Unterwasserinstallation von Jason deCaires Taylor (@picture alliance/Photoshot)

22.5.2018 | Von:
Prof. Kai Niebert

„Das Anthropozän ist kein Schicksal, sondern eine Herausforderung“

Wirtschaft und Wachstum im Anthropozän

Die Wirtschaft soll ständig wachsen. In Deutschland und überall auf der Welt. Das soll sie zukünftig zwar effizienter und nachhaltiger tun, aber wird das reichen, um die planetaren Grenzen unseres Planeten zu schützen? Es spricht wenig dafür, ist sich Prof. Dr. Kai Niebert sicher, weshalb wir im Anthropozän nicht nur eine ökologischere Wirtschaft brauchen, sondern auch eine neue Idee vom Wachstum.

Abbau von seltenen Erden in China (@picture alliance/dpa)Abbau von seltenen Erden in China. (© picture-alliance/dpa)

Die Menschheit schreibt derzeit Erdgeschichte:
  • Mit stetig wachsenden und sich globalisierenden Wirtschaftstätigkeiten hat sie seit Beginn der Industrialisierung so viele neuartige Mineralien in so kurzer Zeit in Umlauf gebracht, wie es die Erde seit 2,4 Milliarden Jahren nicht erlebt hat.
  • Die Nahrungsmittelproduktion ist heute stärker von fossilen Rohstoffen abhängig, um synthetische Dünger herzustellen, als von der Sonne[1].
  • Durch den weltweiten Warenaustausch gelangen nicht nur T-Shirts aus den Sweatshops Bangladeschs nach Europa. Auch diverse Arten überschreiten in Flugzeugen oder auf Schiffen geographische Barrieren und verändern so den Lauf der Evolution[2].
Die Ökonomie des 21. Jahrhunderts ist die Ökonomie des Anthropozäns. Die Menschen greifen mit ihrem Wirtschaften in einem Ausmaß in die Natur ein, dass der Planet Erde durch den Menschen mehr als durch alle anderen Einflüsse geprägt wird.

Auf dem Wachstumspfad ins Anthropozän

Der Beginn des Weges der Wirtschaft ins Anthropozän kann auf das 17. Jahrhundert datiert werden. Den Ball ins Rollen gebracht hat dann die Industrielle Revolution, die durch die Nutzung von Kohle als Energieträger und der Erfindung der Dampfmaschine ermöglicht wurde. Das Anthropozän begann also mit einer Transformation vergleichbar mit der neolithischen Revolution, als Ackerbau und Viehzucht in die Menschheitsgeschichte Einzug hielten und die Menschheit sesshaft wurde. Erdöl – zusätzlich zur Kohle – und etwas zeitlich versetzt das Erdgas – spielten eine grundlegende Rolle und beschleunigten das Wachstum der Bevölkerung, den Wasserverbrauch, den Einsatz von Düngemitteln, forcierten den Umschlag von Konsumgütern aller Art und den internationalen Tourismus[3].

Der Weg in die Menschenzeit ist also geprägt durch fortwährendes Wachstum:
  • Spätestens seit den 1950er Jahren weisen nicht nur alle wirtschaftlichen Indikatoren, sondern auch alle Daten zur (Über-)Nutzung natürlicher Ressourcen steil nach oben, nur leicht gebremst durch kleinere und größere Wirtschaftskrisen. Dieses Phänomen ist als große Beschleunigung in die Literatur eingegangen[4].
  • Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts betragen die durchschnittlichen Wachstumsraten mehr als zwei Prozent. Das Pro-Kopf-Einkommen verdoppelte sich seitdem im Schnitt von einer Generation zur nächsten.
  • Der Anstieg des Wirtschaftswachstums wurde auch zur zentralen Messlatte für Fortschritt und Wohlstand: Das Vergleichen von Wachstumsraten begann bereits nach der russischen Revolution und wurde global seit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren[5] angewandt.
'Die Große Beschleunigung' in Animationen ('The Great Acceleration')



Aufgabe von Politik wurde es, das Wachstum der Wirtschaft zu sichern. Je höher das Wachstum, desto größer der Erfolg des jeweiligen Systems. Das wirtschaftliche Wachstum wurde zum Glaubenssatz: Je größer, desto besser. Sind Wachstumsraten besonders hoch, gehen sie als Wirtschaftswunder in das kollektive Gedächtnis ein.

Dabei wird verdrängt, dass alle wirtschaftlichen Prozesse einen doppelten Charakter haben: Sie sind auf der einen Seite Prozesse der Inwertsetzung, in der alle Dinge einen monetären Wert zugewiesen bekommen. Da diese Werte fiktiv sind – der Preis eines IPhones zum Beispiel hat nichts mit seinen Material- und Arbeitskosten zu tun –, können sie unendlich wachsen. Zugleich sind sie aber auch Umwandlungen von Rohstoffen und von Energie, und spätestens diese sind – wie fast alles auf der Erde – endlich.

Werte werden Geld und lassen sich in Geldgrößen messen, aber der eigentliche Gebrauchswert eines Gegenstands ist höchst verschieden – das IPhone ist für den einen wichtiger als für den anderen. Deshalb fehlt hier jede Dimension, in der vergleichbares Messen überhaupt möglich wäre. Wenn Wachstum also dauerhaft beschleunigt werden soll, dann ist dies nur zur Hälfte möglich: die stofflich-energetische Seite von Produktion und Zirkulation können dies nicht[6].

Ein Green New Deal für ein nachhaltiges Anthropozän

Der Mythos der EntkopplungDer Mythos der Entkopplung (PDF-Icon Grafik zum Download) (© bpb)
Als Ausweg aus der Sackgasse eines Wirtschaftens, das die planetaren Grenzen überschreitet, werden in Politik, Wirtschaft und vor allem der Wissenschaft Konzepte wie die Green Economy, also die Grüne Ökonomie, der Green New Deal oder auch die Effizienzwirtschaft diskutiert.

Diese Konzepte haben eines gemeinsam: Sie wollen den Klimawandel, das Artensterben, den Landschaftsverbrauch, also die Übernutzung der natürlichen Ressourcen des Planeten Erde stoppen und trotzdem hohe Wachstumsraten und Millionen Arbeitsplätze schaffen. Sie werden von ihren Befürwortern als „Wunderwaffen“ betrachtet, um die globalen ökologischen Probleme zu lösen und gleichzeitig den westlichen Lebensstil aufrechtzuerhalten, der die allermeisten globalen ökologischen Probleme schließlich verursacht hat.

Das Versprechen der Green Economy ist: Das Leben geht weiter, indem wir besser, das heißt: effizienter, und anders, das heißt: konsistenter, wirtschaften.

Die Effizienzrevolution

Sandgewinnung an einem Baggersee
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Caption: Sandgewinnung aus einem Baggerssee bei Rastatt (Baden-
Württemberg), aufgenommen am 13.10.2013 Foto: Uli Deck/dpaSand ist ein stark schwindender Rohstoff im Anthropozän. Flussgründe werden ausgehoben, Wälder gerodet, Strände und das ökologische Gleichgewicht im Meer drohen durch den Abbau zu verschwinden. (© picture-alliance/dpa)

Seit 1950 hat zumindest in Deutschland das Wirtschaftswachstum den Energieverbrauch überholt[7]. Anscheinend ist zumindest die deutsche Wirtschaft dabei, das zu schaffen, was die Green Economy verspricht. Das Wirtschaftswachstum muss sich vom Energie- und Rohstoffverbrauch entkoppeln. Und zwar nicht nur relativ, sondern absolut. Um das zu schaffen, muss der Gewinn, der aus einer Energie- oder Rohstoffeinheit gewonnen werden kann, perspektivisch immer weiter erhöht werden.

Außerdem muss Wohlstand zunehmend aus nicht materiellen Aktivitäten gewonnen werden: Dienstleistungen, wie die Vermietung von Immobilien, Internetaktivitäten oder der Finanzmarkt sind deutlich materialärmer als das produzierende Gewerbe. Das Wachstum in diesen Feldern ist dafür viel größeren Schwankungen ausgesetzt, wie das Zerplatzen der Internetblase im Jahr 2001, der Immobilienblase im Jahr 2008 und die sich anschließende Finanzkrise zeigen, mit zum Teil verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft. Darüber hinaus gibt es die Gefahr, dass in einer „Dienstleistungsgesellschaft“ die schmutzige Produktion einfach ins Ausland verlagert wird, damit wäre dann nichts gewonnen.

Um kontinuierliches Wachstum zu ermöglichen, müsste die Effizienz in der Nutzung von Energie und Rohstoffen kontinuierlich erhöht werden. Effizienzverbesserungen bilden die Grundlage im Konzept der Green Economy. Sie sollen es möglich machen, weiter zu fahren, mehr Häuser mit der gleichen Energie zu beleuchten, mehr Güter aus der gleichen Menge an Rohstoffen zu produzieren als im Jahr zuvor und vieles mehr.

Die Frage ist nur: Wie oft kann die Effizienz verdoppelt oder verdreifacht werden?

Abgesehen vom Perpetuum Mobile müssen wir uns mit einer Effizienz von weniger als 100 Prozent zufriedengeben. Der Wirkungsgrad setzt die Grenze für den Effizienzgewinn. Wenn ein Gerät beispielsweise einen Wirkungsgrad von 50 Prozent hat, gibt es keine Möglichkeit, die Effizienz um mehr als den Faktor zwei zu erhöhen, denn ein Wirkungsgrad von mehr als 100 Prozent ist physikalisch unmöglich.

Diesen Weg haben wir bereits eingeschlagen: Kühlschränke verbrauchen nur noch halb so viel Energie wie vor etwa 35 Jahren. Autos schaffen heute fast die doppelte Strecke mit der gleichen Menge Benzin wie in den 1970er Jahren. In beiden Fällen konnte die Effizienz um etwa zwei Prozent pro Jahr verbessert werden, was zu einer Verdopplung des Wirkungsgrads in 35 Jahren führte. Elektromotoren, Pumpen, Batterieladungen oder auch Wasserkraft arbeiten bereits bei nahezu perfekter Effizienz (oft ca. 90 Prozent). So konnte die Gesamteffizienz der deutschen Wirtschaft um etwa ein Prozent pro Jahr in den letzten Jahrzehnten verbessert werden. Dies entspricht einer Verdopplungszeit von 70 Jahren.

Die Frage ist: Wie viele Verdoppelungen können wir erwarten?

Unter dem Strich ist damit zu rechnen, dass bei sehr großen Anstrengungen auch in Zukunft Nettoeffizienzsteigerungen um den Faktor zwei möglich sind, um die Effizienz eines Gerätes von unter 50 Prozent auf nahezu 100 Prozent zu steigern. Schreiben wir die derzeitige Effizienzsteigerung von einem Prozent pro Jahr fort, wird die maximale Effizienz spätestens Ende des Jahrhunderts erreicht sein. Danach müsste Wachstum wieder mit einem steigenden Rohstoff- und Energiekonsum erkauft werden. Spätestens dann wären auch in Deutschland wieder andere Modelle notwendig, um weiteres Wachstum zu ermöglichen.

Die Konsistenzrevolution

Buckminster FullerDer Architekt Buckminster Fuller hat schon vor 50 Jahren futuristische Kuppeln entworfen und davon geträumt, jeden Sonnenstrahl einzufangen, der die Erde erreicht. (© picture-alliance, Michael Harding/Arcaid)

Die Effizienzrevolution nimmt Technologien von heute in den Blick: Sie basiert auf der Idee, mehr aus dem herauszuholen, was wir heute bereits haben. Das alleine wird nicht ausreichen für das Einhalten der planetaren Grenzen: Wer glaubt, dass wir in 100 Jahren immer noch fossile Energieträger verbrennen, um Wärme und Strom bereitzustellen, irrt – hoffentlich. Um eine nachhaltige Wirtschaft zu ermöglichen muss nicht nur der Reiter, sondern auch das Pferd gewechselt werden. Um in der Zukunft anzukommen, werden wir nicht nur besser, sondern auch anders wirtschaften müssen: Die Bioökonomiestrategie der Bundesregierung beschreibt die Transformation von einer erdölbasierten Wirtschaft hin zu einer Wirtschaft, in der fossile Ressourcen durch nachwachsende Rohstoffe ersetzt werden. So soll es möglich werden, Wachstum aufrechtzuerhalten und alle bisherigen Produkte und Prozesse nachhaltig erzeugen zu können.

Mit dem Konzept der Kreislaufwirtschaft soll beispielsweise nahezu abfallfrei produziert werden. Das heißt, alle Produkte und Nebenprodukte werden in der Warenherstellung genutzt und die Umweltverschmutzung minimiert[8]. Grundlage für das Konzept ist die Idee, dass in einer Welt mit endlichen Ressourcen nur Produktionsverfahren unbeschränkt fortgeführt werden können, bei denen sich der stoffliche Kreislauf wirklich schließt.

Die Idee ist gut: keine Gifte, kein Abfall. Aber weil die Verfügbarkeit von Fläche und damit der darauf anzubauenden Biomasse zumindest in Deutschland und Europa begrenzt ist, besteht ein Zielkonflikt zwischen der energetischen Nutzung von natürlichen Ressourcen – wie Biokraftstoffen oder Biogas – und der stofflichen Nutzung, also der Umwandlung von Biomasse in höherwertige Produkte – etwa Chemikalien oder Bioplastik. Solange die Fläche begrenzt ist, wird also auch ein Umstieg in eine konsistente Kreislaufwirtschaft kein unendliches Wachstum ermöglichen. Darüber hinaus sind dem Recycling auch physikalische Grenzen gesetzt: Ein 100 prozentiges Recycling von nicht-erneuerbaren Ressourcen ist – auf absehbare Zeit – nicht möglich, da Materialien in der Industrie und im Konsum immer verunreinigt und entwertet werden[9].

Ein nachhaltiges Anthropozän braucht ein Gleichgewicht

Die Entwicklung des deutschen WirtschaftswachstumsDie Entwicklung des deutschen Wirtschaftswachstums (PDF-Icon Grafik zum Download) (© bpb)
Die Wirtschaft ist in einer endlichen Welt also an reale physische Grenzen gebunden. Es ist Wunschdenken zu glauben, dass unendliches Wachstum aufrechterhalten werden kann, indem man an ein paar Stellschrauben dreht und maximal effizient und maximal konsistent wird. Das soll nicht bedeuten, dass bestimmte Branchen nicht weiter wachsen werden. Es wird immer Wachstum in einigen Bereichen geben: Aber netto wird das Wachstum ein Ende haben müssen. Auf dem Weg in ein nachhaltiges Deutschland in Europa wird eine Green Economy erforderlich sein. Wir brauchen eine Effizienzrevolution und wir brauchen eine Kreislaufwirtschaft.

Aber die Green Economy wird am Ende nur eine notwendige, und keine hinreichende Bedingung auf dem Weg in die Nachhaltigkeit sein: Heute benötigen wir in Deutschland etwa ein Viertel weniger Rohstoffe und Energie als zu Beginn der 1980er- Jahre, um eine Einheit an wirtschaftlicher Wertschöpfung zu erzeugen. Da jedoch die Weltwirtschaft zwischen 1980 und 2015 insgesamt um das Siebenfache gewachsen ist, wurden solche Effizienzgewinne global gesehen mehr als überkompensiert. Effizienz und Konsistenz werden nur wirksam, wenn wir gleichzeitig die Rahmenbedingungen für eine Weltwirtschaft schaffen, die im Gleichgewicht mit den Erdsystemen steht.

Wirtschaftspolitik für ein nachhaltiges Anthropozän



Der Markt alleine wird es nicht schaffen, die Belastungsgrenzen der Erde einzuhalten. Gründe dafür gibt es zahlreiche. So enthalten Marktpreise keine externen Kosten – Umweltschäden sind in den Preisen nicht berücksichtigt. Dabei kann gerade bei knapper werdenden Ressourcen die Förderung immer schwerer zugänglicherer Rohstoffe die natürlichen Grenzen der Erdsysteme gefährden: Ölbohrungen in der Tiefsee und in der Arktis, Teersandgewinnung und Schiefergas-Fracking sind nur einige Beispiele dafür.

Um ein nachhaltiges Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen zu ermöglichen, müssen Leitplanken gesetzt werden. Denkbar wären hier Selbstverpflichtungen der G20-Staaten (also der Industrie- und Schwellenländer), Regeln in der Europäischen Union oder auch transatlantische Bündnisse, die nicht in erster Linie Freihandel, sondern ein nachhaltiges Wirtschaften zum Ziel haben.

Ein paar dieser Leitplanken für ein nachhaltiges Wirtschaften sind im Folgenden skizziert:

Der Staat muss Grenzen setzen
  • Wie auch die natürlichen Systeme und ihre Rohstoffe stärker in die Preise eingebunden werden können, zeigen zahlreiche europäische Vorbilder, zum Beispiel die Stickstoffüberschussabgabe in den Niederlanden oder Steuern auf Baustoffe wie Sand und Kies in Dänemark, Schweden und anderen Ländern. Eine Ökonomie für das Anthropozän muss Grenzen der ökologischen Belastbarkeit einhalten. Diese Grenzen sollte der Staat setzen – durch Grenzwerte, Abgaben oder Zertifikatssysteme.
Wohlstand statt Wirtschaftswachstum messen
  • Allen Nachhaltigkeitsstrategien zum Trotz – die Wirtschaft ist in weiten Teilen immer noch organisiert, als spiele Natur keine Rolle. Das fängt an mit der Wohlstandsmessung. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als zentrale Messgröße ist naturvergessen: Wenn ein Benzinlaster verunglückt und die Umwelt verschmutzt oder der Klimawandel Flüsse über die Ufer treten und Häuser zerstören lässt, verursacht das zunächst einmal einen Schaden. Dieser geht jedoch positiv ins BIP ein, da Entsorgungsunternehmen, Feuerwehr und Handwerker an der Wiedergutmachung des Schadens verdienen.
  • Solange Wachstum generiert wird, indem natürliche Ressourcen zerstört werden, messen wir die falschen Größen um Wohlstand zu messen. Ein alternativer Indikator zur Wohlstandsmessung wie ihn die Wachstumsenquete des Bundestages vorgeschlagen hat – könnte hier den Blick weiten (Deutscher Bundestag 2013), dabei müsste neben dem reinen Wachstum an Geld auch die Lebens- und Umweltqualität gemessen werden.
Preise die Wahrheit sagen lassen
  • Wir werden den ökologischen Folgen unseres Handelns erst dann Rechnung tragen, wenn diese auch den Verursachern in Rechnung gestellt werden. Doch heute sagen Preise nicht die Wahrheit: Eine Tonne CO2 beispielsweise verursacht laut Umweltbundesamt einen ökologischen und gesundheitlichen Schaden von bis zu 100 Euro. Mit dem Emissionshandel müssen zurzeit aber nur 5 Euro von den Verursachern gezahlt werden. Die restlichen 95 Euro trägt die Allgemeinheit.
  • Allein Deutschland leistet sich Jahr für Jahr über 52 Milliarden Euro an umweltschädlichen Subventionen, die nicht nur den Wettbewerb verzerren und den Staatshaushalt belasten, sondern auch noch klima- und energiepolitische Zielsetzungen der Bundesregierung blockieren[10]. Ein konsequentes Abschmelzen dieser Subventionen, wie zum Beispiel die Energiesteuerbefreiung für Flüge, die Steuerermäßigung für hochmotorige Dienstwagen usw., wäre ein guter Schritt um Preise die Wahrheit sagen zu lassen.
Ressourcenverbrauch besteuern
  • Darüber hinaus funktioniert das Steuersystem in vielen Industriestaaten nach wie vor so, als sei Arbeit das knappe Gut und natürliche Ressourcen seien in Hülle und Fülle vorhanden. Der deutsche Staat zum Beispiel finanziert sich zu über zwei Drittel aus Steuern und Abgaben auf Arbeit. Dagegen stammen gerade einmal fünf Prozent der gesamten Staatseinnahmen aus Umweltsteuern. Bereits in den 1990er Jahren setzte sich die Erkenntnis durch, dass in einer Marktwirtschaft falsche Anreize gegeben werden, wenn Energie und Rohstoffe zu billig sind.
  • Wenn die natürlichen Systeme knapp werden, sollten diese stärker als Arbeit besteuert werden. „Kilowattstunden arbeitslos machen, nicht Menschen“ – damit brachte der Ressourcenforscher Ernst Ulrich von Weizsäcker die Idee der Besteuerung von Umweltgütern auf den Punkt.
Das Anthropozän ist kein Schicksal, sondern eine Herausforderung, die im ersten Schritt ein grundlegendes Umdenken verlangt. Notwendig dafür ist eine Politik, die globale Ziele verfolgt und zweierlei schafft: Der Green New Deal mit der Effizienzrevolution und der Konsistenzrevolution sollte eingeleitet werden. Gleichzeitig aber sollten Politiker die globale Wirtschaft auf eine Zeit jenseits immer stärkeren Wachstums vorbereiten, die vom Wachstumszwang, vom Drang nach immer mehr befreit. Ein wichtiger erster Schritt wäre es, die Finanzierung der Sozialsysteme von der Notwendigkeit eines fortwährenden Wachstums zu entkoppeln.

Dabei geht es zum einen darum, die planetaren Grenzen einzuhalten – zum anderen aber auch darum, sich einmal ehrlich zu machen: Seit Jahren sinken die Wachstumsquoten in Deutschland – wie in allen wirtschaftlich ausgewachsenen, reifen Nationen – immer mehr in Richtung Null. Sogar in Schwellenländern, wie China nimmt das Wachstum langsam ab. Wir sind in vielen Ländern schon auf dem Weg, in eine Gesellschaft jenseits des Wachstums. Die Gründe sind vielfältig. Zum demografischen Wandel kommt die Sättigung mit Konsumgütern und öffentlicher Infrastruktur – vor allem aber die Mathematik: Je höher das BIP, desto höher die absoluten Zuwächse, die nötig sind, um die Wachstumsraten auch nur konstant zu halten: 2 Prozent von 100 sind 2, die gleichen 2 Prozent von 100.000 aber sind 2.000. Auch ohne planetare Grenzen müssen wir akzeptieren, dass eine Wirtschaft irgendwann ausgewachsen ist[11].

Wir sollten uns von der Illusion verabschieden, die globalen Probleme der Gegenwart mit einer Wachstumsbeschleunigung zu bewältigen und uns einstellen auf eine Zukunft ohne ständiges, grenzenloses wirtschaftliches Wachstum. Politik sollte Wirtschaft nicht immer weiter zum Wachsen zwingen und auch nicht darauf vertrauen, dass der Wirtschaft die Befreiung vom Wachstumszwang, mal verstanden als Verzicht und mal als Bemühen um einen geringen Rohstoff- und Energieverbrauch, von allein gelingt. Notwendig scheint eine Politik, die Verschwendung und Maßlosigkeit entmutigt und gleichzeitig Maßhalten und Nachhaltigkeit ermutigt. Effizienz und Konsistenz werden nur wirksam sein können, wenn wir gleichzeitig die Rahmenbedingungen für Einsparungen schaffen. Ein nachhaltiges Anthropozän braucht beides: Eine ökologische Wirtschaft und die Befreiung vom Wachstumszwang.

Fußnoten

1.
vgl. Waters et al., 2016
2.
vgl. Sarrazin & Lecomte, 2016
3.
vgl. Müller & Niebert, 2009
4.
vgl. Steffen, Broadgate, Deutsch, Gaffney, & Ludwig, 2015
5.
vgl. Feldman, 1965
6.
vgl. Georgescu-Roegen, 1971
7.
vgl. Destatis, 2016
8.
vgl. McDonough & Braungart, 2002
9.
vgl. Huesemann & Huesemann 2011
10.
vgl. UBA, 2014
11.
vgl. Müller & Niebert, 2009; Seidl, I. & Zahrnt, 2010
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