Teheran: Eine Frau betet vor einem Plakat des Ayatolla Ali Khamenei.

25.6.2009 | Von:
Nasrin Alavi

Eine paradoxe Jugend

Im Kampf gegen das islamische Establishment rufen die Menschen in Teheran nachts von ihren Dächern: "Allah ist groß." Die toten Demonstranten der letzten Tagen werden zu Märtyrern. Und Irans Jugend kombiniert den eigenen schiitischen Glauben mit Rapmusik. Nasrin Alavi berichtet von einer teils paradoxen Jugend.

Zu Beginn der iranischen Wahlkampfdebatte bezeichnete (Webseite in Persisch) der konservative Abgeordnete Ali Motahari (am 27. April) Mir Hossein Mussawis "intellektuelle Art" als oft "unglaubwürdig" und "anti-klerikal". Diese persönliche Offensive könnte unbeabsichtigt Mussawi unterstützt haben. Ali Motahari ist der Sohn des unlängst verstorbenen Ajatollah Schahid Morteza Motahari, einem der theologischen Gründerväter der Revolution.

Es gibt in Iran keine Stadt, in der nicht wenigstens ein Krankenhaus, eine Schule oder eine Autobahn nach ihm benannt ist. Auch die "Madreseh Alee Shahid Motahari" ist nach ihm benannt, eine der berühmten theologischen Schulen in der heiligen Stadt Qom, sozusagen der Vatikan Irans. Eine Gruppe junger geistlicher Blogger (Webseite auf Persisch) aus Qom, offenbar Anhänger Mahmoud Ahmadinedschads, bezeichnet die Demonstranten von "naiv" über "unvernünftig" bis "gesetzlos". In einem wütenden Beitrag über die Todesopfer der Proteste, die im Internet, auf den Straßen und auch von Oppositionspolitikern als Märtyrer gepriesen werden, heißt es voller Verachtung (Webseite in Persisch): "Die Anhänger von Mir Hossein [Mussawi] haben eine neue Definition des Begriffs Märtyrertum geprägt... [nämlich] das Niederbrennen von Bussen... die Befürwortung von [ausländischen] Satelliten [-Fernsehsendern], von BBC und CNN."

Eine junge Generation von Protest-Rappern

Es wäre bequem – aber dennoch falsch – diese konservativen Blogger allesamt als intolerante Verbrecher zu bezeichnen; wie immer gibt es zwar auch unter ihnen eine kleine Minderheit ideologischer Fanatiker. Wenn wir aber von der aktuell aufgeheizten Debatte etwas Abstand nehmen, stellen wir fest, dass zwischen säkularer und religiöser Jugend ein zumeist offener und oftmals unterhaltsamer Dialog stattfindet. Beim Lesen dieses Gedankenaustauschs im Internet fällt es manchmal schwer zu glauben, dass es junge Geistliche sind, die den zahlreichen Sticheleien in Blogs – sei es von Männern oder Frauen – häufig mit Humor begegnen.

Dieser Austausch ist für die ältere Generation Irans hingegen ungewöhnlich. Für ältere säkulare Iraner ist es oft üblich, sich in der Diskussion moderner politischer Fragen auf längst vergangene historische Begebenheiten zu beziehen, wie die Schlachten um das persische Achämenidenreich (550-330 v.Chr.). Ältere religiöse Iraner hingegen erklären soziale Fragen manchmal mit obskuren islamischen Hadithen [Überlieferungen des Propheten]. Beide Extreme der älteren Generation werden von der Jugend oft verspottet. Dennoch werden in den jüngsten Protesten auch religiöse Parolen benutzt, um gegen das islamische Establishment anzukämpfen. Die Rufe der Demonstranten von den Hausdächern – "Allahu Akbar" – "Gott ist groß" – wurden immer lauter, nachdem die Menschen aufgrund des harten Vorgehens (Webseite in Englisch) der Sicherheitskräfte zunehmend in ihren Häusern blieben.

In Iran findet sich auch eine junge Generation Protest-Rapper wie Hichkas (Video in Persisch), der Gott bittet "aufzuwachen" angesichts des Unrechts. Diese Generation fühlt sich sowohl in der Rapmusik als auch im schiitischen Glauben Irans zu Hause und hat keine Probleme, beides zu kombinieren. Sänger wie Benyamin, die im Untergrund agieren und Trance- oder Techno-"Reformhymnen" über schiitische Ikonen produzieren, werden von der Mehrheit der älteren Generation säkularer Gebildeter wie auch konservativer Geistlicher gleichermaßen verabscheut. Gerade diese manchmal widersprüchliche Jugend mit ihren eigenen iranischen Untergrundmusikern ist fähig, zur Unterstützung von Oppositionsführer Mussawi singend (Video in Persisch) "das Blut der Märtyrer" zu beschwören.

"Sie schießen auf unsere Frauen"

Diese junge, offene und vielseitige Weltsicht erklärt vielleicht teilweise die Leichtigkeit, mit der die jungen Stadtbewohner einen Kandidaten wie Mussawi unterstützen, mit seiner konservativ-revolutionären Vorgeschichte als Premierminister während des Iran-Irak-Krieges. Eine paradoxe Generation, die die Todesopfer ihrer Proteste Märtyrer oder islamische Schuhada [Plural von Schahid] nennt – sehr zur Empörung der älteren Generation, der religiösen als auch der säkularen.

Denn Schahid ist ein Titel für schiitische Imame, für Staatsikonen wie Schahid Morteza Motahari oder für Helden des Iran-Irak-Kriegs (1980-88) wie Mohammed Ali Jahanara. Der 26-jährige Jahanara kommandierte die einfachen Leute in der Stadt Khorramshahr, die im Grenzgebiet als Puffer diente. Die Menschen kämpften über 45 Tage lang Zentimeter um Zentimeter gegen den Einmarsch der irakischen Armee, bevor die Stadt vom Feind eingenommen wurde. "Mamad" [Kosename für Mohammed] Jahanara gilt als Ikone der Märtyrer des revolutionären Staats; er gelangte durch das Kriegslied 'Mamad Noboudi' ["Mamad, du bist nicht hier"] (Video auf Persisch) zu Ruhm und Ehre. In diesem Lied, das von einem Mitstreiter Jahanaras geschrieben wurde, heißt es: "Mamad, Du bist nicht hier, um zu sehen, dass unsere Stadt frei ist."

In diesen Tagen ist häufig ein kurzer Text zu lesen, der als Tweet kursiert: "Sag Jahanara, dass die Baathisten in Teheran sind, sie schießen auf unsere Frauen."


Aus dem Englischen von Martina Heimermann


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