege und wirtschaftlicher Erfolg vereinen, um dem "ewigen Land der Zukunft" einen Platz in der Gegenwart zu sichern. Selbst die Schmach über das Verdikt de Gaulles, dass Brasilien kein "ernsthaftes Land" sei, schien vergessen.

1985 wird mit Sarney der erste zivile Präsident nach der Militärdiktatur gewählt, der sich aber sehr bald durch Skandale disqualifiziert und dem "Wunderprediger "Fernando Collor" (1990 zum Präsidenten gewählt) den Weg bereitet. Dieser schlug einen offenen, neoliberalen Kurs ein.

Der Traum von einem eigenen Entwicklungsweg – in der Nationalflagge mit dem Spruch "Ordem y Progreso" ("Ordnung und Fortschritt") – verewigt, war ausgeträumt. Collors Schlagwort war Modernisierung. Für Brasilien bedeutete das eine radikale Marktöffnung und Einbindung in den Weltmarkt. 1992 wurde Collor als unredlich entlarvt und musste zurücktreten.

Während der Amtszeit Collors wird Sebastião Lazaroni Trainer der Selecão und ruft zur WM die "Ära Dunga" aus. Dunga, das Arbeitstier im Mittelfeld, war das Gegenstück zum klassischen brasilianischen Spieler – wie Leonidas, Pelé, Garricha u.a., die den "futbol arte" geprägt haben. Dunga stand für "futbol resultado" – "Fußball der Resultate". Das "neue System" zur WM 1990 geriet indes zur Pleite und Lazaroni wurde zu einer der meistgehassten Personen Brasiliens.

Der aktuelle Präsident, Luiz Inácio Lula da Silva, steht in der Wirtschaftspolitik in Kontinuität zu Cardoso, genau wie Parreira in Kontinuität zu Felipe Scolari steht, der die Selecão 2002 zum Titel in Japan/Korea führte.