Afrika

20.5.2005 | Von:

Gesellschaftlicher Wandlungsprozess

Urbanisierung

Eine der Folgen des raschen Bevölkerungswachstums ist die rapide voranschreitende Verstädterung des bis vor wenigen Jahrzehnten fast ausschließlich ländlich geprägten Kontinents. Größere Städte waren in Afrika bis zur Kolonialzeit hauptsächlich an der Küste gelegene Handelsposten gewesen, die erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu nennenswerter Größe heranwuchsen.

In den Gebieten mit ausgeprägter Minenwirtschaft, wie in Süd- und im südlichen Afrika, hatte sich im Verlauf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schon eine Entwicklung zu einer temporären Verstädterung der männlichen Wanderarbeiter in den Bergbauregionen abgezeichnet. Diese war aber als Lebensphase begrenzt und in der Regel mit der Rückkehr der Wanderarbeiter in ihre Herkunftsregionen verbunden. Erst mit der Unabhängigkeit und der Entstehung urbaner Zentren, moderner Arbeitsplätze und der in den achtziger Jahren massiv einsetzenden Krise der der eigenen Versorgung dienenden Subsistenzlandwirtschaft – gekoppelt mit dem raschen Bevölkerungswachstum – hat sich der Verstädterungsprozeß verstetigt und erheblich beschleunigt.

Das rasche Wachstum der Städte hat verschiedene Ursachen. Die sinkende Verfügbarkeit von Boden, geringe Ernteerträge, eine wachsende Überbevölkerung in ländlichen Gebieten, zunehmende ökologische Probleme in den halbwüstenhaften Problemzonen des Kontinents treiben die Landflucht voran. Das Stadt-Land-Gefälle, die Attraktivität eines westlich-urbanen Lebensstils und Möglichkeiten von Lohnarbeit im formellen und informellen Sektor machen die Städte gerade für junge Menschen besonders anziehend.

Lebten 1960 erst circa 15 Prozent der Afrikanerinnen und Afrikaner in Städten, so dürfte im Jahr 2000 dieser Wert bei 35 Prozent liegen. Keine andere Region der Erde hat seit 1980 eine ähnlich hohe Zunahme der städtischen Bevölkerung gekannt (jährliches Wachstum im Durchschnitt: fünf Prozent). Allerdings sollte nicht übersehen werden, daß diese Entwicklung von einer extrem niedrigen Basis ausging und keineswegs überall gleichförmig verläuft. Ländern mit relativ hohem Anteil an städtischer Bevölkerung wie Kongo-Brazzaville (63 Prozent) oder der Elfenbeinküste (47 Prozent) stehen Länder mit einem sehr geringen Anteil von städtischer Bevölkerung gegenüber, wie etwa Äthiopien (15 Prozent) oder Uganda (14 Prozent). Das Ausmaß der Verstädterung spiegelt somit nicht zuletzt das Ausmaß der Industrialisierung bzw. den sozio-ökonomischen Entwicklungsstand eines Landes wider.

Bisher sind noch wenige afrikanische Städte in die Kategorie der Mega-Städte (mehr als zehn Millionen Einwohner) hinein gewachsen, wie sie für Lateinamerika oder Asien zunehmend prägend sind. Lediglich Kairo, Lagos (circa 12 Millionen Einwohner), und Kinshasa (mit circa 5 Millionen Einwohnern) kommen an diese Dimensionen heran. Läßt man Lagos in Nigeria beiseite, dann leben im brasilianischen Sao Paulo allein immer noch mehr Menschen als in allen Millionenstädten Westafrikas zusammen.

Das Besondere des Urbanisierungsprozesses in Afrika in den letzten fünfundzwanzig Jahren liegt also nicht in der Zunahme der Stadtbevölkerung an sich. Ihren spezifischen Charakter erhält die Verstädterung in Afrika erst durch die Verbindung mit zwei anderen Entwicklungen: Während die Stadtbevölkerung stetig anwuchs, entstanden in der Industrie und im formellen Sektor nur wenige neue Arbeitsplätze. Gleichzeitig hat sich der Staat im Laufe der achtziger und neunziger Jahre weitestgehend aus allen Bereichen der Stadtplanung und -entwicklung zurückgezogen. Folge ist eine ungeordnete spontane Urbanisierung, in der Slums ohne jegliche Infrastruktur an den Außenbezirken der Großstädte in die Landschaft wuchern. Trotz der schwierigen Lage in diesen übervölkerten Vierteln der afrikanischen Großstädte ist der Staat als ordnendes Element oder als Bereitsteller von sozialer Infrastruktur kaum mehr vertreten.

Quellentext

Wachsende Verstädterung

Zwar lebt die Mehrheit der Afrikaner im ländlichen Raum, doch sind die gegenwärtig und wahrscheinlich auch künftig sehr hohen Verstädterungsraten nicht Ausdruck wirtschaftlicher Dynamik, sondern von Marginalisierung und zunehmenden räumlichen Ungleichgewichten der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. Ein Symptom dieser massiven Probleme sind stark wachsende Squattersiedlungen (Siedler ohne Rechtstitel, Anm. d. Red.). Afrikanische Städte unterschiedlicher Genese gleichen sich in ihrem Erscheinungsbild an. Da effiziente und eine nachhaltige Entwicklung sichernde Steuerungsinstrumente fehlen, belasten die Städte in sehr starkem Maße Umwelt und Ressourcen.

Afrika, neben Asien der am wenigsten verstädterte Erdteil (1990 lebte hier knapp ein Drittel der Bevölkerung in Städten), weist gegenwärtig die weltweit höchsten Verstädterungsraten auf. Der Verstädterungsgrad, ausgedrückt durch den Anteil der städtischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung, ist am höchsten in Süd- und Nordafrika (Libyen, Tunesien und Algerien), am geringsten in Ost- und Zentralafrika. Zu den am stärksten verstädterten Ländern Schwarzafrikas gehören Südafrika, Sambia und die Zentralafrikanische Republik. Die Verstädterungsraten sind höher als in Lateinamerika und Asien, am höchsten in Ost-, Zentral- und Westafrika. [...]

Die Umschlagplätze im Kolonialhandel und Zentren der Kolonialverwaltung blieben die Knotenpunkte im Siedlungsnetz der unabhängig gewordenen Staaten. Die von Europäern für Europäer errichteten Städte, wie zum Beispiel Nairobi, Lusaka und Harare, sind trotz der Afrikanisierung, das heißt Übernahme der Wohngebiete, Arbeitsplätze und Funktionen der Europäer durch Afrikaner, noch wenig in den afrikanischen Gesellschaften verwurzelt.

Die Unterschiede zwischen vorkolonialen Städten und Kolonialstädten nehmen jedoch ab. Die Kolonialstädte entwickeln sich allmählich zu Städten der Afrikaner. Kennzeichnungen der Kolonialstädte und der in der Kolonialzeit überformten Städte wie kleine Ober- und Mittelschicht, Trennung der Rassen und Ethnien, sehr starke wirtschaftliche Disparitäten, intensive Stadt-Land-Beziehungen und starke externe Einflüsse auf die Flächennutzung, Architektur und Bebauung werden modifiziert durch siedlungsgeschichtliche, religiöse und kulturspezifische Faktoren. Sie prägen die Yorubastädte Ife und Ibadan anders als die islamischen Städte der Sahelzone wie Timbuktu und in der Kolonialzeit gegründete oder veränderte Städte wie Lusaka, Dakar, Lagos, Kinshasa und Khartum. Die Unterscheidung in Europäerstädte, Kolonialstädte und duale Städte ist daher nicht sehr trennscharf.

In den ostafrikanischen Städten sind die demographischen und sozioökonomischen Veränderungen größer als in denen Westafrikas. Die starken demographischen Verzerrungen der Kolonialzeit, vor allem der hohe Männerüberschuß in ostafrikanischen Städten, der geringe Anteil Kinder und älterer Menschen und hohe Anteil jüngerer erwerbstätiger Afrikaner, sind schwächer geworden. In wenigen Jahren ist eine stabile, junge afrikanische Stadtbevölkerung entstanden. Die für Afrika typische Großfamilie löst sich in Kernfamilien auf. [...]

Zwischen Städten und ländlichem Raum bestehen [...] auch große Unterschiede in der Stärke der Wanderungsströme, der Verteilung von Markt, Einfluß und Einkommen und in der Versorgung mit Gütern und Leistungen.

Zuwanderer in große Städte kommen häufig nicht direkt aus dem ländlichen Raum, sondern über andere Städte. Sie sind älter und besser ausgebildet als Zuwanderer direkt aus dem ländlichen Raum. In den sechziger und siebziger Jahren bestimmten vor allem Wanderungen die Bevölkerungszunahme der Städte, seither tragen zunehmend Geburten zur Bevölkerungszunahme bei. Der Geburtenüberschuß ist in vielen afrikanischen Städten zur wichtigsten Wachstumskomponente geworden.

In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit nahm die Zahl der Arbeitsplätze stark zu. Verwaltung, Industrie und Handel wurden differenzierter und diversifizierter. Seit der weltwirtschaftlichen Rezession in den siebziger Jahren entwickeln sich Bevölkerung und Wirtschaft auseinander. Fast alle Arbeitsplätze des formellen Sektors befinden sich in den Städten. Nur etwa fünf bis 15 Prozent der Erwerbspersonen finden hier eine Beschäftigung, vor allem im öffentlichen Dienst. Arbeitslosigkeit, insbesondere Jugendarbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und informelle Tätigkeiten sind entsprechend groß. Frauen haben es aufgrund ihres allgemein niedrigen Bildungsstands, soziokultureller Normen und praktischer Probleme, wie die Betreuung der Kinder, sehr schwer, bezahlte Tätigkeiten zu finden. Sie sind deshalb mehr als Männer im informellen Sektor tätig, vor allem im Straßenhandel. Der informelle Sektor, ein zunehmend wichtigerer Teil der Stadtökonomie, verschleiert die Arbeitslosigkeit. Seine Bedeutung als Tätigkeitsfeld und Versorgungsbasis ist in westafrikanischen Städten größer als in zentral- und ostafrikanischen Städten. Asiaten, in Westafrika vor allem Libanesen und Syrer, in Ost- und Südafrika Inder, dominieren den Handel in früheren Kolonialstädten und behindern zum Teil die Entwicklung des afrikanischen Kleinhandels.

Wolf Gaebe, "Urbanisierung in Afrika", in: Geographische Rundschau 10/1994, S. 570 ff



Die Geschichte des Kolonialismus und seiner Folgen wird immer wieder neu ausgehandelt. Welche Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte gibt es, die im Kampf um "historische Wahrheiten" häufig an den Rand gedrängt wurden? Wie wirkt das koloniale Zeitalter in ehemaligen Kolonialstaaten und anderen Gesellschaften nach?

Mehr lesen

Dossier

Afrikanische Diaspora in Deutschland

In Texten und Bildern spiegelt dieses Dossier eine eigenständige Schwarze Geschichte wider, die einen integralen Bestandteil der deutschen Vergangenheit und Gegenwart darstellt.

Mehr lesen

Dossier

Innerstaatliche Konflikte

Vom Kosovo nach Kolumbien, von Somalia nach Süd-Thailand: Weltweit schwelen über 280 politische Konflikte. Und immer wieder droht die Lage gewaltsam zu eskalieren.

Mehr lesen

Eine Farm im Nordosten Kenias im Jahre 1938. Die aus Deutschland von den Nazis vertriebene Jüdin Jettel Redlich steht vor der unscheinbaren Wellblechfarm ihres Mannes. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

Mehr lesen auf kinofenster.de