Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Was sind Vorurteile?

Psychische Mechanismen

Alle Vorurteilstheorien nehmen an, dass die Einstellung einer Gruppe gegenüber mit den Eigenschaften verbunden ist, die man als positiv oder negativ an ihr wahrnimmt. Es besteht allerdings Uneinigkeit darüber, was Ursache und was Wirkung ist: Die Einstellung einer Person zu einer Gruppe kann von den Eigenschaften bestimmt sein, die sie an den Menschen einer Gruppe wahrzunehmen glaubt, umgekehrt können sich die Eigenschaftszuschreibungen ändern, wenn sich die gefühlsmäßige Einstellung ändert.

Nehmen wir ein Beispiel. Die Tatsache, dass Juden im christlichen Europa über Jahrhunderte an ihrer Religion festgehalten haben, hat der christliche Antijudaismus negativ als "Verstocktheit" interpretiert, da sie sich nicht zum Christentum bekehren wollen. Gibt man jedoch den Bekehrungsanspruch auf und tritt den Juden nicht länger feindselig gegenüber, erscheint der gleiche Sachverhalt positiv als "Traditionsverbundenheit" und "Glaubensfestigkeit". Dieses Beispiel zeigt, dass keine Übereinstimmung zwischen der Realität und unserer subjektiven Wahrnehmung bestehen muss. Zahlreiche Faktoren wie Interessen, Erfahrungen, Bedürfnisse und Motive bestimmen mit, was und wie wir etwas (selektiv) wahrnehmen. Die kognitive Psychologie hat eine Reihe von psychischen Effekten entdeckt, die die Bildung von Stereotypen (festen Vorstellungsklischees), die Veränderung von Gedächtnisinhalten entsprechend unserem Vorwissen und die Einschätzung von Differenzen und Ähnlichkeiten zwischen Objekten beeinflussen.

Zur Orientierung in unserer Umwelt müssen wir Kategorien bilden, um die eintreffenden Informationen zu ordnen. So kategorisieren wir zum Beispiel eine Person nach ihrem Geschlecht, Alter oder ihrer Hautfarbe. Diese im Laufe der Erziehung gelernten Kategorien sind jedoch überwiegend nicht neutral, sondern schließen Wertungen ein, die sich auf die kategorisierten Objekte übertragen. Experimente mit Kindern in den USA haben gezeigt, dass Kinder weißer und schwarzer Hautfarbe offenbar früh gelernt haben, die Hautfarbe schwarz gegenüber der weißen negativer zu bewerten. Sie bevorzugten beim Spielen ganz deutlich Puppen mit heller Hautfarbe. Diese Kategorisierung war in der Gesellschaft so dominant, dass sie sogar von den dadurch diskriminierten afroamerikanischen Kindern angewendet wurde. Gewöhnlich enthalten bereits die Grundformen sozialer Kategorisierung Momente stereotyper Wahrnehmung und die eigene Gruppe begünstigende Vorurteile:
  • Die Beurteilung von Personen wird systematisch verzerrt, indem wir sie bestimmten Gruppen zuordnen. Die Mitglieder innerhalb einer Gruppe werden als ähnlicher beurteilt, als sie tatsächlich sind, während die Unterschiede zwischen den Angehörigen verschiedener Gruppen überbewertet werden. Insbesondere wenn der Urteilende selbst Mitglied einer der Gruppen ist, überschätzt er die Homogenität seiner Eigengruppe. Wenn ich also glaube, ein anderer Mensch habe ähnliche Überzeugungen wie ich, erscheint er mir sympathischer als jemand, bei dem ich von Differenzen ausgehe.
  • Stereotypes Denken wird auch dadurch befördert, dass wir Mitglieder der eigenen Gruppe differenzierter betrachten (auch wenn wir sie nicht besser kennen) als Mitglieder einer anderen Gruppe. Ein Beispiel ist die Wahrnehmung von Kriminalität: Während wir bezüglich der Eigengruppe bei Straftaten nach Alter, sozialer Schicht, Deliktarten, belasteten Stadtteilen usw. unterscheiden, differenzieren wir bei der so genannten Ausländerkriminalität nicht, sondern tendieren dazu, Ausländer generell für krimineller zu halten.
  • Mitglieder fremder Gruppen werden jedoch nicht nur stereotyper, sondern im Positiven wie Negativen auch extremer beurteilt, da wir über sie weniger wissen als über die Eigengruppe. Das Betteln deutscher Obdachloser etwa wird mit mehr Verständnis betrachtet als das rumänischer Roma, die man schnell als "kriminelle Simulanten" verurteilt.
  • Die Verzerrungen zu Ungunsten der Fremdgruppe werden weiterhin dadurch verstärkt, dass das Verhalten ihrer Mitglieder eher inneren Veranlagungen als äußeren Faktoren zugeschrieben wird. Schlechte Schulleistungen von Einwanderern werden zum Beispiel nicht ungünstigen sozialen und familiären Verhältnissen der Kinder zugerechnet, sondern gelten als Zeichen für niedrigere Intelligenz und Faulheit. Bei den einheimischen Kindern sucht man zur Erklärung nach äußeren Einflüssen, die eine bessere Schulleistung verhindern. Vorurteile entstehen also, weil für Unterschiede zwischen Gruppen nicht Unterschiede in ihren Lebensbedingungen verantwortlich gemacht werden, sondern innere, unveränderliche Ursachen. Damit wird die Verantwortlichkeit ganz auf die betreffende Gruppe abgewälzt: Dann sind nicht die schlechten sozialen Verhältnisse an fortdauernder Armut, höherer Kriminalitätsrate und mangelnden Leistungen schuld, sondern die Zugehörigkeit zu einer "Rasse", Religionoder Nation.
  • Vorurteile werden häufig durch Vergleiche zwischen der eigenen und anderen Gruppen ausgebildet, wobei jede Gruppe ihr positives Selbstbild zum Maßstab der Bewertung macht. Merkmale werden also anderen Personen oder Gruppen nicht absolut zugeschrieben, sondern im Verhältnis zu anderen: Wenn die Deutschen sich als "fleißig" und "ordentlich" betrachten, dann sind andere Völker automatisch "faul und unordentlich", also im Grunde "fauler als die Deutschen". Diese Relativität der Eigenschaftszuschreibungen kann man in Europa entlang einer West-Ost und einer Nord-Süd-Achse verfolgen: Von Westen nach Osten hält sich jede westlichere Nation für zivilisierter und kultivierter als ihre östlichen Nachbarn. Von Osten nach Westen gilt der jeweils westliche Nachbar als arrogant (Besser-Wessi) und oberflächlich. Von Norden nach Süden hält man den südlichen Nachbarn für temperamentvoller, aber auch für unordentlicher und unzuverlässiger als sich selbst, während in umgekehrter Richtung die nördlichen Nachbarn als stur, kühl und langweilig gesehen werden. Diese im Vergleich gewonnenen Fremdbilder werden nicht bei jedem Kontakt neu entwickelt, sondern sind als "Gruppenkonzept" oder "Schema" gespeichert.


Gruppenbezogene MenschenfeindlichkeitGruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
Wir besitzen demnach Wahrnehmungsformen, die bei normalem Funktionieren eine gewisse Tendenz zur Stereotypie und Vorurteilsbildung aufweisen. Diese kognitive Dimension (Stereotypenbildung) ist jedoch nur eine Dimension des Vorurteils. Individualpsychologische Theorien wie die Psychoanalyse, die Theorie der autoritären Persönlichkeit und Frustrations-Aggressionstheorien konzentrieren sich stärker auf die emotionale Dimension (Antipathie). Die Tatsache, dass Vorurteile so schwer aufzugeben sind, deutet darauf hin, dass sie wichtige psychische Funktionen für die Lösung emotionaler Konflikte besitzen. Die genannten Theorien nehmen an, dass Vorurteile gegenüber Fremdgruppen auf innere oder äußere Konflikte einer Person zurückgehen (dies können innere Triebkonflikte sein, Konkurrenzerfahrungen, Frustrationen aller Art), mit denen sie nicht fertig wird. Eine starke Persönlichkeit löst Konflikte rational oder lernt, Frustrationen bis zu einem gewissen Grad hinzunehmen. Dagegen wählt ein schwaches Ich entweder passive Konfliktlösungen und flüchtet sich in Teilnahmslosigkeit. Es verdrängt den "Frust" oder benutzt aktiv vorurteilsfördernde Abwehrmechanismen: Es verschiebt seine Aggression auf Ersatzobjekte (Verschiebung) oder sieht in anderen seine eigenen negativen Züge (Projektion).

Der Frust über die eigene Arbeitslosigkeit, deren strukturelle Ursachen mit aggressivem Handeln nicht zu beseitigen sind, wird personalisiert und auf ein Ersatzobjekt ("die Ausländer") umgelenkt, das dann zum Ziel der verschobenen Aggression wird. Aggressionsverschiebungen treten also immer dann auf, wenn die Aggression sich nicht gegen die eigentliche Ursache richten kann, sei es dass
  • der "Frustrierer" zu übermächtig ist und eine Aggression bestraft würde,
  • ihm gegenüber auch positive Gefühle bestehen (wie gegenüber dem strafenden Vater),
  • ein Schuldiger (etwa für die Arbeitslosigkeit) nicht leicht gefunden werden kann.


Karikatur: VorurteilKarikatur: Vorurteil
Negative Gefühle und Aggressionen werden dann auf Personen oder Gruppen umgelenkt, von denen aufgrund ihrer Machtlosigkeit Widerstand und Bestrafung nicht zu erwarten sind. Genau diese Eigenschaft - und nicht etwa spezifische andere Merkmale - machen schwache Minderheiten zum bevorzugten und austauschbaren Opfer (Sündenbocktheorie). Rechtsextreme Jugendliche haben nicht nur etwas gegen linke Antifaschisten, sondern auch gegen Ausländer, Juden, Obdachlose, Behinderte und Homosexuelle.

Der Abwehrmechanismus der Projektion sieht bei anderen Menschen Eigenschaften und Regungen, die eine Person bei sich selbst nicht akzeptieren kann, weil sie als "schmutzig" oder "sündig" gelten. Studien über männliche Jugendgangs haben gezeigt, dass diese typischerweise die Männer einer konkurrierenden ethnischen Gruppe zugleich als sexuell aktiv und potenzielle Vergewaltiger sowie als "schwul" diffamieren. Psychologen sehen darin einen Hinweis auf unterdrückte eigene Triebwünsche, die auf andere projiziert und dann dort bekämpft werden.