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Titelbild Bevölkerungsentwicklung

23.12.2011 | Von:
Herwig Birg

Zur aktuellen Lage der Weltbevölkerung

Sonderfall Deutschland

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht in regelmäßigen Abständen Bevölkerungsvorausberechnungen für Deutschland, koordiniert mit den 16 Statistischen Landesämtern, die analoge Vorausberechnungen für ihr jeweiliges Bundesland erstellen.

Die Koordination der Statistischen Ämter ist vor allem wegen der Wanderungen zwischen den Bundesländern (Binnenwanderungen) unerlässlich. Weil jede Zuwanderung in irgend-einem anderen Land eine Abwanderung ist, muss die Summe aller Zuwanderungen gleich der Summe aller Abwanderungen und damit die Summe aller Binnenwanderungssalden gleich Null sein.

Die letzte zwischen Bund und Ländern koordinierte Vorausberechnung des Statistischen Bundesamtes ist die zwölfte, sie stammt vom November 2009. Zusätzlich zum Statistischen Bundesamt führen das Statistische Amt der Europäischen Union in Luxemburg, die Population Division der UN in New York und einige Forschungsinstitute in Deutschland Bevölkerungsvorausberechnungen durch, darunter beispielsweise das frühere Institut für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik der Universität Bielefeld, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin und das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in Bonn. Diese Forschungsinstitute wenden im Wesentlichen das gleiche Vorausberechnungsverfahren an. Abweichende Ergebnisse erklären sich aus den unterschiedlichen Annahmen, nicht aus den eingesetzten Rechen- bzw. Prognoseverfahren.

Die "12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung" des Statistischen Bundesamtes vom November 2009 beruht auf dem Bevölkerungsbestand am 31. Dezember 2008. Ihr Vorausschätzungszeitraum reicht bis zum Jahr 2060 mit Zwischenergebnissen für jedes Jahr. Sie bietet eine Vorausberechnung, die ein Intervall für die künftige Entwicklung absteckt (Bevölkerungsprojektion). Das Intervall umfasst ein Dutzend alternative Varianten, die sich aus der Kombination von unterschiedlichen Annahmen über die Entwicklung der Geburtenrate, der Lebenserwartung und des Wanderungssaldos ergeben. Für die Geburtenrate werden alternativ folgende Annahmen zugrunde gelegt: 1. Konstanz auf dem Niveau von 1,4 Lebendgeborenen pro Frau, 2. leichter Anstieg auf 1,6 und 3. Rückgang auf 1,2.

Deutschland: Bevölkerungsprognose bis 2060.Deutschland: Bevölkerungsprognose bis 2060.
Bei der Lebenserwartung wird eine Zunahme bis 2060 bei den Männern von 77,3 auf 85,0 und bei den Frauen von 82,5 auf 89,2 angenommen (Basisvariante). Zusätzlich gibt es die Variante "stetiger Anstieg" auf 87,7 (Männer) bzw. 91,2 (Frauen). Schließlich wird ein jährlicher Wanderungssaldo von 100 000 bzw. 200 000 vorausgesetzt.

Das Fazit dieser Projektionsrechnungen ist: Die Bevölkerung schrumpft von 2009 bis 2060 in der mittleren Variante von 81,7 Millionen auf 64,7 Millionen (Untergrenze der mittleren Variante) bzw. auf 70,1 Millionen (Obergrenze der mittleren Variante). Bei sämtlichen Varianten steigt das Durchschnittsalter der Bevölkerung stark an. So erhöht sich der Altenquotient (Verhältnis der Personen im Rentenalter, z.B. 65 und mehr, auf 100 Personen im Erwerbsalter, z. B. 20 bis 64) auf das Doppelte. Der Jugendquotient (unter 20-Jährige auf 100 Personen zwischen 20 und 64) bleibt dabei relativ stabil, weil der Rückgang der unter 20-Jährigen und der Rückgang der 20 bis 64-Jährigen fast parallel verlaufen.

Die Bevölkerungsvorausberechnungen des Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik der Universität Bielefeld (IBS) von 1998 sind bisher (2010) mit einem Fehler im Promillebereich eingetroffen. Sie bestehen aus 28 Varianten. Die hohe Zahl der Varianten ergibt sich daraus, dass die Berechnungen nach Deutschen und Zugewanderten sowie nach alten und neuen Bundesländern, also nach vier Bevölkerungsgruppen, untergliedert sind.

Für jede der vier Bevölkerungsgruppen wurden je sieben Varianten, insgesamt also 28 Vorausberechnungen durchgeführt, von denen hier aus Platzgründen nur die mittlere dargestellt wird. Sie entspricht weitgehend der unteren Variante der "12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung" des Statistischen Bundesamtes, die acht Jahre später durchgeführt wurde. Dabei sind die Ergebnisse für die Jahre nach 2050 als Modellrechnungen zu verstehen, nicht als Projektionen oder gar als Prognosen.

Deutschland: Bevölkerung bis 2080.Deutschland: Bevölkerung bis 2080.
Als Fazit ergibt sich: Die Bevölkerungszahl nimmt wie in den letzten drei Jahrzehnten bis zum Anfang der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts infolge der Zuwanderungen vorübergehend noch leicht zu, danach beginnt ein langfristiger Rückgang, weil die Geburtenrate das Bestandserhaltungsniveau unterschreitet und das steigende Geburtendefizit immer weniger durch Einwanderungen ausgeglichen wird. Die schon 1998 veröffentlichten Vorausberechnungen lassen sich mit den Ist-Zahlen der Bevölkerung von 2010 vergleichen, die Differenz beträgt bis 2010 vier Promille.

Die Bevölkerungsgruppe mit deutscher Staatsangehörigkeit (zum Stichtag 31. Dezember 1998) schrumpft unter den getroffenen Annahmen ohne Berücksichtigung von Staatsbürgerschaftswechseln in den alten Bundesländern von 1998 bis 2060 um rund 25,8 Millionen Menschen, und zwar von 59,6 auf 33,8 Millionen, die deutsche Bevölkerung in den neuen Bundesländern nimmt im gleichen Zeitraum von 15,0 auf 7,9 Millionen ab.

1910, 1970, 2009, 2060: Der Altersaufbau der deutschen Bevölkerung im Vergleich.1910, 1970, 2009, 2060: Der Altersaufbau der deutschen Bevölkerung im Vergleich.

Der Schrumpfungsprozess gewinnt bei konstanter Kinderzahl pro Frau von 2050 bis 2080 an Intensität. Im Gegensatz dazu wächst die Gruppe der zugewanderten Bevölkerung und ihrer Nachkommen von 1998 bis 2060 von 7,4 auf 20,4 Millionen, wobei der Anteil der Zugewanderten in den alten Bundesländern wesentlich höher ist als in den neuen. Dies ergibt für Deutschland insgesamt trotz des angenommenen Wanderungssaldos von jährlich 170 000 einen Rückgang der Gesamtbevölkerung von 1998 bis 2060 von 82,1 auf 62,2 Millionen, also um rund 20 Millionen oder um 24,2 Prozent.

Hinter der Bevölkerungsschrumpfung verbergen sich zwei gegensätzliche Entwicklungstendenzen: eine starke Zunahme der Zahl der über 60-Jährigen – also nicht nur ihres prozentualen Anteils – bei einer gleichzeitigen Abnahme der Zahl der 20- bis unter 60-Jährigen sowie der unter 20-Jährigen.

Durch die gegenläufige Entwicklung von Bevölkerungswachstum bei den Älteren und Bevölkerungsschrumpfung bei den Jüngeren nimmt das Durchschnittsalter zu, ein Sachverhalt, der als "demografische Alterung" bezeichnet wird. Diese wird meist durch den so genannten Altenquotienten (Zahl der über 60-Jährigen auf 100 Menschen in der Altersgruppe 20 bis 60) und durch das Medianalter (Alter, das von der Hälfte der Bevölkerung überschritten bzw. unterschritten wird) gemessen. Das Medianalter steigt von 1998 bis 2060 von 39 auf 52 Jahre. Der Altenquotient hatte 1998 einen Wert von 38,6, er nimmt bis 2060 auf 92,6 zu, also um das 2,4-fache.

Verteilung der Altersgruppen bis 2080.Verteilung der Altersgruppen bis 2080.
Daraus ergibt sich also unter sonst gleichen Umständen – für ein konstantes Ruhestandsalter und ein konstantes Versorgungsniveau durch Leistungen der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung – die brisante Schlussfolgerung, dass der Versorgungsaufwand für die über 60-jährige und ältere Bevölkerung pro Kopf eines Menschen in der Altersgruppe 20 bis unter 60 um mehr als das Doppelte gesteigert werden müsste. Dies würde aber für die mittlere Generation eine unzumutbare Belastung bedeuten.

Um die demografische Alterung differenziert darzustellen, wird hier die Altersgruppe der über 60-Jährigen in die Teilgruppen 60-80 sowie 80 Jahre und älter untergliedert.

Die deutsche Gesamtbevölkerung nach Altersklassen bis ins Jahr 2100.Die deutsche Gesamtbevölkerung nach Altersklassen bis ins Jahr 2100.
Unter den dargestellten Annahmen schrumpft die Zahl der Kinder und Jugendlichen (unter 20-Jährige) von 1998 bis 2060 um 8,6 Millionen, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung sinkt von 21,6 auf 14,4 Prozent. Die Zahl der Menschen in der Altersgruppe 20 bis unter 60 schrumpft um 18,9 Millionen, gleichzeitig wächst die Zahl der 60-Jährigen und Älteren bis 2050 um 9,9 Millionen, ihr Anteil steigt von 21,8 auf 40,9 Prozent, aber danach geht die Zahl wieder bis 2060 auf 25,6 Millionen zurück. Die Zahl der 80-Jährigen und Älteren erhöht sich besonders stark, und zwar bis 2050 um drei Millionen auf zehn Millionen, ihr Anteil steigt bis 2050 von 3,7 auf 14,7 Prozent. Danach nimmt die Zahl der 80jährigen und Älteren bis 2060 wieder auf 8,3 Millionen ab. Zur Jahrhundertmitte ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen im Alter unter 20 etwa gleich groß wie die der über 80-Jährigen. Die Zahl der über 60-Jährigen ist dann drei mal so hoch wie die der unter 20-Jährigen.



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