Afghan traditional music players are seen during a music performance organized by The Aga Khan Trust for Culture (AKTC) at the Baghe Babur in Kabul, Afghanistan on Saturday, March 29, 2008. Playing music was once forbidden as many other things during the fundamentalist regime of the Taliban, who were ousted from power by U.S. forces in late 2001. (ddp images/AP Photo/Musadeq Sadeq)

5.12.2012 | Von:
Mohammad Ali Karimi

Zeitgenössische afghanische Kunst

Geschichte der Gegenwartskunst

In Afghanistan gibt es nur eine Kunstgalerie, nämlich die Nationale Afghanische Kunstgalerie, die 1983 unter dem Namen "Negarkhaneh" (Haus des Betrachtens) mit 200 Kunstwerken ihre Arbeit begann. Diese Kunstwerke bestanden aus Gaben der westlichen Botschaften in Kabul. Bis 1991 wurden 820 Kunstwerke gesammelt. Als die Taliban an die Macht kamen, vernichteten sie 300 der Werke, die Lebewesen darstellten, und schlossen die Galerie. Die Angestellten der Galerie retteten aber unter den Taliban eine kleine Zahl der Werke und versteckten sie in einem Privathaus. Einige kostbare Stücke gingen in diesem Wirrwarr verloren. Um manche Bilder zu retten, übermalten die Angestellten diese mit Wasserfarbe und Landschaftsmotiven. Nach dem Sturz der Taliban wurde diese Farbe wieder weggewischt.

Man kann die Geschichte der modernen Kunst in Afghanistan anhand der in der Nationalgalerie ausgestellten Werke erzählen. Das älteste Gemälde stammt von Ghulam Mohammad Meimangi und geht auf das Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Die Suche in den halbdunklen Gängen dieses dreistöckigen Hauses führt uns zu einer Einteilung der Gegenwartskunst in drei Perioden:

In der ersten Phase brachte Ghulam Mohammad Meimangi den europäischen Realismus nach Afghanistan. Diese Phase umfasst die Zeit zwischen den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts und endet mit seinem Tod im Jahre 1935. Damals war die Photographie noch nicht verbreitet, die Menschen ließen sich von den Feinheiten und realistischen Zügen der Bilder von Ghulam Mohammad Meimangi und dessen Schülern in Kabul begeistern. Obwohl Meimangi als Vorreiter dieses Stils einen besonderen Rang genießt, war er im Vergleich zu seinen europäischen Zeitgenossen kein kreativer Maler. Er war ein genialer Nachahmer, der vorhandene Motive wie Landschaften und Porträts auf Leinwand umsetzte. Viele Bilder dieses Stils sind noch in der afghanischen Nationalgalerie vorhanden. Ein Werk ist das Plagiat von "Sacred and Profane Love" des italienischen Malers Tizian des 16. Jahrhunderts. Dieses Werk ist deshalb wichtig, weil es als einziges Gemälde dieser Galerie eine nackte Frau darstellt. Es gibt auch ein bis zwei weitere Bilder mit nackten Menschen, die umgedreht in einer Ecke der Galerie stehen.

Ursprünglich hatte Amanullah 1921 Ghulam Mohammad Meimangi nach Deutschland geschickt um die Lithographie zu erlernen. Er lernte aber stattdessen Malerei und kehrte 1923 nach Kabul zurück. 1924 gründete die Regierung die "Akademie der Bildenden Künste" (School of Fine Arts) in Kabul. Ghulam Mohammad arbeitete neben einigen ausländischen Lehrern als Leiter dieser Akademie und bildete eine Generation von afghanischen Malern und Künstlern aus, was einen bedeutsamen Schritt in der Kunstgeschichte Afghanistans darstellt. Der realistische Stil von Meimangi hat immer noch viele Anhänger. 1972 wurde in Kabul das Zentrum "Kunstschule Ghulam Mohammad Meimangi" gegründet, das den jungen Menschen die realistische Malerei nahebringt.

Die zweite Phase der Geschichte der afghanischen Gegenwartskunst beginnt mit Abdul Qafour Bereshna (1907-1974). Bereshna wurde 1921 im Alter von 14 Jahren zusammen mit seinem Meister Ghulam Mohammad Meimangi von der Regierung nach Europa geschickt. Er ging erst nach Wuppertal, um dort Medizin zu studieren. Wie Ghulam Mohammad Meimangi wechselte auch er auf Kunst. Später sagte er dem damaligen Ministerpräsidenten Hashim Khan: "Afghanistan braucht anstatt eines schlechten Arztes einen guten Künstler." In Deutschland ließ er sich von modernen Kunstrichtungen inspirieren und neigte zum impressionistischen Stil, in dem er die meisten Bilder malte. Bereshna kehrte 1927 nach Kabul zurück und erhielt einen Lehrauftrag an der "Akademie der Bildenden Künste", deren Leiter er nach dem Tode von Ghulam Mohammad Meimangi wurde. Er bewirkte große Veränderungen am Lehrplan und in pädagogischer Hinsicht in dieser Akademie.

Wie Meimangi zuvor mangelte es Bereshna an Kreativität. Seine Bilder sind realistische Landschaften mit einem impressionistischen Stil. Die einzige Neuheit in seinen Bildern war, dass er anstelle von Wäldern, Pferden, Seen und Sonnenuntergängen, die bei Meimangi immer vorkamen, die Gassen und Berge von Kabul zu seinen Motiven machte. Auch der Stil von Bereshna fand viele Anhänger. 1935 führte er als Leiter der Akademie auch andere Künste (Architektur, Bildhauerei und Keramik) in den Lehrplan ein. Vor Bereshna saßen die Schüler in der Klasse und malten nach Modellen. Er nahm die Kinder mit in die Gassen und Felder, um dort ihre Motive zu finden. Die von Bereshna und seinen Schülern gebliebenen Bilder können sehr gut als Bilddokumente der Kabuler Architektur angesehen werden. Unter den wichtigsten Schülern von Bereshna aus dieser Akademie können Ghulam Ali Omid und Ghausuddin genannt werden, die den Stil des Meisters fortsetzten.[4]

Der erfolgreichste Schüler ist aber ohne Zweifel Akbar Khurassani, der sich wie Bereshna von der Stadt Kabul inspirieren ließ. Er ist ein ehemaliger Soldat der kommunistischen Armee Afghanistans und lebt heute in der Ukraine. Khurassani ist dem impressionistischen Stil ganz treu geblieben und hat beachtliche Arbeiten hervorgebracht. Er ist in der Ukraine ein bekannter Künstler und seine Werke werden als "orientalischer Impressionismus" bezeichnet.[5]

Die dritte Phase der Zeitgenössischen Malerei beginnt in Afghanistan mit dem Sturz der Taliban 2001. In dieser Phase kam ein ganzes Heer von westlichen Künstlern zu kurzfristigen Trainings nach Kabul und zog das Interesse vieler afghanischer Jugendlicher auf sich. Diese ausländischen Künstler wurden meistens von ihren Landesvertretungen für kurze Zeit zum Unterricht an bestimmte Institutionen wie die Universität Kabul entsandt.

Einer der ersten Künstler, der an der Universität Kabul einen Workshop organisierte, war die Deutsche Dagmar Demming, die 2003 an diese Universität kam. Ein anderer Künstler kam von der Bauhaus-Universität und veranstaltete einen Workshop für moderne Bildhauerei. 2004 kamen andere Künstler, die Gegenwartskunst lehrten. Zu ihnen gehören der Kanadier Philip Pocock und der Deutsche Michael Saup. Die Durchführung von Workshops hat sich bis in den heutigen Tag fortgesetzt.

Unter dessen kehrten nach dem Sturz der Taliban auch mehrere im Westen aufgewachsene afghanische Flüchtlinge zurück, die hier Kunst studiert hatten und wurden künstlerisch aktiv. Maryam Ghani (die Tochter des Sonderberaters von Karzai, Ashraf Ghani) war wohl die erste, die aus New York nach Afghanistan kam und Filmaufnahmen von den Ruinen der Altstadt machte. Ihr Film wurde später unter dem Titel "Kabul, 2, 3,4" (2002-2007) gezeigt. Lida Abdullah war eine weitere afghanische Künstlerin in den USA. Sie drehte einige VideoArts in Kabul und Bamian, für die sie 2006 den "Prince Claus Award" von Holland erhielt.

Wie haben die Afghanen auf diese modernen Künste und seltsamen Namen reagiert? Innerhalb der Fakultät für Bildende Künste der Universität Kabul wurden Dozenten und Studenten in zwei Lager geteilt. Im ersten Lager finden sich ältere und traditionalistische Dozenten, die nicht bereit sind, sich mit neuen Richtungen und Begriffen wie Installation, Video Art, Performance Art, Conceptual Art und ähnlichen Kunstrichtungen zu beschäftigen. Für sie war und ist dies alles Unkunst. Eine zweite Gruppe zeigte schnell Interesse an der Gegenwartskunst. Einige von ihnen gründeten im August 2004 unter der Leitung des Malereidozenten der Universität Kabul Abdul Wase Rahrou Omarzad das "Centre for Contemporary Arts Afghanistan", in dem Kunst gelehrt und produziert wird.

Fußnoten

4.
Über Abdul Ghafour Bereshna gibt es nur sehr wenige Quellen, darunter ist der Beitrag: "Setareh-yi dar haft Asseman-e Honar" [ein Stern in 7 Himmeln der Kunst], Radiosendung (16:57 Uhr); Adle, C. (2005). "Iran and Afghanistan". In Palat, M., K. and Tabyshalieva, A. (eds), History of Civilizations of Central Asia (vol. 6). Paris: UNESCO, pp. 757-785
5.
http://akbar-art.com/ru/about/

Dossier

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2001 wurden die Taliban in Afghanistan gestürzt. Seitdem beteiligen sich mehr als 40 Länder am Wiederaufbau. Schulen werden gebaut, Polizisten ausgebildet und staatliche Strukturen geschaffen. Doch der Friede ist zerbrechlich: Noch immer versuchen die Taliban, gewaltsam die Macht im Land wiederzuerlangen.

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