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PdVSA

Charity-Konzern mit Erdölabteilung


22.8.2007
Der staatliche Erdölkonzern PdVSA in Venezuela soll zur globalen Energiemacht ausgebaut werden. So plant es zumindest Präsident Chávez. Ein teures Unterfangen, das auch viele Risiken birgt.

Als Hugo Chávez, hier bei der Einweihung eines Nahverkehrszuges in Caracas, 1998 zum Präsidenten Venezuelas gewählt wurde, baute er ein milliardenschweres Sozialprogramm für die verarmte Bevölkerung auf. Das Geld stammt bis heute aus den Erdöl-Gewinnen.Als Hugo Chávez, hier bei der Einweihung eines Nahverkehrszuges in Caracas, 1998 zum Präsidenten Venezuelas gewählt wurde, baute er ein milliardenschweres Sozialprogramm für die verarmte Bevölkerung auf. Das Geld stammt bis heute aus den Erdöl-Gewinnen. (© Steffen Leidel)
Der Mann aus Sabaneta, ja, er habe gute Taten vollbracht. Die junge Frau nickt energisch, dann lächelt sie verlegen, an ihrem Arm zieht ungeduldig die kleine Tochter. Gleich beginnt der Unterricht, die anderen Kinder haben sich schon brav auf dem Schulhof in einer Reihe aufgestellt. Die Mutter ist dankbar, dass Hugo Chávez, der gute Mann aus Sabaneta, hier, ausgerechnet in diesem vergessenen Landstrich, eine Schule bauen ließ. Kein Mensch von der Regierung habe sich vor Chávez für sie interessiert. Mutter und Tochter gehören zum Indianervolk der Wayuu, sie leben im äußersten Nordwesten Venezuelas, nicht weit von der kolumbianischen Grenze.

Früher habe es in der Region um den Limón-Fluss nicht einmal einen Arzt gegeben. Heute brauche sie nur eine Stunde zu Fuß bis zum Gesundheitszentrum. Das sei modern, die kubanischen Ärzte, die der Präsident ins Land geholt hat, seien nett, versichert die Frau. Das kleine Mädchen mit den pechschwarzen Haaren hat sich losgerissen und rennt auf den Schulhof. Als einziges der Kinder hat es ein grünes Shirt an, die anderen tragen rot, die Farbe der nach dem Befreiungshelden Simón Bolívar benannten Revolution von Präsident Chávez. Irgendwann sagt die Mutter dann noch, dass sie froh sei, dass ihre Tochter in die "bolivarianische" Schule gehen könne. Sie werde dort nicht nur unterrichtet, sondern bekomme auch ein anständiges Essen, alles kostenlos. Ob Schule, Ärzte, Lebensmittel: Alles zahlt der Staat aus seiner Kasse. "Venezuela hat riesige Erdölvorkommen. Davon bekommen wir Armen jetzt endlich auch etwas ab, dank unseres Präsidenten", sagt die junge Frau euphorisch.

Kuba und Venezuela haben eine Kooperation vereinbart, durch die mehr als 25.000 kubanische Ärzte und Krankenschwestern nach Venezuela gekommen sind, um die Bevölkerung kostenlos zu behandeln. Im Gegenzug werden 100.000 Barrel Öl täglich nach Kuba geliefert.Kuba und Venezuela haben eine Kooperation vereinbart, durch die mehr als 25.000 kubanische Ärzte und Krankenschwestern nach Venezuela gekommen sind, um die Bevölkerung kostenlos zu behandeln. Im Gegenzug werden 100.000 Barrel Öl täglich nach Kuba geliefert. (© Steffen Leidel)
Es ist nicht lange her, dass Kinder im Bundesstaat Zulia an Unterernährung starben. Und das, obwohl Zulia über gigantische Rohstoffvorkommen verfügt, darunter Kohle und vor allem Erdöl. Nur anderthalb Stunden Autofahrt von der Schule am Limón-Fluss entfernt liegt der See von Maracaibo. Seit den 1920er-Jahren sprudelt dort aus unzähligen Bohrlöchern Öl. Doch das flüssige Gold brachte nicht Wohlstand für alle, sondern belegte den Karibikstaat mit dem Ressourcen-Fluch. Zunächst mehrte Venezuela seinen Reichtum, 1929 war es der größte Erdölexporteur der Welt. In den Siebzigerjahren galt Venezuela als Vorzeigeland, doch mit dem Fall des Ölpreises folgte in den Achtzigern der Absturz. Große Teile der Bevölkerung verarmten. Nur eine kleine Clique blieb steinreich, darunter die Manager der staatlichen Ölgesellschaft PdVSA.

PdVSA als Staat im Staate



Die 1976 gegründete PdVSA war zwar formell von Anfang an ein staatliches Unternehmen, wirtschaftete faktisch aber so gut wie unabhängig von den jeweiligen Regierungen. Sie vergab hochprofitable Förderkonzessionen an ausländische Konzerne und bildete mit der Zeit einen Staat im Staate. Die Öl-Gewinne flossen vor allem ins Ausland. PdVSA investierte in Tochtergesellschaften in Europa, darunter auch in Deutschland. In den USA baute der Konzern mit CITGO sogar ein eigenes Tankstellennetz auf. PdVSA galt auf den internationalen Finanzmärkten als einer der effizientesten "staatlichen Ölkonzerne"; zu Hause hingegen zog das Unternehmen mehr und mehr den Zorn der verarmten Bevölkerung auf sich, die vom Ölreichtum des Landes nichts abbekam.

Hugo Chávez gewann 1998 die Wahlen mit dem Versprechen, die grassierende Armut in Venezuela zu beenden, indem die Öleinnahmen nicht mehr in die Taschen einer kleinen Clique fließen, sondern vor allem der verarmten Bevölkerung zu Gute kommen sollten. Chávez machte den Satz "Sembrar el petroleo" ("Das Öl säen") zu seinem Slogan, mit dem der venezolanische Schriftsteller Uslar Pietri 1936 einen viel beachteten Artikel betitelt hatte. Pietri hatte auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Erdöl-Einnahmen zur Stärkung der nicht erdöl-gebundenen Wirtschaftssektoren zu nutzen.

Hinter den Kulissen arbeitete ein gebürtiger Deutscher die Neuausrichtung von PdVSA aus. Bernard Mommer, der Sohn des früheren SPD-Abgeordneten und Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages Karl Mommer, ist Vorstandsmitglied bei PdVSA und gilt als Chefideologe der venezolanischen Erdölpolitik. Mommer studierte Mathematik in Tübingen bevor er nach Venezuela ging und dort die deutsche gegen die venezolanische Staatsangehörigkeit tauschte. In einem Interview sagte er einmal, PdVSA sei für ihn "einfach ein Instrument, den natürlichen Reichtum des Landes zu maximieren". Die Öl-Reserven gehörten dem Staat und nicht dem Unternehmen und einer "kleinen Eliteclique", sagt er. Per Gesetz dürfen im heutigen Venezuela die ausländischen Konzerne die Erdölförderung nicht mehr alleine betreiben, sondern nur noch in Form von Joint-Ventures, in denen PDVSA die Mehrheit hält.

Erdöleinnahmen finanzieren Sozialprogramme



Für die alte PdVSA-Führungsclique war die Präsidentschaft von Chávez ein Schock. Seine Ideen von Sozialismus und Verstaatlichung empfand sie als Frontalangriff. Anfang 2003 ging sie mit auf die Barrikaden. Sie war die treibende Kraft der monatelangen Streiks, mit denen die Opposition damals den Staatschef zum Rücktritt zwingen wollte. Die Ölförderung wurde praktisch auf Null gefahren. Nur: Chávez ließ sich nicht in die Knie zwingen, reagierte mit einem radikalen Schritt. Er entließ 18.000 PdVSA-Mitarbeiter, immerhin fast die Hälfte des Personalbestandes. Die meisten hochqualifizierten Mitarbeiter mussten gehen: Ingenieure, Geologen, Techniker, Finanzspezialisten. Regierungskritische Experten und frühere PdVSA-Mitarbeiter wie Diego González, heute Direktor des Instituts für Erdöl und Minen IPEMIN in Caracas, sagen, dass der Konzern sich bis heute nicht davon erholt habe. Die Unternehmensführung wurde vollständig mit Chávez-Getreuen besetzt. Seit 2004 wird der Konzern von Energieminister Rafael Ramírez geleitet. Er fordert von seinen Mitarbeitern vor allem politische Linientreue ein.

Dass die Petrodollars sprudeln, hat der Konzern vor allem dem beständig hohen Ölpreis zu verdanken. 2006 setzte das Unternehmen 102 Milliarden US-Dollar um. Dennoch brach der Netto-Gewinn um rund 30 Prozent ein. Mit ein Grund dafür ist das hohe Sozialbudget des Unternehmens. Es stieg laut PdVSA 2006 um 91 Prozent auf 13,3 Milliarden US-Dollar. Manch einer bezeichnet PdVSA etwas spöttisch als Charity-Unternehmen mit einer Erdölabteilung. "PdVSA baut Straßen, Schulen und Krankenhäuser, kümmert sich um Denkmalschutz, fördert Kunst, Kultur und Wissenschaft. Doch das Kerngeschäft wird vernachlässigt", sagt der Politologe Friedrich Welsch von der Simon-Bolívar-Universität in Caracas.

Mit den Erdöleinnahmen finanziert Chávez auch die so genannten "Misiones". 2003, kurz nach dem gescheiterten Putsch gegen ihn, hatte Chávez die milliardenschweren Sozialprogramme eingerichtet. Eines der bekanntesten ist "barrio adentro" ("Im Viertel"). Es soll vor allem die medizinische Versorgung der verarmten Bevölkerung sicherstellen. Auf der Grundlage eines Kooperationsabkommens zwischen Kuba und Venezuela sind mehr als 25.000 kubanische Ärzte, Arzthelfer und Krankenschwestern nach Venezuela gekommen, die die Bevölkerung kostenlos behandeln. Im Gegenzug liefert Venezuela 100.000 Barrel Öl täglich nach Kuba.

Insgesamt gibt es etwa 20 "Misiones". Ein weiterer Schwerpunkt ist Bildung. Für Erwachsene gibt es die Möglichkeit, einen Schulabschluss nachzumachen und eine der neuen Universitäten zu besuchen. Über die so genannten Mercal-Geschäfte werden Grundnahrungsmittel zu verbilligten Preisen angeboten. Weitere "Misiones" widmen sich unter anderem der Förderung der Landwirtschaft, des Wohnungsbaus und der Kultur. Chávez verteilt seine Geschenke öffentlichkeitswirksam und provoziert damit auch gerne mal seinen Lieblingsfeind, die US-Regierung. So lieferte er schon Heizöl an arme Menschen in der Bronx.

Mit dem Erdöl versucht Chávez, sich außenpolitisch gefügige Partner heranzuziehen. Die meisten Karibikländer beliefert er mit Erdöl zu Vorzugsbedingungen. Mit den Erdöleinnahmen kauft er Schuldtitel auf von Ecuador oder Argentinien, mit dem er gerne auch Rindfleisch für Öl eintauscht.


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