Afrika
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20.5.2005 | Von:
Peter Körner

Nigeria, der volkreichste Staat des Kontinents

Rund 135 Millionen Menschen leben in Nigeria auf einem Territorium, das zweieinhalbfach so groß ist wie die Fläche Deutschlands. Der bevölkerungsreichste Staat Afrikas kämpft gegen ethnische, religiöse, regionale, soziale und politische Gegensätze.


Auszug aus:
Informationen zur politischen Bildung (Heft 264) - Nigeria, der volkreichste Staat des Kontinents

Einleitung

Mit 110 bis 120 Millionen Menschen auf einem Territorium von der zweieinhalbfachen Fläche Deutschlands ist Nigeria der volkreichste Staat Afrikas. Nach Einwohnerzahl, Wirtschaftskraft und Militärpotential ist es die unangefochtene Regionalmacht der 1975 gegründeten "Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten" ECOWAS (Economic Community of West African States), stärker als deren übrige 15 Mitgliedsstaaten zusammen. Mit Militärinterventionen in den kriegsgeplagten ECOWAS-Ländern Liberia (ab 1990) und Sierra Leone (seit 1997) untermauerte Nigeria seine regionale Dominanz. Dafür instrumentalisierte es die multinationale westafrikanische Streitmacht ECOMOG (ECOWAS Monitoring Group, Beobachtungsgruppe), in der es das weitaus größte Truppenkontingent und das Oberkommando stellte. Doch so stark Nigeria nach außen erscheinen mag, so zerrissen und verwundbar ist es im Innern. Durch die Kolonialmacht Großbritannien willkürlich zusammengefügt, wird dieser seit dem 1. Oktober 1960 unabhängige Staat von krassen ethnischen, religiösen, regionalen, sozialen und politischen Gegensätzen geplagt. Je nach Definition 250 bis über 430 Ethnien konkurrieren um die politische Macht und die Nutzung der wirtschaftlichen Reichtümer, insbesondere Erdöl. Das "schwarze Gold", dessen Quellen vorwiegend im Nigerdelta an der Atlantikküste liegen, bringt 95 bis 99 Prozent der Exporterlöse, zwei Drittel der Staatseinnahmen und fast ein Siebtel des Bruttoinlandsprodukts ein.

Die Rivalität um Ressourcen und Macht betrifft vor allem die drei größten Bevölkerungsgruppen Hausa-Fulani (im Norden), Yoruba (im Südwesten) und Igbo (im Südosten), die zusammen zwei Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen. Hausa-Fulani sind meist muslimisch geprägt, Igbo vorwiegend christlich, Yoruba etwa zu gleichen Teilen muslimisch und christlich. Die Folge ist ein Nord-Süd-Gegensatz, der den Zusammenhalt des Staates bedroht: Das nigerianische Kernproblem besteht darin, daß die politische Dominanz seit langem vom Norden ausgeübt wird, während die ökonomisch aktivsten Bevölkerungsgruppen und die wirtschaftlichen Potentiale primär im Süden angesiedelt sind.

Militärherrschaft

Die auf den inneren Gegensätzen basierenden Dauerkonflikte sind die eigentliche Ursache dafür, daß die Regionalmacht in den 39 Jahren seit der Unabhängigkeit fast 30 Jahre lang – von Januar 1966 bis Oktober 1979 und nahezu ununterbrochen von Ende 1983 bis Mai 1999 – vom Militär regiert wurde. Das mehrheitlich aus kleinen Völkern in Mittelnigeria rekrutierte Offizierskorps bietet einen Zerrspiegel innernigerianischer Konflikte. Obwohl seit 1966 mit gesellschaftlichen Kräften des Nordens verbündet, trat das Militär in politischen Krisen als scheinbar über allen Interessen stehender "Retter der Nation" auf den Plan.

Die zivile "Erste Republik" scheiterte Anfang 1966, weil die Politiker die ökonomische und soziale Entwicklung nicht voranbrachten und das Land durch Korruption, Vetternwirtschaft sowie Mißmanagement in den Ruin trieben und regionale Gegensätze bis an den Rand des Bürgerkrieges verschärften. Unter dem Eindruck erfolgreicher Staatsstreiche von Armeeführungen anderer west- und zentralafrikanischer Staaten putschte sich deshalb Mitte Januar 1966 das Militär erstmals an die Staatsspitze. Der blutige Machtwechsel führte zu einer kurzzeitigen Ablösung der Herrschaft des Nordens durch den Süden, denn das Offizierskorps wurde seit dem Ende der Kolonialzeit von Igbo dominiert. Durch einen ebenfalls blutigen Gegenputsch von Militärs aus dem Norden wurde jedoch bereits Ende Juli 1966 die alte regionale Vorherrschaft restauriert. Im Gegenzug scherte die von den Igbo beherrschte Ostregion mit dem Löwenanteil der Erdölvorkommen im Mai 1967 als unabhängige "Republik Biafra" aus dem Staatsverband aus. Erst durch einen blutigen Krieg konnte die Zentralgewalt diesen Schritt rückgängig machen.

Als der seit Juli 1966 regierende General Yakubu Gowon von dem Versprechen abrückte, Nigeria zur Zivilherrschaft zurückzuführen, wurde er trotz seines Ruhmes als Sieger im Biafrakrieg von einer rivalisierenden Fraktion um General Murtala Muhammed aus dem Amt gejagt. Nachdem letzterer bei einem gescheiterten Gegenputsch im Februar 1976 ums Leben gekommen war, führte sein Nachfolger Olusegun Obasanjo Nigeria auf dem Wege allgemeiner Wahlen am 1. Oktober 1979 zur Zivilregierung zurück.

Unter Präsident Shehu Shagari erlebte die "Zweite Republik" nicht die erhoffte Stabilisierung als Demokratie. Ausgeprägter als in der "Ersten Republik" blühten Korruption, Vetternwirtschaft und Mißmanagement. Politische Ämter wurden primär nicht für die allgemeine ökonomische und soziale Entwicklung genutzt, sondern zur Abzweigung umfangreicher öffentlicher Ressourcen für Familien, Clans und Günstlinge mißbraucht. Als die nach vier Jahren fälligen Wahlen manipuliert wurden und sich die inneren Gegensätze erneut zu gewaltsamen Unruhen zuspitzten, putschten die Militärs am Silvestertag 1983 abermals.

Dem durch einen Staatsstreich an die Macht gelangten Juntachef General Muhammadu Buhari folgte nach einer "Palastrevolte" im August 1985 General Ibrahim Badamasi Babangida, der eine langfristige Rückkehr zur Zivilregierung ankündigte. Als sich bei den allgemeinen Präsidentenwahlen am 12. Juni 1993 in dem von Babangida per Dekret eingeführten Zweiparteiensystem der Sieg des aus der Sicht des Militärs falschen Kandidaten Moshood Abiola, eines Yoruba aus dem Süden, abzeichnete, wurde kurzerhand die Stimmenauszählung gestoppt und wenig später die Wahl annulliert. Babangida machte im August 1993 den Weg frei für den vom Militär bestimmten zivilen Interimspräsidenten Ernest Shonekan. Aber statt des von der Demokratiebewegung verlangten endgültigen Rückzugs in die Kasernen riß in einer spannungsgeladenen Atmosphäre am 17. November 1993 das Militär unter General Sani Abacha die Macht wieder an sich.

In Nigeria gab es unter jeder Militärregierung Repression und Menschenrechtsverletzungen, aber zu keiner Zeit traf es das Land wie unter Abacha. So wurden Abiola und Obasanjo ins Gefängnis geworfen, der Schriftsteller und Bürgerrechtler Ken Saro-Wiwa am 10. November 1995 trotz weltweiter Proteste sogar hingerichtet. Unter dem Eindruck westlicher Sanktionen bereitete schließlich auch Abacha die Rückkehr zur Zivilherrschaft vor. Durch allgemeine – notfalls manipulierte – Wahlen gedachte der Militärmachthaber sich mit dem Anschein demokratischer Legitimation als ziviler Präsident zu umgeben. Diesen Plan machte sein plötzlicher Herztod am 8. Juni 1998 zunichte.

Zivilregierung seit 1999

Dem politisch nicht ambitionierten Nachfolger, General Abdulsalami Abubakar, kam die Aufgabe zu, den Übergang zum zivilen Regierungssystem zu bewerkstelligen. Obasanjo und zahlreiche andere politische Gefangene wurden freigelassen, Abiola hingegen starb am 7. Juli 1998 kurz vor dem angekündigten Ende seiner Haft. Doch ungeachtet dieser "nationalen Tragödie" (so nigerianische Medien) schritt Abubakar mit einem Übergangsprogramm voran, zu dem die Wiederzulassung von politischen Parteien zählte.

Bei Wahlen auf lokaler und bundesstaatlicher Ebene kristallisierte sich ein Dreiparteiensystem mit der Alliance for Democracy (AD), der All People's Party (APP) und der People's Democratic Party (PDP) heraus. Die AD ist faktisch eine ethnische Partei der Yoruba im Südwesten des Landes; die APP – Sammelbecken von Verbündeten und Nutznießern des repressiven Abacha-Regimes – holte die Mehrheit ihrer Stimmen in Nord- und Mittelnigeria; die von Obasanjo, der Nigeria 1979 zur Zivilregierung zurückgeführt hatte, gegründete PDP schließlich etablierte sich als insgesamt stärkste politische Kraft, bei besonders hohen Stimmenanteilen im Südosten. Auf breite Ablehnung stieß die PDP ausgerechnet bei den Yoruba, denen Obasanjo selber angehört.

Der international angesehene ehemalige Militärmachthaber wurde am 27. Februar 1999 mit offiziell 62,8 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt. Aufgrund zahlreicher Manipulationen, die sowohl seinem politischen Lager als auch Kräften um den von AD und APP gemeinsam präsentierten Gegenkandidaten "Olu" Falae angelastet wurden, sprachen nigerianische Wahlbeobachter von einer Verfälschung des Wählerwillens. Ausländische Beobachter hingegen gaben trotz der auch von ihnen festgestellten Unregelmäßigkeiten die Einschätzung ab, daß das Resultat den "Willen des Volkes" widerspiegele. Am 29. Mai 1999 wurde Obasanjo offiziell als ziviler Präsident vereidigt.

Da der neue Staats- und Regierungschef selber dem Militär entstammt, wird er in Nigeria von großen Teilen der Opposition und der Demokratiebewegung abgelehnt. In westlichen Ländern hingegen wird vielfach in seinen weiterhin bestehenden Kontakten zu wichtigen Militärs (darunter Babangida) geradezu eine Voraussetzung für die Bestandsfähigkeit der Zivilregierung gesehen. Bereits in den ersten Amtstagen mußte sich Obasanjo um die Beendigung gewaltsamer Auseinandersetzungen im Erdölgebiet des Nigerdeltas kümmern.

Zu einer solchen Gefahr könnte sich auch die angesichts der Auslandsverschuldung von 32 Milliarden US-Dollar (1998) bevorstehende schmerzhafte wirtschaftliche Sanierung entwickeln. Seit dem Ende des Erdölbooms der siebziger Jahre, von dem die Mehrheit der Bevölkerung kaum profitierte, taumelte Nigeria von einer Wirtschaftskrise in die andere. Ein Großteil der Erdöleinkünfte – eine Summe im dreistelligen Dollarmilliardenbereich – wurde für entwicklungspolitisch unsinnige Groß- und Prestigeobjekte wie Stahl- und Aluminiumwerke, Rüstungsfabriken und die neue Hauptstadt Abuja im Zentrum des Landes verschwendet oder versickerte in den Privatschatullen korrupter Staatsbediensteter, Politiker und Militärs. Nur wenn der katastrophale wirtschaftliche Trend der vergangenen zwei Jahrzehnte umgekehrt und der vielfältige politische Zündstoff entschärft werden kann, wird die zivile Demokratie langfristig eine Chance haben.
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