Dossierbild: USA (Freiheitsstatue)
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Eine Nation entsteht

Die Geschichte der USA bis 1787/91


10.10.2008
Nach gut zwei Jahrhunderten der Besiedlung Nordamerikas durch Europäer schlug im Jahre 1776 die Geburtsstunde der Vereinigten Staaten von Amerika. Die neuen Kolonien in Nordamerika erklärten ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone und kämpften für eine eigene Republik, die 1789 mit einer Verfassung und dem ersten Präsidenten George Washington unbestrittene Realität wurde.

Undatiertes Gemälde des ersten Präsidentens der USA, George Washington. Das Bild wurde irrtümlich dem Künstler Rembrandt Peale zugeschrieben.Gemälde von George Washington, dem ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. (© AP)

Grundlagen



Die Rivalitäten der europäischen Mächte prägten die politische Landschaft Nordamerikas im 17. und 18. Jahrhundert. Schon im 16. Jahrhundert hatte sich im heutigen Südwesten der USA, d.h. im damaligen Norden des spanischen Imperiums, eine europäisch-indianische Grenzzone gebildete (Santa Fé, 1589). Ab 1608 schufen Franzosen ihr Handelsimperium in Kanada (Québec, 1608) und verbündeten sich mit indianischen Nationen. Auch die Holländer (Neu Amsterdam auf Manhattan, 1625) klinkten sich in den Pelzhandel ein. Das verschärfte die Konflikte zwischen den Ureinwohnern. Um das französische, britische und russische Vordringen zu stoppen, stießen die Spanier nach 1700 nach Arizona, Texas und Kalifornien vor (San Francisco, 1776).

1607 wurde dann an der Chesapeake Bay Jamestown (Virginia) gegründet. Dort wie in dem weiter nördlichen (katholischen) Maryland etablierte sich das Muster der englischen Siedlerkolonie, die auf Landbau und Agrarexport zielte. Mit dem profitablen Anbau von Tabak wuchs der Bedarf für Arbeitskräfte. 1619 landeten holländische Piraten erstmals afrikanische Sklaven an. Die wachsende Freiheit der Europäer und die Verschlechterung der Situation der Afrikaner gingen Hand in Hand.

Waren die Ursprünge Virginias kommerzieller Natur, so die Neuenglands ideologischer. Dort siedelten Puritaner, eine religiöse Oppositionsbewegung gegen die anglikanische Staatskirche. Sie setzten auf persönlichen Glauben, religiöse Wiedergeburt, disziplinierte Arbeit, strikte Moral. Eine Gruppe puritanischer Separatisten, die Pilgrim Fathers, segelten im Herbst 1620 auf der "Mayflower" über den Atlantik und gründeten bei Cape Cod Plymouth. Noch auf dem Schiff unterzeichneten sie den Mayflower Compact, in dem sie ihren Willen zur Selbstregierung bekundeten. Eine zweite Gruppe puritanischer Kaufleute unter John Winthrop erhielt 1630 das Privileg zur Gründung der Massachusetts Bay Company. In sicherer Distanz zu König und Bischöfen verwirklichten sie eine für das damalige Europa denkbar radikale Form der Selbstregierung.

Im Verhältnis zu den Ureinwohnern bildete sich in fast allen englischen Kolonien ein von der spanischen und französischen Grenze abweichendes Modell heraus. Der erste größere Indianerkrieg gegen die Pequot 1636/37 endete in einem Genozid. Das Abschlachten von Kindern und Frauen wurde als Werk Gottes religiös überhöht. Das rief auch Kritik unter gläubigen Puritanern hervor. Hauptgrund für den exklusiven Charakter der englischen Grenzen war die Bevölkerungsdynamik. Wo sich die Briten wie in der Hudson Bay auf Pelzhandel konzentrierten, brachten auch sie Regimes der Anpassung, Vermischung und Kooperation hervor. Von 1700 bis 1763 verdoppelte sich die von Europäern besiedelte Fläche. 1763 lebten 2 Mio. Menschen in den Festlandskolonien, außer Engländern und Afrikanern auch Schotten, Iren, Iro-Schotten, Deutsche, Holländer und Schweden. Wichtigste interne Unterscheidung war die Sklaverei, die sich im Süden tief einwurzelte, weil die globale Nachfrage nach Tabak und Reis eine Ausweitung des Plantagensystems förderte. 40% der Einwohner von Virginia waren Sklaven.

Unabhängigkeit



In der Phase der "glücklichen Vernachlässigung" von 1713 bis 1763 kristallisierte sich eine neue politische Kultur heraus. Alle Kolonien waren selbstregiert, zum Teil seit mehreren Generationen. Eine ökonomische und politische Elite dominierte. Ein hoher Anteil der weißen Männer wählte die Repräsentativversammlungen. Diese "Assemblies" waren Gegengewichte zu den königlichen Gouverneuren. Weil mehr (weiße) Amerikaner als Europäer des Lesens kundig waren, nahmen sie reger an der Politik teil.

Auch kulturell unterschied sich der nordamerikanische "Englishman" zunehmend von seinem europäischen Bruder. Weiße Nordamerikaner definierten sich in Abgrenzung von rassisch "Anderen", nämlich Indianern und Afroamerikanern, und nicht nach ständischen Kriterien wie in Europa. Einzigartig war die ethnische Heterogenität der mittleren Kolonien. Neue Begriffe nisteten sich in der englischen Sprache ein, die man aus dem Französischen, Niederländischen, Deutschen oder von den Indianern übernahm. Familiäre Bande waren lockerer als in Europa, die Verfügbarkeit von Land erleichterte Selbstständigkeit.

Auch das geistige Leben trug zur Formung "amerikanischer Identitäten" bei. In den 1720er Jahren setzte eine religiöse Erweckungsbewegung ein (Great Awakening), die auf ein nicht von geistlichen Hierarchien sanktioniertes Gotteserlebnis abhob. Intellektuell untergrub die Aufklärung alte Denkmuster. Benjamin Franklin war der archetypische Vertreter der amerikanischen Variante, in der sich Erfindergeist mit Forschrittsoptimismus und bald als "typisch amerikanisch" empfundenem Pragmatismus und Geschäftsgeist paarten. Im Siebenjähriger Krieg von 1754 bis 1763 verlor Frankreich seine nordamerikanischen Besitzungen, während das britische Empire im Zenit stand. Doch die Reorganisation des Kolonialreiches sorgte für Konfliktstoff. 1763 wurde die Siedlungstätigkeit westlich der Appalachen verboten, um Indianerkonflikte einzudämmen. Das empörte einfache Siedler und reiche Landspekulanten. Versuche, die Kolonisten durch Steuern stärker an der Rückzahlung der Kriegsschulden zu beteiligen, schufen Anreize zum Protest.

Im Oktober 1765 trafen sich Vertreter von neun Kolonien, um diese Steuern für verfassungswidrig zu erklären, da sie im Londoner Parlament nicht vertreten wären ("no taxation without representation"). Britische Versuche, die Zölle einzutreiben, heizten in der Hafenstadt Boston den Widerstand an. Im März 1770 schossen Soldaten in eine aufgebrachte Menge. Im Dezember 1773 warfen Kolonisten Tee von Schiffen ins Wasser, um die Zahlung einer Teesteuer zu vereiteln.