Afrika

5.12.2005 | Von:
Aissatou Bouba-Folle

Das Theater im frankophonen Afrika

Soziale und entwicklungsrelevante Themen transportierend, wird dem Theater im frankophonen Afrika eine große Bedeutung beigemessen. Es entwickelte sich dort vor allem seit den 1980er Jahren zu einem Mittel der Aufklärung, das von zumeist analphabetischen ärmeren Bevölkerungsschichten genutzt wurde.

Einleitung

In allen afrikanischen Ländern werden bis heute Gedichte verfasst, die jedoch kaum in einem anderen Land so lebendig sind wie in Südafrika, wo die Performance-Lyrik seit den 1970er Jahren zu einem "der einflußreichsten Genres literarischer Kommunikation" wurde. [1] Eine ähnliche Rolle kommt in anderen Teilen Afrikas nur dem Theater zu, gesetzt den Fall, dass es seinen semi-oralen Charakter nicht eingebüßt hat. Wie im Folgenden für das frankophone Afrika dargelegt werden soll, entstand ein "modernes" Theater, das sich im anglophonen Afrika relativ früh und im frankophonen Afrika vor allem seit den 1980er Jahren zu einem Mittel " ... der ... Aufklärung der meist analphabetischen ärmeren Bevölkerungsschichten über soziale und entwicklungsrelevante Themen ..." [2] entwickelt hat.

Anfänge der Dramenproduktion

Die Anfänge der Dramenproduktion im frankophonen Afrika liegen in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Koloniale öffentliche Bildungseinrichtungen - allen voran die höhere Schule "William Ponty" - spielten bei dieser Entwicklung eine wichtige Rolle. Die jungen Afrikaner, die zur Schaffung von Dramentexten über den Alltag und über die Geschichte ihrer Heimatländer angeregt wurden, grenzten sich kaum von der herrschenden diskriminierenden kolonialen Ideologie ab. Ferner orientierten sie sich fast nur an der Methode und Konzeption der dramatischen Gestaltung französischer Vorbilder und schufen ein Sprechtheater, das dadurch etwas Lokalkolorit erhielt, dass in die Handlung der Stücke Lieder in afrikanischen Sprachen und afrikanischen Tänzen eingelagert wurden. Diese Ausrichtung, die nicht nur der kolonialen Indoktrinierung, sondern auch der Pflege der französischen Sprache dienen sollte, wurde von der französischen Kolonialbehörde durch die Gründung von Kulturzentren und die Schaffung von Theaterwettbewerben auf der Ebene der einzelnen Kolonien, aber auch zwischen diesen gefördert.


Durch seine Kultur- und Sprachpolitik übte Frankreich auch nach der Unabhängigkeit einen gewissen kulturellen Einfluss auf die Afrikanerinnen und Afrikaner aus. Die Theaterwettbewerbe wurden ab 1968 als "Concours théâtral interafricain" mit seiner Unterstützung wiederbelebt; darüber hinaus organisiert Frankreich seit 1983 alljährlich Theaterfestivals in Limoges ("Festival de la Francophonie Limoges"), an denen auch afrikanische Dramaturgen heute noch teilnehmen können. Auf diesem Wege wurden junge Talente entdeckt, und vor allem waren und sind die Festivals ein Ort des Austausches für Dramaturgen.

Das aus der Kolonialzeit hervorgegangene akademisch geprägte Sprechtheater überdauerte die Kolonialzeit und wurde fast überall in den neu gegründeten und staatlich kontrollierten Nationaltheatern gepflegt. Es entledigte sich zwar nur bedingt seines folkloristischen Charakters; distanzierte sich jedoch deutlich von der kolonialen Unternehmung. In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit entstanden dort zwei Genretypen, die gleichermaßen einen Unterhaltungs- und einen pädagogischen Wert haben sollten. Es handelte sich um soziale und historische Dramen sowie um Sittenkomödien. In letzteren wurden die afrikanische Gesellschaft und der sich in den einzelnen Lebensbereichen bemerkbar machende Wertewandel aufs Korn genommen. So wurde unter anderem der Generationskonflikt angesprochen oder der als nicht mehr zeitgemäß geltende Charakter bestimmter afrikanischer Werte, Bräuche und Glaubensvorstellungen. Theaterautoren wie Guy Menga aus Kongo, Oyono Mbia aus Kamerun waren dabei bemüht, den Widerspruch zwischen Tradition und Moderne und vor allem den entwicklungshemmenden Charakter einiger Traditionen herauszustellen. Andererseits wurde auch die kritiklose Haltung gegenüber europäischen Werten und Lebensweisen angeprangert.

Fußnoten

1.
Breitinger, Eckhard: Die Literatur Südafrikas, in: Walter Jens (Hg.): Kindlers Neues Literatur-Lexikon, Bd. 20, München 1996, S. 270 - 280., Zitat S. 279.
2.
Riesz, János: Die Literaturen Schwarzafrikas in französischer Sprache, in Walter Jens (Hg.): Kindlers Neues Literatur-Lexikon, Bd. 19, München 1996, S. 1035 - 1045, Zitat S. 1043.

Die Geschichte des Kolonialismus und seiner Folgen wird immer wieder neu ausgehandelt. Welche Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte gibt es, die im Kampf um "historische Wahrheiten" häufig an den Rand gedrängt wurden? Wie wirkt das koloniale Zeitalter in ehemaligen Kolonialstaaten und anderen Gesellschaften nach?

Mehr lesen

Mediathek

Der afrikanische Kontinent

Afrika ist eng mit anderen Teilen der Welt verbunden, im Hinblick auf seine Geschichte, auf frühere Migrationen und auf die heutige Wirtschaft.

Jetzt ansehen

Dossier

Afrikanische Diaspora in Deutschland

In Texten und Bildern spiegelt dieses Dossier eine eigenständige Schwarze Geschichte wider, die einen integralen Bestandteil der deutschen Vergangenheit und Gegenwart darstellt.

Mehr lesen

Dossier

Innerstaatliche Konflikte

Vom Kosovo nach Kolumbien, von Somalia nach Süd-Thailand: Weltweit schwelen über 280 politische Konflikte. Und immer wieder droht die Lage gewaltsam zu eskalieren.

Mehr lesen

Eine Farm im Nordosten Kenias im Jahre 1938. Die aus Deutschland von den Nazis vertriebene Jüdin Jettel Redlich steht vor der unscheinbaren Wellblechfarm ihres Mannes. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

Mehr lesen auf kinofenster.de