Afrika

5.12.2005 | Von:
Denise Badini
Andrea Reikat

Ein Kontinent im Umbruch

Afrika vom 7. bis zum 16. Jahrhundert

Die westafrikanische Sudanzone

Es waren arabische Schriftsteller, die ab dem achten Jahrhundert über den "bilad es sudan", übersetzt als das Land der Schwarzen, die ersten Berichte verfassten. In dieser Region wechselten sich vom sechsten bis zum 16. Jahrhundert eine Reihe großer Reiche ab. Das erste dieser Reiche war Gana, nicht zu verwechseln mit dem heutigen Staat Ghana. Über die Ursprünge des Reiches ist bis heute nur wenig bekannt, eine Vermutung geht allerdings dahin, dass es im sechsten Jahrhundert von den Sarakolé gegründet wurde. Auf seinem Höhepunkt im zehnten Jahrhundert erstreckte sich Gana über ein immenses Territorium und wurde von einem Herrscher regiert, der gemeinsam mit anderen hohen Würdenträgern eine Zentralregierung bildete, während den einzelnen Vasallenstaaten eine gewisse Autonomie blieb.

Die großen sudanischen Reiche im zehnten Jahrhundert.Die großen sudanischen Reiche im zehnten Jahrhundert. (© Andrea Reikat)
Schriften arabischer Autoren weisen auf den Goldreichtum dieses Landes hin wie auch auf die Macht seines Herrschers, des Kaya Maghan, dem König des Goldes. Gana baute seinen Wohlstand auf diesem Edelmetall auf, welches die Basis für die Handelsbeziehungen zu den islamischen Ländern Nordafrikas bildete. Der Handel erfolgte mittels eines intensiven transsaharischen Karawanenverkehrs und öffnete gleichermaßen große Teile Westafrikas für die Islamisierung.

Im elften Jahrhundert beschleunigten die Almoraviden den Fall des Reiches Gana. Es handelte sich hierbei um eine islamische Bewegung der Berber, die zum einen politisch-ökonomische Ziele verfolgte, vornehmlich die Loslösung von der Dominanz Ganas und einen eigenständigen Zugang zu den Reichtümern des Transsaharahandels. In erster Linie waren die Motive der Almoraviden aber religiöser Natur, sie strebten eine Korrektur der in ihren Augen zu schwachen ersten Islamisierungswelle an und wollten einen orthodoxeren Islam einführen, der schlussendlich auch zu einem "djihad" gegen die Ungläubigen des Sudan führen sollte. Der Fall der Hauptstadt Koumbi Saleh im Jahr 1076 markiert das Ende der Ganaischen Vormachtsstellung in Westafrika. Es folgten anderthalb Jahrhunderte, in denen die ehemaligen Vasallenstaaten untereinander um die Vorherrschaft rangen; aus diesem Kampf ging schließlich im 13. Jahrhundert das Reich Mali als Sieger hervor. Zu seiner Glanzzeit überschritt der Einflussbereich Malis bei weitem den des alten Gana. Er reichte vom Kap Verde bis nach Agadez in der Sahara und von Südmauretanien bis zu den Waldgebieten der Guineaküste und umfasste große Städte wie Niani, zumindest zeitweise die Hauptstadt des Reiches, oder Djenne, Timbuktu und Gao.

Mali zeichnete sich dadurch aus, dass sein staatliches System auf der ersten verfassungsgebenden Versammlung beruhte, die jemals in Afrika stattgefunden hat. Im Jahre 1235 wurde die mündliche Verfassung in Kurukanfuga formuliert; der Zeitpunkt ihrer Verabschiedung gilt als die Geburtsstunde des malischen Staates. Die Verfassung regelte nicht nur die Nachfolge der Herrscher sondern auch die sozio-professionelle Ordnung der Völker, aus denen das Reich bestand.

Kankan Musa, Herrscher des Großreiches Mali, mit einer Goldkugel in der Hand als Zeichen seines Reichtums; abgebildet im katalanischen Weltatlas des Abraham Cresques 1375.Kankan Musa, Herrscher des Großreiches Mali, mit einer Goldkugel in der Hand als Zeichen seines Reichtums; abgebildet im katalanischen Weltatlas des Abraham Cresques 1375. (© Andrea Reikat)
In Folge der almoravidischen Bewegung prägte der Islam vor allem den Machtapparat sowie das Händlermilieu Malis, blieb aber dabei in erster Linie ein städtisches Phänomen. Über seine Grenzen hinaus ist Mali vor allem durch die Pilgerreisen einiger seiner Herrscher bekannt geworden. Unter diesen ist jene von Kankan Musa hervorzuheben. Es wird überliefert, dass der König auf dem Weg nach Mekka bei einem Zwischenaufenthalt in Kairo im Jahr 1324 so viel Gold ausgegeben habe, dass der Goldpreis bis nach Europa hinein über Jahre hinein deutlich sank. Zu dieser Zeit tauchte das Reich Mali auch erstmals auf den Weltkarten auf. Doch der Ruhm und Reichtum hielten nicht ewig. Schon ein Jahrhundert später war Mali in einem deutlichen Niedergang begriffen, in dessen Folge einer seiner ehemaligen Vasallenstaaten die Vorherrschaft in der westlichen Sudanzone übernahm: das Königreich Songhay mit seinem Zentrum in Gao. Unter der Herrschaft Sonni Ali Bers (1464-1492) wuchs das kleine Königtum von Gao zu einem mächtigen Reich heran. Dieses wurde zunächst von der Dynastie der Sonni geführt, einem stärker an traditionellen afrikanischen Religionen als am Islam ausgerichteten Herrschergeschlecht, welches in dieser Beziehung auch den in der Region vorherrschenden religiösen Dualismus repräsentierte. Allerdings wurde die Dynastie bereits im Jahr 1493 von einer stärker islamischen Herrscherlinie abgelöst, den Askia.

Die Askia herrschten zu ihrer Glanzzeit über ein Reich, das noch größer war als alle vorhergehenden und von der Atlantikküste bis nach Bornu reichte. Die Organisation Songhays war mit einer ausgeprägten Zentralisierung, einer absoluten Allmacht des Herrschers und einer ausdifferenzierten Spezialisierung der administrativen Würdenträger stärker ausgebildet als in den Vorgängerstaaten. Das bislang gewahrte Gleichgewicht zwischen traditionellen Glaubensvorstellungen und Islam wurde nun zugunsten des Islam aufgehoben, der somit praktisch zur Staatsreligion wurde. Songhay kannte eine kulturelle und intellektuelle Blüte ohnegleichen und war Heimat einer stark vom Islam beeinflussten, großen Kultur. Aber seine Reichtümer weckten auch Begehrlichkeiten und so beendete im Jahre 1591 eine marokkanische Invasion die Existenz dieses Staates.

Können die drei hier beschriebenen Staaten, begünstigt auch durch die außergewöhnlich gute Quellenlage, gewissermaßen als Aushängeschilder Westafrikas in der beschriebenen Epoche angesehen werden, so darf man doch jene anderen Staaten nicht vergessen, die sich zur gleichen Zeit in der Region sowie etwas weiter südwärts herausbildeten. Diese Staaten verfügten zum Teil bis in die Zeit der kolonialen Eroberung über einen großen Einfluss, welcher in einigen Fällen auch noch bis heute fortwirkt. Zu nennen sind hier in erster Linie die Mossi-Reiche (im Gebiet des heutigen Burkina Faso), die Haussa-Staaten Kano, Katsena und Kebbi, das Reich Kanem-Bornu am Tschadsee, die Stadtstaaten der Yoruba Oyo und Ife sowie das Königreich Benin (alle auf dem Gebiet im heutigen Nigeria gelegen).

Zimbabwe sowie die Bantu-Königreiche Kongo und des Mwene Mutapa

Über die Geschichte der Bevölkerungen südlich des äquatorialen Regenwaldes ist nur wenig bekannt. Nichtsdestotrotz legen vereinzelte riesige bauliche Anlagen Zeugnis von der Existenz großer staatlicher Gebilde ab. Hervorzuheben sind die gigantischen Steinkonstruktionen von Zimbabwe aus dem 12. Jahrhundert. Zimbabwe erlebte als Hauptstadt des Shona-Reiches und als Zentrum weitläufiger Handelsverbindungen eine mehr als drei Jahrhunderte währende Blütezeit. Von den Europäern im 19. Jahrhundert erstmals wahrgenommen, beschäftigten die Ruinen der Stadt über lange Zeit ihre Vorstellungskraft. Der Ideologie vom kulturlosen Afrikaner folgend, suchten europäische Wissenschaftler nach außer-afrikanischen Urhebern dieser Anlagen und lenkten mit ihren irrigen Annahmen die Forschungen über Staatenbildungen in Afrika insgesamt in eine falsche Richtung.

Wie weit die Geschichtsforschung im Hinblick auf Afrika auf die Erkenntnisse aus anderen Disziplinen, wie zum Beispiel der Archäologie, Linguistik oder Ethnologie angewiesen ist, wird implizit auch in der hier in Auszügen vorgenommenen Darstellung einer historischen Epoche des Kontinents deutlich. Dieser geschichtliche Abriss konzentrierte sich nicht deswegen weitgehend auf Nord- und Westafrika, weil hier die beiden Autorinnen beheimatet sind, sondern weil für diese Regionen die am weitesten zurückreichenden Quellen vorliegen und die Methodik interdisziplinärer Arbeit - mit einer kombinierten Analyse archäologischer Funde, schriftlicher Zeugnisse und mündlicher Überlieferungen unter Heranziehung sozialer und linguistischer Daten - als am weitesten vorangeschritten gilt. In weiten Teilen des Kontinents ist die Quellenlage und die Arbeitssituation wesentlich ungünstiger: So wissen wir über Zentralafrika nur, dass auch dort mächtige Reiche existierten. Zu erwähnen wären hier das Bantu-Königreich Kongo oder das Reich des Herrschers Mwene Mutapa. Genaue Chronologien oder eine Beschreibung der inneren Verhältnisse konnten für diese Staaten bislang nicht erstellt werden. Vor den Historikern liegt folglich noch eine weitläufige und intensive Forschungsarbeit, bis die Geschichte des Kontinents umfassend und weitgehend spekulationsfrei beschrieben werden kann.


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