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Dossierbild: USA (Freiheitsstatue)

10.10.2008 | Von:
Prof. Dr. Christian Hacke

Auf der Suche nach einer neuen Rolle in der Welt: Die Supermacht USA

Auch ökonomische Führungsrolle gefährdet

Bis heute hat sich jedoch an den unrechtmäßigen Foltermethoden nichts geändert. Seit Eleanor Roosevelt, Ehefrau des früheren US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, für die Menschenrechte kämpfte, hatten die USA eine globale Führungsrolle in der Achtung der Menschenrechte und verstanden es als gottgewollte Pflicht, eine zivilisierte Welt zu schaffen. Im Kalten Krieg kämpften sie nach eigener Vorstellung als freie Vereinigte Staaten gegen das unfreie Sowjetimperium. Unter Führung von Präsident Bill Clinton wurden die USA zur ökonomischen Supermacht. Es war Amerikas neu erwachte Wirtschaftsmacht, die die Welt, vor allem die industriellen Demokratien, in der Triade USA-Europa-Asien dynamisierte.

Doch unter Präsident Bush hat sich auch die Lage der amerikanischen Wirtschaft drastisch verschlechtert: Die hohe Staatsverschuldung – nicht nur durch den Irak-Krieg verursacht –, die Immobilienskandale, die sinkenden Konjunkturerwartungen, die schwindende internationale Konkurrenzfähigkeit früherer Spitzenunternehmen, die zunehmende Schwäche des US-Dollar und vor allem eine von Bush begünstigte egoistische Wirtschaftsmentalität haben auch mentale Spuren hinterlassen. Unter Bush wurden die USA zunehmend zum Hort eines hedonistischen Weltmaterialismus. Die Konkurse amerikanischer Investmentbanken im September 2008 erschüttern nicht nur die USA, sondern erzeugen ein finanzpolitisches Beben, wie es die Welt seit dem Schwarzen Freitag 1929 nicht mehr erlebt hat. Die Wall Street liegt nicht nur real, sondern auch als Mythos amerikanischer Führung in Trümmern. Eine Neuordnung der globalen Finanzmärkte könnte auf Kosten der amerikanischen Vorherrschaft geschehen.

US-Präsident George W. Bush spricht an der East Grand Rapids High School in Michigan über den weltweiten Anti-Terror-Kampf und den Krieg im Irak.US-Präsident George W. Bush spricht an einer High School in Michigan über den weltweiten Anti-Terror-Kampf und den Irak-Krieg. (© AP)

Die USA als Problemfall Nr. 1 der Weltpolitik?

Die Art und Weise, wie der "Krieg gegen den Terror" von der Bush-Regierung geführt und eine neue Stufe von Egoismus und Hedonismus im Wirtschaftsleben etabliert werden, haben die USA auch innenpolitisch verändert. In der Bevölkerung macht sich einerseits ein von der Regierung geschürter selbstgerechter, trotziger Patriotismus breit, der religiös aufgeladen zum Teil durchaus militante Züge trägt. Andererseits greift Angst um sich, seitdem Finanzskandale und Wirtschaftskrisen sich beschleunigen. Deshalb schauen Freunde und Verbündete besorgt auf die derzeitige Entwicklung: Sind dies lediglich die Folgen der politischen Fehler und Versäumnisse einer inkompetenten Regierung? Bleibt also das amerikanische Regierungssystem im Kern intakt und vorbildlich oder haben sich die USA grundsätzlich verändert? Sind sie noch Problemlöser oder sind sie mittlerweile Problemfall Nr. 1 der Weltpolitik?

Die Annahme, dass der unipolare Moment nach 1989 sich zum bleibenden und zukünftigen Strukturprinzip der Weltpolitik entwickeln würde, entpuppt sich – je nach Perspektive – als Wunschbild oder Illusion, aber auf keinen Fall als Realität. Nicht nur haben die USA ihren zuvor weltweit geachteten "Soft Power"-Status als zivilisatorisches Vorbild verloren, der im Sinne des amerikanischen Politologen Joseph Nye mindestens ebenso wichtig ist wie Wirtschafts- und Militärmacht. Hinzu kommt, dass durch den Aufstieg alter und neuer Rivalen wie Russland, China und Indien die überragende weltpolitische und ökonomische Vormachtstellung immer weiter unterhöhlt wird und sich neue Allianzen gegen die USA zusammenschließen. Amerika und der Westen sind insgesamt nicht nur schwächer geworden. Andere Mächte und Regionen haben mittlerweile weltpolisch aufgeholt, sind einflussreicher und stärker geworden.

Notwendigkeit eines liberal-demokratischen Hegemons

Zudem hat der Westen den Abschied Russlands von der Weltbühne zu voreilig gefeiert. Nach der weltpolitischen Auszeit, die es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nehmen musste, hat es sich, wie schon nach dem Krimkrieg im 19. Jahrhundert, selbstbewusst zurückgemeldet. Im Fünf-Tage-Krieg in Georgien haben der georgische Präsident und die USA den russischen Widersacher gefährlich gereizt und erst einmal den Machtpoker verloren. Der Westen, insbesondere die USA, sind dabei der militärischen Übermacht und der raffinierten Diplomatie Moskaus ins Messer gelaufen. Dadurch haben der Einfluss demokratischer Kräfte und das Ansehen der USA weiteren schweren Schaden genommen, während sich Russland erneut als selbstbewusste Ordnungsmacht profilieren kann. Weltpolitisch scheinen die demokratischen Kräfte somit auf dem Rückzug, während die Autokratie eine Renaissance erlebt - ganz ohne ideologischen Überbau, dafür machtpolitisch üppig mit neuen Energien wie Gas und Öl ausgestattet. Doch auf welche Weise können die USA diesen für sie und den Westen negativen weltpolitischen Entwicklungen entgegentreten, sich selbst behaupten und neuen Einfluss zurückgewinnen? Welche Strategien und Ordnungsentwürfe bieten sich an? Und vor allem: Wie wollen die beiden aktuellen Präsidentschaftskandidaten auf diese für Amerika desaströse Entwicklung reagieren? Welche Vorstellungen entwickeln sie für die zukünftige Rolle der USA in einer sich rapide verändernden Welt, die sich nicht nur auf Grund von Fehlern der Bush-Regierung dramatisch und krisenhaft beschleunigt?

Bei aller berechtigten Kritik an Präsident Bush muss man zunächst festhalten, dass selbst ohne seine Fehler Hisbollah und Hamas keine Blumen auf der Strasse verkaufen und die Dschihad-Zellen in Madrid, London und anderswo nicht nur artig ihre Arbeitslosenformulare ausfüllen würden, wie der amerikanische Politologe Fareed Zakaria zurecht angemerkt hat. Nur weil Bush einmal "Kreuzzug" gesagt hat, wird keiner zum Selbstmord-Attentäter. Die USA haben den Dschihadismus nicht erschaffen. Die Anschläge des 11. September 2001 wurden geplant, als Präsident Bill Clinton noch versuchte, einen unanhängigen Palästinenser-Staat zu realisieren. Die USA konnten es also trotz ihrer einzigartigen militärischen Macht nicht alleine richten, schon gar nicht auf dem Feld der Politik und Diplomatie. Doch benötigt die Welt heute angesichts des Wiederaufstiegs autoritärer Mächte und Staaten einen liberal-demokratischen Hegemon, wie die USA es einmal waren, mehr denn je sogar, um Terrorismus, Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, organisierte Kriminalität, Umweltprobleme, Rohstoffverknappung und Kriege einzudämmen. Ohne kraftvolle Führung der USA würden auch regionale und globale Gemeinschaftsinstitutionen zusammenbrechen.

Anknüpfen an "Pax Americana"

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stellt sich also die Schlüsselfrage: Setzen die USA die Periode imperialer Machtarroganz mit neokonservativer Attitüde und religiös aufgeladenen Weltbild fort oder gewinnen in den USA wieder die Persönlichkeiten, politischen Kräfte und Strömungen die Oberhand, die auf umsichtige Machtpolitik im Zeichen von Selbstbehauptung, Toleranz, Völkerrecht und Diplomatie setzen? Eine Rundum-Erneuerung und eine kluge wie selbstkritische Bestandsaufnahme von Amerikas Rolle in der Welt scheint vonnöten. Ob unter einem Präsidenten Barrack Obama oder John McCain ist dies die zentrale Vorraussetzung für die Wiedererlangung von Respekt, Einfluss und einer Führungsrolle in der Weltpolitik, die an die große Tradition der "Pax Americana" des 20. Jahrhunderts unter den veränderten weltpolitischen Bedingungen des 21. Jahrhunderts anknüpfen könnte.


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