Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Was sind Vorurteile?

Gegenmaßnahmen

Ob und wie Vorurteile abgebaut werden können, darauf geben die wissenschaftlichen Theorien unterschiedliche Antworten und empfehlen ganz verschiedene Strategien. Sie stimmen darin überein, dass Vorurteile schwer zu ändern sind, vor allem dann, wenn sie schon in früher Kindheit erworben, stark emotional verankert und für das Selbstverständnis der Person bedeutsam sind.

Individualpsychologische und psychoanalytische Theorien, die innere psychische Konflikte und problematische Eltern-Kind-Beziehungen (autoritär-strafende Erziehung, emotional abweisende Eltern) als Hauptursachen für Vorurteilsbildung ansehen, setzen auf psychotherapeutische Behandlung und Veränderung von Erziehungsstilen. Hierher gehört auch die Förderung von Selbstwertgefühl und Eigeninitiative, die der Person das Gefühl geben, die Kontrolle über ihr Leben zu besitzen und nicht ein Spielball äußerer Einflüsse zu sein.

Nach gruppensoziologischen Erkenntnissen tragen positive Kontakte zwischen Gruppen zum Abbau von Vorurteilen bei, wenn sie ohne Statusunterschiede und Konkurrenz als für beide Seiten vorteilhaft eingeschätzt werden. Begünstigende Faktoren in der Kontaktsituation sind zudem ein gemeinsames Ziel, Gelegenheit zu persönlichen Beziehungen und die Förderung durch Prestigepersonen oder Institutionen. Da Vorurteile sich bereits im späten Jugendalter stabilisieren, ist vor allem in der Schule interkulturelle Erziehung von herausragender Bedeutung. Die internationale Forschung hat eine positive Wirkung kooperativer Unterrichtsprogramme auf die gegenseitigen Ressentiments, die schulische Leistung und das Selbstwertgefühl der Beteiligten nachgewiesen. Angelehnt an die Theorie Muzafer Sherifs, arbeiten ethnisch heterogene Kleingruppen an der Realisierung einer Gesamtaufgabe, wobei gleichberechtigte und von den Lehrern geförderte persönliche Kontakte im Vordergrund stehen. Andere Möglichkeitenpositiver ethnischer Kontakte sind Schüleraustauschprogramme und der Aufbau von E-Mail-Kontakten zwischen Schulklassen verschiedener Länder. Schule und Bildung können aber auch über indirekte interkulturelle Begegnungen zum Abbau von Vorurteilen beitragen, etwa durch die Verwendung multikultureller Unterrichtsmaterialien und Curricula oder durch Informationsprogramme wie den Culture Assimilations. In diesem Selbstlernprogramm werden häufig auftretende Konfliktsituationen vorgegeben, mit deren Lösung Verständnis für kulturelle Differenzen und die Relativität des eigenen Standpunkts entwickelt werden kann.

Wenn das politische und öffentliche Klima einen wichtigen Einfluss auf die Vorurteilsbildung und Diskriminierungsneigung besitzt, dann sind Staat und Öffentlichkeit in doppelter Weise gefordert:
  • Politiker sollten darauf verzichten, etwa das Thema "Ausländer" oder "Zuwanderung" für Wahlkampfzwecke parteipolitisch zu instrumentalisieren, und stattdessen positive Ziele für Einwanderung und Integration formulieren. Ähnliche Forderungen betreffen eine sachgerechte Berichterstattung der Massenmedien.
  • Der Staat sollte Multikulturalität und Integration als wichtige Bildungsziele formulieren, Antidiskriminierungsgesetze erlassen und benachteiligte Gruppen besonders fördern, was einen Einfluss auf die soziale Stellung von Minderheiten in der Gesellschaft haben und Benachteiligungen erschweren würde. Die auf diese Weise geforderten Verhaltensänderungen gegenüber diskriminierten Gruppen führen erfahrungsgemäß auch zu einem positiven Einstellungswandel, während umgekehrt politische und rechtliche Ausgrenzung Vorurteile verstärkt.
Da es theoretisch abgeleitete Bekämpfungsstrategien mit Erfolgskontrolle bisher kaum gibt, wird es sinnvoll sein, die genannten Strategien parallel zu verfolgen.