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Soziale Bewegungen in Ecuador


8.1.2008
In Ecuador gibt es keine lebendige Bewegungslandschaft. Die einzige Ausnahme bildet eine überaus schlagkräftige indigene Bewegung seit den 1980er- Jahren – mit großem Einfluss auf das politische Geschehen des Landes.

Der Schamane Jose Maria Montalvo segnet einen Protestmarsch sozialer und indigener Bewegungen, im August 2003.Der Schamane Jose Maria Montalvo segnet einen Protestmarsch sozialer und indigener Bewegungen, im August 2003. (© AP)
Im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern ist Ecuador kein Paradebeispiel für eine lebendige Bewegungslandschaft. Und so gibt es in Ecuador auch kaum Publikationen zu sozialen Bewegungen. Die große Ausnahme ist die indigene Bewegung seit den 1980er-Jahren. Paradigmatisch für das "indianische Erwachen" in ganz Lateinamerika konnte sich im Land eine überaus schlagkräftige indigene Bewegung herausbilden und seit den 1990ern erheblichen Einfluss auf die nationale Politik ausüben.

Arbeiterbewegung: Kampf um Umverteilung



Anfang des 20. Jahrhunderts kam es zu ersten berufsständischen, von europäischen Ideen des Sozialismus und Anarchismus beeinflussten Organisationsprozessen. 1926 wurde die Ecuadorianische Sozialistische Partei gegründet, von der sich 1931 die Kommunistische Partei (PCE) abspaltete. Waren die ersten Organisationen zunächst berufsständisch orientiert, so kam es ab den 1930er-Jahren zu einer stärker gewerkschaftlichen Organisationsstruktur, die sich in den 1930er- und 1940er-Jahren institutionalisierte.

Aus konservativ-katholischen Kreisen wurde 1938 der erste nationale Gewerkschaftsverband CEDOC gegründet, gerade auch um radikale Organisationen den Wind aus den Segeln zu nehmen. 1944 wurde dann mit der Confederación de Trabajadores del Ecuador (CTE) eine marxistisch orientierte Gewerkschaftsorganisation ins Leben gerufen. Bis in die 1960er-Jahre hinein sollte die an die Kommunistische Partei Ecuadors ausgerichtete CTE die hegemoniale Rolle in der Arbeiter- und Bauernbewegung spielen. Hauptanliegen der CTE waren die Verbesserung der sozialen Sicherheit, der Arbeitsbedingungen, aber genauso Demokratisierung, Antiimperialismus und die Überwindung "prä-kapitalistischer" Ausbeutungsverhältnisse auf den Haciendas durch eine Agrarreform. Letzteres wurde vor allem durch die ebenfalls 1944 gegründete Indígena-Organisation der CTE, der Federación Ecuatoriana de Indios (FEI), vertreten. Die FEI vermochte es bis Mitte des 20. Jahrhunderts, breite Teile der Hochland-Indígenas mit Schwerpunkten in Cayambe, Cotopaxi und Chimborazo zu organisieren. In Teilen der Provinz Imbabura dagegen war die an der Sozialistischen Partei orientierte Bauernorganisation FENOC besonders einflussreich. Diese gewerkschaftlich orientierten Organisationsformen sollten in den ländlichen und indigen geprägten Gebieten bis zur Agrarreform in den 1970er-Jahren bestimmend sein.

Die CTE setzte ihre Forderungen mit Streiks, aber vor allem auch mit Druck auf die staatlichen Institutionen durch. Direkte Aktionen wie Land- oder Fabrikbesetzungen wurden ebenso vermieden wie revolutionäre Gewalt. Somit ging es der CTE in erster Linie nicht um einen Umsturz, sondern um eine sozialistisch orientierte Modernisierung des Staates.

Vor allem in der Zwischenkriegszeit war die politische Gelegenheitsstruktur günstig für den "Marsch durch die Institutionen". Aber durch den "Kalten Krieg" schloss sich dieses Fenster wieder, und es kam zu einer zunehmenden Polarisierung. Zum einen war der Staat vor allem auch im Kontext der "Allianz für den Fortschritt" immer weniger offen für interne Transformationsprozesse. Zum anderen kam es auch zu einer Radikalisierung der Linken, was sich in Spaltung der PCE ausdrückte. Dennoch bildete sich in Ecuador – im Gegensatz zu anderen lateinamerikanischen Ländern – mit Ausnahme von "Alfaro Vive Carajo" in den 1980ern keine Guerrilla-Bewegung heraus. In den 1960er- und 1970er-Jahren war neben der Arbeiterbewegung vor allem auch die Studierenden-Bewegung eine organisatorische Säule linker Parteien. Bis heute ist der Studierendenverband der staatlichen Universitäten FEUE eine Hochburg der MPD, die aus einer maoistischen Abspaltung der Kommunistischen Partei entstand.

Vor allem in ländlichen Bereichen war dagegen die Befreiungstheologie – am prominentesten verkörpert durch Bischof Leonidas Proaño – von erheblichem Einfluss. Über Katechisten formte sich vor allem in den 1970er-Jahren eine Soziale Bewegung mit Bedeutung für die indigenen Gemeinden und städtischen Armenviertel. Trotz dieses Einflusses und Organisationsbemühungen linker Parteien konnte sich keine interventionsfähige Pobladores-Bewegung herausbilden.

Kampf um Differenz: Die indigene Bewegung



Nach dem Aufstand von 1990 übernimmt die indigene Bewegung zweifelsohne bis heute die hegemoniale Position in der ecuadorianischen Bewegungslandschaft. Die Kombination von weiteren Aufständen mit einer Politik der Institutionalisierung und Integration in den Staatsapparat festigten die Position der indigenen Bewegung.

Die Gründe für die Sonderstellung der Indígena-Bewegung in Ecuador sind vielfältig. Sowohl im Hoch- als auch im Tiefland gab es in den 1960er- und 1970er-Jahren ein Machtvakuum. So ist das Tiefland durch die Abwesenheit staatlicher Institutionen geprägt. Anfang der 1960er kam es dort zu ersten Organisationsprozessen, wobei progressive, zum Teil von der Befreiungstheologie beeinflusste Sektoren der Katholischen Kirche (Salesianer) eine zentrale Rolle spielten. Nach der Gründung einer ersten Asociación Shuar 1962 kam es bald zur Gründung verschiedener lokaler Zentren, die sich 1964 in einer Dachorganisation Federación de Centros Shuars zusammenschlossen.

Im Hochland ergibt sich die Stärke der heutigen Bewegung paradoxerweise aus der Stärke der Haciendas. Diese hatten den lokalen Raum beherrscht, doch nach der Agrarreform und dem wirtschaftlichen und politischen Ende der Haciendas entstand hier ein Machtvakuum, das durch die indigenen Organisationen gefüllt wurde. Dabei lösten sich die interethnischen Allianzen mit den sozialistischen und kommunistischen Parteien und Bewegungen auf, und neue Allianzen mit progressiven Sektoren der Katholischen Kirche wurden geschlossen. In den 1990er-Jahren kam es dann zu einer weitgehenden Emanzipation der Bewegung von dieser Kirche.

Die Dachorganisationen des Tieflandes gruppierten sich 1980 in der Konföderation CONFENEIE, während die Hochlandorganisationen sich in der ECUARUNARI zusammenschlossen. Später bildete sich noch ein kleinerer Zusammenschluss der Indígenas der Küste (COICE). Diese drei Konföderationen sind integrale Bestandteile der in den 1980er-Jahren gegründeten Dachorganisation CONAIE. So entstand ein indigenes Administrationssystem, das von der nationalen über die regionale bis hin zur lokalen Ebene der indigenen Gemeinschaften reicht. Durch eine Änderung in der Wahlgesetzgebung, die auch politischen Bewegungen die Teilnahme an Wahlen ermöglicht, gründete die CONAIE mit Pachakutik praktisch einen politischen Arm, und sie erzielte große Achtungserfolge wie etwa die Besetzung von Ministerien, Bürgermeisterämtern und den Einzug in Provinzialregierungen.

Ziele der Bewegung waren in erster Linie Anerkennung und Respekt, was sich im Konzept des plurinationalen Staates ausdrückt. Aber auch Forderungen nach sozialer Umverteilung und gegen den Neoliberalismus gehören zum Repertoire der Indígena-Bewegung. Insofern kann von einem Kampf für Differenz gesprochen werden, bei dem es einerseits um die Anerkennung kultureller Differenzen und anderseits um die Beseitigung sozio-ökonomischer Ungleichheiten geht. Für das Tiefland ist zudem besonders die Ökologie-Thematik im Kontext von Erdölförderung, Waldrodung und Territorialrechten von Bedeutung. In Zusammenarbeit mit Organisationen der Ökologie-Bewegung konnte hier, wie am Beispiel der von Erdölausbeutung und einer Erdölpipeline betroffenen indigenen Gemeinde Sarayacu zu sehen ist, sogar transnationaler Protest artikuliert werden. Dies gilt vor allem auch für Deutschland, da die nordrhein-westfälische WestLB AG das Projekt, trotz der Missachtung von Umwelt- und Ethikstandards, finanzierte.

Der ecuadorianische Staat bewies gegenüber den Anerkennungsforderungen der indigenen Bewegung eine erstaunlich große Offenheit, während er die in allen Aufständen präsenten Forderungen nach Umverteilung oder Transformation des gesellschaftlichen Modells unbeachtet ließ. Zudem ist seit Ende der 1990er durch Entwicklungsprojekte (u.a. das Modell-Projekt der Weltbank in Sachen Sozialkapital Prodepine 1998-2002) ein starker Prozess zu erkennen, die indigene Bewegung stärker zu integrieren und das Protestpotenzial zu vermindern. Der unglückliche Ausflug an die Regierung Gutiérrez (2003-2005) trug zudem zum Verlust politischen Kapitals bei, zudem förderte Gutiérrez gezielt die evangelische Indígena-Organisation FEINE und trieb einen Keil in die bis dahin bestehende Einheitsorganisation.

Identitätspolitische Kämpfe



Im Zuge des erfolgreichen Kampfes um Anerkennung der indigenen Bewegungen haben auch andere identitätspolitische Bewegungen ähnliche Forderungen nach Anerkennung gestellt. Besonders die afro-ecuadorianische Bewegung folgt der Blaupause der indigenen Kämpfe, nimmt dabei aber auch Anregungen aus den Erfahrungen der kolumbianischen Schwarzen-Bewegung auf.

Etwas anders ist der Fall der feministisch-orientierten Organisationen und Initiativen gelagert. Aus dem Umfeld von NGOs und internationalen Programmen mit Gender-Perspektive bildete sich in den 1970er-Jahren ein Netzwerk von Organisationen, das für Frauenrechte eintritt. Lag anfangs der Schwerpunkt auf dem gesellschaftlichen Demokratisierungsprozess, so werden zunehmend vor allem auch Fragen lokaler Organisation in Nachbarschaftsvereinigungen und Arbeitsrechte thematisiert. Allerdings ist es in Ecuador – anders als beispielsweise in Chile – nicht zur Ausbildung einer breiten Sozialen Bewegung gekommen.

Im Kontext der aktuellen Debatte um die verfassunggebende Versammlung sehen auch andere Gruppen wieder eine konjunkturelle Gelegenheit, spezifische Anerkennungsforderungen zu stellen. So wird aktuell in den Medien ein aus der Schwulen- und Lesben-Bewegung hervorgegangener Vorschlag zur gleichgeschlechtlichen Ehe und zur Adoption für gleichgeschlechtliche Paare breit diskutiert.


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