Afrika

5.12.2005 | Von:
Aissatou Bouba-Folle

Literarische Entwicklungen

Die Literatur im anglophonen und frankophonen Afrika ist sehr vielseitig. Angefangen bei der Oral-Literatur, weist sie lyrische, dramatische und Prosaformen auf. Zur Literatur in schriftlicher Form gehören wiederum Lyrik, Poesie, Kurzgeschichten und vor allem die Romane der Populärliteratur (z.B. Protest-, Bildungsromane).

Lyrik, Poesie, Kurzgeschichten: Die afrikanische Literatur umfasst verschiedene Genres.Lyrik, Poesie, Kurzgeschichten: Die afrikanische Literatur umfasst verschiedene Genres. (© Antje Fiehn)

Einleitung


Zu den bereits vorhandenen Sprach- und Kulturräumen Afrikas entstanden mit der Kolonialzeit die arabophonen, anglophonen, frankophonen, lusophonen und hispanophonen Sprachräume. Jeder von ihnen hat seine literarischen Eigenarten. Der Schwerpunkt des Beitrags liegt auf dem heutigen frankophonen und anglophonen Afrika, in dem viele Europäer lange keine wirkliche Kultur, geschweige denn literarische Produkte, die diesen Namen verdienten, finden wollten. Zur Illustration dienen die folgenden Worte des deutschen Afrikanisten Carl Meinhof zu Beginn der deutschen Kolonialzeit in Afrika: "Als im Jahre 1888 die Märchen aus Kamerun von Elli Meinhof erschienen, wollten viele nicht glauben, dass wirklich ein Afrikaner so ... anmutige Märchen erzählen konnte, und dass sie unseren Märchen so ähnlich wären. Ja, wir erlebten scharfe Proteste aus Afrika von Leuten, die täglich mit Eingeborenen zu tun hatten und die es also wissen mussten."[1]

Diese diskriminierende Sichtweise suchte nunmehr Elli Meinhof mit der Herausgabe ihrer Märchensammlung richtig zu stellen, wenn auch über den ideologischen und kolonial-politischen Hintergrund derartiger Sammlungen nicht hinweggesehen werden kann. Darin erhoffte man sich unter anderem einen Zugang zum Denken und Wissen der Afrikaner; auch, um sie besser beherrschen zu können. Als Quellen dieses Wissens dienten neben den Märchen weitere literarische Gattungen, die auch einen Teil eines geistigen Kulturgutes bildeten, das bis zur Kolonialzeit fast nur mündlich tradiert wurde. Diese literarischen Werke fasst man unter dem Begriff Oral-Literatur zusammen und sie existieren heute noch - wenn auch in veränderter Form - weiter. Sie bieten der im Zuge der Kolonisation unter dem Einfluss der Franzosen und Engländer entstandenen geschriebenen Literatur eine feste Basis und die verschiedensten Möglichkeiten, sich gegen ihre europäischen Vorbilder abzugrenzen.

Die afrikanische Oral-Literatur



Die afrikanische Oral-Literatur ist mannigfaltig, umfasst lyrische, dramatische und Prosaformen, die funktional bzw. zweckorientiert waren und insofern alles andere als "l' art pour l' art" [Kunst um der reinen Kunst willen, Anm. d. Red.] aufzufassen sind. Sie unterhalten, erfüllen je nach Kontext und Situation erzieherische und didaktische Funktionen, dienen der Stärkung von sozialen Bindungen und der moralischen Erbauung. Sie verhelfen zu einem Zusammengehörigkeitsgefühl, vermitteln die in der Gesellschaft gültigen Werte und Normen sowie unterstützen die Pflege von rituellen und kultischen Sitten und Gebräuchen. Ferner erklären sie Naturphänomene, bieten konkrete Lebenshilfen, stellen die Verbindung zu einer metaphysischen Sphäre her und erzählen vom Ursprung und Werdegang der Völker. Kurz, sie leisten heute noch in vielerlei Hinsicht einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Kontinuität.

Alle genannten Formen der traditionellen Oral-Literatur sind Allgemeingut bzw. kollektiver Besitz der Gruppe; ihre Komposition, Symbolik und Metaphorik sowie ihre Themen sind feststehend und nicht der kreativen Leistung einzelner freischaffender Künstler entsprungen. Letztere werden lediglich mit der Rolle betraut, bestimmte Gattungen dieser Literatur im Gedächtnis aufzubewahren und weiter zu tradieren bzw. im Rahmen einer Performance darzubieten, die sie nach bestimmten Regeln und mit Hilfe mannigfaltiger Techniken und Mittel realisieren. Dazu gehören zum Beispiel der Einsatz von Musik, der Tanz, die Mimik und Gestik, mit denen Zusammenhänge verstärkt und der Vortrags- bzw. Erzählrhythmus unterstützt werden. Während der Darbietung findet eine ständige Interaktion mit dem Publikum statt.

Diese Formen der Oral-Literatur leben auch nach den grundlegenden Veränderungen der Lebensverhältnisse in Afrika meist in veränderten oder gar in vollkommen neuen Formen weiter. Hierzu gehört auch die im Zuge der Apartheid entstandene und in Südafrika seit den 1970er Jahren vorherrschende Performance-Lyrik, die neuartig ist, und in der die Ängste und Sorgen der Menschen eine kollektive Verarbeitung erfahren. Dazu werden sie in Liedern (so bei Salif Keita) verarbeitet und über das Radio, in Videos und auf Kassetten verbreitet. Auch in anderer Hinsicht spielen sie noch eine wichtige Rolle: Ihre Elemente und Techniken, wie die Narrativität, die Symbolik oder die Metaphorik sowie ihre Themen bieten der im Zuge der Kolonisation entstandenen geschriebenen Literatur eine unverzichtbare Inspirationsquelle.

Fußnoten

1.
Meinhof, Carl: Die Dichtungen der Afrikaner: Hamburgische Vorträge, Berlin 1911, S. 10.

Die Geschichte des Kolonialismus und seiner Folgen wird immer wieder neu ausgehandelt. Welche Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte gibt es, die im Kampf um "historische Wahrheiten" häufig an den Rand gedrängt wurden? Wie wirkt das koloniale Zeitalter in ehemaligen Kolonialstaaten und anderen Gesellschaften nach?

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