Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Was sind Vorurteile?

Individuelle Unterschiede

Konflikte machen nicht alle Personen in gleichem Maße anfällig für Vorurteile. Wie oben gesagt, spielt ein schwaches Ich, ein gering ausgebildetes Selbstvertrauen eine wichtige Rolle, das seinen Ursprung in frühkindlichen Identitätsbildungsproblemen hat: in ungelösten Autoritätskonflikten mit dem Vater (Ödipuskonflikt), in einer autoritären, strafenden, lieblosen und wenig auf die Interessen des Kindes eingehenden Erziehung oder aber im Fehlen einer emotionalen Bindung des Kindes an seine Eltern.

Während sicher-autonome Persönlichkeiten mit Konflikten sachlich umgehen können, tendieren autoritäre Persönlichkeiten dazu, ihre Konflikterfahrungen mit der Familie und der Eigengruppe abzuwehren (Realitätsverleugnung und Verweigerung von Selbstbeobachtung) und sie statt dessen auf aggressive Weise gegen-über Schwächeren abzureagieren (Projektion, Aggressionsverschiebung). Diese Personen zeichnen sich neben Aggression auch durch Unterwürfigkeit gegenüber Stärkeren und durch Konformismus aus. Aus dieser Persönlichkeitsstruktur ergibt sich eine Anfälligkeit für rechtsautoritäre Ideologien, die eine Dominanz der Eigengruppe über andere Gruppen, Ordnung (= Intoleranz von offenen, mehrdeutigen Situationen) oder harte Strafen fordern.

Andere Theorien, wie die des Dogmatismus, betonen die Bedeutung kognitiver Faktoren. Untersuchungen belegen, dass der Faktor Bildung einen wichtigen Einfluss auf fremdenfeindliche Einstellungen besitzt. Ein großes Wissen, aber vor allem intellektuelle Flexibilität, die Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen, Kritik zu verarbeiten und andere Standpunkte einzunehmen, gehen mit einer geringeren Neigung, Vorurteile zu bilden, einher.

Gruppenbeziehungen

Vorurteile haben jedoch nicht nur eine Funktion in psychischen, sondern auch in sozialen Konflikten. In jedem Krieg wird der innere Zusammenhalt der Nation und die Bereitschaft, für sie zu kämpfen, durch eine negative Bewertung des Feindes gestärkt. Die NS-Propaganda stellte Russen zugleich als "slawische Untermenschen" und "bolschewistische Gefahr" hin.

Mit der Entstehung und Mobilisierung von Vorurteilen in sozialen Konflikten hat sich die Gruppensoziologie befasst. Der amerikanische Sozialpsychologe Muzafer Sherif hat bereits in den 1950er Jahren berühmt gewordene Experimente durchgeführt, in denen er in einem Ferienlager eine Gruppe von zwölfjährigen Jungen willkürlich in zwei Gruppen einteilte und diese in Wettbewerbs- und Kooperationssituationen beobachtete. Dabei stellten die Forscher fest, dass die Konfliktsituation zu negativen Wahrnehmungen, Gefühlen und Handlungsweisen gegenüber der anderen Gruppe führte: zu verstärkter Aggressivität zwischen den Gruppen, zu einer Stärkung der Gruppenidentität und zur Bestrafung der "Abweichler" von der Gruppenmeinung. Brachte man die beiden verfeindeten Gruppen später in Situationen zusammen, in denen sie kooperieren mussten, lösten sich Vorurteile und Rivalität wieder auf.

Offenbar haben negative Bewertungen der fremden Gruppe eine integrierende Funktion für die Eigengruppe: Sie verstärken den Zusammenhalt und vergrößern die innere Homogenität, indem sie interne Spannungen überdecken. Damit erleichtern sie interne Entscheidungsprozesse und freundschaftliche Beziehungen, erzeugen höhere Motivation, für die Gruppe zu arbeiten, und erleichtern das Lernen der Gruppennormen. Diese als Ethnozentrismus bezeichnete Haltung (auf ganze Gesellschaften bezogen spricht man von Nationalismus) hat aber auch negative Wirkungen: die verzerrte Wahrnehmung anderer Gruppen, erhöhte Konfliktbereitschaft, da Fremdgruppen als potenziell bedrohlich erscheinen, und eine geringe Wandlungsfähigkeit, da man sich gegen fremde Einflüsse abschottet.

Es ist in der Sozialpsychologie umstritten, ob es reale Interessenkonflikte und Wettbewerbssituationen zwischen Gruppen sein müssen, die zu abwertenden Vorurteilen und zu Feindseligkeit führen, oder ob nicht auch andere soziale Problemlagen, die als Bedrohung der Gruppenposition erlebt werden, ähnliche Folgen haben, etwa Wirtschaftskrisen, Einwanderung, Kriminalität. Neuere Forschungen heben die Bedeutung von Intergruppenangst als Ursache für die Entstehung von Vorurteilen hervor, wobei sie verschiedene Bedrohungsdimensionen unterscheiden.
  • Reale Bedrohungen der ökonomischen oder sozialen Situation der Eigengruppe. Man sieht sich in einer Konkurrenzsituationen mit Zuwanderern oder einheimischen Minderheiten: "Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg" oder "Die Aussiedler bekommen Wohnungen und wir nicht". Es reicht aus, dass sich Individuen oder Gruppen im Vergleich zu anderen benachteiligt fühlen, um entsprechende Vorurteile entstehen zu lassen. Die Sozialpsychologie spricht von "relativer Deprivation" (Benachteiligung), da es nicht um eine tatsächliche Verarmung, Arbeitslosigkeit oder Obdachlosigkeit gehen muss, sondern um eine als unberechtigt wahrgenommene Besserstellung einer Vergleichsgruppe. Wichtig für die Vorurteilsbildung ist dabei weniger das Gefühl persönlicher Benachteiligung als vielmehr das einer Schlechterstellung der Eigengruppe.
  • Symbolische Bedrohungen, die sich aus den wahrgenommen Unterschieden in Kultur, Werten und Lebensstilen ergeben (heute etwa die Furcht vor dem islamischen Fundamentalismus).
  • Gefühle der persönlichen Bedrohung in Kontakten mit Mitgliedern fremder Gruppen, über die negative Stereotype existieren (Stichwort: Ausländerkriminalität).
Moderne, in stetem Wandel begriffene Gesellschaften produzieren ständig Situationen von Konkurrenz und Unsicherheit und damit Anlässe für Vorurteilsbildung, da immer Individuen und soziale Gruppen relativ zu anderen in ihrem sozialen Status absteigen und neue ethnische Gruppen zuwandern. Der rapide soziale Wandel der letzten Jahrzehnte, die durch Globalisierung und Zuwanderung erweiterte Konkurrenzsituation und die neoliberale Konkurrenzideologie haben heute ein Klima geschaffen, das die Entstehung von Vorurteilen und Abwehr des Fremden in Teilen der Gesellschaft, insbesondere unter "Modernisierungsverlierern", begünstigt.

Quellentext

Rassismus ist anerzogen

Die ersten und wichtigsten Informationen erhalten wir von Menschen aus unserer nächsten Umgebung, von Menschen, die für uns sorgen und die uns verhätscheln, die uns lieben, so wie wir sie. Kinder besitzen ein felsenfestes Vertrauen in die Welt und ihre Mitmenschen, und zudem verfügen sie über ein noch fast intaktes intuitives Gefühl für das, was gut ist und was nicht. Warum dürfen sie mit dem einen Kind spielen und mit dem anderen nicht? Warum dürfen sie nichts über die schwarze Frau sagen? Kindern fehlt die Logik des Rassismus und jeder anderen Konditionierung. Sie spüren, dass irgendetwas nicht stimmt. Die Entdeckung, dass die Menschen, denen sie vertrauen und die sie lieben, ihnen, wenn auch nicht aus böser Absicht, Unwahrheiten vorspiegeln, ruft einen heftigen emotionalen Schock hervor. [...]

Da Kinder in allem, was sie im täglichen Leben brauchen, sowohl in der Liebe wie auch in der Achtung, von Erwachsenen abhängig sind, müssen sie sich letztendlich geschlagen geben. Sie müssen das, was ihnen erzählt wird, und die Gefühle, die dadurch freigesetzt werden, herunterschlucken. Rassistische Informationen werden so mit einem emotionalen Schock, mit Enttäuschung und Ohnmachtsgefühlen verbunden.
Im Leben eines Kindes gibt es regelmäßig Situationen, in denen die Reaktionen Erwachsener Verwirrung stiften, die unbemerkt zu rassistischem Denken führt. Leute erzählen immer wieder, wie sie, als sie zum erstenmal einem Schwarzen begegnet sind, spontan und kindlich ihre Überraschung zum Ausdruck gebracht hatten. In den meisten Fällen reagieren Erwachsene darauf peinlich berührt oder strafend: "Halt den Mund", oder "Guck nicht so". Es fällt kein ungebührliches Wort über den Schwarzen selbst, aber die Botschaft lautet: "Irgendetwas stimmt mit ihnen nicht." Diese Information nimmt das Kind auf, und sie ist verbunden mit dem schmerzlichen Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Sehr viele Menschen haben in ihrer Kindheit solche Erfahrungen gemacht. [...]
Es ist auffallend, dass man in den letzten Jahren den negativen Einflüssen frustrierender Erfahrungen bei Kindern zunehmende Beachtung geschenkt hat, jedoch außerhalb der Therapeuten-Welt, vor allem in politisch engagierten Kreisen, noch sehr davor zurückschreckt, diese Einflüsse auf das eigene Erwachsenenverhalten wahrzunehmen. Und gerade dies ist die Barriere, die sich uns in der Bekämpfung des Rassismus tagtäglich entgegenstellt. [...]
In der Psychologie ist die Behauptung, dass unverarbeitete Gefühle spätere Erfahrungen stark beeinflussen, unumstritten. Unverarbeitete Gefühle bilden ein Hindernis, das die Verarbeitung der nachfolgenden Erfahrungen blockiert. Dieser Vorgang ist mit dem Funktionieren einer Druckerpresse zu vergleichen. Läuft bei der Papierzufuhr (= Information) etwas schief, entstehen Fehldrucke. [...]
So ähnlich verhält es sich auch mit Rassismus. Durch eine falsche Zufuhr von Informationen entstehen Fehldrucke, die zu einer emotionalen Störung führen. Im Moment der emotionalen Störung kommt es zu einer emotionalen Blockade. Alle Informationen, die später hereinkommen, werden blockiert und nicht mehr hinreichend verarbeitet. [...]
An diesem Punkt stoßen wir auf eine der Folgeerscheinungen, die unverarbeitete Gefühle für das Verhalten haben. Konfrontationen, die unbegreiflich, verwirrend und schmerzhaft sind, werden bei einem möglichen nächsten Mal vermieden. Vor acht Jahren fragte ich eine schwarze Freundin, was ihrer Meinung nach für rassistisches Verhalten in Holland typisch wäre. Ihre Antwort: "Nicht gesehen zu werden; Menschen laufen an dir vorbei, sehen dich nicht, wollen dich nicht kennen oder kennen lernen. Wenn sie dich kennen, ignorieren sie, dass du schwarz bist, und wollen den Unterschied zwischen uns nicht wahrhaben. Es kommt mir oft so vor, als existierte ich nicht." [...]
Es ist kein Zufall, dass sich gerade diejenigen, die gute Verbindungen zu Schwarzen haben, dem Rassismus widersetzen. Es zeigt, wie wichtig es ist, zu schwarzen Menschen in Kontakt zu treten. Es ist häufig der erste Schritt auf dem Weg zu einer Befreiung vom Rassismus. [...]
Rassismus täuscht beide Seiten. Bis jetzt scheinen die Privilegien schwerer zu wiegen als alle Nachteile und auch die Veränderungen, die eine Preisgabe der Überlegenheit mit sich bringen würden. Wie schon gesagt, liegen die Vorteile auf ökonomischem, kulturellem, psychologischem und politischem Gebiet. Weiße verfügen über mehr Geld, mehr Macht, die besten Arbeitsplätze und Ausbildungsmöglichkeiten. Weiße haben immer die besseren Karten. Auch wenn sie von anderen Unterdrückungsformen betroffen werden, sind die größeren Chancen auf ihrer Seite. Diese Vorteile haben stets überwogen, nicht zuletzt, weil die Nachteile aufgrund der Unterdrückungsstruktur nur sehr selten sichtbar werden.
Rassismus ist nicht angeboren, sondern anerzogen. Er wird jedem Individuum wohl oder übel aufgezwungen und hinterlässt einen Berg unverarbeiteter Emotionen.

Lida van den Broek, Am Ende der Weissheit: Vorurteile überwinden, Berlin 1993, S. 58 ff.