Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Türkische Minderheit in Deutschland

Islam

Unser Bild von "den Türken" setzt sich jedoch nicht ausschließlich aus den Erfahrungen oder Vorstellungen über die heute in Deutschland lebenden Türken zusammen, sondern ist weit älter. Selbst bei geschichtlich wenig Interessierten hat sich eine vage Vorstellung von den "Türken vor Wien" im Jahr 1683 erhalten. Damals schien das Abendland durch das Osmanische Reich bedroht, dem militärische Stärke und Grausamkeit zugeschrieben wurde. Wenn sich auch das Bild vom Türken gewandelt hat und vor allem durch aktuelle Entwicklungen geprägt ist, so haben sich doch einige Vorurteile über die Jahrhunderte hinweg erhalten. Das Gefühl einer möglichen Bedrohung des Abendlandes - damals durch die osmanischen Eroberer, heute durch den radikalen Islam - ist überaus präsent.

Der Islam ist - wie das Christentum und das Judentum - eine monotheistische Religion. Er entstand Anfang des siebten Jahrhunderts auf der arabischen Halbinsel und wurde von dem Propheten Mohammed (570-632) begründet. Er gilt als "Siegel der Propheten", weil er das letzte Buch Gottes, den Koran, überbrachte. Der in arabischer Sprache verfasste Koran ist in 114 Abschnitte (Suren) mit insgesamt 6236 Versen eingeteilt. Bedeutsamer noch als die Entstehung des Islam war für die Weltgeschichte die damit verbundene Gründung eines Staatswesens auf der Arabischen Halbinsel im frühen siebten Jahrhundert. Es expandierte rasch und schuf damit die Voraussetzung für die Verbreitung der neuen Religion. Die islamischen Eroberer garantierten allerdings den Anhängern der anderen monotheistischen Religionen neben dem Schutz von Leben und Eigentum auch die freie Religionsausübung.

Muslime in europäischen LändernMuslime in europäischen Ländern
Typisch für den Islam ist die fehlende zentrale Organisationsform. Es gibt keine den christlichen Kirchen entsprechende Einrichtung, die als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt wäre und damit eine religiöse Infrastruktur wie die Errichtung von Moscheen oder die Ausbildung von Religionslehrern gewährleisten könnte. Eine kirchenähnliche Institution ist im Islam nicht vorgesehen. Die religiöse Autorität wird von so genannten Rechtsgelehrten ausgeübt. Um in Deutschland dennoch Beträume organisieren zu können, wurden muslimische Verbände und Vereine gegründet. Der größte und mitgliederstärkste Verein in Deutschland ist die "Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religionen e. V." mit Sitz in Köln, die das in der türkischen Verfassung festgehaltene Prinzip der Trennung von Religion und Staat vertritt. Die europaweit agierende "Islamische Gemeinschaft - Milli Görüs e. V.", die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, lehnt hingegen diese Trennung ab und steht für eine Islamisierung. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Organisationen, die die verschiedenen Strömungen des Islam repräsentieren. Diese Vielfalt behindert die Anerkennung der islamischen Religionsgemeinschaft als Körperschaft des öffentlichen Rechts und die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts an den öffentlichen Schulen.

Unterschiedliche Strömungen

Die Ängste der Deutschen vor dem Islam werden auch durch das Erstarken des Islamismus genährt. Das Bild, das wir etwa vom Iran, vom Irak, von Ägypten, von Pakistan und vom Sudan haben, vermittelt uns die Vorstellung von einem fanatischen, intoleranten und menschenverachtenden Islam.

Die islamistischen Bewegungen, die die religi-ösen Schriften wortgetreu auf alle Lebensbereiche angewendet sehen wollen, erstarken seit den 1970er Jahren. Dass es sie gibt, hängt unter anderem mit der europäischen Kolonialherrschaft und den Problemen der nachkolonialen Regime zusammen. Sie gründeten sich auf der Annahme, dass die westlich-christliche Kolonialisierung und die damit verbundene Modernisierung seit dem 19. Jahrhundert die bis dahin vorhandene Vormachtstellung der islamischen Welt zerstörte. Eine Rückkehr zur alten Bedeutung des Islam, so die Argumentation der Islamisten, sei nur über die exakte Auslegung der religiösen Schriften möglich.

Daneben gibt es verschiedene andere Strömungen im Islam. So unterscheiden sich als zwei Hauptgruppen des Islam die größere Gruppe der Sunniten (die etwa 90 Prozent der Muslime umfasst) von der kleineren Gruppe der Schiiten. Etwa 20 Prozent der Türken rechnen sich den Aleviten zu, die sich nicht an die Scharia-Pflichten, die Einhaltung der islamischen Pflichtenlehre und Religionsgesetze, gebunden fühlen und in der Regel westlicher orientiert sind.

Stellung der Frau

Ein sensibles Thema ist die Stellung der Frau im Islam. Eine weit verbreitete Ansicht lautet: Die islamische Frau ist unterdrückt und dem "Paschagehabe" ihres Ehemannes oder Vaters bedingungslos unterworfen. Die Realität rechtfertigt ein derart pauschales Urteil jedoch nicht. Die türkische Verfassung schreibt die Gleichstellung von Mann und Frau vor, freilich sieht die Wirklichkeit häufig anders aus. Das Stadt-Land-Gefälle und die sozialen Gegensätze prägen das Leben oft stärker, als es rechtliche Vorgaben vermögen. Nach dem Koran kommt den Männern eine privilegierte Stellung zu. In vielen ländlichen Gegenden und sozialen Schichten, die in den religiösen Traditionen verhaftet sind, kann von einer weiblichen Gleichberechtigung keine Rede sein. Mindestens ebenso wichtig wie die Religion scheint jedoch die Schichtzugehörigkeit der Frau zu sein. So gibt es etwa in der Türkei in der kleinen Gruppe der Oberschicht prozentual und absolut mehr Universitätsprofessorinnen als in Deutschland.

Differenziert werden muss auch zwischen der Einstellung der ersten Generation der Arbeitsmigranten, die meist - gerade bedingt durch die Erfahrung in der Fremde - in ihren traditionellen Wertvorstellungen verharren, und der der jüngeren Frauen. Allerdings gibt es in der Tat Konflikte zwischen Vätern und Töchtern, die in Deutschland sozialisiert sind.

Quellentext

Der Islam nach dem 11. September 2001

Die Anschläge auf das World Trade Center in New York und auf das US-Verteidigungsministerium in Washington vom 11. September 2001 verstärkten einerseits die Furcht vor den Auswirkungen eines radikalen Islam und rückten andererseits das Thema in den Fokus des öffentlichen Interesses. Das Bundesinnenministerium reagierte mit so genannten Sicherheitspakten und verbot mehrere muslimische Vereine und Organisationen. Die Medien berichteten vor allem über das Verbot des Kölner "Kalifatstaates" im Dezember 2001 und die Abschiebung seines Vorsitzenden Metin Kaplan im Oktober 2004. Ziel der verbotenen Organisation war "der Sturz des laizistischen Systems in der Türkei und die Installierung eines ausschließlich auf Koran und Sunna begründeten Gemeinwesens". Demokratische Regierungsformen lehnte die für eine weltweite Herrschaft des Islam eintretende Organisation strikt ab. Von seinen Anhängern forderte Kaplan laut Verfassungsschutzbericht 2004 als selbsternannter "Emir der Gläubigen und Kalif der Muslime" auch die Bereitschaft zum "Jihad" also zum "Heiligen Krieg".

Oft wird allerdings in der Öffentlichkeit vor allem durch die Medien ein Bild gezeichnet, das den Islam mit Islamismus und Islamismus mit Terrorismus gleichsetzt und Muslime damit einem Generalverdacht aussetzt.
Vorurteile neigen zu Verallgemeinerungen und nähren sich häufig aus der Angst vor dem Fremden. Deshalb überrascht es nicht, dass das diffuse Bild, das der Großteil der Deutschen vom Islam hat und das durch die terroristischen Anschläge in den USA, in Istanbul (November 2003), in Madrid (März 2004) und in London (Juli 2005) verstärkt wurde, auch in Vorurteile gegenüber den mehrheitlich muslimischen Türken umschlägt. Insgesamt 70 Prozent der Deutschen hielten 2004 den Islam für gefährlich oder bezweifelten gar, dass er in die westliche Welt passt. Fast 58 Prozent lehnen es ab, in eine Gegend zu ziehen, in der viele Muslime leben. 24 Prozent vertreten sogar die Auffassung, dass Muslimen der Zuzug nach Deutschland untersagt werden sollte.
In Deutschland wird dabei häufig übersehen, dass die islamistischen Bewegungen nur eine Strömung im Islam bilden und keinesfalls repräsentativ für den Islam insgesamt sind. Maximal 1,4 Prozent der in Deutschland lebenden Türken identifizieren sich mit diesen radikalen politischen Ideen. Der Großteil fordert lediglich die Anerkennung des Islam im Rahmen der grundgesetzlich garantierten Religionsfreiheit.

Birgit Schulze