Dossierbild: USA (Freiheitsstatue)
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Die USA betreten die Weltbühne

Die USA zur Jahrhundertwende


10.10.2008
Die ersten 150 Jahre ihrer Geschichte beschäftigte sich die damals noch junge Nation ausschließlich mit sich selbst. Gestärkt durch den zunehmenden inneren Zusammenhalt und den enormen wirtschaftlichen Aufschwung durch die industrielle Revolution strebten die Vereinigten Staaten um die Jahrhundertwende zunehmend über die eigenen Grenzen hinaus.

Der enorme Zuzug von Migranten trug maßgeblich zur wachsenden Stärke der USA bei, hier Immigranten bei der Einreise in die USA, Ellis Island, New York 1902.Der enorme Zuzug von Migranten trug maßgeblich zur wachsenden Stärke der USA bei, hier Immigranten bei der Einreise in die USA, Ellis Island, New York 1902. (© Libary of Congress)
Der Sieg der Unionskräfte im Bürgerkrieg hatte den Vereinigten Staaten ab 1865 die nationale Einheit gesichert. In der folgenden Periode erreichten sie durch die Teilnahme am Ersten Weltkrieg erst den Rang einer Großmacht und schließlich im Zweiten Weltkrieg denjenigen einer Weltmacht. Dieser Aufstieg war begleitet und wurde getragen durch eine gewaltige Bevölkerungsvermehrung von 35 auf 130 Millionen Bürgerinnen und Bürger, ein beeindruckendes wirtschaftliches Wachstum, die endgültige Erschließung des kontinentalen Siedlungsgebiets und ab der Wende zum 20. Jahrhundert den insgesamt bewusst gehegten Willen, eine weltpolitische Rolle zu spielen. Trotz gelegentlicher wirtschaftlicher Rezession und verbreiteter Not – besonders in den 1890er und 1930er Jahren – überwog bei den Amerikanern das Gefühl, dass der "American way of life" für sie richtig sei und der Welt als Vorbild dienen könne.

Ringen um Bürgerrechte und Wahlrecht für die Schwarzen



Die erste Aufgabe nach dem Bürgerkrieg war die so genannte Reconstruction, die Wiedereingliederung des Südens. Diese ging nicht ohne Härten und Fehlentwicklungen ab, da es der Regierung in Washington an einem klaren Konzept und den besiegten Weißen im Süden weithin an gutem Willen zur Annahme ihrer Situation mangelte. Uneinsichtigkeit, Demütigung und Erbitterung über die Niederlage führten zu einer harten und oft gewaltsamen Reaktion und nach der Wiederzulassung zur Union in allen Südstaaten zur Restauration der Herrschaft der Weißen.

Der Bürgerkrieg hatte das Ende der Sklaverei gebracht. Der 14. und 15. Verfassungszusatz verliehen kurz danach den Schwarzen Bürgerrechte und Wahlrecht. Aber deren konkrete Situation wurde hierdurch zumeist nicht allzu sehr verbessert. Die ehemaligen Sklaven blieben weiterhin häufig als Landarbeiter in wirtschaftlicher Abhängigkeit und ihr rechtlicher Status wurde allmählich immer mehr eingeschränkt, bis sich in den 1890er Jahren allenthalben im Süden die Rassentrennung vollständig durchsetzte. Dies änderte sich erst im 20. Jahrhundert allmählich, angeschoben durch die vom Ersten und dann vor allem vom Zweiten Weltkrieg verursachte Nordwanderung vieler schwarzer Arbeitskräfte.

Enorme Einwanderungswelle zur Jahrhundertwende



Am stärksten erregten in jenen Jahrzehnten nach dem Bürgerkrieg aber nicht die Bürgerrechtsfragen die große Aufmerksamkeit der Zeitgenossen, sondern vielmehr das Tempo und die Intensität der wirtschaftlichen Entwicklung und deren Auswirkungen auf die soziale und politische Szene. Deutlich ins Auge fiel dabei die dazu enorm beitragende Stärke der Einwanderung. 13,5 Millionen Immigrantinnen und Immigranten kamen zwischen 1865 und 1900 in die Vereinigten Staaten; zwischen 1905 und 1914 trafen im Durchschnitt eine Million Menschen pro Jahr ein. Kam bis etwa 1890 die große Mehrzahl aus Deutschland, England und Irland, so überwogen von da an Italien, Österreich-Ungarn und Russland als Ursprungsländer.

Goldene Zeiten für die Wirtschaft



Süd- und Osteuropäern fiel schon aus sprachlichen Gründen die Integration schwerer als den zuvor gekommenen Nordeuropäern. Mochten viele der Ankömmlinge unter den Schwierigkeiten des Eingewöhnens leiden, so machten diese sie jedoch andererseits zu billigen und manipulierbaren Arbeitskräften für die sich enorm entwickelnde Industrie. 1865 übertraf die Industrieproduktion in Großbritannien, Frankreich oder Deutschland die amerikanische noch deutlich. 1900 war die Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten von Amerika größer als diejenige aller dieser drei Länder zusammen. Die geringen Arbeitskosten bildeten allerdings nur einen der Gründe für den ungewöhnlichen Aufschwung.

Ein anderer war, dass der amerikanische Binnenmarkt den weltweit größten zusammenhängenden Wirtschaftsraum darstellte, der durch das sich schnell entwickelnde Eisenbahnnetz – es wuchs von knapp 60.000 Kilometern im Jahr 1865 bis zur Jahrhundertwende auf 310.000 Kilometer – nun weitgehend erschlossen wurde. Eine wirkungsvolle Schutzzollpolitik schirmte die Produzenten nach außen ab. Das Wachstum erzeugte Vertrauen bei in- und ausländischen Investoren, die immense Kapitalsummen zur Verfügung stellten. Es war das goldene Zeitalter der Industriekapitäne vom Schlage des Stahlkönigs Andrew Carnegie, des Ölbarons John D. Rockefeller, der Eisenbahnmagnaten Cornelius Vanderbilt und Jay Gould. 50 Jahre lang, von 1865 bis 1914, wuchs das Bruttosozialprodukt der Vereinigten Staaten jährlich um über vier Prozent.